Im Sonnenlicht

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10 Uhr und 8 Grad über Null

In Dublin scheint die Sonne. Die Sonne scheint als habe sie vergessen, dass dies eine Insel im westlichen Atlantik ist und nicht Vincenza oder Grasse in der Provence. Die Sonne funkelt und strahlt, der Himmel ist so blau wie in Palermo mittags um zwei Uhr und die Sonne ändert alles- obwohl es trotz Sonnenschein sehr frisch, um nicht zu sagen, wirklich sehr kalt ist. Aber die Sonne ändert hier alles, wirklich alles. Kaum kitzelt die Sonne den Tierarzt an den Zehenspitzen, springt er auf und reißt das Fenster auf: „Mädchen, der Sommer ist da.“ Das Mädchen aber liegt bibbernd unter zwei Daunendecken und greift mit gefrorenen Fingern nach dem wollenen Plaid. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf und beharrt auf der Ankunft des Sommers. Ausgerechnet der Tierarzt, der so durchscheinend mager ist, dass jeder, einzelne Sonnenstrahl dicker ist als seine Rippen sitzt barfüßig und im T-Shirt am Tisch, während ich die dicken, marineblauen Strumpfhosen mit Zopfmuster zum warmen Wollkleid trage und den Schal über die Tasche liege. Denn die Sonne obwohl sie gerade über den Kirchturm steigt, golden und so strahlend wie schön, hat ein kaltes Herz. Das habe ich gelernt mit den Jahren. Die Frau des Krämers aber, die doch tagein, tagaus eine dicke Wollstrickjacke über der Kittelschürze trägt, aber schüttelt den Kopf als ich an ihr vorbei dem Bahnhof zu strebe. „Fräulein Read On“, schreit sie, Sie gehen als sei finsterster Winter“, dabei scheint doch die Sonne. Schon hat sie die Strickjacke ausgezogen und streckt mir die entblößten Beine entgegen. Ich bibbere mit den Zähnen, dem vom Meer her, weht ein scharfer Wind. Im Zug obwohl doch die Sonne gerade erst erwacht, sich die Zähne putzt und herzhaft gähnt, reißen die Pendler die Fenster auf: „Wir ersticken. Diese Hitze.“ Ich vergrabe mich bis zur Nasenspitze im Wollmantel und bedauere keine Handschuhe mehr in der Tasche zu haben. Ein Mann zeigt einer Frau stolz den ersten Sonnenbrand. Meine Nasenspitze ist auch rot, aber vor Frost und Kälte. Das Thermometer zeigt drei Grad über Null. Auf dem Weg zur Universität zähle ich drei Frauen in Sandalen, zwei Männer in Shorts, sieben Mädchen in Röcken die weit vor dem Knie enden, sie kichern und hüpfen und singen Sommerlieder. Mit mir friert allein ein frischgeschorener Hund. Wir werfen uns verwunderte Blicke zu. Die Sonne steht inzwischen hoch über den Häusern, Männer knöpfen ihre Hemden auf, wie es in Vincenza niemals vor Ende Juli der Fall wäre und die Kollegen tragen offene Birkenstock-Sandalen in Silber oder Flip-Flops, als sei der Strand von Nice nur 100 Meter weit entfernt. „Es ist doch Sommer“ sagen sie verwundert, als ich ihnen ein Paar Socken antragen will, denn wenn die Sonne scheint ändert sich hier alles. Um 14 Uhr ist die Wiese vor meinem Büro vor Menschen nur mehr zu erahnen. Draußen hat es etwas über 13 Grad und der Atlantikwind pfeift durch die Bäume. Die einzige mit Mantel und Schal bin ich. Alle Welt entkleidet sich nämlich, Jacken fallen, Hosenbeine rollen sich ein, T-Shirts werden bauchfreie Tops und von einer Minute zur anderen sind so viele Sonnenbrillen wie sonst nur auf der Maximilianstraße in München zu sehen. Eis tropft, Limonadenflaschen werden herumgereicht, eine Flasche Sonnencreme wird herumgereicht und aus den Telefonen scheppern Sommerlieder. Nel pintu di blu. Alles verändert die Sonne, schon streckt sich alle Welt auf dem Rasen aus, den Rasen stelle ich mir tiefgefroren vor, kalt und hart, aber mit dieser Vorstellung bin ich ganz allein. Alle Welt hält sich bei den Händen, Haare fliegen, ein Frisbee-Scheibe fliegt über den Rasen, Mädchen kichern, Männer vergleichen angestrengt Bauchmuskelhärtegrade und Bizepsumfänge, die Mädchen flechten sich die Haare und führen lange Listen über mögliche Sommerliebeleikonstellationen. Ob und wie entscheidend dafür der Bauchmuskelhärtegrad ist, vermag ich nicht zu sagen, denn meine Mittagspausenbegleitung und ich sitzen auf einer Holzbank im Sonnenschein, der nicht wärmt, sondern kühlt. Der Begleiter legt Mantel und Pullover ab, ich schlürfe heiße Gemüsesuppe, der Begleiter krempelt die Hemdsärmel auf und schwärmt von langen Abenden mit Campari Soda auf dem Balkon. Ich schlottere allein beim Gedanken, noch nach Sonnenuntergang auf einem Windfang- genannt Balkon-sitzen zu müssen, der Begleiter isst derweil Vanilleeis. Auf dem Rasen sind derweil fast alle Schultern frei und alle Rottöne von blassrosa bis hummerrot vertreten. „Sieh mal, da kommt der Tierarzt“ ruft der Begleiter und nickt einem großen, sehr dünnen Mann zu, der sich uns mit großen Schritten nähert und der dem vertrauten Bild des Tierarztes in dickem Wollpullover und Tuch nicht recht entspricht. Der Mann nämlich trägt eine Ray Ban Sonnenbrille, ein marineblaues Hemd, mit sehr weit geöffneten Knöpfen und eine dünne Leinenhose. „Ist das warm“, sagt der Mann, der sich bei näherer Betrachtung tatsächlich als der Tierarzt herausstellt und der Begleiter nickt voller Begeisterung. Ich schüttle den Kopf und mit mir wundern sich bestimmt alle Mütter, Frauen und Tanten zwischen Vincenza und Palermo, wie man 15 Grad über Null für warm, heiß oder gar schweißtreibend halten kann. Der Tierarzt zieht sich mit Buch auf die Wiese zurück und winkt mir zu. Ich ziehe den Schal enger an mich heran. Zurück im Büro drehe ich die Heizung höher, dann mache ich mir eine Schale kochend heißen Tee. Endlich kann ich meine Fingerspitzen wieder fühlen. Draußen vor dem Fenster aber tanzt die Sonne, der Wind pfeift und noch das letzte Stück Rasen ist belegt. Die Sonne nämlich ändert hier alles und ich fürchte alle außer mir haben schon vergessen, dass dies eine Insel im westlichen Atlantik ist und nicht Sizilien oder Vincenza im glühend- heißen Sommerlicht, doch die Sonne scheint einfach weiter und ich reibe mir die kalten Hände.

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14 Uhr und 15 Grad über Null

27 Gedanken zu “Im Sonnenlicht

  1. Die Frage ist natürlich, ob die 15 Grad im Schatten gemessen wurden, was dann der offiziellen Temperaturangabe entspricht, oder in der Sonne. Denn bei 15 Grad im Schatten ist es in der Sonne doch wärmer.
    Ich habe vor ein paar Jahren im Februar ein Stündchen auf dem Balkon in der Sonne gesessen, angetan mit einem T-Shirt und kurzen Hosen, denn in der Sonne war im Februar Sommer mit ca. 20 Grad.

    • Welche Rolle spielt das? Fräulein Read on schreibt, dass sie friert. Und wenn Sie den Text nochmals etwas genauer lesen, wissen Sie auch warum.

      vom Meer her, weht ein scharfer Wind.

      Im Zug … reißen die Pendler die Fenster auf (= Fahrtwind)

      Das Thermometer zeigt drei Grad über Null. (= + 3° C)

      Draußen hat es etwas über 13 Grad und der Atlantikwind pfeift durch die Bäume.

      Haare fliegen (= immer noch windig beim Mittagessen im Freien)

      meine Mittagspausenbegleitung und ich sitzen auf einer Holzbank im Sonnenschein, der nicht wärmt

      mit mir wundern sich bestimmt alle Mütter, Frauen und Tanten zwischen Vincenza und Palermo, wie man 15 Grad über Null für warm, heiß oder gar schweißtreibend halten kann.

      Draußen vor dem Fenster aber tanzt die Sonne, der Wind pfeift

      Ich verstehe wirklich nicht, warum Sie nun unbedingt meinen müssen, Fräulein Read on habe gar keinen Grund zu frieren. Den ganzen Tag weht dort der Wind und die Außentemperatur liegt maximal im niedrigen zweistelligen Bereich. Von Windschatten war keine Rede.

      • Ich haben den Text von Fräulein Read On sehr wohl sorgfältig gelesen und verstanden. Und ich weiß auch sehr wohl, welchen Einfluss der Wind auf die Temperaturen haben kann. Wir haben eine Dachterrasse und da ist es meist eh viel windiger als unten auf der Straße und dementsprechend auch kälter. Ebenso kenn ich mich aus mit den widrigen Wind- und Wetterumständen im Atlantik und der See im allgemeinen.
        Ich habe nicht behauptet, dass Fräulein Read On keinen Grund zum Frieren hat. Es war einfach eine Feststellung, dass die offizielle Temperatur im Schatten gemessen wird und es in der Sonne viel wärmer sein kann, ebenso wollte ich nur feststellen, dass es im Windschatten noch angenehmer sein könnte.
        Mein Mann hat auch eine ganz andere Wärme- bzw. Kälteempfindlichkeit wie ich. Während ich im T-Short und kurzer Hoser auf der Terrasse in der Sonne sitze, empfindet er die Temperatur bestenfalls als „frisch“.
        Betrachten sie meine Anmerkungen einfach als „Klugscheißeralarm“.

      • Ich glaube es gibt keinen Grund zur Zwietracht, nicht nur weil ich Sie beide, Sie Frau Arboretum und Sie Herrn Hans-Georg sehr schätze und Ihre Kommentare stets als Gewinn betrachte, sondern es steht außer Frage, dass ich eine Frostbeule bin und die Iren die Sonne mag sie auch kalt wie das Eis sein, heiß verehren. Ihren Mann grüße ich Ihn Gedanken, denn mir ist auch schon wieder „recht frisch“, während alle Welt in Hemdsärmeln geht.

  2. Ja mei, das ist alles relativ, gell. Die Italiener haben bei 15° gerne mal noch ihre Daunenparkas an ….

  3. Bis 15° ist Handschuhwetter. Aber wer keine richtigen Sommer kennt, der hält fünf Sonnenstrahlen halt dafür, nur weil es gerade mal nicht regnet.

    Kultivieren Iren auch gerne ihren Sonnenbrand so wie die Engländer?

  4. Oh, diese Situation kann ich mir gut vorstellen, ich bin auch jemand der den ersten Sonnenstrahlen immer sehr skeptisch gegenüber ist und wärmen tuen diese erste Sonnenstrahlen nun wirklich selten.
    *in Berlin bei Daueregen und 8° geschrieben – mit einem heißen schwarzen Tee in der Nähe*

    • …wobei gestern die 17 Grad doch nicht so übel waren, frühlingshaft eben (von Sommer sprechen jetzt wirklich nur die, die keinen echten je erlebt haben) – aber diese Wechsel sind nicht schön, das stimmt.

  5. Ich aber war als Studentin auch gerne auf der sonnigen Campuswiese und verteidige die Sonnenanbetung der Iren heftigst.

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