Der Maibaum

„Mädchen, wo bist du in Gedanken?“ fragt der Tierarzt als wir im Auto sitzen, um vom Flughafen zurück in das kleine irische Dorf zu fahren. Ich lege meine Hand auf sein Knie, denn selbst wenn man nur drei Tage weg war, muss man sich versichern, dass der Tierarzt nicht verschwunden ist.

„Einmal vor vielen Jahren, beginne ich, da war der F. noch nicht der ehemalige, geschätzte sondern der ganz und gar geschätzte Gefährte, da waren wir bei Freunden von ihm in einem Göttinger Garten. Damals war mein Deutsch noch viel miserabler als heute und vor lauter Angst einen Fehler zu machen, sprach ich nur wenig und wenn dann seltsam gestelzte Sätze: „Wenn Sie mir bitte das Wasser reichen würden?“ „Dürfte ich Sie wohl um ein Stück Brot ersuchen?“ Die Freunde von F. starrten mich an und starrten ihn an. Was wollte er wohl mit diesem merkwürdig verschrobenen Mädchen, das trotz des heißen Maitages in eine schwarze Strickjacke, ein schwarzes Wollkleid und einen dicken Wollschal gewickelt war. Ausgerechnet F., dem die Mädchen in die Arme fielen und der niemals einem Mädchen seine Arme verwehrte. Die Freunde also und unter ihnen selbstverständlich und strahlend der F. Es ging um Maibäume und ich verstand nicht, denn meine Großmutter, von der ich alle meine deutschen Wörter habe, hatte zwar Ahorn, Buche, den Lindenbaum, Kastanie und Eiche und viele, viele andere Bäume an mich weitergegeben, aber an einen Maibaum konnte ich mich, so sehr ich es auch versuchte einfach nicht erinnern. Erst nach und nach bekam ich mit, dass ein Maibaum keine Mischung aus Rosenstock und Fliederbusch war, sondern eine Liebesgabe, ein mit Schleifen und Herzen und Liebesbekundungen geschmücktes Bäumchen, welches der Herzdame unter das Fenster getragen wurde. Die anwesenden Damen erinnerten sich an Thomas und Michael, die sich besonders hervorgetan hatten, mit Kassetten und Liebesliedern und Kieselsteinen gegen die Fensterscheiben, damit die Angebeteten nicht etwa Andreas und Kai zu den Urhebern des Maibaums erklärten und Andreas und Kai warteten bis zum nächsten Jahr und stellten ihrerseits wiederum prächtig geschmückte Birken mit allerlei Zuckerwerk behängt im Garten der Damen, die allesamt wunderschön, blondgelockt und strahlend heiter seufzend vor Vergnügen an ihre Verehrer dachten, auch wenn keine von ihnen später Andreas, Kai, Thomas oder Michael heiraten würden. Niemals erzählte eine der Damen und sichtlich stolz lächelte sie in die Runde, seien zwischen ihrem 14. und 19. Lebensjahr kein Maibäumchen unter ihr Fenster getragen worden und selbst als sie ein Schuljahr in Missouri verbrachte, seien immerhin noch drei Maibäume in ihrem Garten über Nacht aufgestellt wurden. Ihr Vater habe ihr die Fotografien zugeschickt. Dann sah sie mich an und schüttelte den Kopf: „Du Read On, sagte sie mit Silberlächeln, kannst dir natürlich nicht vorstellen, was das heißt bekommt man einen Maibaum verehrt.“ Mir war schon klar, dass sie damit nicht allein auf meine fremde Herkunft anspielte und ich rückte ein Stück näher an F. heran. Dann aber wandte sie sich schon einer Freundin zu, die obgleich ihr Deutsch makellos war, ebenso wenig gesagt hatte wie ich selbst. Die Frau war wunderschön. Blauschwarze Haare, ein Porzellanteint und Sommersprossen auf den Wangen. Ich versteckte mich noch ein ganzes Stück weiter unter meinem weiten Schal, denn sehr schöne Menschen machen mich immer verlegen. „Na sagte die Blonde, die bestimmt den Rekord im Guinessbuch der Rekorde nach Anzahl der verehrten Maibäume hält, wie viele Maibäume hast du bekommen. Die schöne Frau aber errötete und sah auf ihre Fingernägel: Niemals sagte sie, habe sie einen Maibaum erhalten, stattdessen hätten wohl Michael, Kai oder Thomas, vielleicht auch Jens und Paul, Jahr für Jahr einen vertrockneten Tannenbaum oder einen toten Stecken mit Tampons und Toilettenpapier behängt in den Garten ihrer Eltern gestellt. Einmal hatten die jungen Männer einen ganzen Mistkübel über dem Baum ausgeleert und in einem anderen Jahr, verdreckte Konservenbüchsen in die Zweige gehängt, um deren verdorbene Inhalte sich die Krähen die Augen aushackten. Im folgenden Jahr war die Schandbaum mit Kondomen bestückt und jemand hatte eine stinkende Matratze über den Gartenzaun gewuchtet. Die Frau zuckte mit den Schultern und schüttelte noch einmal den Kopf. „Bis heute wüsste sie nicht, was der Grund für diese Schandmaien gewesen sei. Ob es schon ausreichte, dass sie Cello-Unterricht nahm und ihr Vater in der Bank und nicht in der Fabrik arbeitete, wisse sie nicht. Dann zuckte sie mit den Achseln und sah ins Leere. Ihre laute Freundin aber, die Maikönigin wollte das nicht so stehen lassen, denn schließlich habe sie doch Michael, Kai, Thomas und Andreas gut gekannt, das seien doch niemals herzlose Rabauken gewesen, sondern halt Jungs, die sich eben einmal einen Spaß erlaubt hätten. Überhaupt man müsste doch auch einmal über die Stränge schlagen dürfen und im Grund sei doch so ein Baum mit Kondomen ein irrsinniger Spaß. Die Maibaumkönigin redete sich weiter in Rage und ich sah die schöne Frau an, längst nicht mehr 16 Jahre alt, wie sie da saß im Garten, Sonnenschein und Weißwein, mit zitternder Unterlippe und verschwimmenden Augen, mit dem gleichen klammen Gefühl in der Magengrube wie an jedem 1. Mai Morgen, an dem sie aus dem Fenster sah hinunter auf die Schandmaie des Jahres, um anderntags in die Schule zu gehen, an den kichernden, grinsenden, tuschelnden Gesichtern von Andreas, Kai, Michael und Thomas vorbei und auch an Paul und Peter, die doch die Matheprobe von ihr abschrieben an allen anderen Tagen im Jahr. Vorbei auch an der blonden Königin, mit sechs Maibäumen im Garten und einem Monat Zeit, sich zu überlegen, wer sie wohl auf ein Eis einladen dürfte und wer wohl auf eine Pizza und wer dann im Sommer das Privileg erteilt bekäme, sie zum Baggersee zu kutschieren. Aber die Frau mit den Sommersprossen auf der Nase sagte nichts weiter, schon drehte sich das Gespräch weg vom Maibaum und hin zu fiesen Professoren, und den bevorstehenden Prüfungen. Aber ich, die ich doch nur des F. wegens eingeladen war, mich befiel eine so plötzliche Übelkeit, das ich aufstand und davonlief, weg vom Gartentisch, der Maibaumkönigin, den Freunden hinaus auf die Straße und immer weiter die Straße hinunter, die in einem Parkplatz endete, kein Baum und Strauch weit und breit. Der F. aber fand mich und strich mir über den Rücken. „Wir müssen nicht zurück gehen, hörst du?“ sagte er und ich nickte. Die Maibaumkönigin und auch die wunderschöne Frau mit den blauschwarzen Haaren habe ich wirklich nie wieder gesehen. Ob der F. noch manchmal von ihnen hört, habe ich ihn nie gefragt.“

Schon aber sind wir auf dem Dorf angekommen, der Tierarzt stellt den Motor aus und legt seine Hand auf meine, die noch immer sein Knie festhält. Die Dorfstraße liegt still in der Mittagssonne, die Schafe stehen hinter dem Haus, der Flieder geht langsam auf hoch über dem Dorf allein St Sylvester und nirgendwo in einem Garten ist ein Maibaum zu sehen.

 

15 Gedanken zu “Der Maibaum

  1. „Na sagte die Blonde, die bestimmt den Rekord im Guinessbuch der Rekorde nach Anzahl der verehrten Maibäume hält, wie viele Maibäume hast du bekommen. Die schöne Frau aber errötete und sah auf ihre Fingernägel: Niemals sagte sie, habe sie einen Maibaum erhalten, stattdessen hätten wohl Michael, Kai oder Thomas, vielleicht auch Jens und Paul, Jahr für Jahr einen vertrockneten Tannenbaum oder einen toten Stecken mit Tampons und Toilettenpapier behängt in den Garten ihrer Eltern gestellt.“

    Der angeberischen Maibaumkönigin unterstelle ich ähnlich bös-dumme Absichten, wie den Schandbaum-
    Kerlen: Letztere wie Erstere rächten wohl ihren Minderwertigkeitskomplex an dem schönen Mädchen.

    • Der Schandbaum ist wirklich böse und bösartige Absicht und ich glaube die Frau, die damals noch ein Mädchen war, ist niemals darüber hinweggekommen.

  2. Fräulein Read on, Fräulein Read on, Sie machen mich zur Miss Marpel…. Noch VIEL zu kurz unter Ihren Lesenden versuche ich unter Ihrer Poesie die Schnipsel rauszufisseln, die mir Fakten über Sie zu Tage fördern… aus wachsender Neugier! *Damals war mein Deutsch noch viel miserabler als heute* wird wohl scherzhaft gemeint sein – sonst paßt ja gar nix mehr in meinem Puzzel!

    • Ich weiß ja nicht was Sie vermuten. Ich habe Deutsch von meiner Großmutter gelernt, aber bin nicht in Europa aufgewachsen und als ich schließlich nach Deutschland kam, hatte ich sehr zu kämpfen.

  3. wie böse, ein schandbaum. wir haben als jugendliche keine maibäume verteilt, sondern leitern und gartenbänke durch gärten getragen vertauscht, stalltüroberteile oder gartentore ausgehängt und anderen unfug. maibaumgeschmückt war die ganze strasse mit spillerigen birkchen, mit kreppband geschmückt. wie schmerzhaft gut geschrieben ist diese erinnerung. chapeau fräulein read on.

    • Das klingt viel hübscher, wie schön zu wissen, das anderswo der Maibaum an schöne Tage erinnert und nicht wie hier seine schmerzliche Verzerrung in der Schandmaie hatte.

  4. Auf der ohnehin nach oben offenen Skala menschlicher Bosheiten belegt das, was sehr schöne Frauen zuweilen außergewöhnlich schönen Frauen anzutun in der Lage sind, sicherlich einen der vorderen Plätze.

  5. Kann das sein, dass diese Maibaumkönigin aus der Provinz stammt? Ihre Angebereien deuten jedenfalls auf eine Landpomeranze hin, zumal dieses Maibaum-Gedöhns in Großstädten unbekannt ist. Ich kenne niemanden, der jemals Maibäume im Garten vorfand oder dort aufstellte.

    Ich glaube übrigens nicht, dass die laute Maibaumkönigin eine Freundin der außergewöhnlich schönen Frau war.

    • Ja Sie haben ganz Recht: die Maibäume wie die Schandbäume wurden auf einem rheinischen Dorf verteilt….und nein Freundinnen sind die Frauen wohl nie gewesen.

  6. Ich dachte immer, ich wäre die einzige, die Straßen hinunter läuft immer weiter und weiter. Wie schön, dass jemand da war, der Sie gefunden hat und ihren Rücken streichelt.

  7. Pingback: Schandbaum | Devil Inside

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