Auf der Suche nach Thomas Mann-Polling

IMG_2101

Dorfkern 

Endlich also gehen wir nach Polling hinein. Vorbei an vielen, immer gleichen Häusern und einem der wenigen Bauernhöfe. Die Kühe sehen uns verwundert an, wir wünschen gutes Wiederkäuen und niemals ganz habe ich aufgehört mich zu wundern, nicht nur auf dieser Wanderung, sondern immer wieder gefragt, warum in den Dörfern keine alten Scheunen und Bauernhäuser mehr stehen, sondern nur mehr glatte Häuser ohne Gesicht und dafür mit zwei Garagen. Keine Blumengärten, sondern meterhohe Koniferen und nirgendwo Klaviermusik, Kinder lachen oder auch nur ein Hofhund der im Sonnenlicht schläft. Dann aber habe ich keine Zeit mehr mich zu wundern, denn schon stehen wir vor der Kirche St. Salvator in Polling mitten auf dem alten Dorfplatz, der leider heute Parkplatz ist. Aber noch immer, noch heute dominieren Kirche und das Kloster der Augustiner, das seit 1100 in Polling ansässig ist den Ort. Keineswegs war der Ort immer abgelegen und schwer zu erreichen, im 18. Jahrhundert schon hatte Polling eine Sternwarte, der Bibliothekssaal noch immer ein Kleinod hatte 80,000 Bände vorzuweisen und die erste wissenschaftliche Zeitung Bayerns wurde hier im „Pfaffenwinkel“ herausgegeben. Erst das Jahr 1803 machte der Blüte ein Ende und die Schließung des Bahnhofes 1984 macht Polling zu einem vergessenen Winkel. Niemand steht wohl auch darum neben uns auf dem Kirchhof und sieht zur Inschrift hinauf: Liberalitas Bavaria lesen wir, ein Erinnerungsschild an die Liberalität, die Freigeistigkeit die ebenso bayerischer Wesenszug sein soll wie Trachtenverein und Blasmusikkapelle. Ein Motto, welches man nicht ohne den Wunsch lesen kann, dass auch diejenigen die dröhnend laut fordern sich hier erinnern, dass die Freiheit und die Freigebigkeit Geschwisterkinder sind.

Hergekommen aber sind wir nicht allein des Kirchturms, des gluckernden Baches und der Klosteranlage wegen, sondern weil Thomas Mann seinen letzten großen Roman Dr Faustus in weiten Teilen in Pfeiffering also in Polling spielen lässt und dieses Buch wie kaum ein Zweites mich verändert hat. Wie oft habe ich mit Else Schweigestill, deren Vorbild Katharina Schweighart sich um Thomas Manns Mutter Julia bemühte auf Adrian Leverkühn und Rüdiger Schildknapp gewartet, die mit dem Rad nach Polling fuhren und dort Limonade und Pfundskuchen bekamen. Als ich ein Mädchen war vor vielen Jahren und das Buch zum ersten Mal las, weit weg von Deutschland, da schien mir im Wort Pfundskuchen alles zu liegen, was Deutschland war, Pfundskuchen das schmeckte beim Lesen nach Sommer, nach einem Kuhhirten, nach dunklen undurchdringlichen Wäldern, nach einem Weiher in dem die Nymphen wohnten, nach herber Luft und kühlen Tonkrügen, einen Pfundskuchen in dem lag die große Verheißung und doch auch etwas was ich nicht deuten konnte, etwas so exotisches, fremdes, etwas Verlorenes und niemals habe ich selbst ein Stück Pfundskuchen probiert.

 

IMG_2121

„Haus Schweigestill“-Wohnort Adrian Leverkühns und Domizil Thomas Manns in Polling 

Nach dem verhängnisvollen Zwiegespräch im Steinernen Saal schließlich bezieht Leverkühn dieses Genie im Unglück die Abtsstube und ein Zimmer im Oberstock und auch wir wenden uns von der Kirche hinüber zu jenem Hof in dem zuletzt auch der Teufel die Seele des Komponisten holen würde. Ich krame in meiner Tasche nach dem Buch, der F. schaut über den Gartenzaun, denn das Haus, welches im Roman der Familie Schweigestill gehört liegt verborgen und abseits hinter blühenden Hecken. Da kommt eine Frau aus der Pforte und grüßt uns sehr freundlich. „Seit’s ihr wegen dem Thomas Mann da?“ Wir nicken begeistert und ehe wir uns versehen, sitzen wir schon im Nike-Saal, wo tatsächlich eine Nike-Figur auf dem Schrank steht, ein Klavier im Eck und wirklich hier hast es wohl stattgefunden das Ende des Tonsetzers, der Wegbegleiter hierher eingeladen hatte- Freunde hatte Leverkühn wohl nie gehabt, denn auch Serenus Zeitblom war ihm wohl ergeben, aber ein Freund, war er ihm denn auch ein Freund? Dr Fausti Weheklag so hieß das Stück, das ihm unter den Händen versagte, und ein Gast nach dem Anderen verließ den Saal, ließ Adrian Leverkühn im Stich und schließlich kam er der Speivogel und holte sich mit kalten Händen die arme Seele. Es ist die gute Seele, Else Schweigestill, die schließlich die Umstehenden angeht: „ Macht’s daß weiter kommt’s alle miteinand. Ihr habt’s ja ka Verständnis net, ihr Stadtleut, und da g’hert a Verständnis her.“ Die Frau , die uns hereinbat in ihr Wohnzimmer und uns die Absstube zeigte, und auch die wunderschöne, alte Küche, sie ist eine Schwester im Geiste, sie hat ein Verständnis und erzählt von ihrem Leben mit Adrian Leverkühn diesem Hausgeist, der immer im Schatten im Eck sitzt und sie bewegen sich vorsichtig mit der Geschichte und den Geschichten, die in Haus und Dorf mehr oder weniger sichtbar verborgen liegen. Gerettet ,erzählt sie aber hat das völlig verfallene Gebäude niemand aus dem Dorf, sondern vor Jahren ein junger Mann aus München, der einen Platz für seine Oldtimersammlung suchte und das Anwesen in Polling entdeckte und es restaurierte. Noch immer fährt der nicht immer junge Mann über die Dörfer sucht alte Schindeln, Türblätter und Dielen. So ist die Rettung des Hofes Schweigestill einem Mann zu verdanken, der Autos repariert, nachbaut und mit zähem Mut nichts gab auf die Meinung jener, die glaubten der Vierseithof sei am besten dran, wäre er planiert. Ein Autoliebhaber also als Bewahrer und ein Ehepaar, die völlig fremde Menschen in ihr Haus bitten, offen und zugewandt und nach fünf Minuten schon sind wir keine Fremden mehr, sondern stecken schon mitten im Buch, in den Figuren und bedauern das fürchterliche Ende des kleinen Nepomuk Schneidewein, dem engelhaften Kind, das alle Welt nur Echo rief. Denn wie das so ist, man mag Häuser suchen, aber findet Menschen und ihre Geschichten.

 

Dann aber offene Türen soll man nicht überstrapazieren, wenden wir uns der anderen Seite des Dorfplatzes zu. Im weißen Haus gegenüber wohnte Julia Mann, ab 1903 immer öfter und schließlich ab 1906 dauerhaft. Eine Idylle aber, die es doch eigentlich ist, mit rauschendem Bach und dem Kirchturm gegenüber hat es hier nie gegeben, denn im Juli 1910 nahm sich ihre Tochter Carla, kaum 29 Jahre alt das Leben. Nachgestellt ist dieses entsetzliche Szene im Buch und es ist Clarissa Rodde, die im Schlafzimmer ihrer Mutter mit Gift gurgelt und tot auf dem Kanapee gefunden wird. Julia Mann wird den Tod ihrer Mutter nicht verwinden und das Dr Faustus kein heiteres Buch ist, sondern eine Geschichte an Abgründen reich, kann nicht überraschen. Wir aber folgen dem Wanderweg, der vor einigen Jahren in Angedenken an Thomas Manns Leben und Werk eingerichte wurde. Vom Ammerberg aus sehen wir auf das Dorf und den Kirchturm hinunter. Eigentlich ist es noch zu kühl aber trotzdem wir fallen ins Gras, der F. zählt Wolken und ich lese ihm vor. Schließlich dräut ein Gewitter, aber die dunklen Wolken lassen uns einmal aus. Stattdessen Vogelgesang, ein stiller Weiher, grasende Kühe, von fern die Alpen, grün wiegen sich die Wipfel im Wind und für fünf Kilomter wandern wir noch einmal durch ein Deutschland, das es nicht mehr gibt und vielleicht auch nur in einem Schreibtisch in Pacific Palisades erfunden wurde als schimmernder Abglanz mit unergründlichen Tiefen, die sich in Pfeiffering, auch Pfeffering gennant, eigentlich aber Polling verdichtet haben, noch immer, noch heute.

Polling liegt abseits der Wege, dennoch es lässt sich kaum ein schönerer Sonntag als dort verbringen. Von München aus mit der Bahn nach Weilheim ( am Wochenende gibt es keinen Busverkehr zwischen den beiden Orten.) Wir wanderten zu Fuß die 3, 7 km auf dem Prälatenweg nach Polling. Der Dr Faustus Wanderweg, der im Ort beginnt, umfasst 5 Kilometer und bietet Ausblicke und Geschichten. Im Wirtshaus des Ortes gibt es mannshohe Torten und sehr guten Apfelstrudel.

Wie immer gilt: selbstbezahlt, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

 

17 Gedanken zu “Auf der Suche nach Thomas Mann-Polling

  1. Liebes Fräulein Readon,

    den sagenumwobenen Pfundskuchen kenne ich als Eischwerkuchen oder, aus meiner französischen Kindheit, als Quatre-quarts. Und ja, er duftet nach Butter und nestwarmen Eiern und ist überhaupt eine herrliche, saftige Angelegenheit.

    Sollten Sie mal in meiner Nähe weilen, würde ich (staatlich anerkannte Backniete) Ihnen liebend gerne ein Stück eines gelungenen Exemplars servieren, dazu vielleicht Café oder auch ein Glas Riesling und Sie mal persönlich kennen lernen, wenn Sie mögen.

    Die Verwandlung der herrlichen Hofgegend in uniforme geschmacklose Einfamilienhaushölllenvorhöfe (respektive die Verwandlung der Höfe in Mehrfamilienkomplexe mit Sauna und Hobbyraum im Fasskeller, mein Herz blutet!) erleben wir leider auch hier. Kaputtsanierte Hofreiten, investorengezeichnete Kitschensembles. Schrecklich. Da wird der Geist der traditionellen Landwirtschaft beschworen und auf der Fahne vor sich hergetragen, während man schon das nächste moderne Mietshaus auf dem alten Kräutergarten plant.

    Und in Polling war ich noch nie, das sollte ich ändern.
    Herzlichst, Tin

    • Das klingt nach einem so herrlichen Angebot, ich wäre verrückt schlüge ich es aus und freute mich vielmehr sehr!

      Sehr schade, dass diese Dörfer leider wirklich keinen eigenen Charakter mehr haben, sondern vor allem Garagen über Garagen und reichlich seelenlose Häuserwände. Sie sagen es, es gibt dieses merkwürdige Nebeneinander von Traditionsbewusstsein und Zerstörungswut.

  2. Vielleicht kennen Sie Pfundskuchen als Pound-/Sponge-/Bundtcake? Das ist Luxusrührkuchen, bestehend aus gleichen Teilen Butter, Eier, Zucker und Mehl, in einer Kasten- oder Guglhupfform gebacken und nach Zeiten schmeckend, als Kalorien, Blutfett- und -zuckerwerte noch gar nicht erfunden waren.

    • Ganz vergessen: „… niemals ganz habe ich aufgehört mich zu wundern, nicht nur auf dieser Wanderung, sondern immer wieder gefragt, warum in den Dörfern keine alten Scheunen und Bauernhäuser mehr stehen, sondern nur mehr glatte Häuser ohne Gesicht und dafür mit zwei Garagen. Keine Blumengärten, sondern meterhohe Koniferen und nirgendwo Klaviermusik, Kinder lachen oder auch nur ein Hofhund der im Sonnenlicht schläft.

      Dieter Wieland hat seit den 70er Jahren gegen die Verhäßlichung bayerischer Häuser, Dörfer und Landschaften angefilmt, z.B. Der Jodlerstil oder Unser Dorf soll häßlich werden oder Dorferneuerung. Viele seiner Filme sind in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks abrufbar (sowieso eine Freude: Dokumentarfilme ohne schlimme Dauermusik)

      • Danke @dame v. welt für den Filmhinweis wie z.B. „Unser Dorf soll häßlich werden“. Wirklich gute Aufklärung, was vermeintlicher Fortschritt an Scheusslichkeit hervorbringen kann. Gut, dass die Kritik ohne Verklärung eines vermeintlich idyllischen Dorflebens auskommt, jedoch aufzeigt, wie Architektur und Lage von alten Bauernhäusern Zeugnis ablegen von einem Natur- und Landschaftsbewußtsein, welches zunehmend einer profitmaximierenden Kapitallogik geopfert wurde und wird.

      • Vielen Dank für die grandiosen Filmbeispiele! Genau das ist es ! Überhaupt Verherrlichung ist ein zu schönes Wort für ein grausiges Phänomen!

      • @Dieter Wieland
        Ja, das sind ganz großartige (wenn dieses grandiosierende Adjektiv auch gar nicht passt zu ihrem Ton), ganz großartige, großartig ruhige Filme, ruhige Bilderströme, gedanken- und blickreich.

  3. Sehr verehrte Madame Read On, als Kind (in der 1960er Jahren) lebte ich in Weilheim und natürlich kannte ich auch Polling: allerdings war das ein stinkendes Kuhdorf, über die Straßenmitte lief die Jauche und vor jedem Haus prangte ein dampfender Misthaufen. Natürlich verstehe ich Ihre Klage über die verschwundenen Bauernhäuser, aber besser riechen tut es heute schon …. auch schön in Polling ist überigens das hier http://www.fischerbaukunst.de/.

    • Ach, wie schön die Welt ist ein Dorf! Ich sehe den Punkt natürlich und ich will auch keine falsche Romantik beschwören, nur warum man die vorhandene Architektur und Struktur so gnadenlos niederwalzen musste für sehr, sehr Ödes, leuchtet mir nicht ein. Polling ist ein reizender Ort mit sehr engagierten Dorfbewohnern.

  4. … und wenn nachher alle von Ihnen begleitet und geführt den Thomas-Mann-Wanderweg erkunden wollen, dann haben Sie das einzig und allein sich selbst zuzuschreiben 😉
    (vielleicht sollte ich mit Ihrer Anregung mal wieder nach einem Buch des selbigen greifen…?! Echt? SO gut?)

  5. Ich war jetzt lang Blog-abstinent, finde es aber schön und ein glückliches Zusammentreffen, Sie und Ihren Blog ausgerechnet bei diesem Thema wiederzufinden. Ich werde hoffentlich wieder öfter hier vorbeischauen können (ein seltsames, österreichisches Wort, das wie vieles in diesem Land das Gegenteil dessen meint, was es sagt; also: hinschauen, nicht wegschauen).
    Alles Gute, edle Schreiberin!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s