Sonntag

Der Tierarzt ist von meinem Versuch den Tag durch frühes Aufstehen zu verlängern nicht sonderlich angetan, sondern kriecht nur tiefer unter die Decke. Aber nach drei Jahren Irland habe ich gelernt: was ein Ire ist, lässt sich mit einer Tasse Tee wie einst Alice nicht ins Wunderland, sondern zumindest in den Garten locken. Es muss aber, sollten Sie einmal selbst in die Verlegenheit geraten einen Iren aus einem komatösen Schlaf zu erwecken, Barry’s Tea sein, ein starkes Gebräu in dem der Teelöffel stecken bleibt, dazu ein Schlückchen Milch und dann sitzt auch der Tierarzt im Garten unter der Kastanie und links vom Fliederbusch und klimpert mit den schlafschweren Lidern. Was genau das Geheimnis von Barry’s Tea ist, habe ich nie herausfinden können, aber die grüne Dose mit der Jubilee’s Mischung für 12 Pfund bei Fortnum & Mason für den Tierarzt erstanden, steht unberührt im Schrank. Nur der Priester, Gäste und ich trinken dann und wann ein Tässchen, während der Tierarzt noch für ein Wochenende in Berlin eine Notfallration an Barry’s Teabags in das luggage holdall verschwinden lässt.

Der Tierarzt gähnt, ich lege meine Füße in seinen Schoss. Die Katze, die den Tierarzt liebt, springt nun ihrerseits obendrauf und mein Plan geht auf: endlich warme Füße. Wir sehen den Amseln beim Frühstück zu und zählen die Möwen, die sich auf dem Dachfirst sammeln. Der Hund kaut hingebungsvoll auf einem Gartenhandschuh und der Tierarzt erzählt mir einen schrägen Traum. Im Wald nämlich sei er gewesen, barfuß und nur mit einem Hut bekleidet, auf der Suche nach einem bestimmten Moos. Aber das Moos habe er nicht gefunden, dafür ein langes Gespräch mit Silberfischen geführt, die von überall her auf ihn zu gekrabbelt kamen. Aber was genau die Silberfische ihm hätten sagen wollen, wisse er nicht mehr, denn schließlich hätte ich ihn geweckt. Ich höre nur halb zu, denn gerade klettert die Sonne über die Kirchhofmauer, wandert am Haus entlang, stolpert über die Kastanie und den Fliederbusch und taumelt schließlich an meiner Nasenspitze entlang, fährt mir durch die Haare und malt mir goldene Kringel auf die Beine.

Dann müssen wir auch schon los. Denn der Tierarzt muss sich im Zoo einer erkrankten Giraffe annehmen und auf mich warten Stapel von Arbeit im Büro. In der Stadt trennen sich unsere Wege und für lange Stunden sehe ich die Sonne nur von fern durch die Fensterscheibe. Um 15 Uhr aber gehe ich ins Schwimmbad hinüber. Jeden Tag schwimme ich 50 Bahnen, denn das Gepaddel in der eiskalten Irischen See kann man kaum Schwimmen nennen und es sind diese 50 Bahnen am Tag, die nur mir gehören. Kein Telefon klingelt, kein- es-dauert-auch-nur-fünf-Minuten, kein dringend, eilig, bitte jetzt, sondern nur eine Schwimmhalle, Bahn für Bahn, der Geruch nach Chlor, Wasser plätschern, von Ferne das Radio aus dem Fitnesstudio über uns, nichts wird gewollt außer einatmen, ausatmen, Bahn für Bahn, Schwimmzug für Schwimmzug. Außer vier Männern bin ich ganz allein. Einatmen, Ausatmen, Weiteratmen, nichts zählen außer den Bahnen,21, 22, 23, die Augen schließen bei der Wende an jeder Seite des Beckens. Weiße Fliesen, grauer Sichtbeton, ein Stück blauer Himmel, die Bahn rattert vorüber, 27, 28, 29, immer weiter Bahn für Bahn. Als ich aus dem Schwimmbecken steige, immer mit weichen Knien, immer außer Atem, sehe ich vier Frauen hinter der Scheibe sitzen, die den Pool von den Umkleideräumen trennt. Alle vier sind verschleiert und die Luftfeuchtigkeit und Wärme des Schwimmbades kann nicht besonders angenehm sein. Sie warten auf die vier Männer, die wie ich Bahn um Bahn im Schwimmbecken ziehen. Als ich aus der Dusche komme und im Spind nach meinem Rucksack krame, nicken wir uns zu. „Schönes Wetter“ sage ich, „Schönes Wetter sagen die Frauen“. Sind sie aus dem Land A. ? fragen mich die vier Frauen. Ich zucke mit den Schultern. „Es ist lange her“, sage ich. Die vier Frauen nicken. „Es gibt auch Frauen Schwimmen“ sage ich schließlich. Die vier Frauen nicken. „Es gibt auch Schwimmkurse für Frauen“ sage ich. Die vier Frauen nicken. „ma’a as-salamah“, sage ich. ma’a as-salamah erwidern vier Frauen. Immer dann, wenn man ein Gespräch eigentlich beginnen müsste, sagt man „Auf Wiedersehen“, da bin ich nicht anders, und ich will den Zug nach Haus noch erwischen.

Der Tierarzt ist schon zurück. Ich bin hungrig, sagt der Tierarzt. Er isst zwei daumenbreite Stück grünen Sellerie und fünf Heidelbeeren. „Geben Sie den Mut nicht auf“ sagen die Ärzte. Man kann nichts aufgeben, was man nicht hat, sagte ich nicht, aber gedacht habe ich es auf dem grünen Resopalstuhl. Ich nicke und richte dem Tierarzt ein Käsebrot. Das Brot ist frischgebacken, die Butter vom Bauern nebenan, der Käse von der Frau des Krämers. Ein Brot in acht Würfel geschnitten. Eine Stunde für acht Käsebrotwürfel. Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne wandert über die Kirchhofmauer, umarmt noch einmal den Fliederbusch, die Hollerstauden, den Rosenstock und die Kastanie. Der Priester winkt. Ich winke zurück. 10 Minuten später verliert der Tierarzt den Kampf gegen Käsebrot, zwei Stück Sellerie und fünf Heidelbeeren und übergibt sich. Es ist schwer zu sagen, was qualvoller ist mit anzusehen: wie der Tierarzt ißt oder wie der Tierarzt sich übergibt. Ich lege dem Tierarzt die Hand auf den Rücken und als es endlich vorbei ist, legt der Tierarzt seinen Kopf in meinen Schoß. „Ich kann nicht, sagt er. „Ich kann einfach nicht mehr essen.“

Ich will dich nicht verlieren, sage ich nicht. Ich kann doch nicht immer verlieren, denke ich. Der Tierarzt schließlich schläft vor Erschöpfung ein. Ich putze das Badezimmer. Dann wasche ich ab. Über Maria João Pires, die Beethoven spielt, wird das Abwaschwasser kalt. Der Hund erinnert mich an die Teetassen, die noch immer auf dem Spülbrett stehen und trägt das Geschirrhandtuch heran.

Im letzten Licht, sitze ich noch einmal an die Hauswand gelehnt ganz nah bei den Rosen. Da fällt sie mir nach Jahren wieder ein diese eine Strophe aus Paul Celans Psalm:

„Ein Nichts

waren wir, sind wir, werden

wir bleiben, blühend:

die Nichts-, die

Niemandsrose.“

Die Rosen neben mir halten sich bedeckt, ein Nichts sind wir und keine Rosen liegen in unseren Händen, die Kirchturmuhr schlägt sieben Uhr und ich sitze vor dem Notebook: Election Présidentielle 2017: Emmanuel Macron élu président.

34 Gedanken zu “Sonntag

  1. Achherrjee, wie schrecklich! Der arme Mann, das arme Mãdchen!
    Wie kommt man nur dagegen an, gegen das Nicht-essen-wollen?
    Ich habe es in der Familie erlebt und bei Schülerinnen.
    Wenn dann doch die Lebensfreude wieder da war, ging es wieder. Bis dahin war es das Grauen.
    Es frisst auch das Umfeld auf, saugt es mit. Esstörungen sind so unbegreiflich.

  2. Das Essleiden des Tierarztes dauert mich so sehr. Vielleicht wäre es hilfreich sich mit
    Leidensgenossen auszutauschen, zumal Essstörungen bei Männern doch noch recht tabuisiert sind?
    Dass der Tierarzt in aller Tragik doch auch wieder Sinn für Komik hat, zeigt seine Vorliebe für dieses
    Lied „Swallow me“.
    Wie schön wäre es, könnte die Sinnen- und Genussfreude von Mademoiselle auch auf die Herzliebe überspringen. Das Hungern allerdings, oder anders gesagt, die Sehnsucht nach diesem *mehr als alles* scheint auch ihr nicht unbekannt. 🌹

    • Ja, swallow me- das klingt dann noch mal anders. Es gibt sehr wenig Therapie Angebote für Männer. Magersucht ist weiterhin eine klassische Mädchenkrankheit und natürlich ist er in ärztlicher Behandlung. Und doch.

      Mein Hunger da haben Sie Recht, hat andere Formen. Danke.

  3. *unter jedem Dach ein Ach*… Und ich dachte, Irland ist Ihre *Heile-Welt-Oase*…
    Wie blieb es mir unterwegs im Gedächtnis kleben: *I can see no way out but through*. Aushalten, durchstehen, warten, hoffen, sich an die Geduld halten – das macht deutlich mehr als die Hälfte des Lebens aus. Pfffffhhh, viel mehr als die Hälfte. Bleiben Sie tapfer (doch, das sind Sie – so viel habe ich bereits mitbekommen 😉 und Ihrem Tierarzt alles Gute auf dem Weg der Besserung. Und ein Nicken Ihrem Paul Celan: Nicht nichts ohne die Liebe, aber auch nicht viel mehr…

    • Nein, die heile Welt und ich wir sind keine guten Freunde. Weiteratmen und Gedichte helfen ja meist und Geduld, die muss man wohl haben. Danke für Ihre Worte.

  4. Ich glaube, das ist das Traurigste, was ich je von Ihnen gelesen habe. Und es war schon so einiges traurig! Wenn Sie mögen, fühlen Sie sich umarmt, wenn nicht, dann nur verstanden.

  5. Ach Read One sie können vielleicht auf Besserung hoffen, aber man muss leider auch das Schlimmste annehmen. So oder so ist es schwierig, seine Lieben leiden zu sehen und nicht beim Heilen helfen zu können. Auch bei mir ist es eine ( andere ) Krankheit in der Familie, die uns allen viel Kraft, Geduld und Liebe abverlangt. Ich nehme sie in Gedanken ganz fest in meine Arme und wünsche uns allen genug Zeit um noch viele glückliche Stunden mit unseren Lieben zu verbringen.

  6. Weil ich es nicht weiß, hier diese Frage; Gibt es irgendwo eine therapeutische Einrichtung, die auf diesem Gebiet überdurchschnittliche Erfolge aufweisen kann ?

    Und die vielleicht bisher nicht in Betracht gezogen wurde, weil der dortige Aufenthalt privat finanziert werden muß und dieser sehr, sehr teuer ist ?

    Wenn dies der Fall sein sollte, dann sollten auch die Leserinnen und Leser von Read Ons wunderbaren Geschichten zusammen und zusammenlegend zu einer eigenen Geschichte in der Lage sein.

    • Die Idee ist auf den ersten Blick gut, aber Ferndiagnosen sind gefährlich. Ich fürchte, ungebetene Einmischungen laufen allzu leicht aus dem Ruder, besonders bei Krankheiten, die nicht vorwiegend somatisch sind. Vielleicht ist die Lage ganz anders, und wir lesen eine Projektion oder eine Metapher. Das wäre künstlerische Freiheit, völlig legitim. Wir kennen hier jedenfalls nur eine Seite der Geschichte, wenn sie auch sehr schön erzählt wird.
      Übrigens würde ich eine Brotscheibe nicht in acht, sondern in neun Würfel schneiden: zwei Schnitte längst, zwei Schnitte quer: 3 x 3 = 9 Oder in vier Bissen schlingen, aber das ist mein Problem

    • Ich danke Ihnen. Das rührt mich sehr und überhaupt Ihr ganzer Zuspruch. Der Tierarzt ist seit vielen Jahren in Behandlung und wir versuchen das auch immer wieder zu justieren, aber jede Therapie hat Ihre Grenzen und manchmal stößt man auch an diese und muss sich neu sortieren. Danke, ich weiß das sehr zu schätzen.

  7. Vieles bleibt ungesagt. Rückblickend hätte ich viel mehr aussprechen sollen, aber es ist halt oft die Befangenheit des Augenblicks.

  8. tut weh zu lesen. wie auch immer sie beide es können, ich wünsche kraft weiterzumachen miteinander. und hilfe für den tierarzt. und hilfe für sie fräulein read on. und schicke für was auch immer mut, ein schiefes lächeln, für das unvermeidliche weitermachen, das das herz in händen halten und anpusten zum nicht stillestehn. und ein taschentuch…. wie geht es eigentlich dem kälbchen? (ablenk)

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