Ein kurzer Blick ins Paradies

Der Jenaer Bahnhof heißt Paradies. Das Paradies hat viele Treppenstufen, einen Getränkeautomaten und zwei Bänke auf jedem Gleis. Auf den Bänken im Paradies sitzen gelangweilte Jugendliche und schnippen Asche von den Zigarettenspitzen und aus ihren Telefonen kracht Musik, die vom Leben aus der Bronx erzählt. Ein Paradies ist das nicht. Wir stehen. Ein Mann will eine Cola aus dem Automaten ziehen, der Automat im Paradies gibt nicht nach. Der Mann flucht, der Automat kichert hämisch. Andere Automaten, denkt er wohl, mögen sich von einer Schlange, die durchaus als Reisender verkleidet vorbei kommen mag, austricksen lassen, aber ich nicht, niemals, nicht heute und auch nicht an einem anderen Tag. Der Mann flucht. Der Automat macht ein gelangweiltes Gesicht. Er sucht nach einer Zigarette und findet keine. Ein Ehepaar schimpft über faule Bagage und meint die Jugendlichen. „Für das Paradies gibt es keine Alterschbeschränkung“ sage ich als der Mann endlich für einen Moment aufhört zu geifern. „Komm Hilde, wir gehen“, schreit er seine Frau an. Aber er geht gar nicht wirklich, sondern zieht nur seine Frau und seinen Koffer hinter den Getränkeautomaten. Vielleicht berät er dort weitere Schritte. Aber schon kommt der Zug und wir verlassen das Paradies.

Der Zug ist voll. Der Zug ist außerhalb des Paradieses falsch zusammengesetzt wurden und jetzt irren Menschen durch die Wagen und halten sich an ihrer Platzkarte fest. Der Rentner und seine Hilde hört man am Lautesten schreien. „Rechtsanspruch“ schallt es und „sich beschweren“. Ich wundere mich über darüber, wenn Menschen im Konjunktiv sprechen und dabei schon seit fünfzehn Minuten nichts anderes tun, als was sie in den Atempausen ununterbrochen ankündigen. Hilde jedenfalls will ihren Mann besänftigen, der aber will schreien und herrscht nun auch sie an: „ Du verstehst davon doch sowieso nichts.“ Der Schaffner wiederum versteht nicht, warum der Mann noch immer schreit, wo er ihm doch zum dritten Mal darauf hinweist, dass er sich sowohl in Wagen 23 und vor dem Plätzen 67 und 69 befände und doch bitte Platz nehmen möchte, denn die anderen Reisenden wollten doch auch noch einen Sitzplatz suchen. Der Mann also setzt sich noch immer geifernd hin, schon ist der Schaffner weitergegangen, doch noch immer tönt es: „mich beschweren“ und „Rechtsanspruch“ aus der Reihe vor mir. Vielleicht hat der Rentner ja in seinem Bauch eine Aufziehuhr und immer, wenn er die Einstellung“ Ärger & Behördenkram“ drückt jodelt es für 60 Minuten aus seiner Mitte?

Ein kleiner Hund hat seine Besitzerin verloren und läuft hektisch kläffend vorwärts und ruckwärts. Der Rentner endlich verstummt hat eine neue Quelle für Geschrei gefunden: „Verboten, absolut verboten“, da kommt die aufgeregte Besitzerin in den Wagon gestürmt: „Ach Spatzl“ ruft sie und der Hund rast voller Begeisterung auf die Dame zu, die ihre Arme so weit auf macht, als erwarte sie die Tochter, die von einer langen Überseereise endlich zurückgekehrt ist. Schön sieht sie da aus in ihrem hellen Sommerkleid, das mit großen Rosenblüten bedruckt ist und schon hält sie den kleinen Wuff in den Armen. Wir alle wischen uns Tränen aus den Augenwinkeln, denn Geschichten mit gutem Ende und einem fröhlichen Hund in den Armen sind immer die schönsten Geschichten. Nur der Rentner muss bellen: „Maulkorbpflicht.“ Aber da ist die Frau schon mit weiten, schwingenden Schritten aus seinem Blickfeld entschwunden. Schräg links von mir sitzt ein Ehepaar, die bis Hamburg-Altona fahren. Sie klagen über die unmenschliche Hitze und finden den Zug überhitzt, da hole ich gerade meine Strickjacke aus dem Rucksack heraus. Aber der Mann ist fest entschlossen, es mit 27 Grad aufzunehmen. Erst schickt er seine Frau in die Zugtoilette, die darf dort Herrenschneuztücher befeuchten ( gleich vier, denn man weiß ja nicht, ob das Klo dann nicht ständig besetzt ist, nech Mudding!) Bevor die beiden sich aber die befeuchteten Schneuztücher auf die Stirn legen können, hat der Mann noch eine zweite findige Idee. Er spannt einen mit vielen, kleinen bunten Pünktchen bedruckten Regenschirm auf und positioniert ihn vor dem getönten Fenster. Mögen die Fensterscheiben auch getönt sein, hier verlässt man sich allein auf sich und den guten, festgeklemmten Schirm. Zwar müssen der Mann und seine Frau zusammengeduckt und eng aneinander gepresst, schwitzend unter dem Regenschirm ausharren, doch immerhin können sie sich die triefend- nassen Schneuztücher auf die Stirn legen. Es ist noch weit bis Altona.

Mir gegenüber sitzt ein Mann mit weißem Bart und festen Wanderstiefeln, seinen Koffer hat er zwischen die Beine geklemmt und mir scheint diese Sitzhaltung denkbar unbequem. „Da vorn“ sage ich also, „ können Sie Ihren Koffer in ein Gepäckfach tun.“ Der Mann sieht mich an als raubte ich ihm sein Erstgeborenes und umklammert den Koffer noch fester. Das Verhältnis des deutschen Reisenden- ich vergesse es immer wieder- ist ein äußerst Intimes. Immer vermutet man die Leute hätten sieben Kilo Silber und die großmütterlichen Perlenohrringe eingepackt, so besorgt sind sie um den Koffer, das er nicht zwei Meter von ihnen entfernt stehen kann. Ich zucke mit den Schultern und drehe meine Knie nach links, denn ich finde es keineswegs heiter und schön nur zehn Zentimeter für meine Beine zu haben. Das Buch auf dem Schoß langweilt mich obwohl die Lieblingsbuchhändlerin es mir so empfohlen hat, müde erzählt bin ich nach dem langen Tag und ein wenig dämmere ich so vor mir hin. Ich denke an eine Zugfahrt zwischen Neu-Delhi und Lucknow, da landete mein Überseekoffer auf dem Dach und gänzlich unbesorgt verbrachte ich viele Stunden ohne Gepäck beschwert, aß reichlich vergnügt Pistazien und schlürfte einen Becher Chai nach dem anderen, denn eine Frau erzählte eine sehr verwickelte Geschichte eines Paares, die sich auf einer noch viel längeren Bahnreise als dieser verliebt und auf einem Bahnhof, er war nur eben auf den Perron getreten, um sich während einer schon zwei Stunden dauernden Zwangspause des Zuges die Beine zu vertreten, da fuhr der Zug einfach an und so er auch noch dem Zug hinterherjagte, er war entschwunden und leider musste auch ich als die Geschichte an dieser Stelle angekommen war den Zug verlassen und weiß noch immer nicht, ob sich durch eine Fügung der G*tter oder der indischen Bahn doch noch alles ins Gute wandte. Mein Koffer aber wurde in Lucknow mit Hilfe einer Holzstange vom Bahndach gezogen und die D. würde in dem nur ein ganz klein wenig geknitterten, importierten Kleid aus Berlin heiraten. Als ich aus dem indischen Dämmerschlaf erwache, streiten sich der ärgerliche Rentner und seine Hilde, ob wohl erst Südkreuz oder Spandau käme, er baldowert: „Spandau.“ Sie beharrt auf Südkreuz, ich hangle nach Rucksack und Tasche, der gepunktete Regenschirm indes hat sich ungünstig zwischen Klapptisch und Brillenbügeln des überhitzten Ehepaars verfangen. Auch diese Krise aber verpasse ich, denn inzwischen hat der Zug Südkreuz erreicht. Der Rentner schimpft, dass dies nicht sein könne, und nur an den verdrehten Wagen liege, er würde sich in Berlin doch auskennen. Hilde lacht triumphierend und mein Sitznachbar umklammerte, weiterhin fest entschlossen seinen Koffer gewillt diesen auch gegen Berliner Reisende zu verteidigen. In Berlin wartet zwar nicht das Paradies, aber der F. mit einem Pistazieneis für mich.

10 Gedanken zu “Ein kurzer Blick ins Paradies

  1. Ich würde Ihnen ja diese sehr angenehmen Kopfhöhrer empfehlen, die einen gegen Umgebungsgeräusche komplett abschirmen und zumindest mir Reisen mit der Bahn überhaupt erst möglich machen – aber auf Ihre immer lesenswerten Kommentare zu den Zumutungen des Lebens im Allgemeinen und des Bahnfahrens im Besonderen möchte ich dann auch wieder nicht verzichten. Ein echtes moralisches Dilemma …

    • Ja, diese Kopfhörer sind glaube ich sehr gut, ich fürchte nur immer dann einzuschlafen und erst viele, viele tausend Kilometer später oder schlimmer noch im Lokschuppen wieder aufzuwachen….Sie machen mir zu große Komplimente und außerdem bin ich doch schon neugierig auf Ihre Reiseberichte!

      • Auf dem Abstellgleis bin ich schon mal aufgewacht, nach einer als Student im Abteil durchgeschlafenen Nacht zwischen Paris und Berlin. Die Szene entbehrte nicht einer gewissen Komik, da ich, umnächtigt wie ich war, als erstes instinktiv nach meiner Zeitung griff – in dem festen Glauben, demnächst in den Bahnhof Zoo einzufahren. So fand mich dann ein staunender Bahnmitarbeiter, der in eine orange-weiß-gestreifte Weste gekleidet den Zug kontrollierte, wie ich in meinem Abteil Zeitung lesend auf dem Abstellgleis stand.

        Ich freue mich sehr, dass Sie mitlesen wollen, aber erwarten Sie für’s erste nicht zu viel. Wir wollen mit dem Blog im Wesentlichen Kontakt zu Freunden und Bekannten halten. Aber wer weiß, vielleicht gibt es hier und da etwas zu berichten, was auch darüber hinaus von Interesse ist.

      • Eine schöne, eine sehr schöne Geschichte sogar! Trotzdem einer meiner Alpträume, obwohl auch ich nie ohne Zeitung reise. Also ich bin gespannt, auf Ihre große Fahrt und wer weiß, vielleicht wird der Wind Sie westwärts wehen bis an unseren Strand. Wir freuten uns sehr auf Sie und die Ihren.

  2. Aufschlussreich wie unterhaltsam, dieser ‚kurze Blick ins Paradies‘, der zeigt in welchen Tragikomödien wir leben. Freue mich auf Fortsetzungen, nicht der Tragik , sondern der wundersamen Auffassungsgabe
    des Fräulein, wegen.

  3. Das Paradies ist keins und Reisen mit der Deutschen Bahn auch niht, aber Reisenden mit der nötigen Gelassenheit bietet es hervorragende Gelegenheiten zu ebenso umfangreichen wie aufschlussreichen Sozialstudien. 😅 Ein sehr amüsante Beschreibung eines deutschen Mikro-Kosmos das ich nur zu gut kenne… und nicht wirklich vermisse.

  4. nun ja….. Reisen mit der Bahn sind ein bisschen wie l’enfer c’est les autres…. grins. Aber das Paradies, das liegt hinter dem Paradies. Mäandernde Wiesen an der Saale, an der man bei einem kühlen Getränk die Beene baumeln lassen kann ;-).
    Fahre oft von dort weg und hätte Ihnen zu gern gegenüber gesessen.

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