Unterwegs zwischen Weilheim und Polling.

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Weilheim, Marktplatz 

Um 6 Uhr 30 ziehe ich vorsichtig an der Zehenspitze des ehemaligen, geschätzten Gefährten der selig schläft. Der F. knurrt wie ein alter Kettenhund und schlägt dann doch die Augen auf. „ Warum murmelt er, kann man mit dir nicht ein einziges Mal etwas wie normale Menschen machen? Ausschlafen und dann in der Sonne sitzen? „F. sage ich, mach schon, der Zug fährt bald.“ Der F. rappelt sich müde hoch und verschwindet knurrend im Badezimmer. „Ein Wanderer bestimmt der F. braucht sich nicht rasieren.“ Ich nicke. „Soll sein“ sage ich und der F. schlüpft gähnend in blaues Hemd und derbe Schuh. „Wir werden einregnen“ knurrt der F. noch immer finster und sieht auf die regennasse Straße. „Ach was sage ich, da hinten wird es schon heller.“ Was der F. darauf erwidert, das will ich lieber nicht wiederholen. Haidhausen schläft noch und der F. gähnt demonstrativ. Der F. findet die U-Bahnwagen alt und gräulich und äußert seine Meinung zum Zustand der Münchner Verkehrsbetriebe so laut und deutlich, dass ein Mann mit gewaltig, gezwirbeltem Schnurrbart verächtlich zu uns herübersieht. Den Bahnhofscafé findet der F. verwässert und das Kipferl behagt ihm nicht, zu wenig Nussfüllung und zu viel Streuzucker. Dann geraten wir in eine Gruppe gestrandeter Junggesellen, die ihre Trunkenheit zu rosa Tutus über schwarzen Jeans tragen und mehr taumeln als gehen, einer der Herren speit dem F. vor die Füße. „Du bist schuld“ war noch einer der harmlosesten Bemerkungen. „Weißt Du das Du mich einmal heiraten wolltest F.?, sage ich. Der F. schüttelt den Kopf: „ Ich habe nie aufgehört dich heiraten zu wollen“ erwidert er, nur Du wolltest mich nicht heiraten.“ Ich verzichte darauf den F. an die Umstünde seines Heiratsersuchens zu erinnern. Dann kommt der Zug. Der F., sieht sehr gierig auf meine Butterbrezel. „ Magst Du die Hälfte? Der F. knurrt Zustimmendes und ich reiche die Brezel weiter. Aber auch die Brezel findet wenig Gnade: „Die Butter ist ja kalt und steinhart“ klagt der F. und ich seufze. Aber was ich nicht kann, können ab Starnberg die Alpen und F. eben noch grummelnd und finster die Brauen verziehend, strahlt. Wir Flachländler kennen das ja nicht: Schneebdeckte Berge und F. strahlt und drückt die Nase ans Fenster und schwärmt vom Alpenland. Ich atme aus. Vergnügt ißt F. die Laugenbrezel, trinkt meinen Kaffee gleich mit aus und wenigstens einer von uns beiden erreicht wohlgestärkt Weilheim.

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Kirchturm 

Gerade läuten die Glocken zur Messe und wir eilen zur Kirche Mariä Himmelfahrt, denn unsere Wanderungen durch Deutschland haben uns eins gelehrt: will man in eine Kirche, dann gelingt das am Besten wenn Messe ist, denn fast immer rüttelt man vergeblich an den schweren Kirchentüren und so sitzen auch wir in den Kirchbänken. Mit uns sitzen dort nur alte Leute. Frauen trotz der schwülen Wärme mit Wollhüten und die Männer tragen schwere Janker. Prächtig ist die Kirche von Innen. Glitzer und Gold und mitten im Kirchschiff eine goldene Uhr. Ob sie wohl die Gläubigen an die nimmermüde Sanduhr die unser Leben bemisst erinnert, oder den Pfarrer an den Fortgang der G*ttesdienstes mahnt, weiß ich nicht. Der F. jedenfalls singt dröhnend und freudig die angeschlagenen Lieder. Leider wird das Ganze auf dem Keyboard begleitet und niemand spielt auf der schönen Orgel. Immer habe ich das am F. bewundert, seine Fähigkeit nämlich an jedem Ort, sich unmittelbar hineinversetzen zu können und immer ist es als sei F. in Weilheim der Vorsitzende des Männergesangsvereins. Der Priester wird später bedauern, dass der F. nicht etwa in Weilheim lebt, sondern im g*ttlosen Berlin, auch die Frau des Krämers die es wohl in jedem Ort gibt mache ich aus, eine energische Person, die jedem die Hand gibt, und sich ganz genau wie ihr irisches Pendant mit scharfem Blick auf die Wunden der Anderen stürzt. „Na, wie geht es denn dem Herrn Sohn?“ Noch einmal sehen wir zur Kuppel der Kirche hinauf, die ganz anders als St. Sylvester über dem Ort steht, und gerne schriebe ich dem Priester in Irland eine Karte, aber es gibt leider keine und die Geschäfte, die eventuell, unter Umständen eine Karte haben könnten, haben alle geschlossen. Geschlossen hat auch die erste Konditorei am Platze und vor den Häusern gibt es wenig Blumen aber dichte Gardinen. Wir aber drehen nur eine kleine Runde, sehen der hiesigen Frau des Krämers zu wie sie sieben Schritte vor ihrem Mann einherschreitet. Alles an ihr ist Würde und wohl kalkulierte Macht. Im Sportgeschäft des Ortes kann man gerne auch noch mit D-Mark bezahlen, im Brunnen kühlen wir uns die Hände, in der Bäckerei kaufen die Leute Semmeln und die Bild am Sonntag, die Eisdiele hat auch geschlossen und gerade stellt die Inhaberin des Cafés Rosalie die Stühle heraus. Nicht viel aber erinnert mehr daran, dass Weilheim für viele Jahre, ja Jahrhunderte fast das Zentrum der Schnitzkunst und Bildhauerei war. Hans Krumpper ist nur mehr ein Straßenname.

 

Wir aber wenden uns stadtauswärts, gehen ein bisschen irr, bevor wir dann doch den Prälatenweg finden, der auf direkter Linie und abseits der Autostraße Weilheim und Polling miteinander verbinden, denn immer schon seit ich vor vielen Jahren zum ersten Mal Dr Faustus in den Händen hielt, wollte ich einmal nach Pfeiffering auch Pfeffering genannt wandern, in das Polling also, das Thomas Mann sich zur Vorlage nahm für einen guten Teil der Lebens- und Leidensgeschichte des so unglücklich beladenen Adrian Leverkühn, dessen Genie eben nicht für sich stehen durfte, sondern im Bunde mit dem Teufel war. Ähnlich also, wenn auch zu Fuß und nicht mit dem Fahrrad, gehen auch wir wie einstamals Rüdiger Schildknapp und Adrian nach Polling herüber und wem auf dem Prälatenweg nicht das Herz aufgeht, ich glaube dem ist nicht mehr zu helfen in der Welt, denn schöner könnte es kaum sein. Eine lange gerade Straße, links und rechts blühende Wiesen, Streuobstbäume zu beiden Seiten, vor uns aber majestätisch im ewigen Eis die Alpen, geradewegs auf sie zu wandern wir, stecken uns Löwenzahn ins Haar und teilen uns Nussschokolade auf einer der vielen Bänke. Niemand außer uns beiden wandert die Strecke entlang, so können wir Lieder pfeifen, unsere Schatten jagen und schließlich ehe wir uns recht versehen, passieren wir schon das Ortsschild von Polling. Hoch steht die Sonne, obschon sich die Wolken dramatisch türmen es rauscht ein Bach und vorsichtig treten wir ein in einen Ort der Geschichten, der Geschichte und der Phantasie. Wie es uns aber in Polling erging, ob wir vielleicht sogar Else Schweigestill trafen und ob das Gewitter uns am Ende doch noch erwischte, davon sei morgen erzählt, denn für heute ist es genug.

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4 Gedanken zu “Unterwegs zwischen Weilheim und Polling.

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