Eine Klasse für sich.

Müde bin ich und die S-Bahn ist übervoll. Zwar öffnen sich die Türen, aber viel zu oft ist die Luft schon ein- und ausgeatmet worden, als das der Wind Abkühlung verspräche. Schwer hängt die Tasche an meinem Arm, und nicht nur deswegen würde ich mich gern hinsetzen, sondern ich bin vor allem Aufklärungssprechstunden-Blutspenden-müde und lehnte mich gern irgendwo an. Aber nirgendwo ist Platz. Im S-Bahn Waggon nämlich ist eine jener vielen Schulklassen, die einen Ausflug nach Berlin machen. 14 oder 15 Jahre alt sind die Mädchen und Jungen und sie alle liegen kreuz und quer über die Sitze verteilt. Vielleicht macht die große Stadt ja müde Beine. Die Jugendlichen haben die Ohren verstöpselt und wie in wohl allen Schulklassen gibt es Paare, die trotz der Hitze wie ein Wollknäuel ineinander gewickelt sind und sehr demonstrativ knutschen: „Sehr her,so sieht die Liebe aus. Natürlich sehen alle hin, ohne hinzusehen. Ich überlege, ob ich wohl in der Tasche nach Kondomen graben soll, denn ich habe immer Kondome in jeder Tasche. Aber dann erinnere ich meines Neffens, der mich in die Rippen stieße und sagte: „Read On, Du bist so peinlich.“
Außerdem ist die Tasche so schwer und ich so müde. Das Paar knutscht also weiter, es ist schwer wenn man 14 ist und sehr verliebt und gleichzeitig aber auch sehr cool sein muss und so verhaken sich nicht nur Lippen und Zahnspangen, sondern auch die Kappe seiner Schirmütze mit ihrer Sonnenbrille. Gejaul. Verstohlenes Kichern der Mädchen, die eben noch neidisch über die Telefone hinweg das Stufenpaar bestaunten. Die Jungs, die keine coolen Kappen, sondern Socken in den braunen Sandalen tragen, lesen alle dicke Computerzeitschriften und dann und wann kursiert eine Flasche Spezi. Gesprochen wird wenig, nur dann und wann, etwa wenn die Flasche weitergereicht wird, raunt es: 48 RAM oder LINUX- irgendetwas und die anderen Buben nicken staunend.
Die Prinzessin der Klasse trägt ein weißes Sommerkleid und telefoniert mit einer Freundin. Sie telefoniert nicht, sie singt ein Klagelied: „Berlin sei voll öde, die Typen seien voll die Loser, die Jugendherberge schlimmer als der Knast und sie habe gleich gesagt man hätte nach Milan fahren müssen“ „Da geht es nämlich ab und hier sei alles scheiße. Die Schuhe hätte sie trotzdem gekauft. 200 Euro. Schnäppchen.“ Dann schnalzt sie Küsse durch das Telefon.
Die Mädchen, die gerade noch kicherten über die verunglückte Kusseinlage zeigen sich inzwischen ihre Einkäufe: Gelbe Plastiktüten von NANU-NANA: gebogene Strohhalme mit bunten Plastikfiguren, rührend fast schon die Kuscheltiere, die sie ein bisschen verschämt untereinander tauschen und vorsichtig betasten. Dann folgen lauter Schminktiegel, weil sie sich der Kuscheltiere-Hasen, Katzen und ein rotes Herz mit Berlin-Aufdruck- doch eigentlich schon schämen und nur Nachts wohl, wenn alles schläft vorsichtig nach ihnen tasten.
Aber nun begutachten sie nicht weniger intensiv als der Zirkel der Computerfreunde, die bunten Farbtöpfe und raunen: Ruuuuuschhh. Es liegt ja ein großes Versprechen in den Farben und den falschen Wimpern und den wilden Nagellackfarben. Die große Welt und die große Liebe und endlich auch einen richtigen Freund. Aufgeregt stecken die Mädchen die Köpfe zusammen und umklammern die Kuscheltiere für einen Moment noch einmal fester. Die anderen Mädchen umschwärmen die Klassenprinzessin. Sie haben keine Plastiktüten von NANU-NANA in den Händen, sondern ernsthafte, erwachsene Tüten: Calvin Klein und Victoria’s Secret mit einer schwarzen Schleife und raschelndem Seidenpapier. Sie tragen die Tüten so das wir alle die Aufschrift lesen können und nicht wenige von ihnen haben die Taschen stolz über den Arm gehängt, damit jeder auch lesen kann, was eine der Damen lauthals herausschreit: „Mein Papa hat gesagt, ich kann seine Kreditkarte zum Glühen bringen.“ Die Lehrerin starrt müde auf ihre abgetragenen, blauen Sandalen. Zwischen ihren Beinen steht eine H&M Tüte und kein Seidenpapier raschelt verheißungsvoll, ihr Haar klebt an der Stirn und mit etwas angekeltem Blick trinkt sie lauwarmes Wasser aus einer Aldi-Flasche. Die Prinzessinnen trinken wie auf Kommando Grapefruit-White Tea und besprechen die Problemhaut einer gewissen D., die scheint aber nicht bei ihnen zu sitzen. Die Lehrerin schließt die Augen.
Ihr Kollege ein bulliger Typ, der bestimmt bei der Bundeswehr war und dann doch irgendwie Sportlehrer wurde, trägt kurze Jogginghosen ( die gibt es wirklich ) ein T-Shirt mit der Aufschrift Drill-Instructor und eine verspiegelte Sonnebrille zum Dreimillimeter Haarschnitt. Er sitzt nicht. Er macht Stimmung. Die Computerjungs bekommen einen herzhaften Stoß und er baldowert: „10 Liegestützen!“ Die blassen Buben erschauern. Da lacht der Lehrer schallend. Es ist schwer zu sagen was er wohl lustiger findet, seinen Witz oder die erschreckten Gesichter der Jungs. Dann lässt er seinen Bizeps spielen und johlt über das Liebespaar, denn wer ein solch humoriger Charakter ist, der muss einfach zeigen, dass er es kann und brülllachend quäkt er: „NataschaundAndrésindvaaaaliebt.“ Die Klassenprinzessin rollt mit den Augen. Ihr Hofstaat tut es ihr gleich. Die Lehrerin kneift die Augen fest zusammen. Dann klingelt sein Telefon. Natürlich klingelt es nicht, sondern durch den Wagon tönt eine Polizeisirene. Er lacht wieder schallend bevor ein lautes: „Schatz!“ in den Hörer knallt. Schatz will einen neuen Grill anschaffen, aber er will nicht, dass Schatz einen Luschengrill anschafft und so wird das Thema vertagt. Er legt auf aber nicht ohne ein lautes „Weiber ey“ in die Luft zu knallen. Die Mädchen verräumen lieber schnell ihre Kuscheltiere und starren auf den Fußboden. Dann holt der Lehrer eine Trillerpfeife aus dem Army-Rucksack und pfeift aus ganzem Herzen. Der Pfiff ist so markdurchdringend, dass mir fast die schwere Tasche vom Arm rutscht, und auch das Stufenpaar entwirrt sich verschreckt. Allein die Klassenprinzessin bläst gelangweilt Kaugummiblasen in die stickige Luft. Die Lehrerin versucht sich zu erinnern, warum sie wohl Teil dieser Strafexpedition ist und dann brüllt ihr Kollege schon los: „Ansage! Essen fassen um 18 Uhr. Um 20 Uhr beginnt die Disco. „Jeder, ich betone jeder“ grölt er, „erscheint kostümiert.“ Ende der Ansage. Die Mädchen kichern aufgeregt und diskutieren Kostüme: Wonder Woman führt klar, und ist möglicherweise mit sehr viel Toilettenpapier auch zu realisieren.
Die Prinzessin und ihr Hofstaat legen die Reihenfolge der Bad- und Föhnbenutzung fest. Als was gehst du denn, fragt eine ihrer Zofen. „Sexy Lehrerin“ sagt sie und pinselt sich kirschrotes Lipgloss auf die Lippen. Der Hofstaat starrt sie neidisch an. Den Mitgliedern des Computerzirkels jedoch steht die Furcht vor dem Abend ins Gesicht geschrieben. Einzig das Liebespaar küsst sich unverdrossen weiter. Dann erreicht die Bahn den Bahnhof. „Abmarsch“ schreit der Lehrer und die Lehrerin zählt durch. Ihr Stimme ist so hart, wie ihr Gesicht müde. Dann aber pfeift der Kollege schon wieder und im untertunnelten S-Bahnhof demonstriert er den Schülern was ein Echo ist in dem er laut gröhlend plärrt: BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN, so dass uns allen die Ohren schallen. Die Prinzessin und ihr Hofstaat ist da schon vorgelaufen, das Liebespaar stolpert eng umschlungen hinterher, die Mädchen rennen kichernd zur Tür und nur der Computerkreis schlurft langsam hinterher: „Dalli, Dalli, schreit der Lehrer.

Der verschwundene Leuchtturm

Mitten in der Nacht wache ich auf. Etwas ist anders als sonst, aber mir will nicht gleich einfallen, was diese Nacht von anderen Nächten unterscheidet. Neben mir schläft leise seufzend der Tierarzt, eine Hand über seine Brust gelegt, so als wollte er sich selbst festhalten. Wer weiß, vielleicht segelt er gerade in unruhigen Träumen über ein wogendes, schäumendes Meer, und zwischen ihm und dem Felsen kantig und schiefergrau, nur er und sein Boot. Vor dem Bett schläft den Kopf auf die Pfoten gelehnt der Hund. Wie der Tierarzt so seufzt auch der Hund tief und mit gerunzelten Brauen. Mag sein, der Hund träumt von Enten im raschelnden Schilf, zu hören doch niemals ganz zu sehen, gut verborgen auch vor neugierigen Hundenasen. Aber was weiß was man schon über die Träume der Anderen? Aber dennoch etwas ist anders, der alte Reisewecker meines Großvaters, der schon seit vielen Jahren neben meinem Bettkasten tickt, ist es nicht, denn treu wie eh und je zeigt sein verblichener, einstmals grün schimmernder Zeiger auf dreiviertel drei. Auch der Bücherstapel, dem ich durchaus erhitzte nächtliche Diskussionen zutrauen würde, raschelt nicht einmal ein kleines bisschen mit den Seiten, sondern Buch auf Buch schläft tief und fest, selbst die London Review of Books, die doch des Diskutierens nicht müde wird, schlummert selig und ich drehe mich langsam und vorsichtig, um weder Tierarzt noch Hund aus den Träumen zu reißen, den tiefen Fenstern, die zum Meer zeigen zu. Dunkel ist es, aber auch das ist nicht ungewöhnlich, aber etwas ist ganz bestimmt nicht, wie sonst. Erst einmal aber angle ich nach dem Glas Wasser, denn immer tobt dieser Durst in mir und stets muss ich ein großes Glas Wasser in der Nähe haben, das leere Glas halte ich mir an die Stirn. Dann fällt es mir endlich ein, der Leuchtturm draußen vor der Küste, dessen warnender Schimmer doch kreisförmig in regelmäßigen Abständen durch unser Fenster fällt, ist nicht zu sehen. Zu dicht kleben die Wolken, als undurchdringlicher Vorhang gespannt vor dem Fenster, zu hart prasselt der Regen gegen die Scheiben und zu tief hat die Nacht ihre Arme über uns ausgebreitet, als das der Leuchtturm dort draußen im tobenden Meer noch bis zu uns heranreichen würde. Ein schwarzer Eimer voll Kohle, eine Wolkendecke aus Zement ist diese Nacht, selbst der Regen schimmert nicht blau, sondern läuft als sei ein Tintenfass umgestoßen worden über die Fensterscheiben hinab. Der Leuchtturm aber, den ich seit der ersten Nacht in diesem Haus jede Nacht sah, bleibt verschwunden, als hätte ihn die Nacht, der Regen oder die Wolken verschluckt. Immer war der Leuchtturm der Dreh- und Angelpunkt meiner Nächte, und in den ersten Nächten in diesem Haus und dem fremden Bett, sah ich auf Stunden zum Leuchtturm hinüber und überlegte, wer einem wohl die Richtung weist, liegt man plötzlich in einem fremden Leben, das nicht passt, nicht am Morgen und auch nicht in der Nacht. Damals lag niemand neben mir im stillen Zimmer, nur die Katze schlief unten auf dem Sessel. Der Tierarzt war mir nur ein ferner Begriff aus den Erzählungen der Frau des Krämers und ich war fest entschlossen, diesen merkwürdig abwesend-anwesenden Mann, der offenbar eng mit der Krämersfamilie verbandelt war, auf keinen Fall zu mögen. Lieber sah ich aufs Meer hinaus und mir war als zwinkerte der Leuchtturm mir aufmunternd zu. Aber der Leuchtturm bleibt heute Nacht verschwunden. Vom ersten Leuchtturm fernab indes vom Meer erzählte mir meine Großmutter, vielleicht begann ja so überhaupt die Geschichte der Leuchttürme, damals ich in ihren Schoß gerollt, ähnlich wie die Katze unten in meine Strickjacke, ließ ich mir erzählen von jenem Dichter Aeschylus, in dessen Orestie ein eigens bestellter Wächter einen Leuchtturm in Flammen stehen sieht. Ein Zeichen sollte dieser brennende Leuchtturm sein, ein Zeichen für das Ende des schrecklichen Krieges um Troja die stolze Stadt. Doch schon damals, sicher und geborgen an meine Großmutter gelehnt schwante mir, dass ein brennender Leuchtturm ein Zeichen des Unheils ist, ein brennender Leuchtturm ebenso wie ein verschwundener Leuchtturm irgendwo im Dunkel der Nacht ist die Hoffnungslosigkeit selbst. Und die Geschichte, die meine Großmutter mir erzählte, die Geschichte nämlich in der Clytemnestra, die Frau Agamemnon, Aegisthus zum Liebhaber genommen hat, ist eine jener Geschichten, die so sehr ins Dunkle führen, dass kein Weg mehr ins Helle hinaus führen kann und der Heimkehrende Agamemnon findet keine Heimat, keine Penelope, sondern seine Frau würde ihn schließlich im Bade- ob er dabei wohl auf den Leuchtturm sah?- in einem Netz gefangen wie einen schlüpfrigen Fisch. Mich schauderte, aber meine Großmutter fand man müsse den Dingen ins Auge sehen. Auf einen Leuchtturm hatte sie aufgehört zu warten und wie immer wollte sie auch mich leise warnen, und wie immer verstand ich es erst viele Jahre später, vielleicht lerne ich es auch erst in den Nächten, in denen der Leuchtturm verschwunden bleibt. Damals aber wollte ich mehr über Clytemnestra hören, und meine Großmutter erzählte mir von der berauschend schönen Helena ihrer Halbschwester und ich verstand genau, denn meine Schwester ist immer die Schöne gewesen, noch immer noch heute ist Schwesterchen ein ganz eigener Leuchtturm. Doch dann jener Abend, jenes Fest für Helden zu dem auch der König von Mykene, Agamemnon geladen war und er Agamemnon sah sie Clytemnestra . Er sah sie und fiel vor ihr nieder, so kann ein Unglück beginnen und sie sagte: „Steh doch auf.“ Sie dreht sich um und Agamemnon läuft ihr hinterher und sie legt dem weinenden König die Hand auf den Kopf. Ihr Mann kommt herbei und Agamenon der weinende König, schlägt ihm den Kopf ab, tötet ihren Sohn und zwischen den abgeschlagenen Köpfen, zwang er sie mit ihm zu schlafen. „Du siehst Kind“, sagte meine Großmutter, nicht kann einen auf das Unglück vorbereiten.“ Ich sehe noch immer in die Nacht heraus. Agamemnon so heißt schliff sie an den Haaren nach Mykene, erst kamen die Kinder, dann kam der Krieg. 10 Jahre dauerte der Krieg um die stolze Stadt Troja und zehn Jahre hatte Clytemnestra hatte zehn Jahre lang Zeit den Hass wachsen zu lassen und schließlich, das brennende Feuer und der Leuchtturm von Atreus taten ihr übriges hatte sie Agamemnon im Netz und mit einem Beil den Kopf abgeschlagen. Das war das Ende nicht nur von Agamemnon, sondern auch seiner Frau. Dann schwieg meine Großmutter und strich mir über das Haar. Ich malte brennende Leuchttürme und fürchtete mich sehr. Der Leuchtturm aber mitten in der irischen See bleibt verschwunden, manche Nächte erinnern sich vielleicht an jene Nacht, in der ein Wächter ein Feuer sah. Weiter fällt der Regen gegen das Fenster, der Tierarzt dreht sich zur Seite und fährt mit einer Hand in meine Haare, mag sein, dass das wogende Boot seiner Träume einen Anker braucht, der Hund auf dem Teppich schnarcht inzwischen, die Uhr tickt und als ich am Morgen aufwache, steht der Leuchtturm stark und fest inmitten der grauen, wogenden See.

Die Sache mit den Zahnbürsten

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Zahnbürsten mit Kappen für den Slum 

Neulich las ich einem jener Magazine in denen sehr gut aussehende Menschen davon berichten, wie Fehler sie zu stärkeren, besseren und immer erfolgreicheren Menschen gemacht hätten. Die Frauen, die da berichteten waren alle blond, trugen Perlenketten und sind heute CEO von irgendeiner Tech Company im Silicon Valley und die schlimmsten Fehler vermeidet wahrscheinlich ein Personal Assistant aus Harvard. Ich bin natürlich neidisch, denn ich bin nicht blond, Perlen sehen an mir selten gut aus und ich bin kein CEO von irgendwas, Fehler habe ich dafür schon so viel gemacht, dass selbst ein Harvard Graduate die Finger davon ließe und schöner, glücklicher und gelassener hat mich keiner der vielen Fehler gemacht. Angestrengt, und ausgelaugt haben mich die Fehler, die Fehler haben mich ängstlicher, verdrießlicher und verzagter gemacht, und oft war ich kurz davor alles hinzuwerfen. Ich Versager, ich ewiger. Einer dieser Fehler war die Sache mit den Zahnbürsten.

Damals als der S. und ich die kleine Slumklinik in einem sehr großen Slum in Indien gründeten fiels uns auf, dass nahezu alle Kinder nur noch verfaulte Zähne im Mund hatten und wenn dann auch die bleibenden Zähne nur noch schwarze Stümpfe waren, bekamen die Kinder, wenn sie Glück hatten eine Prothese, ein schauderhaftes, schweres Ding, das weder an den kindlichen Kiefer noch an die Lebensrealität der Kinder ( kein sauberes Wasser um die Prothese zu reinigen ) angepasst war. Wenn Sie Pech hatten, dann kauten sie eben auf verfaulten Zahnstümpfen. Der erste Fehler, den wir machten, war zu glauben, wir könnten die Kinder ohne die Eltern erreichen. Sprich, wir verteilten Zahnbürsten an die Kinder und erklärten wie man die Zähne putzt. Die Kinder waren stolz auf die in Cellophan eingeschweißten Zahnbürsten und wie Sonntagsschuhe bewahrten die Familien, die Zahnbürsten auf. Zähne geputzt wurden damit nicht. Nicht ein einziges Mal. Wir schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Dann wandten wir uns doch an die Eltern. In jeder einzelnen Sprechstunde führten wir vor, wie man sich die Zähne putzt. Die Eltern waren begeistert und nahmen die Zahnbürsten mit. Wir dachten, die Dinge würden schon ihren Gang nehmen. Die Dinge bewegten sich nicht.

Die Zahnbürsten waren Sonntagsschuhe: sorgsam gelagert und wann immer die Familien uns sahen oder wir Hausbesuche machten, führte man uns stolz die originalverpackten Zahnbürsten vor. Der S. und ich starrten verzweifelt an die Wand. Vor unseren Augen, vor Kartons voller Zahnbürsten, verfaulten also die Zähne der Kinder. Ich rief verzweifelt meine Großmutter an. Ich glaube 30 Sekunden für 7 Euro ( 14 DM!!):“Zahnbürsten wie Sonntagschuhe“ rief ich und sie antwortete: „Mach aus Sonntagsschuhen alte Latschen.“ Der S. und ich sahen auf die Berge voller Zahnbürsten vor uns auf dem Tisch. Dann endlich verstanden wir was der Fehler war. Wir hatten nicht begriffen, dass man Sonntagsschuhe eben nicht im Alltag benutzt und dann begannen der S. und ich allerlei Dinge im Slum einzusammeln, die den Menschen vertraut waren, angebrochene Kämme, Holzreste, all das was in Europa unter dem Wort Müll gefasst wird, aber dort im Slum sind es gebrauchte und benutzte Alltagsgegenstände. Am Küchentisch von Frau Rajasthani sägten wir die nagelneuen Zahnbürsten entzwei bohren eine Schraube unter den Zahnbürstenkopf und schraubten und leimten die Zahnbürstenköpfe auf die Holzstiele und Plastikkammenden. Frau Rajasthani schlug die Hände über den Kopf zusammen. Herr Rajasthani verzog das Gesicht und schämte sich der primitiven Armen im Slum. Aber vor allem schämten sich S. und ich, dass wir geglaubt hatten, es reiche schon etwas zu verteilen und schon sei alles erklärt. Immer erst, wenn etwas nicht funktioniert, realisiert man wie spezifisch Kulturtechniken einfach sind und wenn mir jemand ein Neem-Blatt hinhielte, wüsste ich noch lange nicht, wie ich mir damit die Zähne reinigte. Wir verteilten diesmal an Eltern und Kinder, die umgerüsteten Zahnbürsten, die jetzt nach Alltag und nicht mehr niegelnagelneu aussahen. Schließlich hatten wir auch verstanden, dass Zähne putzen nur mit sauberem Wasser Sinn macht und seitdem putzen die Kinder in der kleinen Klinik die Zähne. Wenn die Zahnbürsten dann lange genug in Gebrauch waren, begannen wir eine nach der anderen gegen die neuen Zahnbürsten aus den Kartons auszutauschen und schließlich wurden die Zahnbürsten so normal wie andere Alltagsgegenstände im Slum.

Eines Tages, als ich frühmorgens in die Klinik kam, fiel mir auf, dass in den Zahnbürsten lauter, kleine schwarze Insekten saßen und das die Zahnbürsten alsbald nachdem sie in Benutzung waren, unschöne, braune Stockflecken bekamen, die keineswegs gut für Kindermünder sein konnten und wieder hatten wir einen Fehler gemacht, denn in einem ohnehin extrem humiden Klima, Zahnbürsten offen stehen zu lassen, ist dem Erhalt von Zahnbürsten kaum zuträglich. Aber unser Budget reichte und reicht nicht aus, um für jedes der vielen Kinder, eine eigene Schachtel anzuschaffen. Wieder saßen wir mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Armen da und wussten nicht weiter. Über den vielen Fehlern, waren viele Zahnbürsten und mehrere Jahre ins Land gegangen, da putzte ich mir auf einer Flughafentoilette in Rom die Zähne und neben mir stand eine Frau, die ebenso ihrer Zähne polierte und die nachdem sie sich den Mund ausspülte, auf den Kopf ihrer Zahnbürste ein formidables Plastikkästchen schnappen ließ. Ich schluckte grünen Colgate Schaum herunter und die Frau schrieb mir auf, wo sie eine solche Zahnbürste erstanden hatte. Ich tanzte über den römischen Flughafen und der S., der tanzte mit. Seitdem also bestellen wir Zahnbürsten mit Plastikkappen und weil Kinder auch in einem Slum in Neu-Delhi genau so Dinge verlieren wie ihre Altersgenossen in Darmstadt oder Berlin, beauftragten wir eine Frau, die seitdem für uns die Plastikkappen so an die Zahnbürsten anbringt, das sie nicht sogleich wieder verloren gehen. Seitdem putzen die Kinder im Slum morgens wie abends mal mehr oder weniger murrend, die Zähne. Seit Jahren schon haben die Kinder nicht mehr schwarze Löcher dort wo eigentlich Zähne sind und die Kinder können genauso herzhaft in einen Apfel beißen, wie anderswo.

Es hat fast drei Jahre gedauert, uns an den Rand der Verzweiflung getrieben, wir haben uns so oft vor Eltern wie Kindern die Zähen geputzt, das uns vom Geruch von Zahnpasta fast übel wurde und wir haben sehr viel Geld ( selbstverdient ) in verfaulende oder niemals verwendete Zahnbürsten gesteckt, bis wir verstanden hab wo der Fehler lag. Versager, ewiger dachte ich immer wenn ich vorführte, wie das geht mit der Zahnbürste und die Zahnbürsten, doch immer weiter nur Sonntagsschuhe blieben. Gelernt haben der S. und ich vor allem, das wir uns auch in der größten Verzweiflung nicht gegenseitig erwürgen wollen, sondern irgendwie gemeinsam weitermachen. Manchmal fragen uns Leute, ob wir nicht endlich einmal fertig seien mit unserer Slum-Klinik, dann schütteln wir den Kopf. „ Wir fangen gerade erst an, sagen wir dann, inklusive aller, unserer Fehler.“ Die Leute gehen dann lieber schnell weiter. Außerhalb des Silicon Valley’s nämlich sind Fehler nicht sexy, tragen keine Perlenketten und CEO wird man mit Zahnbürsten auch nicht.

Dafür lächeln sehr viele Kinder, sehr breit, sehr frei und mit lauter , gesunden Zähnen im Mund.Ich ärgere mich nur manchmal, an einem Sonntag im Mai zum Beispiel über den Fehler mit den Zahnbürsten

Am Ende der Nacht

Am Ende der Nachtschicht schlägt das Wetter um und als ich um kurz nach fünf Uhr nach oben sehe, ziehen dunkle Wolken zusammen und schon fällt der Regen. Zehn Minuten später aber kommt der Tierarzt mit dem alten, treuen Volvo um die Ecke gebogen, um mich einzusammeln. Immer will ich dem Tierarzt sagen, dass er nicht um vier Uhr aufstehen muss, um mich um fünf Uhr einzusammeln, aber nie will der Tierarzt etwas davon hören. Immer fühle ich mich schlecht, denn noch nie war ich um fünf Uhr fertig und der Tierarzt wartet immer geduldig, bis ich schließlich müde um die Ecke biege. Auch heute ist es eigentlich schon dreiviertelsechs und der Tierarzt liegt auf der Rückbank und schläft. „Tierarzt!“ klopfe ich vorsichtig gegen die Fensterscheibe und der Tierarzt wacht auf: „Mädchen, da bist du ja.“ Ich nicke und dann tun der Tierarzt und ich, beide so als sei er gar nicht eingeschlafen und gerade eben erst vor fünf Minuten quasi um die Ecke gebogen. „Ich konnte ohnehin nicht schlafen, sagt der Tierarzt und ich tue so als würde ich ihm glauben. Ich werfe die blutigen Arbeitshosen, die Tasche und die schwere Jacke in den Kofferraum und der treue, alte Volvo fährt langsam los. Ich lehne mich mit dem Kopf gegen das kühle Fenster. Alles spült der irische Regen davon, Apfelblüten, Bananenschalen, gebrauchte Spritzen, leere Chips-Tüten, einen halb aufgeweichten Koffer gar, Zeitungspapier, Hundekot, Glasscherben und Bierbüchsen, einen hohen Damenschuh,nur die Nachtschicht spült es mir nicht von den Knochen, sondern immer wie früher im Biologieunterricht wenn die Lehrerin den Film, falsch herum in den Projektor legte und der Film: „Kakteen Nordafrikas “ eben von hinten nach vorn abschnurrte, läuft mir die Nacht in umgedrehter Reihenfolge vor den geschlossenen Lidern ab. Damals zeigte niemand in der Klasse auf, denn der Film kam so regelmäßig zum Einsatz wie die Lehrerin vergaß den Unterricht vorzubereiten. So ähnlich also läuft die Nacht noch einmal vor meinen Augen zurück, verheddert sich, ruckelt vorwärts, überspringt Anfänge und lässt sich nicht anhalten. Glasscherben in Füßen, ein geplatztes Auge, der Geruch von zu viel Wut auf zu viel Alkohol, ‚Wohlstandseinsätze‘ nannte das einmal ein Kollege, der irgendwann die Bilder nicht mehr zum Anhalten brachte. Ich lehne den Kopf lieber an das kühle Fenster, der Film zeigt: eine Braut mit gebrochenem Fuß, ein Bräutigam, nicht der, der Braut mit gebrochener Nase, ein verwirrter Mann auf der Straße umherirrend, ein betrunkenes Mädchen, die in ihrer bis obenhin mit Erbrochenem gefüllten Handtasche nach einem Deo-Roller sucht, bevor sie sich schluchzend auf mich übergab. Immer an irgendeinem Punkt reißt der Film, damals im Klassenzimmer und heute auf der Straße, dann sind da nur noch Scherben und das Blut auf meinen Hosen. Vielleicht schlafe ich darüber ein, vielleicht auch nicht. Aber dann muss der Tierarzt anhalten, denn der Regen, der eben noch der lang schon gewohnte, ewige irische Regen war, hat sich zu einer grauen Wand verdichtet, hinter der man nichts mehr sieht. Ein Parkplatz, völlig leer nur ein Lastwagen mit Milch rangiert vor und zurück. Der Tierarzt legt mir eine Hand auf den Arm und küsst mich auf die Stirn, die Augenbraue, legt mir seine Lippen auf den Mund und ich lasse meine Lippen einfach liegen, einfach so. „Du bist wieder da.“ sagt der Tierarzt als er Atem holen muss. Er meint: „Komm zurück.“ „Kommst du zurück?“ Ich bewege meine Lippen nicht.
Draußen rauscht der Regen an uns vorbei und der treue, alte Volvo, eine Art von Arche. Vor uns dieser dichte, schwarze Himmel, hinter uns, über uns und gegen uns, rauscht der Regen und der Tierarzt schiebt seine Hand unter meine Rippen. „Komm zurück.“ Ich lege mein Gesicht auf seine Hand. Der Milchlastwagenfahrer flucht und als eine Windböe, eine Lücke in die schwere Wolkenwand reißt, fahren wir weiter und endlich nach Haus. Im Dorf schließt die Frau des Krämers den Laden auf, wir halten nicht an und endlich schließt der Tierarzt die Haustür auf. Zuhause ist alles so wie vor der Nacht. Die Zeitung liegt noch immer ungelesen auf dem Tisch. Die Katze schläft in den Wetterfleck des Tierarztes gewickelt selig auf dem alten Sessel. Die Standuhr ist wie immer genau um 4.25 Uhr stehen geblieben, und im Obstkorb liegen noch immer vier Orangen, drei Bananen und zwei glänzende, rote Äpfel.Ein Bücherstapel. Es riecht nach Regen und Tee, dem Lodenmantel des Tierarztes, Lavendelseife und dem Hefezopf, es ist alles wie immer und doch ist nach der Nacht immer auch alles anders. Ich ziehe die Schuhe aus, der Tierarzt zieht mir das T-Shirt aus, knöpft sich das Hemd auf, zieht mich aus den Hosen, macht den Gürtel auf und hält mich unter der heißen Dusche fest,Schaum in den Haaren, den Augen, Zitronenduschgel auf dem Rücken und der Tierarzt lässt seine Hände auf meinen Hüften noch immer nicht los. Einmal, ein einziges Mal nur bestehe ich nicht auf Frühstück, jetzt, sofort, sondern lasse mich vom Tierarzt in ein dickes Handtuch wickeln. „Komm Mädchen“ sagt der Tierarzt und zieht mich die Treppe hinauf und hält mir das Nachthemd hin, aber ich schüttle den Kopf und krieche einfach mit unter sein T-Shirt, das ist lang genug, denn gegen die zweimeterundachtzentimeter-Tierarzt bin ich mit einmeterundsiebenundsechzigzentimern durchaus unterschlupfberechtigt. Ein Glas Wasser.Der Tierarzt nickt und zieht mich zu sich heran. Ein T-Shirt, zwei Decken und wieder sucht der Tierarzt meine Rippen und ich lege meinen Kopf an seinen Hals. Ich stelle den Wecker auf zwölf Uhr und der Tierarzt streicht mir mit der freien Hand über den Kopf. „Komm Mädchen, schlaf ein“ sagt der Tierarzt, aber vielleicht irre ich mich auch, vielleicht hat der Tierarzt auch noch einmal „Komm zurück“ gesagt, denn ich bin so müde, von der Nacht und von all den Filmen, die langsam und verdreht rückwärts, vorwärts, abgerissen durch meinen Kopf zu laufen begannen. Das letzte was ich sehe, ist das graue, schäumende Meer und die dicke schwarze Regenwand, der Regen oder das ganze Meer, so genau weiß ich es nicht,läuft über die Fensterscheiben. Dann legt der Tierarzt seine Hand über meine Augen. „Komm zurück Mädchen, komm doch zurück.“

Hineingefallen

Gestern lag in der Regenrinne ein ertrunkener Vogel. Begraben ist der Vogel, der so tief fiel unter der alten Kastanie, die direkt an das Kirchhofmäuerchen grenzt. Eine der mattschwarzen, glänzenden Federn liegt nun in der Tonschale auf dem Küchenschrank. Das Küchenfenster geht direkt zur Kastanie heraus. Heute zwischen zwei langen Sitzungen hatte ich Zeit für dreißig schnelle Bahnen im Schwimmbad der Universität. 30 Bahnen lang Zeit um zu überlegen wo ich schon überall hineingefallen bin, nicht genug Zeit um zu überlegen, ob ich aus allen Untiefen wohl auch wieder herausgekommen bin, aber es hilft ja nichts, wenn die Zeit eben schneller läuft als man selbst. Hineingefallen also in Pfützen, große und kleine, in einen Priel an der Nordsee, beinahe nur in ein Moor, mehrmals bekleidet in Seen und einmal von einer heftigen Böe erfasst von der Arca ins Mittelmeer hinein. Hineingefallen in offene Arme. Ebenso oft habe ich mich in fest verschlossene, brettharte Arme fallen lassen. Die Arme gaben niemals nach. Hineingefallen bin ich in Bücher und ihre Bewohner: „Nein, blieb doch bei Anna dem Blumenmädchen“ rief ich Thomas Buddenbrook voller Entsetzen zu, doch er war schon weiter, und später sah ich ihm zu, wie er toll vor Schmerzen auf die Straße fiel. Vom Rad auf Straßen gefallen, ja das kann ich gut, einmal gefährlich nah an eine Böschung. Hineingefallen in Menschen, in ‚sone und solche ‚und zu oft in solche, die alles fallen ließen, am Ende auch mich. Hineingefallen in Franz Kafka mit einer erschreckenden Wucht. Noch immer stehe ich eigentlich auf einem Prager Bahnhof und rufe ihm zu: „Fahren Sie doch, so fahren Sie doch“ und dass Franz Kafka und Milena Jesenská sich buchstäblich verpassten, ist mir niemals aus dem Kopf gegangen. Hineingefallen in Geschichten in so vielen Nächten und hingefallen über scharfe Ecken in ihnen und in denen, die sie schrieben oder lebten, manchmal ist das ja wirklich dasselbe. Hineingefallen in Herzen und Rippen und hineingefallen bis tief unter die Haut. „Du bist mir zu viel“ schrie mehr als einer und wieder war ich hingefallen und sah nur die blauen Flecken noch nicht. Hineingerollt oder zusammengerollt in einen Straßengraben, da flogen Schüsse ( Islamabad, 2011 ). Mit dem Gesicht in die Erde gedrückt, in die geöffnete Hand atmend, ein kleiner, brauner Vogel, bewegungslos und irgendwann doch wieder aufgestanden. Vielleicht sind in jenem Straßengraben ja braune Federn von mir liegen geblieben und jemand hat sich eine aufgehoben, wer weiß das schon? Niemals jedoch hineingefallen in eine dreistöckige Hochzeitstorte, dafür in einen Eimer Brennesselsud. Hineingefallen in einen Berge Schnee und viele, viele Male in eine duftende Wiese. Gefallen auch in einen Schober mit Heu. Hineingefallen auch in Federbetten und nie wieder so gern in ein Bett, wie das meiner Großmutter. Hineingefallen in Alpträume, die so regelmäßig über mich herfallen wie der Wecker früh am Morgen.

Hineingefallen in Briefe und nicht nur in solche, die von der Liebe handeln. Gut bekommen sind mir die wenigsten und eines Tages hoffe ich, lasse ich sie gehen. Hineingefallen in den Abgrund: Abschiedsbrief. Kein Ende dieses Abgrunds in Sicht. Hineingefallen vor Müdigkeit in einen Wäschekorb und öfter als mir lieb ist auch in die Badewanne. Hineingefallen in Notenpapier. Schumann. Chopin. Beethoven. Schönberg. Bach. Wie kann man in Bach nicht hieninfallen wie in einen unendlichen Strudel? Ich konnte es nicht und meine Hände klebten zitternd auf der Klaviatur.

Hineingefallen mitten in mich hinein, oder sollte man besser sagen hineingefahren, ein blankes, scharfes Messer, Süd-Sudan 2013. 8 Zentimeter lang war die Klinge. Die Narbe ist länger. Das Messer habe ich behalten. Es liegt in der Werkzeugkiste. Fahre ich mir über die Narbe, und das tue ich oft, glaube ich manchmal ein Loch täte sich auf, dort liegt die Angst noch immer vergraben, nicht die Angst vor dem Messer, sondern die ganze Angst, die Angst die ich hatte und die ich haben werde, ist wohl damals als mir für einen langen Moment die Rippen offen standen, die Angst in mich hineingefahren und haust jetzt zur Untermiete zwischen Zwerchfell und Rippenbögen. Wer würde es ihr schon verwehren? Hinein gefallen wieder und wieder in schöne Wörter ( alldieweil, Morgentau und Regenwand), in grün-blau-grau-braune Augen, in einen Wasserfall, in warme Hände und eiskalte Zehen. Hineingefallen wieder und wieder in alles und nichts. Hineingefallen in Bergseen ohne Grund und in die Vergangenheit, auch ohne Grund. Hineingefallen in Indien, wirklich hineingefallen, nahezu ahnungslos und das hieß hingefallen wieder und wieder hingefallen. Immer wieder aufgestanden. Irgendwann verstanden, dass man hinfallen muss. Leichter geworden ist es nicht. Hineingefallen also auch in die Leben der Anderen. Ich hoffe: nicht überfallen. Hineingefallen in die ersten Atemzüge meiner Nichte. Noch immer atme ich mit ihr mit. Das kleine Bündel Mensch in meinen Armen. Die große Schwester in meinen Armen und hineinfallen in das kleine, neue Leben auf dem Arm, so viel Glück, so viel Liebe, dass wir vergessen haben, welcher Arm zu wem gehört und auf dem ersten Bild meiner Nichte, die heute eine kleine Königin ist, glaubt man ein Tintenfisch umarme sie. Überall Arme. In die Welt hineinfallen, das tun wir alle, ich wünschte es wären mehr Arme für alle da. Hineingefallen in Windböen, echte und solche mit metaphorischer Note. Gemocht habe ich sie nie diese Böen und Menschen, die sich am Gegenwind erfreuen, stellen mir meistens ein Bein. Hineingefallen noch in die dümmste Falle und hineingefallen seit vielen Jahren in ungezählte Ströme Wasser. Heute in ein ganz leeres Schwimmbad. 30 Bahnen aber sind schon um und ich muss weiter.

Auf der Anrichte aber liegt eine schwarze Feder bis zum nächsten Mal. Hineinfallen.

In die Dunkelheit

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Nein, eine Geste ist niemals angemessen. Eine Geste reicht niemals aus. Immer liegt in der Geste schon die zitternde Hand der Hilflosigkeit und des unaussprechlich großen Unvermögens sich angemessen zu verhalten. Immer ist die Geste der Versuch etwas zum Ausdruck bringen, was unaushaltbar ist. Davon erzählen die roten Stoffherzen, die Plüschtiere, die Zellophanrosen, die letzten Briefe, deren Tinte bald verläuft, die Kränze mit ihren Schleifen und den gemalten Bildern. Keine Geste kann das Entsetzen mildern, den Schreck verringern und gegen die große, unendliche, schwarze Wolke Traurigkeit die so viele Menschen nicht nur heute, aber besonders heute überfällt, wiegt eine Geste nicht viel. Die Geste hat der Einsamkeit des Verlustes nichts entgegenzusetzen. Nein, die Geste ändert nichts, nein es geht nicht alles so weiter, nein nichts wird wieder gut für die Väter und Mütter, Schwestern, Brüder, Onkel und Tanten, die Großmütter und Großväter, Geliebten, die Freunde und den Hund der wartet. Der wartet ja auch. Nein, nichts wird gut und besser, nicht morgen, nicht übermorgen und auch nicht in zwanzig oder vielen Jahrzehnten. Es gibt keine, keine einzige Geste, die darüber hinwegtäuschen könnte, es gibt keine Rede, keine Wörter, deswegen bleiben immer nur Worthülsen übrig und rote Plüschherzen, die nie aufhören wehzutun, ausgerechnet ein Herz, ein Herz für das eines Anderen. Es gibt nichts was hilft, diese entsetzlichen Lücken vernarben nie. Die Geste ist eine Zumutung. Die Geste muss eine Zumutung sein. Die Geste tritt auf der Stelle und will, dass was nicht geht: die Schatten zurück holen aus dem Dunkel, die Zeiger zurückdrehen, die Geste will an der Unmöglichkeit festhalten. Die Geste muss es tun. Die Geste tritt auf der Stelle und die Geste bleibt stumm. Die Geste gesteht sich ein, dass Wörter ebenso wenig adäquat wie ausreichend ist. Die Geste hat zitternde Hände, ein bleischweres Herz und da steht sie die Geste, es ist ihr unmöglich umzukehren und das Schweigen wiegt schwer. Nein, es gibt keine Geste, die der Einsamkeit der Trauer begegnen könnte, nichts ist gesagt und nichts ist erklärt, eine Geste soll nicht als Trostpflaster, als festes Klopfen auf den Rücken, als Burschikoses „Halt durch“ gelten, sondern als ein Moment in der die Dinge aus der Zeit fallen dürfen, ohne etwas sein und symbolisieren zu müssen, was niemand begreifen kann. Eine Geste erhebt keinen Anspruch.

Ich weiß nicht ob man ein Licht in der Dunkelheit sehen kann, ich weiß nicht wie viele Lichter es braucht bis zum nächsten Morgen, ich weiß nicht wie viele Lichter es braucht bis zum Morgen danach. Heute Abend aber will ich trotz allem eine Kerze ins Fenster stellen. Ein Licht in die Nacht hineinstellen, also. Es kann nicht mehr, es soll nicht mehr, es darf nicht mehr als ein Licht sein. Es ist eine kleine Geste.

Woanders ist es auch schön.

Diesen einen Sommer hat Madame Modeste festgehalten.

Wie es ist, wenn die Träume kühler werden und die Nächte doch recht atemlos hat Kitty Koma aufgeschrieben.

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich zöge sofort nach Vrochtovy Janovice und säße im Garten so als sei das jüdische Europa niemals zerbrochen wurden, aber während das nicht geht, ziehen andere auf eine Burg, haben Aussichten und fragen sich, ob sie nicht doch als bloggende Weinkönigin enden. Danke an Frau Frau Croco für den Hinweis.

Treffen sich Baldwin, Shakespeare und Franz Franz Kafka . Ich habe sehr gelacht.

Diejenigen von Ihnen, die hier schon länger aushalten, wissen das mindestens ein Viertel meines Herzens in Indien lebt. Hier ein wunderbarer Artikel über die unendlich reiche Parsi Kultur.

Zum Glück wollte noch nie jemand meinen Kaugummi weiterbenutzten. Die Katastrophenchronistin jedenfalls probiert es mit Ironie Das kann an besonders an einem Montag nur gut sein.

„Und Tierarzt was hört man so zum Wochenbeginn?“ „Unbedingt dieses Lied Mädchen.“ „So sei es Tierarzt, so sei es“