Auf der Suche nach Carl von Sternheim-Die Villa ‚Belle Maison‘ in Höllriegelskreuth

Nach einem langen Tag in Großhardern wollen der ehemalige geschätzte Gefährte und der D. unter Kastanien in einem Biergarten sitzen, der F. hat zu diesem Behufe sogar ein blau-weiß kariertes Hemd angezogen und ob er sobald ich außer Sichtweite bin, auch noch die Krachledernen anlegt weiß ich nicht, denn ich will nicht mit in den Biergarten. Stattdessen fahre ich mit der U-Bahn zum Münchener Hauptbahnhof verirre mich gründlich bis ich endlich die S-Bahn in Richtung Wolfratshausen finde. Dann endlich doch im richtigen Zug. Mit mir fahren heimkehrende Wallfahrer, die lila und weißen Flieder um die Holzkreuze gewunden haben und so riecht der Zug ein bisschen so wie ich mir das Paradies vorstellte. Die Pilger haben müde Füße, aber Lust auf einen Ratsch: „Wo woist du hin?“ Nach Pullach sage ich und lächle, von dort aus will ich zur Villa Belle-Maison, die Carl Sternheim baute, besehen. Die Pilger sehen mich verwundert an: Sternheim, sogst Du? Den sein Noamen hab’n wia noch nia gehört! München is halt einmal die Thomas Mann Stadt. Ich nicke den Pilgern zu, denn ich weiß ja schon lange, dass man in Deutschland gerne und viel vergisst. Dann steige ich aus. Pullach liegt im Sonnenschein. Am Bahnhof ein leeres Haus, zwar kündet noch ein Schild davon, dass man hier Obst und Gemüse kaufen könne, doch alle Läden sind heruntergelassen und auch das Schild ist schon lange verblichen. Drei Kilometer also eine lange Straße hinunter. Viele Häuser sind gerade erst neugebaut, noch steht ein Zementmischer in der Einfahrt und ein Bauzaun ersetzt den Jägerzaun. Hohe Hecken und dichte Gardinen. Zu jedem Haus gehört mindestens eine Garage. Schön sind die Häuser nicht und ich frage mich ob die Leute, die hier leben und die doch für Grundstück und Haus viel bezahlt haben müssen, wohl glücklich sind mit dem Ergebnis. Halbe Küchenfenster nur, merkwürdige enge Balkone, keine Fensterläden und an keinem Haus auch nur einziger Blumenkasten. Aber hin und wieder ein schöner alter Fliederbaum. Der Flieder nämlich ist hier keine buschige Hecke, sondern hat ein knorriges Stämmchen, ich halte meine Nase in jeden einzelnen Fliederbaum und jedes Jahr aufs Neue wünsche ich mir, dass sich der Fliederduft wie Riechsalz in einem kleinen Fässchen konservieren ließe für die langen Novemberabende, die doch auch wiederkommen. Ein einziges, altes Haus entdecke ich schließlich hinter einer Hecke verborgen, abgeplatzt ist die Farbe von den Fensterläden, die Stufen sind zerbrochen und auch der Garten ist verlassen, verwildert und völlig verloren in der Glattheit der neuen Häuser ringsherum. Auf dem Weg nach Höllriegelskreuth aber obwohl ich doch durch ein Wohngebiet laufe, begegne ich keinem einzigen Menschen. In den Gärten spielt kein Kind Ball, keine Frau liegt im Stuhl und liest ein Buch, kein Mann macht Handstand an der Gartenmauer. Niemand ist zu sehen. Das einzige Geräusch ist ein ferner Rasenmäher und eine Säge, die kreischend durch Holzplanken fährt. Sonst ist es absolut still. Unheimlich ist mir das schon und ich pflücke ein paar Pusteblumen und singe mir ein Lied vor, denn man muss sich Mut machen im Leben. Schließlich passiere ich das letzte Haus und dann laufe ich bestimmt für anderthalb Kilometer am Werksgelände von LINDE vorbei. Lange verschlossene Tore, hohe Zäune, praktisch-quadratische Bürogebäude, auch dort keine Menschenseele und irgendwann zu meiner linken eine Straße mit tosendem Verkehr. Eine komplizierte Überführung und für einen Moment der bange Gedanke, ich möge längst schon in die Irre gegangen sein, völlig fehlgegangen und längst schon verloren und dann doch endlich zeigt das Straßenschild an, dass ich mich in der Zugspitzstraße befinde, die doch geradewegs auf die Villa Belle Maison erbaut 1908 von Gustav von Cube. Aber es ist noch ein Stück Weg und immer noch noch Büros von LINDE, noch immer so funktional wie quadratisch und dann schließt sich nicht minder funktional und quadratisch SIXT an, ergänzt nur um das grelle Orange mit dem die Firma um die Gunst des Kunden wirbt und wieder die Straße verengt sich schließlich frage mich, ob ich nicht einer Schimäre hinterherlaufe, ob ich nicht besser daran täte umzukehren und doch gehe ich weiter, schließlich öffnet sich die Straße nach links, auf einmal heißt sie nicht mehr Zugspitzstraße sondern Schoellerallee, obwohl ich nicht weiß wer dieser geheimnisvolle Schoeller wohl sein mag. Plötzlich mitten im Dickicht, zwischen LINDE, SIXT und einem Wertstoffhof steht sie da, die Villa Belle-Maison, ein Gebäude so unwirklich in seiner Anlage, so aus der Zeit gefallen, so überirdisch, so weit weg von der funktionalen Nüchternheit, die einen zu diesem Ort begleitet.

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Damals aber als Carl und Thea Sternheim hier eine Villa bauten, die eher ein Palais ist, da konnten sie es nicht ahnen, wie es ausgehen würde, hier in der Idylle am Rande von München. An Louis XVI diesem unglücklichen Königssohn nahmen sich ein Vorbild und bauten groß und weit und im Garten ein Bassin und überhaupt ein Garten für Feste gemacht mit Lampions und livrierten Dienern, mit Champagner und kaltem Lachs. Und sie alle, das ganze München kam damals heraus in diesen heute von allen Geistern verlassen Winkel. Es kamen Max Reinhardt. Es kamen Tilly und Frank Wedekind. Es kam Mathilde von Lichnowsky. Es kamen die Manns, es kamen Walther Rathenau und Harry Graf Kessler, es kamen alle, Kunsthändler, die van Gogh und Picasso and die Sternheims verkauften und leichte Mädchen, denn Carl Sternheim liebte die Mädchen und die Mädchen verfielen dem Mann und wohl auch dem Haus. Aber Glück hat das Haus schon damals vor so vielen Jahren den Sternheims nicht gebracht, denn was heute Linde ist, begann damals als ein elektro-chemischer Betrieb. Carl Sternheim der kein Gemüt hatte für den parvenühaften Aufstieg Deutschlands und der seltsamen Mischung aus Helm am zum Gebet und Jagdausflug klagte vergeblich, verlor und verzog schließlich nach Brüssel. In Deutschland das sollte er sich merken verzeiht man fast alles, nur einem Juden, der über den Kaiser Witze macht, zu viel Geld und zu viel Sex hat, dem vergisst man nichts. Die Villa Belle Maison, dieses Kleinod, vergessen und zugebaut, das wurde nie wieder Anziehungspunkt deutscher Kultur. Nicht nur die DDR brachte mit Vorliebe Kranke und Alte in Herrenhäusern unter, sondern auch die BRD ließ sich nicht lumpen und schon wurde Belle Maison 1965 in einen Krankenhaus umfunktioniert. Naturheilkunde. Carl Sternheim hätte es mit Spott vergessen und gelacht über jene die mit Birkenwasser, Krebs heilen wollen.

Aber Carl von Sternheim war da schon lange tot. Irgendwann brauchte das Naturheilkundliche Spital ein größeres Gelände und heute während ich also die Auffahrt hinaufgehe, steht Schoeller am Haus, aber was oder wer das sein mag, weiß ich nicht. Kein Blatt rührt sich. Ein verkitschter Springbrunnen plätschert vor dem Haus. Ein Mansardenfenster steht offen. Eine Videokamera über der Tür. Ob also ein Hausmeister in der Mansarde schläft oder ein Mann in schwarzem Anzug meine vorsichtigen Bewegungen überwacht, weiß ich nicht. Ein merkwürdiges Gefühl also beschleicht mich, denn wer weiß schon, ob nicht auch gleich sechs Rottweiler aus dem Nirgendwo springen und mir den Mantel zerreißen. Aber niemand kommt und keiner fragt und so gehe vorsichtig um das Haus herum, auf der Terrasse verwitterte Gartenmöbel. Niemand sitzt dort im Sonnenschein. Das alte Bassin führt kein Wasser mehr. Ein Gärtner vielleicht hat die Rosen versucht über den Winter zu retten und ob je jemand Gäste in einem der vielen Zimmer empfängt, wer kann das schon sagen. An Carl und Thea vonSternheim aber erinnert nichts. Kein Plakette, keine Tafel, kein noch so kleiner Hinweis, das hier einmal die deutsche Moderne begann, sondern nur ein dichtes Schweigen liegt über dem Haus. Für eine ganze Weile sitze ich an einen Baumstamm gelehnt vor dem Haus und sehe über die Wipfel der Bäume, die vielleicht der Architekt damals vor so vielen Jahren pflanzte zum Haus herüber und neben mir lehnt die Traurigkeit.

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Ds Fräulein sieht so vor sich hin.

Die Villa Belle Maison lässt sich am einfachsten mit der S7 Richtung Wolfratshausen erreichen. Der nächste Halt ist Höllriegelskreuth, die Villa liegt mitten in einem Industriepark, aber sie lässt sich wirklich in der Zugspitzstraße 15 finden. 

16 Gedanken zu “Auf der Suche nach Carl von Sternheim-Die Villa ‚Belle Maison‘ in Höllriegelskreuth

  1. Ihre Sprache! So herrlich unmodern! *Behufe* – das Wort war mir kompletto verloren! Das macht Sie für mich so zeitlos, alterslos! Froh bin ich, dass meine erste Assoziation zu Ihrem Foto nicht *traurig* ist, sondern *aufgeweckt*. Blitzwach, das Mädchen! Sonst würden Sie mich als geneigte Leserin langsam beunruhigen… Sie kennen das Sprichwort, dass man nicht zu lange in den Abgrund blicken soll, sonst schaut der Abgrund irgendwann zurück?!

    • Das ist kein Sprichwort; das ist der Aphorismus 146 aus Jenseits von Gut und Böse – Vorspiel einer Philosophie der Zukunft, von Friedrich Nietzsche, 1886, der vollständig lautet: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Nietzsche schreibt auch so ein schönes Deutsch, das zu denken anregt

      • Toll – vielen Dank für das Schließen dieser Lücke! Der Inhalt bleibt sich gleich, allein so ist er bedeutend schöner in Worte gefaßt. Dank Ihnen und meinem klebrigen Gedächtnis für derlei Sätze wird mir von nun an Nietzsches Aussage im Gedächtnis bleiben.

    • Behufe ist ein wunderbares Wort und ich bin altmodisch genug, um der alten Wörter nicht überdrüssig zu werden. Ach, die Abgründe überall lauern sie und drehen mir eine Nase. Sie haben Recht, man muss aufpassen.

  2. Außer der Begeisterung für den Ortsnamen Höllriegelskreuth (wie von Ludwig Thoma erfunden!) verband ich bislang nichts damit. Das ist jetzt anders, vielen Dank fürs Pionierspazieren.
    (Pullach ist der Endpunkt einer meiner Laufrouten an der Isar, damit verbinde ich vor allem den Hauptsitz des Bundesnachrichtendiensts – ebenfalls von allen Geistern verlassen.)

    • Der Name ist großes Kino und es ist eine so bizarre Stimmung, ein so seltsamer, so verdrehter Ort man wundert sich sehr und graust sich auch ein bisschen.

  3. Oh, das hatte ich vor Jahren mal recherchiert, weil ich als Dienstleister für das große Unternehmen nebenan gearbeitet hatte … und beim Mittagspausenspaziergang (oder -flucht …) das schöne Gebäude entdeckte.
    Noch irgendwie poetisch hätte ich eine Verbindung zum Eisfabrikanten Schoeller gefunden, aber es handelt sich um eine Holding für Verpackungstechnik (of all things.)

  4. Oh, Frl. Read On wird des Genitivs nicht überdrüssig, wie wunderbar. Herzliche Grüße vom Wortklauber und ich schließe mich Frau Kaltmamsell an: Danke fürs Pionierspazieren und die Villa wird man demnächst ansehen müssen!

    • Ich grüße auch herzlich und kann Sie nur ermutigen, es ist ein Haus in dem die deutsche Moderne begann und ich fände es schrecklich schade wäre das alles vergessen, vergangen und irgendwann wohl auch verloren.

  5. Unter http://www.schoeller.org finden sich tatsächlich noch weitere Bilder. Eine sehr interessante Geschichte, die Sie da ausgegraben haben – nicht einmal die Wikipedia-Seite von Pullach bzw. Höllriegelskreuth hat dazu etwas.

    • Vielen Dank für den Hinweis. Erstaunlich wie das Gebäude und seine Erbauer so vollständig vergessen worden und auch sehr erstaunlich scheint mir, dass der Denkmalschutz keinerlei Auflagen erteilt hat, um diesen Glaskasten, der das Gebäude ja schon sehr verändert, zu verhindern. Es wäre sehr schade drum und ich finde dort gehört auf jeden Fall eine Tafel hin, die an Carl und Thea von Sternheim erinnert.

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