Beschwerdeführer

Der Student stürmt in mein Büro. „Fräulein Read On“ sagt er triumphierend und grinst: Mein Vater will sie sprechen.“ Ich nicke und lächle. Der Student sieht irritiert zu mir herüber. Offenbar nimmt er an, dass die bloße Erwähnung seines Vaters mir Tränen in die Augen treibt. Da dem nicht so ist, legt er nach: „Fräulein Read On“ und grinst nicht mehr: „mein Vater hat ein Autohaus.“ Ich nicke wieder: „Ich spreche mit Autohausbesitzern, Wurstfabrikanten und Kakteenzüchtern, keine Sorge.“ Irritiert verlässt der Student das Büro und ich vergesse den Autohausbesitzervater sofort und unmittelbar. Vier Tage später aber, gerade machen die Kopfschmerzen und ich, es uns über einem Problem gemütlich, donnert eine Faust gegen die Tür und auf mein „Herein“ stürmen der Student und sein Vater herein. Der Vater, ein Zwei Meter Mann mit zwanzig Kilo Muskeln trägt einen zu engen Anzug, der wohl virile Männlichkeit symbolisieren soll: Kraft und Pferdestärken und dazu eine dicke, golden-glänzende Uhr. Alles in mir zieht sich bei solchen Anzügen sofort zusammen und ich muss mich sehr beherrschen nicht sofort im Adressbuch nach einem Herrenausstatter zu suchen, der enge Seidenhosen, Westen mit aufgesprengten Knöpfen und taillierten Jackettjacken für zarte Epheben nicht an Männer mit der Statur des G*ttes Zeus verkaufen. Der Mann, der ins Zimmer stürmt, aber fasste dieses Angebot sicher nicht als hilfreich auf und außerdem donnert er schon los: „Ich will mich beschweren!“ „Davon hörte ich schon“, sage ich und der Autohausbesitzer schnaubt und stemmt sich mit beiden Händen auf der Schreibtischplatte ab. Fast fällt dabei die Blumenvase von der Tischplatte, da ich aber die zartrosa Tulpen gerne mag, will ich das verhindern: „Möchten Sie sich nicht setzen?“ frage ich und der Autobesitzervater sieht mich irritiert an. Offenbar hatte er erwartet, dass ich wie der Porschefahrer mit ungedecktem Scheckbuch sofort wimmernd unter dem Schreibtisch verschwände und zu weinen begönne. Ich deute stattdessen auf die beiden Stühle vor dem Tisch. Der Autohausbesitzervater muss zunächst einmal sein Geldbörserl, ein schwarzes Herrenportemonnaie, das ähnlich wie sein Anzug fast vor grünen Geldscheinen platzt nebst Autoschlüsseln ( Landrover Cherokee ) auf die Schreibtischplatte knallen. Dann setzt er sich doch und schreit wieder los: „Ich müsse verstehen, er sei Team No nonsense talk und dann erklärt er mir lauthals und mit pochender Ader an der Schläfe worauf er alles keinen f*ck gäbe: Politiker ( Schwächlinge, allesamt ), Banker ( keine Eier in der Hose ), Umweltlobby ( faule Kröten ) und Frauen wie mich natürlich, die aus purer Bosheit und weil sie keine ordentlichen Titten hätten, seinem Sohn das Leben zerstörten. Sein Sohn kichert hinter vorgehaltener Hand. Der Autohausbesitzervater plärrt weiter und erklärt mir dröhennd, dass er seinen Sohn eben zu keinem Weichei erzogen habe, sondern zu einem Mann. Einem Mann, der wisse, was ihm zustünde. Ein Mann, der sich nähme was ihm ohnehin gehörte und nicht frage, sondern tue. Ein Macher eben. Er sei stolz auf seinen Sohn. Sein Sohn, der bis dahin schweigend neben seinem Vater saß, grinst triumphierend. Wenn sein Sohn eben ein Essay aus dem Internet kopiere, zeige das nur einmal mehr seine Intelligenz, denn er wisse eben- und darauf käme es an im Leben, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. Wichtig sei es sich durchzusetzen und nicht die Zeit in der Bibliothek zu vetrödeln.

Selbst ich würde ja wohl einsehen müssen, dass sein Sohn sich damit im Grunde einen Orden verdient habe und nicht, dass ich ihn durchfallen ließe. Der Autohausbesitzervater sieht mich triumphierend an, aber ich gähne, denn ich hatte mir von einem so verheißungsvoll angekündigtem Autohausbesitzervater mehr versprochen. Aber es hilft ja nichts. „Gut sage ich, ein Beispiel. Stellen sie sich vor ich sei auch Autohausbesitzer am anderen Ende der Stadt und käme bei Ihnen vorbei, gäbe mich als Kunde aus, und bestellte ein Auto. Sonderanfertigung. Goldene Türgriffe. Ein Lenkrad aus purem Silber. Felgen mit Diamanten, Sitzpolster aus Gazellenleder. „Der Autohausbesitzervater nickt. „Mit einem Jaguar könnte das gut gehen sagt er. Ich nicke. „Sie, also fahre ich fort, sie zerbrechen sich den Kopf. Nächtelang. Sie vergleichen Kataloge und rufen den Kunden zwölfmal an, und diskutieren, ob Antilopenleder nicht doch geeigneter sei, sie lesen sich ein in silberne Lenkräder und testen dreißig Felgen bei Schlamm, Eis, Schnee, Wind und Hagel. Sie ruhen nicht eher, bevor sie sichergestellt haben, das die goldenen Türgriffe eine limitierte Auflage haben und schließlich, bevor der Kunde, das Auto abholt, kleben sie das Logo Ihres Autohauses an die Windschutzscheibe, denn das ist nicht irgendein Auto, sondern Sie haben dieses Auto für den Kunden aus vielen Einzelteilen zusammengestellt, und alle Welt soll wissen, dass wer ein außergewöhnliches Auto sucht, es in Ihrem Autohaus finden wird.“ Der Autohausverkäufervater nickt zufrieden. „Aber sage ich, Sie erinnern sich ich bin ja kein gewöhnlicher Kunde, mit zu viel Geld und schlechtem Geschmack, sondern mir gehört ja das Autohaus am anderen Ende der Stadt. Ihr Logo hinter der Windschutzscheibe habe ich schnell abgekratzt. Am Nachmittag schon steht das funkelnde Auto inmitten meiner Schaufensterscheibe. Schmuckstück und Prunkstück, ich verkaufte es zum dreifachen Preis schon am nächsten Tag. „Was würden Sie tun?“ frage ich den Autohausbesitzervater und er enttäuscht mich nicht: „Die Hölle würde ich dem heiß machen, bis ihm die Zähne wackeln, die Scheibe zerschlagen, die Frau ausspannen und dem das Leben ruinieren, bis ich mir mein Auto zurückholte. Der Autohausbesitzervater donnert mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Eine Sauerei ist das!

„Sehen Sie“ sage ich, wir mögen uns in den Methoden unterscheiden, denn ich glaube nicht an die Kraft ausgeschlagener Zähne, aber in der Sache verstehen wir uns doch, denn für das Essay, das ihr Sohn kopiert hat, hat irgendwo vielleicht am anderen Ende der Stadt ein Student Tage und Nächte investiert, in der Bibliothek gesessen, sich Gedanken gemacht, verglichen und abgewägt und schließlich sich genug Zeit genommen all das aufzuschreiben, und allein deswegen ist ihr Sohn durchgefallen und nicht weil ich kleinere Brüste habe, als ich gerne hätte. Ich lächle dem Autohausbesitzervater und seinem Sohn aufmunternd zu. Es ist plötzlich sehr still im Zimmer und der Autohausbesitzervater sieht mich sprachlos an. „Ich hatte, sage ich, noch keine Gelegenheit mich vorzustellen, Fräulein Read On, Angenehm.“ Der Autohausbesitzervater aber starrt mich noch immer fassungslos an. Dann springt er auf und das so heftig, dass der Stuhl erst klappert und dann umfällt. Sein Sohn starrt auf den Boden. Sein Vater aber zieht ihn hoch und schreit: „ Wir sprechen uns gleich.“ Schon will der Autohausbesitzervater aus dem Büro stürmen. „Vergessen Sie Ihren Geldbörse nicht sage ich und deute auf das prall gefüllte Portemonnaie. Das Gesicht des Autohausbesitzervaters ist rot und das sein Sohnes sehr blass. „Alles Gute“ sage ich, dann fällt die Tür hinter Vater und Sohn zu, noch auf dem Flur beginnt der Vater ein großes Geschrei, das sich nur langsam entfernt. Dann sind das Problem, die Kopfschmerzen und ich wieder allein im stillen Zimmer.

32 Gedanken zu “Beschwerdeführer

  1. Eigentlich schade, dass der Autohausbesitzervater wahrscheinlich nie wieder bei Ihnen vorbei kommt. Mit dem könnten Sie noch viel Spaß haben. Wie wäre es wenn Sie ihn zu einer akademischen Karriere motivieren?

  2. Elternsprechtag an der Uni, oder was hat Anglistik mit Titten zu tun.
    Der Vater scheint ja einer logischen Argumentation sehr aufgeschlossen zu sein, das ehrt ihn.
    Und dass Du die Geduld und den Witz für die lange Geschichte mit Gold und Glitzer hattest, ehrt Dich.

    • Der arme Auobesitzervater! Der hatte sich das ganz anders vorgestellt. Ich bin ja der grundsätzlichen Ansicht man muss miteinander reden…Den Leuten ist es immer unheimlich peinlich nimmt man ihre Tintenkommentare ernst….

    • Vielen Dank! Nein, ich glaube nicht, es ist schon ein Phänomen, dass man heute nicht mehr mit Studenten sondern mit den Eltern gleich noch dazu zu tun hat. Da verschiebt sich wirklich etwas.

  3. YEAHHHH – sehr cool! Fräulein-Read-on-Frauenpower! Anschaulich gesprochen und vorgelebt!
    #Team *kleinere Brüste, als ich gerne hätte* (mit denen sich formidabel leben läßt )

    • Team „Kleine Brüste“ hält zusammen! Es hilft ja nichts und es ist den Männern unendlich peinlich nimmt man ihre Kommentare ernst! ❤

  4. So etwas bewundere ich. Diese Art von Geistesgegenwart, die sie in der Situation gezeigt haben, hätte ich auch gerne. Ich wär unter den Schreibtisch gekrochen und hätte gewartet, bis dieses böse Tier wieder gegangen wäre.
    Hut ab! Grüße von Kari

    • Aber nein, es gibt keinen Grund sich zu verstecken. Bei den größten Schreihälsen ist immer sehr viele heiße Luft. Ich bin da abgehärtet….Liebe Grüße!

  5. Das ist aber Schade (für uns, die Ihre Antwort darauf verpassen), dass der Autosalonbetreiber nicht The Nix gelesen hat! Wenn er in der Lage gewesen wäre, Laura Pottsdam im 4. Kapitel nachzumachen, wo sie in einer fast identischen Situation hintereinander in schneller Folge in den Worten des Autors Plurium Interrogationum, petitio principii (oder the circular argument), appeal to pity, false analogy, slippery slope, non sequitur, post hoc, ergo propter hoc, false compromise, red herring, argumentum verbosium, appeal to emotion, false dilemma, ad hominem, straw man, argumentum ad baculum (oder appeals to threats) und argumentum ad crumenam (oder appeals to wealth) gegen den Dozenten eingesetzt hat, wäre eine großartige Eskalation denkbar gewesen, aber er war in diesem Sinne offenbar nicht satisfaktionsfähig. Wenigstens konnte er Ihnen keine sexistischen Avancen vorwerfen, das kann er sich sicher nicht vorstellen. Im Buch war die Geschlechterverteilung ja auch genau umgekehrt. Köstlich!

    • Nein meine Brüste waren seine Sache nicht und tief getroffen taumelte er davon. Laura Pottsdams Auftritt habe ich mit Schrecken und Faszination gelesen und hoffe mir bleibt das erspart. Für Männer ist das glaube ich noch einmal eine vertracktere Situation.

  6. Wenn die normale Welt auf die akademische trifft, bleibt selten ein Auge trocken. Denn es ist ja so: Alles, was der Vater erzählt, stimmt voll und ganz. Es stimmt in seiner Welt, die gleichzeitig die Welt seines Sohnes werden wird, und die Welt von den 97 Prozent der Studenten, die keine akademische Karriere machen werden. Und die, wenn sie frisch von der Uni in die Wirtschaft kommen, genau dieses gleiche Gespräch noch einmal erleben werden – nur eben unter umgekehrten Vorzeichen.

    Und, wenn wir mal ganz ehrlich sind, stimmt es eben auch an der Uni. Wie viele Wissenschaftler fristen ihre Karriere indem sie ein und denselben Gedanken immer wieder von neuem aufwärmen. Und bei wie vielen davon handelt es sich bei diesem Gedanken um einen eigenen?

    • Genau. Der Mann sprach aus seiner Erfahrung und seiner Lebenssituation heraus, was der Sohn machen will und machen wird, kann ich schwer sagen. Nur ich glaube, dass die Universität schon eine Erfahrung vermitteln kann, die wenigstens irritiert und das Betrug in welcher Branche auch immer keine gute Idee, daran möchte ich schon festhalten. Originär und Originell sind ja mit gutem Recht zwei Paar Schuh!

      • Tun Sie das. Mal nicht mit der Masche „Papa macht einen auf dicke Hose“ durchgekommen zu sein, ist sicherlich eine heilsame Erfahrung für den jungen Mann.

        Und Sie haben natürlich Recht, vielleicht wird aus dem Jungen ja noch jemand, der in der Lage ist, selbständig Texte zu verfassen, und dem diese Fähigkeit in seinem späteren Leben zugute kommen wird. Wer weiß das schon.

        Ich jedenfalls habe haufenweise mit Hochschulabsolventen zu tun, die keinen einzigen Satz fehlerfrei zuende bekommen. Macht aber nichts, da die gesamte Beratungsbranche im Wesentlichen darauf basiert, Textbausteine von A nach B zu kopieren. Das zumindest haben die meisten in ihrem Studium gelernt …

  7. Oh my GOD —- woher nehmen Sie BITTE diese Geistesgegenwart???? Neid, Neid, Neid, ich bin schon ganz GRÜN.

    • Aber nein, es gibt keinen Grund. Ich blicke nur auf eine lange Erfahrung mit schreienden und brüllenden Männern wie Frauen zurück. Mich überrascht da nur noch wenig…

  8. grossartig, man sieht dieses überdimensionale rumpelstilzchen direkt auf dem bildschirm auf- und abhüpfen. und das alles vor den blassrosa tulpen … man hätte mäuschen sein wollen.

    • Rumpelstilzchen in der 200 Kilogramm Version hat schon etwas. Die Tulpen zitterten und ich musste mich sehr zusammennehmen um nicht laut loszulachen….

  9. Ihre Geschichten sind immer wie Drehbücher, ich kann die Szenen wie im Film vor mir sehen. Hier eine grandiose Folge „Fräulein zähmt Autolöwen“. Ich glaube, der Autohausbesitzer hat jetzt gewaltigen Respekt vor Ihnen, vielleicht sieht er die Uni auch mit anderen Augen; und ich hoffe, dass der zunächst kleinlaute Sohn mehr daraus gelernt hat als solche Frauen wie sie, gleich welcher Körbchengröße, für seine Niederlage verantwortlich zu machen.

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