Das Fräulein Read On spricht über Sex

Bekanntlich ist nichts schauderhaft als Menschen, die sich selbst über den grünen Klee loben und ihre Weltrettungsphantasien immerzu heraus zu posaunen. Das ist fast genau so anstrengend wie die langen Dia-Vorträge von Onkel über den Besuch einer alten Höhle in Zypern, in der einmal der Bruder des Ajax lang und herzhaft gegähnt haben sollte. Gegähnt haben vor allem wir und ich schlief auf dem Schoß meiner Großmutter ein. Trotzdem kann ich nicht verneinen, dass auch ich eitel und selbstgefällig bin und mit 19 Jahren glaubte ich fest daran, dass die Welt nur auf ihre Rettung und damit auf mich warten würde. Natürlich habe ich mich krachend geirrt und die Welt drehte mir eine lange Nase. So lange aber, seit dem ich damals in Indien begann zu arbeiten, beschäftigt mich Sexualaufklärung oder besser noch seitdem habe ich nie wieder aufgehört über Sex zu reden, zu arbeiten und über die Prävention sexueller Gewalt nachzudenken. Ausgerechnet ich, die immer unglücklich Verliebte. Manches ändert sich eben nie. Vieles ändert sich doch. Auch ich bin nicht mehr dieselbe, mein 19 Jähriges Ich ist mir irgendwann einmal verlustig gegangen und sitzt vielleicht irgendwo in Darjeeling und schreibt Gedichte. Seit dem ich aber eine Aufklärungssprechstunde für Flüchtlinge und vornehmlich Männer anbiete, aber lebe ich noch einmal anders mit diesem Thema und in Deutschland im Jahr 2017 lebt man nicht besonders gut, macht man Sexualität und Flüchtlinge zu seinem Thema. Ungefähr 200 Emails in der Woche bekomme ich, die mir versprechen, dass die Welt ein besserer Ort sein würde, läge mein Kopf abgeschlagen auf dem Trottoir. Was sich gegen die Wut und gegen den Wunsch die Welt am liebsten anzuzünden tun lässt, weiß ich nicht. Dagegen bräuchte es wohl viele Neunzehnjährige, das bin ich nicht mehr. Aber wenn Sie mir für 8 Minuten zuhören mögen, warum ich glaube das Aufklärung für uns alle gut ist, dann können Sie das hier tun.

Sie können aber auch und voller Verärgerung dreimal im Kreis laufen und rufen: „Pfui, so ein eitles Fräulein!“ Sie hätten natürlich Recht, oder besser noch sie bleiben in der Sonne liegen und lassen die Welt, Welt sein. Ich würde es Ihnen niemals verdenken.

49 Gedanken zu “Das Fräulein Read On spricht über Sex

  1. Ich würde gerne Ihren leckeren Kuchen probieren bevor Ihnen jemand den Kopf abhackt. Sollte es also soweit kommen, weisen Sie den, wahrscheinlich Herrn, darauf hin, dass Sie für Kopf abhacken oder derlei nicht zur Verfügung stehen.

      • Jetzt sind Sie auch noch in der FAZ, oder? Ich muss das Gefühl unterdrücken jedem zu sagen, daSs ich Sie bereits „kannte“ bevor Sie berühmt wurden.

  2. „Was sich gegen die Wut und gegen den Wunsch die Welt am liebsten anzuzünden tun lässt, weiß ich nicht.“
    Da hilft wohl vor allem: Weitermachen mit der Aufklärung. 🙂

  3. Sehr geehrte Read On,
    meine Welt jedenfalls machen Sie mit jedem Ihrer Texte ein wenig besser. Schreiben Sie sich das schon mal auf Ihre Haben-Seite.

  4. Großartig! Vielen Dank für ihren Einsatz.
    Tatsächlich glaube ich, das Reden und Aufklärung genau das richtige Mittel gegen jede Form von Wut und Gewalt sind.
    Bitte machen Sie so weiter.

  5. Ich habe vorhin das Radiointerview gehört und wollte daraufhin sowieso was Nettes schreiben. Von den Hassmails war ich schockiert; die Gewaltphantasien mancher Menschen bringen mich zum Schaudern und wenn ich Volkskörper nur höre… Ihre Aufklärungsarbeit ist wichtig, Ihr Blog ist prima, und weiter so.

  6. Das hat mir gut gefallen im Radio! Ich lese erst seit kurzem hier mit. Und finde es prima, dass Sie das tun, was Sie tun und darüber schreiben. Und Wissen ist immer besser als Nichtwissen, bei Sex und auch bei anderen Sachen. Danke, dass Sie aufklären! Und auch sonst für Ihr Schreiben! Und ganz viele Grüße und ein dickes Fell für die blöden Emails (ich verstehe es nicht, wie Leute sich so aufregen können über etwas, was sie selbst ja eigentlich gar nicht betrifft…).

    • Lieben Dank! Ermutigung ist etwas Wunderbares und ich freue mich sehr, dass Sie hier lesen mögen. Warum gegen etwas pöbelt, wovon man selbst keine Nachteile hat, will sich mir nicht erschließen.

  7. Es tut mir sehr leid, das zu hören. Es wiegt sicher die 200 E-Mails nicht auf, aber hier doch meine Feder in die Waagschale: ich bin froh und dankbar für Ihr Tun und Schreiben.

  8. Liebes Fräulein, da sprechen Sie ja doch außerhalb des Blogs Deutsch! Was Sie machen, kann ich nur unterstützen. Aber darf ich Kritik üben? Sie kichern ziemlich viel in dem Interview, und so einen kichernden Unterton kann man bei einem so ernsten Thema am Ende nicht ernst nehmen. Die Unwissenheit Ihrer Klientel muss man aber ernst nehmen und darf nicht drüber kichern, meine ich. Weiter so in dieser Arbeit!

    • Habe nicht den Eindruck, dass das Fräulein ‚ziemlich viel in dem Interview kichert‘ und die Aufklärungsarbeit,
      sprich die Unwissenheit ihrer Klientel nicht ernst nimmt.
      Mir gefällt die Art und Weise, wie sie mit dem Sex-Thema umgeht. Dass dazu auch Humor und Sinn für Komik gehört – keine Frage. 💌

    • Sie und mein Deutsch, das ist eine Faszination n’est ce pas? Die Aufklärungssprechstunde mache ich aber auf Arabisch, nur im deutschen Radio macht sich das schlecht. Sehen Sie, so ein Gespräch ist ja nicht nur sachbezogen, sondern ich bin so und ganz genau so, das muss man nicht mögen.Ich nehme das alles sehr ernst, nur ich will mir das Lächeln nicht abgewöhnen- es ist schon so hart genug.

  9. Was für ein tolles Interview und eine wirklich wunderschöne Stimme, aus der man Ihren Sinn für Humor und die Liebe zu den Mitmenschen heraus hört. Weiter so und chapeau!

  10. Liebe Read On, lassen Sie sich von den Hassmails nicht entmutigen. Vielleicht bekommen auch in der kleinen Stadt mehr Menschen solche. Vielleicht lässt sich in der kleinen Stadt auch ein öffentlicher Raum finden, in dem die laut geteilt werden. Ich war neulich unterwegs um Werbung für eine queere Sprachlergruppe zu machen, bei der Mensch auch diskret Kondome für lau mitnehmen kann. Weil ich die Was-ist–Frage kenne, zog ich diverse aus der Hosentasche und ließ sie rumgehen. Die Frage kam wieder. Packt doch mal aus. (Sprachmittelnde taten Ihr Werk.) Fragende Blicke. Rote Köppe. „Was ist das?“ Ich liess mir vom Gastgeber eine Salatgurke reichen, erklärte und zeigte. Die Gespräche danach waren spannend. Ja wir müssen über Sexualität taet reden, auch mit den Biodeutschen, die Ihren Weg für „normal“ halten. Der Veranstalter maildete sich später bei mir. Er hat auf dem Schreibtisch seines Sohnes schwule Porno gefunden. Einmal haben wir uns zu einem Gespräch getroffen. Nächste Woche treffen wir uns wieder. Auch ein Erfolg. Mails in denen ich nur „ficki-ficki“ lesen konnte, bekam ich danach auch. Ich habe niemanden gebeten, sie zu übersetzen.

    • Wunderbar, was Sie dort für Arbeit machen. Großartig. Aufklärung hilft so sehr, man kann es gar nicht genug betonen. Ich grüße Sie von Herzen!

  11. Die Menschen haben lediglich Angst, Frau Readon, und kommen mit so viel Mut und Aufklärung nicht zurecht. Laden Sie diese Menschen doch auch mal mit in Ihre Sprechstunde ein, mal sehen, wie sehr sich Mensch und Mensch wirklich voneinander entscheiden 😉 Alles Gute!

    • Sehen Sie Menschen, die davon fantasieren mir den Kopf abzuschlagen, möchte ich nirgendwo hin einladen, sondern ich hoffe sie erkennen irgendwann einmal warum ihre Gewaltfantasien so beschädigend sind. Danke für die guten Wünsche.

  12. Ich finde Ihre Arbeit wunderbar. Sie haben Recht, es bräuchte wohl noch viel mehr Menschen, die in Ihrem Geiste handeln. Ich selbst hätte mir so etwas auch gewünscht, meine Aufklärung war durchaus dürftig. Das war ein sehr schönes Interview, Ihre Stimme ist bezaubernd und ich finde, Sie haben genau den richtigen Ton getroffen: enspannt, sanft und hochangagiert. Auch ihre Weitsicht über die Verknüpfung der Themen und die gesamte Problemlage ist großartig!
    Kommt Ihre ZUhörerschaft eigentlich freiwillig in Ihre Aufklärungsstunde? Oder ist das ein Pflichtprogramm von Seiten der Gemeinde? Ob sie die Hass-Mail-Schreiber wohl insgeheim auch eine Stunde und Ihnen daher u.a. auch aus Neid die Pest an den Hals wünschen? Meistens schimpfen Leute ja nur über Dinge, von denen sie nicht die geringste Ahnung haben.

    • Lieben Dank für Ihren freundlichen Kommentar. Die Männer kommen alle freiwillig, das Ganze findet ja in einer Arztpraxis statt und als wir anfingen haben wir in der Praxis sehr viel Werbung gemacht und überall in der Stadt Aushänge angebracht. Sexualität ist ein großes Thema, da besteht viel Interesse und auch eine hohe Motivation zu kommen. Warum Menschen das Bedürfnis haben, so zu Pöbel ist mir unbegreiflich.

  13. Verehrtes Fräulein Read On,
    Ihr beeindruckendes Interview hat mich ein wenig an die Aufklärungsarbeit und Telefonberatung in den frühen Tagen der Aids-Hilfe erinnert. Vom Unwissen über Ansteckungswege gingen die Gespräche oft schnell zum Unwissen über den eigenen Körper, und von der meist unbegründeten Furcht zu nicht minder unbegründeten Schuldgefühlen. Aufklärung ist offenbar nicht weniger wichtig geworden mit den Jahren, und ich finde es grossartig, wie beherzt und kreativ Sie sich dafür einsetzen.
    Bitte lassen Sie sich von den Hassbotschaften nicht beeindrucken. Die Welt ist im Gegenteil ein besserer Ort, weil Menschen wie Sie sie dazu machen, mit dem klugen Kopf fest auf den Schultern und dem Herz voll Mut und Liebe.
    Allerbeste Grüsse aus einer anderen kleinen Stadt

    • Großartig! Die Aids-Hilfe hat fanatische Aufklärungsarbeit geleistet und ich bewundere die jahrelange Arbeit gegen Homophobie zutiefst! Großartig. Aufklärung ist noch immer die einzige Prävention gegen sexuelle Übergriffe und mehr nötig denn je! Ich grüße herzlich!

  14. Liebes Frollein ReadOn. Schön, ihre Stimme zu hören. Die Moderation finde ich als ExMünchner und Alterspräsident der ehemaligen Zündfunkfans zum Fremdschämen, aber dafür können Sie ja nichts. wenn wir schon beim Loben sind: haben Sie eigentlich ihren, wie ich finde, wirklich gelungenen Artikel aus der grossen deutschen Wochenzeitung hier verlinkt? Ich fand den gut und den Perspektivunterschied Blogpost/Zeitung interessant. Geben sie nix auf die Hassmails, möchte ich sagen. Aber ich fürchte, es ist damit wie mit Essstörungen: man kann sich nicht so eitTnfach davon lösen. Ich wünsche Kraft und alles Gute aus dem Süden.

    • Vielen Dank. Nein, ich habe den ZEIT-Artikel hier nicht verlinkt. Man wird so schnell, so fürchterlich eitel und ich will mich davor gern bewahren. Ich will ihn aber bei Gelegenheit gern einmal unter den ursprünglichen Blogpost verlinken. Danke für den Anstoß. Ich würde gern viel weniger auf diese Hassbriefe geben, aber manchmal fragt man sich doch ob unter denen, die da pöbeln nicht auch Menschen sind, die es wirklich wahr machen. Also, Sie haben Recht es ist kompliziert….

  15. Über Dinge, die wahr sind, muss man reden und schreiben können.
    Dass die Sexualität Angst macht, weil sie über lange Zeit Mittel war, um Menschen einzuschränken, unter Druck zu setzen, ist leider wahr.
    Nur weil man nicht darüber spricht, schlafen Menschen trotzdem miteinander, nur eben unter Angst.
    Aufklärung ist notwendig, auf allen Gebieten. Dass man die Mächte der Finsternis weckt, gehört vielleicht auch dazu.

  16. Ich lese mehrere Blogs, einige davon regelmäßig, an Ihrem komme ich seit ca. einem Jahr immer mal wieder vorbei und ich kommentiere wirklich so gut wie nie.

    Heute schicke ich Ermutigung und Zuspruch.

    Was Sie machen, Aufklären/ Wissen vermitteln/ Fragen beantworten, verändert die Welt und macht sie – punktuell aber anders geht es ja eh nicht – zu einem besseren und ja auch das; zu einem liebevolleren Ort.
    Danke dafür. M.

  17. Danke für Ihre so wertvolle Arbeit ❤
    Ich lese via Budenbohm&Söhne, immer mal wieder ihren Blog und war überrascht über ihr Alter ich hätte sie mindestens 10 Jahre älter eingeschätzt.
    Denn Sie schreiben so weise und klug mit viel Lebensweisheit.
    Bitte weiter so machen und sich die fröhlich- und freundlichkeit bewahren.

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