In die Dunkelheit

IMG_2192-2

Nein, eine Geste ist niemals angemessen. Eine Geste reicht niemals aus. Immer liegt in der Geste schon die zitternde Hand der Hilflosigkeit und des unaussprechlich großen Unvermögens sich angemessen zu verhalten. Immer ist die Geste der Versuch etwas zum Ausdruck bringen, was unaushaltbar ist. Davon erzählen die roten Stoffherzen, die Plüschtiere, die Zellophanrosen, die letzten Briefe, deren Tinte bald verläuft, die Kränze mit ihren Schleifen und den gemalten Bildern. Keine Geste kann das Entsetzen mildern, den Schreck verringern und gegen die große, unendliche, schwarze Wolke Traurigkeit die so viele Menschen nicht nur heute, aber besonders heute überfällt, wiegt eine Geste nicht viel. Die Geste hat der Einsamkeit des Verlustes nichts entgegenzusetzen. Nein, die Geste ändert nichts, nein es geht nicht alles so weiter, nein nichts wird wieder gut für die Väter und Mütter, Schwestern, Brüder, Onkel und Tanten, die Großmütter und Großväter, Geliebten, die Freunde und den Hund der wartet. Der wartet ja auch. Nein, nichts wird gut und besser, nicht morgen, nicht übermorgen und auch nicht in zwanzig oder vielen Jahrzehnten. Es gibt keine, keine einzige Geste, die darüber hinwegtäuschen könnte, es gibt keine Rede, keine Wörter, deswegen bleiben immer nur Worthülsen übrig und rote Plüschherzen, die nie aufhören wehzutun, ausgerechnet ein Herz, ein Herz für das eines Anderen. Es gibt nichts was hilft, diese entsetzlichen Lücken vernarben nie. Die Geste ist eine Zumutung. Die Geste muss eine Zumutung sein. Die Geste tritt auf der Stelle und will, dass was nicht geht: die Schatten zurück holen aus dem Dunkel, die Zeiger zurückdrehen, die Geste will an der Unmöglichkeit festhalten. Die Geste muss es tun. Die Geste tritt auf der Stelle und die Geste bleibt stumm. Die Geste gesteht sich ein, dass Wörter ebenso wenig adäquat wie ausreichend ist. Die Geste hat zitternde Hände, ein bleischweres Herz und da steht sie die Geste, es ist ihr unmöglich umzukehren und das Schweigen wiegt schwer. Nein, es gibt keine Geste, die der Einsamkeit der Trauer begegnen könnte, nichts ist gesagt und nichts ist erklärt, eine Geste soll nicht als Trostpflaster, als festes Klopfen auf den Rücken, als Burschikoses „Halt durch“ gelten, sondern als ein Moment in der die Dinge aus der Zeit fallen dürfen, ohne etwas sein und symbolisieren zu müssen, was niemand begreifen kann. Eine Geste erhebt keinen Anspruch.

Ich weiß nicht ob man ein Licht in der Dunkelheit sehen kann, ich weiß nicht wie viele Lichter es braucht bis zum nächsten Morgen, ich weiß nicht wie viele Lichter es braucht bis zum Morgen danach. Heute Abend aber will ich trotz allem eine Kerze ins Fenster stellen. Ein Licht in die Nacht hineinstellen, also. Es kann nicht mehr, es soll nicht mehr, es darf nicht mehr als ein Licht sein. Es ist eine kleine Geste.

Woanders ist es auch schön.

Diesen einen Sommer hat Madame Modeste festgehalten.

Wie es ist, wenn die Träume kühler werden und die Nächte doch recht atemlos hat Kitty Koma aufgeschrieben.

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich zöge sofort nach Vrochtovy Janovice und säße im Garten so als sei das jüdische Europa niemals zerbrochen wurden, aber während das nicht geht, ziehen andere auf eine Burg, haben Aussichten und fragen sich, ob sie nicht doch als bloggende Weinkönigin enden. Danke an Frau Frau Croco für den Hinweis.

Treffen sich Baldwin, Shakespeare und Franz Franz Kafka . Ich habe sehr gelacht.

Diejenigen von Ihnen, die hier schon länger aushalten, wissen das mindestens ein Viertel meines Herzens in Indien lebt. Hier ein wunderbarer Artikel über die unendlich reiche Parsi Kultur.

Zum Glück wollte noch nie jemand meinen Kaugummi weiterbenutzten. Die Katastrophenchronistin jedenfalls probiert es mit Ironie Das kann an besonders an einem Montag nur gut sein.

„Und Tierarzt was hört man so zum Wochenbeginn?“ „Unbedingt dieses Lied Mädchen.“ „So sei es Tierarzt, so sei es“

Aufforderung zum Tanz

Der Tierarzt lehnt sich zu mir herüber. „Read On“ flüstert er, „bist du schon wach?“. Ich bin mir nicht sicher, denn ich bin wirklich sehr müde. Aber der Tierarzt gibt nicht nach: „Read On“ flüstert er wieder und kitzelt mich hinter den Ohren. Davon wache ich wirklich auf. „Tierarzt“ sage ich und sehe auf den Wecker, es ist noch nicht einmal sechs Uhr!“

Aber der Tierarzt will davon nichts hören: „Read On, wir brauchen einen Plan. „Ich kann unmöglich mit der Tochter der Frau des Krämers tanzen.“ Heute nämlich lässt das Dorf die Frau des Krämers hochleben. Bunte Wimpel schmücken die Dorfstraße, lange Tische sind schon aufgebaut, der Priester hat ein sehr, sehr langes Gedicht geschrieben, in dem sich „she is a rock/ and never loses a sock vortrefflich reimen. Der Elektriker hat für das Keyboard eine Steckdose und eine Verlängerungsschnur aufgetan und es gibt eine Sitzordnung, die nicht weniger komplex und kompliziert ist als die einer Adelshochzeit. Gestern Abend habe ich eine Schwarzwälder Kirschtorte gebacken, denn wer von der Frau des Krämers so charmant gefragt wird: „Fräulein Read On, wann bringen Sie denn ihren Kuchen?“- der kann ja gar nicht anders als sich den Abend mit einer Cremetorte um die Ohren zu schlagen. Das Dorf hat zusammengelegt und schenkt der Frau des Krämers und ihrem Gemahl eine Flussschiffahrt auf der Donau. Der Flieder für Madame wird frisch geschnitten und den Maiglöckchenstrauß aus dem Berliner Garten, den der Tierarzt der Tochter der Frau des Krämers seiner Tischdame nämlich überreichen soll, liegt schockgefroren im Gefrierfach damit er möglichst lange frisch bleibt.

Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Read On, ich schwöre Dir auf keinen Fall, kann ich mit dieser Tochter tanzen. Mir ist übel allein bei dem Gedanken Sie bei den Armen fassen zu müssen. Ich will nicht, alles, wirklich alles in mir sträubt sich einen ganzen, langen Nachmittag neben dieser Person mit ihren schauderlichen Witzen, ihrem enormen Appetit, ihren kleinen, gemeinen Augen und ihrer schadenfrohen Mutter zu verbringen. Ich konnte sie noch nie ausstehen, alles an ihr ist mir widerlich, und wenn ich mir vorstelle wie sich ihr Busen in meine Rippen drückt, wird mir schlecht und ich muss mich bestimmt übergeben. Ich habe dieser Person nichts zu sagen und ich will und will und will nicht mit ihr tanzen. Dann atmet der Tierarzt ein- und aus und sieht mich an: „Wir brauchen einen Plan.“ Ich ordne meine Knie, entknäule meine Füße und suche meinen linken Ellenbogen. „Ich brauche einen Tee“, sage ich. Fünf Minuten später komme ich mit zwei dampfenden Teetassen zurück und krieche wieder unter das warme Bett. Der Tierarzt lehnt gegen das Fußende und streckt seine Füße an meine Rippen. Ich puste zweimal über die Teetasse und seufze. Der Tierarzt seufzte auch und sagt noch einmal: „Wir brauchen einen Plan.“ Gut, sage ich und schlürfe Tee, lass mich dir eine Geschichte erzählen und wenn du findest, sie taugt dir nicht, dann gipse ich dir den Fuß ein.“ Der Tierarzt nickt und ich erzähle:

„Vor vielen Jahren zog ein Mädchen aus einem fremden Land in die große Stadt Berlin. Es war mittelgroß und sehr, sehr dünn. Hennaschwarz gefärbte Haare und alle Tage und Nächte war sie in dicke wollene Strickjacken gewickelt und am liebsten dazu noch in ein dickes, wollenes Tuch. Gelächelt hat das Mädchen kaum. Geld hatte das Mädchen auch nicht. Deswegen arbeitete das Mädchen als Nachtschwester in einer ziemlich großen Klinik in Berlin. Denn sie hatte ihrer Großmutter versprochen sich eine Erziehung angedeihen zu lassen und das hieß zunächst einen höheren Schulabschluss zu erlangen. Das versuchte das Mädchen tagsüber. Freunde hat das Mädchen kaum und einen Freund hatte das Mädchen erst recht nicht, denn niemand verliebt sich in verschlossene Schatten, die in noch größeren Strickjacken verschwinden. Mädchen müssen schön sein und leuchten und schillern, das wusste das Mädchen da schon. Auf der Station auf der sie arbeitete, aber hatte mit ihr ein junger Assistenzarzt angefangen. Blonde Locken und grüne Augen, und glänzende Aussichten wie selbst der ewig mürrische Oberarzt anerkennend feststellte. Natürlich verliebten sich alle Ärztinnen, selbst diejenigen die fünf Kinder hatten, Krankenschwestern, und Patientinnen in den aussichtsreichen Assistenzarzt. Das Mädchen war in jenen Jahren zu müde sich zu verlieben, aber auch das Mädchen sah dem schönen Assistenzarzt, der so schien es auch in den längsten Nächten nicht müde wurde, hinterher. Chancen hatte sie sich keine ausgerechnet und so fiel das Mädchen aus allen Wolken als eines Tages der Assistenzarzt zu ihr kam- das Mädchen desinfizierte gerade Nierenschalen- und  es zum Tanz in Clärchen’s Ballhaus einlud. Das Mädchen war sich sicher, es hätte sich verhört. Aber auch auf zweimalige Nachfrage hin, blieb der junge Arzt bei seinem Entschluss mit dem Mädchen am Samstag Abend tanzen zu gehen. Das Mädchen sah in den Spiegel und schüttelte sich. Es wickelte sich aus den Wolljacken und dem dicken Tuch. Es blickte seufzend in den Kleiderschrank. Damals hatte das Mädchen nicht genug Geld einfach so ein neues Kleid zu kaufen und so schlüpfte das Mädchen in einen indischen Sari, den das Mädchen von einer indischen Patientin geschneidert bekommen hatte. Bevor es vorsichtig auf dem Fahrrad durch Berlin zu Clärchen’s Ballhaus fuhr, kaufte es einen Maiglöckchenstrauß, denn die Großmutter des Mädchens, die ihm versicherte, es sähe fabelhaft aus in dem bunten Sari, sagte es sei gute Sitte einem Verehrer Maiglöckchen mitzubringen. Als das Mädchen ihr Rad vor Clärchen’s Ballhaus anschloss, war vom Assistenzarzt nichts zu sehen. Das Mädchen bestellte eine Limonade und wartete. Es wartete sehr lange. Zwar kamen immer wieder Männer vorbei, die das Mädchen in ihrem Sari verlachten aber der junge Arzt mit den grünen Augen kam nicht. Irgendwann begriff das Mädchen, das der Arzt nicht mehr kommen würde. Es schlich aus dem Garten des Ballhauses heraus und setzte sich auf den Bordstein, die zerknitterten Maiblumen hielt es noch immer in der Hand. Das Mädchen weinte und dann warf es die Maiglöckchen in den nächstbesten Mülleimer. Schluchzend traf das Mädchen zu Hause ein. In der folgenden Nachtschicht, das Mädchen stand auf einem Tritt in einem Vorbereitungsraum und suchte nach Medikamentausgabeschalen, die Tür war nur halb angelehnt. Der junge Arzt stand mit drei anderen Kollegen vor der Tür. Er lachte lauthals. Auf einer Digitalkamera zeigte er den Ärzten offenbar amüsante Bilder. „Damit habe ich die Wette gewonnen“, johlte er. Auf den Bildern war das erst wartende und dann das auf dem Bordstein schluchzende Mädchen zu sehen. „Hat die doch wirklich geglaubt“, sagte der junge Arzt, „ich würde mit so einer Vogelscheuche ausgehen!“ Wieder lachten die Ärzte laut und vernehmlich. So was Ungef*cktes habe ich noch nie gesehen. Wer Erbsen statt Brüste hat, muss sich ja auch nicht wundern.“ Dann johlten die Männer weiter über die naive Trutschen, die nach Armut röche und noch dazu ein albernes Nachthemd- den Sari- trüge. Niemals prahlte der junge Arzt mit den schönen, grünen Augen würde er so erbärmlich dran sein, mit so einer tanzen zu müssen. Das Mädchen aber war unterdessen vom Tritt heruntergestiegen und öffnete die Tür. Die Ärzte sahen entsetzt auf. Die Digitalkamera polterte zu Boden. Aber das Mädchen ging einfach weiter und teilte die Medikamente aus. „Das Mädchen, Tierarzt sage ich, war niemand anders als ich selbst.“ Dann trinke ich den Rest Tee aus. Der Tierarzt aber sieht mich nicht an. „Wenn Du ein Gipsbein willst, sag Bescheid.“

Dann gehe ich ins Bad wasche mir die Haare, suche die Skiunterwäsche, die ich unter dem Kleid tragen will, schneide Flieder im Garten, telefoniere mit Schwesterchen und meiner lieben C., trinke Milch mit Kaffee, arbeite für zwei Stunden und lese die Zeitung. Der Priester kommt herüber und braucht Hilfe beim Krawattenknoten. Der Tierarzt aber hat noch immer nichts gesagt, doch dan nimmt  er den Maiglöckchenstrauß, ich die Torte und der Priester den Flieder. Dann gehen wir ins Unterland hinab. Die Frau des Krämers trägt ein Ungetüm aus roter Seide genau wie ihre Tochter, beide strahlen wie Honigkuchenpferde. „Ach, unser Tierarzt“ rufen sie unisono. „ Er freue sich sehr, dass Sie seine Tischdame sei, höre ich den Tierarzt noch sagen und sehe, wie er der Tochter der Hauses die Maiglöckchen überreicht.
Dann spiele ich „Happy Birthday to you“ auf dem Keyboard. Das Dorf singt geschlossen, die Frau des Krämers lässt sich auch durch das schollernde „Muhahahahaha“ des Keyboards nicht davon abhalten Tränen der Rührung zu verdrücken.

Ein kurzer Blick ins Paradies

Der Jenaer Bahnhof heißt Paradies. Das Paradies hat viele Treppenstufen, einen Getränkeautomaten und zwei Bänke auf jedem Gleis. Auf den Bänken im Paradies sitzen gelangweilte Jugendliche und schnippen Asche von den Zigarettenspitzen und aus ihren Telefonen kracht Musik, die vom Leben aus der Bronx erzählt. Ein Paradies ist das nicht. Wir stehen. Ein Mann will eine Cola aus dem Automaten ziehen, der Automat im Paradies gibt nicht nach. Der Mann flucht, der Automat kichert hämisch. Andere Automaten, denkt er wohl, mögen sich von einer Schlange, die durchaus als Reisender verkleidet vorbei kommen mag, austricksen lassen, aber ich nicht, niemals, nicht heute und auch nicht an einem anderen Tag. Der Mann flucht. Der Automat macht ein gelangweiltes Gesicht. Er sucht nach einer Zigarette und findet keine. Ein Ehepaar schimpft über faule Bagage und meint die Jugendlichen. „Für das Paradies gibt es keine Alterschbeschränkung“ sage ich als der Mann endlich für einen Moment aufhört zu geifern. „Komm Hilde, wir gehen“, schreit er seine Frau an. Aber er geht gar nicht wirklich, sondern zieht nur seine Frau und seinen Koffer hinter den Getränkeautomaten. Vielleicht berät er dort weitere Schritte. Aber schon kommt der Zug und wir verlassen das Paradies.

Der Zug ist voll. Der Zug ist außerhalb des Paradieses falsch zusammengesetzt wurden und jetzt irren Menschen durch die Wagen und halten sich an ihrer Platzkarte fest. Der Rentner und seine Hilde hört man am Lautesten schreien. „Rechtsanspruch“ schallt es und „sich beschweren“. Ich wundere mich über darüber, wenn Menschen im Konjunktiv sprechen und dabei schon seit fünfzehn Minuten nichts anderes tun, als was sie in den Atempausen ununterbrochen ankündigen. Hilde jedenfalls will ihren Mann besänftigen, der aber will schreien und herrscht nun auch sie an: „ Du verstehst davon doch sowieso nichts.“ Der Schaffner wiederum versteht nicht, warum der Mann noch immer schreit, wo er ihm doch zum dritten Mal darauf hinweist, dass er sich sowohl in Wagen 23 und vor dem Plätzen 67 und 69 befände und doch bitte Platz nehmen möchte, denn die anderen Reisenden wollten doch auch noch einen Sitzplatz suchen. Der Mann also setzt sich noch immer geifernd hin, schon ist der Schaffner weitergegangen, doch noch immer tönt es: „mich beschweren“ und „Rechtsanspruch“ aus der Reihe vor mir. Vielleicht hat der Rentner ja in seinem Bauch eine Aufziehuhr und immer, wenn er die Einstellung“ Ärger & Behördenkram“ drückt jodelt es für 60 Minuten aus seiner Mitte?

Ein kleiner Hund hat seine Besitzerin verloren und läuft hektisch kläffend vorwärts und ruckwärts. Der Rentner endlich verstummt hat eine neue Quelle für Geschrei gefunden: „Verboten, absolut verboten“, da kommt die aufgeregte Besitzerin in den Wagon gestürmt: „Ach Spatzl“ ruft sie und der Hund rast voller Begeisterung auf die Dame zu, die ihre Arme so weit auf macht, als erwarte sie die Tochter, die von einer langen Überseereise endlich zurückgekehrt ist. Schön sieht sie da aus in ihrem hellen Sommerkleid, das mit großen Rosenblüten bedruckt ist und schon hält sie den kleinen Wuff in den Armen. Wir alle wischen uns Tränen aus den Augenwinkeln, denn Geschichten mit gutem Ende und einem fröhlichen Hund in den Armen sind immer die schönsten Geschichten. Nur der Rentner muss bellen: „Maulkorbpflicht.“ Aber da ist die Frau schon mit weiten, schwingenden Schritten aus seinem Blickfeld entschwunden. Schräg links von mir sitzt ein Ehepaar, die bis Hamburg-Altona fahren. Sie klagen über die unmenschliche Hitze und finden den Zug überhitzt, da hole ich gerade meine Strickjacke aus dem Rucksack heraus. Aber der Mann ist fest entschlossen, es mit 27 Grad aufzunehmen. Erst schickt er seine Frau in die Zugtoilette, die darf dort Herrenschneuztücher befeuchten ( gleich vier, denn man weiß ja nicht, ob das Klo dann nicht ständig besetzt ist, nech Mudding!) Bevor die beiden sich aber die befeuchteten Schneuztücher auf die Stirn legen können, hat der Mann noch eine zweite findige Idee. Er spannt einen mit vielen, kleinen bunten Pünktchen bedruckten Regenschirm auf und positioniert ihn vor dem getönten Fenster. Mögen die Fensterscheiben auch getönt sein, hier verlässt man sich allein auf sich und den guten, festgeklemmten Schirm. Zwar müssen der Mann und seine Frau zusammengeduckt und eng aneinander gepresst, schwitzend unter dem Regenschirm ausharren, doch immerhin können sie sich die triefend- nassen Schneuztücher auf die Stirn legen. Es ist noch weit bis Altona.

Mir gegenüber sitzt ein Mann mit weißem Bart und festen Wanderstiefeln, seinen Koffer hat er zwischen die Beine geklemmt und mir scheint diese Sitzhaltung denkbar unbequem. „Da vorn“ sage ich also, „ können Sie Ihren Koffer in ein Gepäckfach tun.“ Der Mann sieht mich an als raubte ich ihm sein Erstgeborenes und umklammert den Koffer noch fester. Das Verhältnis des deutschen Reisenden- ich vergesse es immer wieder- ist ein äußerst Intimes. Immer vermutet man die Leute hätten sieben Kilo Silber und die großmütterlichen Perlenohrringe eingepackt, so besorgt sind sie um den Koffer, das er nicht zwei Meter von ihnen entfernt stehen kann. Ich zucke mit den Schultern und drehe meine Knie nach links, denn ich finde es keineswegs heiter und schön nur zehn Zentimeter für meine Beine zu haben. Das Buch auf dem Schoß langweilt mich obwohl die Lieblingsbuchhändlerin es mir so empfohlen hat, müde erzählt bin ich nach dem langen Tag und ein wenig dämmere ich so vor mir hin. Ich denke an eine Zugfahrt zwischen Neu-Delhi und Lucknow, da landete mein Überseekoffer auf dem Dach und gänzlich unbesorgt verbrachte ich viele Stunden ohne Gepäck beschwert, aß reichlich vergnügt Pistazien und schlürfte einen Becher Chai nach dem anderen, denn eine Frau erzählte eine sehr verwickelte Geschichte eines Paares, die sich auf einer noch viel längeren Bahnreise als dieser verliebt und auf einem Bahnhof, er war nur eben auf den Perron getreten, um sich während einer schon zwei Stunden dauernden Zwangspause des Zuges die Beine zu vertreten, da fuhr der Zug einfach an und so er auch noch dem Zug hinterherjagte, er war entschwunden und leider musste auch ich als die Geschichte an dieser Stelle angekommen war den Zug verlassen und weiß noch immer nicht, ob sich durch eine Fügung der G*tter oder der indischen Bahn doch noch alles ins Gute wandte. Mein Koffer aber wurde in Lucknow mit Hilfe einer Holzstange vom Bahndach gezogen und die D. würde in dem nur ein ganz klein wenig geknitterten, importierten Kleid aus Berlin heiraten. Als ich aus dem indischen Dämmerschlaf erwache, streiten sich der ärgerliche Rentner und seine Hilde, ob wohl erst Südkreuz oder Spandau käme, er baldowert: „Spandau.“ Sie beharrt auf Südkreuz, ich hangle nach Rucksack und Tasche, der gepunktete Regenschirm indes hat sich ungünstig zwischen Klapptisch und Brillenbügeln des überhitzten Ehepaars verfangen. Auch diese Krise aber verpasse ich, denn inzwischen hat der Zug Südkreuz erreicht. Der Rentner schimpft, dass dies nicht sein könne, und nur an den verdrehten Wagen liege, er würde sich in Berlin doch auskennen. Hilde lacht triumphierend und mein Sitznachbar umklammerte, weiterhin fest entschlossen seinen Koffer gewillt diesen auch gegen Berliner Reisende zu verteidigen. In Berlin wartet zwar nicht das Paradies, aber der F. mit einem Pistazieneis für mich.

Das Fräulein Read On spricht über Sex

Bekanntlich ist nichts schauderhaft als Menschen, die sich selbst über den grünen Klee loben und ihre Weltrettungsphantasien immerzu heraus zu posaunen. Das ist fast genau so anstrengend wie die langen Dia-Vorträge von Onkel über den Besuch einer alten Höhle in Zypern, in der einmal der Bruder des Ajax lang und herzhaft gegähnt haben sollte. Gegähnt haben vor allem wir und ich schlief auf dem Schoß meiner Großmutter ein. Trotzdem kann ich nicht verneinen, dass auch ich eitel und selbstgefällig bin und mit 19 Jahren glaubte ich fest daran, dass die Welt nur auf ihre Rettung und damit auf mich warten würde. Natürlich habe ich mich krachend geirrt und die Welt drehte mir eine lange Nase. So lange aber, seit dem ich damals in Indien begann zu arbeiten, beschäftigt mich Sexualaufklärung oder besser noch seitdem habe ich nie wieder aufgehört über Sex zu reden, zu arbeiten und über die Prävention sexueller Gewalt nachzudenken. Ausgerechnet ich, die immer unglücklich Verliebte. Manches ändert sich eben nie. Vieles ändert sich doch. Auch ich bin nicht mehr dieselbe, mein 19 Jähriges Ich ist mir irgendwann einmal verlustig gegangen und sitzt vielleicht irgendwo in Darjeeling und schreibt Gedichte. Seit dem ich aber eine Aufklärungssprechstunde für Flüchtlinge und vornehmlich Männer anbiete, aber lebe ich noch einmal anders mit diesem Thema und in Deutschland im Jahr 2017 lebt man nicht besonders gut, macht man Sexualität und Flüchtlinge zu seinem Thema. Ungefähr 200 Emails in der Woche bekomme ich, die mir versprechen, dass die Welt ein besserer Ort sein würde, läge mein Kopf abgeschlagen auf dem Trottoir. Was sich gegen die Wut und gegen den Wunsch die Welt am liebsten anzuzünden tun lässt, weiß ich nicht. Dagegen bräuchte es wohl viele Neunzehnjährige, das bin ich nicht mehr. Aber wenn Sie mir für 8 Minuten zuhören mögen, warum ich glaube das Aufklärung für uns alle gut ist, dann können Sie das hier tun.

Sie können aber auch und voller Verärgerung dreimal im Kreis laufen und rufen: „Pfui, so ein eitles Fräulein!“ Sie hätten natürlich Recht, oder besser noch sie bleiben in der Sonne liegen und lassen die Welt, Welt sein. Ich würde es Ihnen niemals verdenken.

Auf der Suche nach Thomas Mann-Polling

IMG_2101

Dorfkern 

Endlich also gehen wir nach Polling hinein. Vorbei an vielen, immer gleichen Häusern und einem der wenigen Bauernhöfe. Die Kühe sehen uns verwundert an, wir wünschen gutes Wiederkäuen und niemals ganz habe ich aufgehört mich zu wundern, nicht nur auf dieser Wanderung, sondern immer wieder gefragt, warum in den Dörfern keine alten Scheunen und Bauernhäuser mehr stehen, sondern nur mehr glatte Häuser ohne Gesicht und dafür mit zwei Garagen. Keine Blumengärten, sondern meterhohe Koniferen und nirgendwo Klaviermusik, Kinder lachen oder auch nur ein Hofhund der im Sonnenlicht schläft. Dann aber habe ich keine Zeit mehr mich zu wundern, denn schon stehen wir vor der Kirche St. Salvator in Polling mitten auf dem alten Dorfplatz, der leider heute Parkplatz ist. Aber noch immer, noch heute dominieren Kirche und das Kloster der Augustiner, das seit 1100 in Polling ansässig ist den Ort. Keineswegs war der Ort immer abgelegen und schwer zu erreichen, im 18. Jahrhundert schon hatte Polling eine Sternwarte, der Bibliothekssaal noch immer ein Kleinod hatte 80,000 Bände vorzuweisen und die erste wissenschaftliche Zeitung Bayerns wurde hier im „Pfaffenwinkel“ herausgegeben. Erst das Jahr 1803 machte der Blüte ein Ende und die Schließung des Bahnhofes 1984 macht Polling zu einem vergessenen Winkel. Niemand steht wohl auch darum neben uns auf dem Kirchhof und sieht zur Inschrift hinauf: Liberalitas Bavaria lesen wir, ein Erinnerungsschild an die Liberalität, die Freigeistigkeit die ebenso bayerischer Wesenszug sein soll wie Trachtenverein und Blasmusikkapelle. Ein Motto, welches man nicht ohne den Wunsch lesen kann, dass auch diejenigen die dröhnend laut fordern sich hier erinnern, dass die Freiheit und die Freigebigkeit Geschwisterkinder sind.

Hergekommen aber sind wir nicht allein des Kirchturms, des gluckernden Baches und der Klosteranlage wegen, sondern weil Thomas Mann seinen letzten großen Roman Dr Faustus in weiten Teilen in Pfeiffering also in Polling spielen lässt und dieses Buch wie kaum ein Zweites mich verändert hat. Wie oft habe ich mit Else Schweigestill, deren Vorbild Katharina Schweighart sich um Thomas Manns Mutter Julia bemühte auf Adrian Leverkühn und Rüdiger Schildknapp gewartet, die mit dem Rad nach Polling fuhren und dort Limonade und Pfundskuchen bekamen. Als ich ein Mädchen war vor vielen Jahren und das Buch zum ersten Mal las, weit weg von Deutschland, da schien mir im Wort Pfundskuchen alles zu liegen, was Deutschland war, Pfundskuchen das schmeckte beim Lesen nach Sommer, nach einem Kuhhirten, nach dunklen undurchdringlichen Wäldern, nach einem Weiher in dem die Nymphen wohnten, nach herber Luft und kühlen Tonkrügen, einen Pfundskuchen in dem lag die große Verheißung und doch auch etwas was ich nicht deuten konnte, etwas so exotisches, fremdes, etwas Verlorenes und niemals habe ich selbst ein Stück Pfundskuchen probiert.

 

IMG_2121

„Haus Schweigestill“-Wohnort Adrian Leverkühns und Domizil Thomas Manns in Polling 

Nach dem verhängnisvollen Zwiegespräch im Steinernen Saal schließlich bezieht Leverkühn dieses Genie im Unglück die Abtsstube und ein Zimmer im Oberstock und auch wir wenden uns von der Kirche hinüber zu jenem Hof in dem zuletzt auch der Teufel die Seele des Komponisten holen würde. Ich krame in meiner Tasche nach dem Buch, der F. schaut über den Gartenzaun, denn das Haus, welches im Roman der Familie Schweigestill gehört liegt verborgen und abseits hinter blühenden Hecken. Da kommt eine Frau aus der Pforte und grüßt uns sehr freundlich. „Seit’s ihr wegen dem Thomas Mann da?“ Wir nicken begeistert und ehe wir uns versehen, sitzen wir schon im Nike-Saal, wo tatsächlich eine Nike-Figur auf dem Schrank steht, ein Klavier im Eck und wirklich hier hast es wohl stattgefunden das Ende des Tonsetzers, der Wegbegleiter hierher eingeladen hatte- Freunde hatte Leverkühn wohl nie gehabt, denn auch Serenus Zeitblom war ihm wohl ergeben, aber ein Freund, war er ihm denn auch ein Freund? Dr Fausti Weheklag so hieß das Stück, das ihm unter den Händen versagte, und ein Gast nach dem Anderen verließ den Saal, ließ Adrian Leverkühn im Stich und schließlich kam er der Speivogel und holte sich mit kalten Händen die arme Seele. Es ist die gute Seele, Else Schweigestill, die schließlich die Umstehenden angeht: „ Macht’s daß weiter kommt’s alle miteinand. Ihr habt’s ja ka Verständnis net, ihr Stadtleut, und da g’hert a Verständnis her.“ Die Frau , die uns hereinbat in ihr Wohnzimmer und uns die Absstube zeigte, und auch die wunderschöne, alte Küche, sie ist eine Schwester im Geiste, sie hat ein Verständnis und erzählt von ihrem Leben mit Adrian Leverkühn diesem Hausgeist, der immer im Schatten im Eck sitzt und sie bewegen sich vorsichtig mit der Geschichte und den Geschichten, die in Haus und Dorf mehr oder weniger sichtbar verborgen liegen. Gerettet ,erzählt sie aber hat das völlig verfallene Gebäude niemand aus dem Dorf, sondern vor Jahren ein junger Mann aus München, der einen Platz für seine Oldtimersammlung suchte und das Anwesen in Polling entdeckte und es restaurierte. Noch immer fährt der nicht immer junge Mann über die Dörfer sucht alte Schindeln, Türblätter und Dielen. So ist die Rettung des Hofes Schweigestill einem Mann zu verdanken, der Autos repariert, nachbaut und mit zähem Mut nichts gab auf die Meinung jener, die glaubten der Vierseithof sei am besten dran, wäre er planiert. Ein Autoliebhaber also als Bewahrer und ein Ehepaar, die völlig fremde Menschen in ihr Haus bitten, offen und zugewandt und nach fünf Minuten schon sind wir keine Fremden mehr, sondern stecken schon mitten im Buch, in den Figuren und bedauern das fürchterliche Ende des kleinen Nepomuk Schneidewein, dem engelhaften Kind, das alle Welt nur Echo rief. Denn wie das so ist, man mag Häuser suchen, aber findet Menschen und ihre Geschichten.

 

Dann aber offene Türen soll man nicht überstrapazieren, wenden wir uns der anderen Seite des Dorfplatzes zu. Im weißen Haus gegenüber wohnte Julia Mann, ab 1903 immer öfter und schließlich ab 1906 dauerhaft. Eine Idylle aber, die es doch eigentlich ist, mit rauschendem Bach und dem Kirchturm gegenüber hat es hier nie gegeben, denn im Juli 1910 nahm sich ihre Tochter Carla, kaum 29 Jahre alt das Leben. Nachgestellt ist dieses entsetzliche Szene im Buch und es ist Clarissa Rodde, die im Schlafzimmer ihrer Mutter mit Gift gurgelt und tot auf dem Kanapee gefunden wird. Julia Mann wird den Tod ihrer Mutter nicht verwinden und das Dr Faustus kein heiteres Buch ist, sondern eine Geschichte an Abgründen reich, kann nicht überraschen. Wir aber folgen dem Wanderweg, der vor einigen Jahren in Angedenken an Thomas Manns Leben und Werk eingerichte wurde. Vom Ammerberg aus sehen wir auf das Dorf und den Kirchturm hinunter. Eigentlich ist es noch zu kühl aber trotzdem wir fallen ins Gras, der F. zählt Wolken und ich lese ihm vor. Schließlich dräut ein Gewitter, aber die dunklen Wolken lassen uns einmal aus. Stattdessen Vogelgesang, ein stiller Weiher, grasende Kühe, von fern die Alpen, grün wiegen sich die Wipfel im Wind und für fünf Kilomter wandern wir noch einmal durch ein Deutschland, das es nicht mehr gibt und vielleicht auch nur in einem Schreibtisch in Pacific Palisades erfunden wurde als schimmernder Abglanz mit unergründlichen Tiefen, die sich in Pfeiffering, auch Pfeffering gennant, eigentlich aber Polling verdichtet haben, noch immer, noch heute.

Polling liegt abseits der Wege, dennoch es lässt sich kaum ein schönerer Sonntag als dort verbringen. Von München aus mit der Bahn nach Weilheim ( am Wochenende gibt es keinen Busverkehr zwischen den beiden Orten.) Wir wanderten zu Fuß die 3, 7 km auf dem Prälatenweg nach Polling. Der Dr Faustus Wanderweg, der im Ort beginnt, umfasst 5 Kilometer und bietet Ausblicke und Geschichten. Im Wirtshaus des Ortes gibt es mannshohe Torten und sehr guten Apfelstrudel.

Wie immer gilt: selbstbezahlt, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

 

Unterwegs zwischen Weilheim und Polling.

IMG_2091.JPG

Weilheim, Marktplatz 

Um 6 Uhr 30 ziehe ich vorsichtig an der Zehenspitze des ehemaligen, geschätzten Gefährten der selig schläft. Der F. knurrt wie ein alter Kettenhund und schlägt dann doch die Augen auf. „ Warum murmelt er, kann man mit dir nicht ein einziges Mal etwas wie normale Menschen machen? Ausschlafen und dann in der Sonne sitzen? „F. sage ich, mach schon, der Zug fährt bald.“ Der F. rappelt sich müde hoch und verschwindet knurrend im Badezimmer. „Ein Wanderer bestimmt der F. braucht sich nicht rasieren.“ Ich nicke. „Soll sein“ sage ich und der F. schlüpft gähnend in blaues Hemd und derbe Schuh. „Wir werden einregnen“ knurrt der F. noch immer finster und sieht auf die regennasse Straße. „Ach was sage ich, da hinten wird es schon heller.“ Was der F. darauf erwidert, das will ich lieber nicht wiederholen. Haidhausen schläft noch und der F. gähnt demonstrativ. Der F. findet die U-Bahnwagen alt und gräulich und äußert seine Meinung zum Zustand der Münchner Verkehrsbetriebe so laut und deutlich, dass ein Mann mit gewaltig, gezwirbeltem Schnurrbart verächtlich zu uns herübersieht. Den Bahnhofscafé findet der F. verwässert und das Kipferl behagt ihm nicht, zu wenig Nussfüllung und zu viel Streuzucker. Dann geraten wir in eine Gruppe gestrandeter Junggesellen, die ihre Trunkenheit zu rosa Tutus über schwarzen Jeans tragen und mehr taumeln als gehen, einer der Herren speit dem F. vor die Füße. „Du bist schuld“ war noch einer der harmlosesten Bemerkungen. „Weißt Du das Du mich einmal heiraten wolltest F.?, sage ich. Der F. schüttelt den Kopf: „ Ich habe nie aufgehört dich heiraten zu wollen“ erwidert er, nur Du wolltest mich nicht heiraten.“ Ich verzichte darauf den F. an die Umstünde seines Heiratsersuchens zu erinnern. Dann kommt der Zug. Der F., sieht sehr gierig auf meine Butterbrezel. „ Magst Du die Hälfte? Der F. knurrt Zustimmendes und ich reiche die Brezel weiter. Aber auch die Brezel findet wenig Gnade: „Die Butter ist ja kalt und steinhart“ klagt der F. und ich seufze. Aber was ich nicht kann, können ab Starnberg die Alpen und F. eben noch grummelnd und finster die Brauen verziehend, strahlt. Wir Flachländler kennen das ja nicht: Schneebdeckte Berge und F. strahlt und drückt die Nase ans Fenster und schwärmt vom Alpenland. Ich atme aus. Vergnügt ißt F. die Laugenbrezel, trinkt meinen Kaffee gleich mit aus und wenigstens einer von uns beiden erreicht wohlgestärkt Weilheim.

IMG_2090

Kirchturm 

Gerade läuten die Glocken zur Messe und wir eilen zur Kirche Mariä Himmelfahrt, denn unsere Wanderungen durch Deutschland haben uns eins gelehrt: will man in eine Kirche, dann gelingt das am Besten wenn Messe ist, denn fast immer rüttelt man vergeblich an den schweren Kirchentüren und so sitzen auch wir in den Kirchbänken. Mit uns sitzen dort nur alte Leute. Frauen trotz der schwülen Wärme mit Wollhüten und die Männer tragen schwere Janker. Prächtig ist die Kirche von Innen. Glitzer und Gold und mitten im Kirchschiff eine goldene Uhr. Ob sie wohl die Gläubigen an die nimmermüde Sanduhr die unser Leben bemisst erinnert, oder den Pfarrer an den Fortgang der G*ttesdienstes mahnt, weiß ich nicht. Der F. jedenfalls singt dröhnend und freudig die angeschlagenen Lieder. Leider wird das Ganze auf dem Keyboard begleitet und niemand spielt auf der schönen Orgel. Immer habe ich das am F. bewundert, seine Fähigkeit nämlich an jedem Ort, sich unmittelbar hineinversetzen zu können und immer ist es als sei F. in Weilheim der Vorsitzende des Männergesangsvereins. Der Priester wird später bedauern, dass der F. nicht etwa in Weilheim lebt, sondern im g*ttlosen Berlin, auch die Frau des Krämers die es wohl in jedem Ort gibt mache ich aus, eine energische Person, die jedem die Hand gibt, und sich ganz genau wie ihr irisches Pendant mit scharfem Blick auf die Wunden der Anderen stürzt. „Na, wie geht es denn dem Herrn Sohn?“ Noch einmal sehen wir zur Kuppel der Kirche hinauf, die ganz anders als St. Sylvester über dem Ort steht, und gerne schriebe ich dem Priester in Irland eine Karte, aber es gibt leider keine und die Geschäfte, die eventuell, unter Umständen eine Karte haben könnten, haben alle geschlossen. Geschlossen hat auch die erste Konditorei am Platze und vor den Häusern gibt es wenig Blumen aber dichte Gardinen. Wir aber drehen nur eine kleine Runde, sehen der hiesigen Frau des Krämers zu wie sie sieben Schritte vor ihrem Mann einherschreitet. Alles an ihr ist Würde und wohl kalkulierte Macht. Im Sportgeschäft des Ortes kann man gerne auch noch mit D-Mark bezahlen, im Brunnen kühlen wir uns die Hände, in der Bäckerei kaufen die Leute Semmeln und die Bild am Sonntag, die Eisdiele hat auch geschlossen und gerade stellt die Inhaberin des Cafés Rosalie die Stühle heraus. Nicht viel aber erinnert mehr daran, dass Weilheim für viele Jahre, ja Jahrhunderte fast das Zentrum der Schnitzkunst und Bildhauerei war. Hans Krumpper ist nur mehr ein Straßenname.

 

Wir aber wenden uns stadtauswärts, gehen ein bisschen irr, bevor wir dann doch den Prälatenweg finden, der auf direkter Linie und abseits der Autostraße Weilheim und Polling miteinander verbinden, denn immer schon seit ich vor vielen Jahren zum ersten Mal Dr Faustus in den Händen hielt, wollte ich einmal nach Pfeiffering auch Pfeffering genannt wandern, in das Polling also, das Thomas Mann sich zur Vorlage nahm für einen guten Teil der Lebens- und Leidensgeschichte des so unglücklich beladenen Adrian Leverkühn, dessen Genie eben nicht für sich stehen durfte, sondern im Bunde mit dem Teufel war. Ähnlich also, wenn auch zu Fuß und nicht mit dem Fahrrad, gehen auch wir wie einstamals Rüdiger Schildknapp und Adrian nach Polling herüber und wem auf dem Prälatenweg nicht das Herz aufgeht, ich glaube dem ist nicht mehr zu helfen in der Welt, denn schöner könnte es kaum sein. Eine lange gerade Straße, links und rechts blühende Wiesen, Streuobstbäume zu beiden Seiten, vor uns aber majestätisch im ewigen Eis die Alpen, geradewegs auf sie zu wandern wir, stecken uns Löwenzahn ins Haar und teilen uns Nussschokolade auf einer der vielen Bänke. Niemand außer uns beiden wandert die Strecke entlang, so können wir Lieder pfeifen, unsere Schatten jagen und schließlich ehe wir uns recht versehen, passieren wir schon das Ortsschild von Polling. Hoch steht die Sonne, obschon sich die Wolken dramatisch türmen es rauscht ein Bach und vorsichtig treten wir ein in einen Ort der Geschichten, der Geschichte und der Phantasie. Wie es uns aber in Polling erging, ob wir vielleicht sogar Else Schweigestill trafen und ob das Gewitter uns am Ende doch noch erwischte, davon sei morgen erzählt, denn für heute ist es genug.

IMG_2098