Warten auf Godot

Wir warten. Wir warten auf Eisenbahnen, Anschlusszüge, auf Anrufe, Lebenszeichen, wie lange ich schon darauf warte noch einmal warme Hände zu bekommen, weiß ich nicht mehr. Wir warten auf die Zukunft, wir warten auf den letzten Bus, wir warten auf Freunde und Feinde, Sonnenuntergänge und darauf, dass das Warten doch endlich einmal zu Ende geht. Am Montag Abend sitzen der Tierarzt und ich im Theater und warten auf den Beginn des Theaterstücks. Sie ahnen es schon wir „Warten auf Godot.“ Noch aber summt das Theater, denn auch hier wird gewartet. Der Mann neben uns wartet auf Ellis, die bestimmt gleich kommt, eine Frau wartet auf ihre Schwiegermutter, der sie hektisch Nachrichten schreibt und wir alle zusammen warten, dass der Theatergong den Beginn des Stückes ankündigt. Ellis wird schließlich kommen und über den Tierarzt und mich hinweg erst in die Arme ihres Freundes und dann auf den Stuhl fliegen, die Schwiegermutter aber bleibt verschwunden. Aufseufzend lässt die Frau ihr Telefon in einen kleinen aparten Seidenbeutel verschwinden. Die Bühne ist leer. Nur ein vertrockneter Baum steht am linken Rand ein runder Stein, einem sehr großen Straußenei nicht unähnlich. Auf ihm sitzt mit Kinn in der Hand ein Schauspieler und rührt sich nicht. Er wartet. Wartet schon einmal vor. Wartet darauf, dass Telefon endlich aufhören zu klingeln, wartet sich schon einmal warm für das was da kommt. Gewartet wird in den nächsten zweieinhalb Stunden. Gewartet wird auf jenen mysteriösen Godot, von dem einige sagen, dass es ihn gäbe, von dem keiner genau weiß was er ist, und niemand mag zu sagen, wann er kommt. Die beiden Landstreicher über die wir nichts wissen, außer dass sie auf Godot warten und über die wir nicht viel erfahren außer, dass sie auf Godot warten, warten und es ist ein quälendes Warten. Ein nervenaufreibendes, frustrierendes Warten. Ein Warten, dass sich im Kreis dreht, ein Warten, dass in jede einzelne Pore kriecht, sich in die Füße, die Gesichter und Gedanken einnistet, um nicht mehr zu verschwinden. In Paris hat Samuel Beckett Godot geschrieben, lange schon weit weg von Irland, 1948 im grauen Nachkriegsparis, keine Landstraße in Donegal, auf Französisch nicht mehr auf Englisch aber doch dieses Stück hat ein irisches Echo nicht nur weil wir in Dublin und nicht in Narbonne im Theater sitzen. Hier ist es wieder das irische Warten, denn in Irland hat das Warten eine lange Tradition. Da warten die Beiden also, warten auf den, der nicht kommt, foppen sich, beklagen sich und die Welt, werden des Wartens überdrüssig, hungrig macht das Warten und müde, so müde ist Estragon und je müder Estragon wird, desto schneller redet Wladimir. So vergeht Zeit und vergeht doch nicht. Wie schwer es ist zu warten, selbst in einem Theaterstück sieht man daran, dass jede Pointe, jeder gestoßene Zeh, jede Idee mit Gelächter und Gekicher vom Publikum bedacht wird, denn alles ist besser als das zähe Warten zu nah an sich herankommen zu lassen, denn wir alle, Sie und, der Tierarzt, ich und Ellis und die Schwiegermutter, die nicht kam, wir alle warten wohl auf unseren ganz eigenen Godot, der scheinbar manchmal näherkommt, nur um gleich darauf wieder in einer dunklen Seitengasse zu verschwinden. Ich habe niemals über Beckett lachen können und kann es bis heute nicht und auch hier in der Inszenierung der Druid Theatre aus Galway bleibt Samuel Beckett der Meister des Alptraumes. Dann nämlich wenn Pozzo und sein Diener Lucky auf die beiden Vagranten treffen, spätestens dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Der an einem dicken Seil hinter seinem Herrn hereinstolpernde Diener, der nicht mehr Mensch ist, sondern nur noch Objekt, der auf Peitschenknall, Getränke und Stuhl anreicht, und mit gebücktem Rücken auf den nächsten Angriff wartet, ist von solcher Schrecklichkeit, der man sich nicht entziehen kann und schon warten wir nicht mehr auf Godot, sondern darauf, dass diese Folter deren Zuschauer wir sind, doch endlich ein Ende nimmt. Wir müssen lange warten. Nein Beckett lässt niemanden entkommen und es kann nicht überraschen, dass er im grauen Jahr 1948 Niemanden fand, der das Stück auf die Bühne bringen wollte. So nah dran am Schrecken, den doch alle Welt vergessen wollte, unerbittlich zwingt Samuel Beckett noch heute, noch immer nach so vielen Jahren, die schnell Jahrzehnte wurden, zum Blick zurück. Das habt ihr getan, sagt Beckett, und wir ahnen es wohl, das ist der Mensch, das sind wir. Eine Bube kommt schließlich vorbei, aber auch seine Nachrichten bleiben vage und leer. Eine Nacht vergeht. Estragon will alles vergessen, Waldimir will sich an alles erinnern. Beide zwingt das Warten in die Knie, man kann über das Warten den Verstand verlieren und ob es dazu einen oder einhundert Tage braucht, wer weiß das schon zu sagen. Das Warten lässt sich nicht verkürzen kein Rätsel, keine Geschichten, kein Walzer verringert die quälende Ungewissheit, den Wunsch mit dem Warten doch einfach aufhören zu können, weiterzugehen, ein neues Land, ein neues Leben, den Namen Godot doch einfach vergessen, nichts davon ist wahr. Wir warten wie Estragon und Waldimir. Wir warten noch immer und immer weiter und während wir nach Taschen und Mänteln suchen, ruft eine Frau: „Warte doch.“

Kurz vor zwölf  Uhr sind wir zurück im Dorf. Nur bei der Frau des Krämers ist noch Licht und leise bewegt sich die Gardine hinter dem Fenster. Dass die Frau des Krämers wartet ist nicht neu, „vielleicht bist du ja Godot“, sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt lacht und lacht und lacht. „Komm Mädchen“ sagt er, „es ist schon spät.“

Waiting for Godot ( der Ausschnitt zeigt eine Freiluftaufführung in Irland ) aber das extrem reduzierte Bühnenbild funktioniert auch im Abbey Theatre Dublin, noch zu sehen ist das Stück noch bis zum 20. Mai 2017.
Die Druid Theatre Company macht großartige und sehr intensive Stücke, nicht nur in Irland, nicht nur Beckett, sondern wenn Sie ein wenig warten sicher auch auf einem Theaterfestival bei Ihnen. Ich lege es Ihnen heiß ans Herz.

6 Gedanken zu “Warten auf Godot

  1. Danke für die tolle Rezension!
    „Gehen wir?“ – „Wir gehen“ – „Sie rührten sich nicht von der Stelle“ ist ein beliebtes Bonmot zwischen meinem Freund und mir…

  2. Oh, wie oft ich gewartet habe mit den beiden Vagabunden – In Hamburg, in Bochum, sogar in Buxtehude. Und im letzten Jahr wartete ich mit ihnen in Berlin. Das Warten, das Schweigen, das Sich-im-Kreis-Drehen. „Wir werden geboren rittlings über dem Grabe“, „Nichts zu machen“ – und doch ist da der Baum. Und der Mond, der auf die Hoffnung seinen Schimmer wirft.

    • Ja man kann sich weder Beckett noch den Wartenden leicht entziehen. Ich freue mich immer, dass Beckett wirklich überall gespielt und entdeckt wird und überhaupt der Mond!

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