Blau

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Am Abend aber als ich die Dorfstraße hinaufgehe ist der Himmel noch blau. Nicht mehr so gleißend und glänzend wie noch am Morgen als ich die Straße zum Zug hinunterjagte, aber immer noch ein freundlicher, blauer Mantel den ich mir um die Schultern lege, wie ein feines Seidentuch. Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich und war unbeirrbar darin, dass die Sonne nach getaner Arbeit sich auf ein goldenes Sofa legte und langsam Stück für Stück wie im Theater wenn der Vorhang fällt, käme ein blauer Vorhang herunter würde dunkler und dunkler und wenn schließlich, kurz bevor das Blaue ins Schwarze umschlüge, die Sterne und auch der Mond auf dem samtenen Vlies erschienen, dann machte die Sonne die Augen zu und erwachte mit blau geküssten Lippen am anderen Morgen. Ich hätte diese Geschichte nicht in der Physikprobe niederscheiben sollen, doch auch als der Physiklehrer vor Lachen über meine Dummheit schrie, hielt ich an der Sonne und ihren blauen Lippen fest. Heute aber auf den Sessel im Eck und die Blumen in der Vase leuchten mir blau entgegen, und auch die Notiz auf dem Tisch vom Tierarzt hinterlassen: „Bin an der See“ funkelte bläulich, wenn auch die Sonne schon zweimal gähnte und mich zur Eile mahnte. Ein weißes Handtuch indes, und alte Jeans, denn wer nicht durchs Unterland will um ans Meer zu kommen, der muss über die Ginsterhecke steigen, und sich nicht von den blauen Schatten zu allzu großen Sprüngen verführen lassen, denn mag das Meer von fern schon glitzern wie der Golf von Sorrent, so schlägt der Wind mit den Wellen um die Wette und mehr als ein Wanderer ist schon an den Klippen, die ich mich herunterangle, zerschellt, am besten geht man dort wo auch die Schafe die steile Wand hinunterklettern und atemlos unten angekommen, vor mir die wilde, wogende See. Der Tierarzt aber sitzt an einen Stein gelehnt und winkt mir zu. Auch ihm ist das Abendblau um den Hals gefallen, an die Schulter lehnt sich das Blau und ich renne schnell ins Meer hinein. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist auch das Meer blau, kalt zwar noch immer, eben eisiger Atlantik mit zischenden Schaumkronen und harter Brandung, aber während das Meer im Januar und Februar schiefergrau über mich hinwegschlug und auch im März noch von solch schwarzer dunkler Tiefe war als sei ein Tintenfass ausgelaufen, so ist das Meer heute aquamarinblau, duftend und schimmernd verkleidet sich hier im äußersten Westen Europas als sei es heute Morgen noch in Nice oder Sizilien gewesen und habe sich nun zur Abendstunde doch noch einmal dazu entschlossen, auch uns zu einer blauen Stunde zu verhelfen. Ich in den Wellen halte die Luft an, denn unter dem Blau liegt die gleiche Kälte und doch für einen Moment bin ich wirklich zurück im liebenswürdigen Süden und weiter und weiter schwimme ich hinaus, denn wer weiß vielleicht dort bei der goldenen Sonne, mag auch das Meer wieder so leicht und warm sein, leise gurgelnd nur und niemals von dieser nördlichen, eisigen Schärfe, an die ich mich niemals recht habe gewöhnen können. Schon aber ruft der Tierarzt am Strand nach mir: „Komm doch zurück.“ Und ich drehe um. Blaue Perlen laufen mir über den Rücken und der Tierarzt wickelt mich in das Handtuch ein. Mir klappern die Zähne und der Tierarzt fährt mit dem Zeigfinger über meine blauen Lippen. „Was wolltest du so weit draußen, fragt er mich und schüttelt mit dem Kopf.“ „Das Blau suchen“, sage ich und dann sitzen wir doch noch einen Moment lang im kühlen Sand und sehen die Segelboote mit ihren weißen und roten Segeln auf den Wellen tanzen, zwei Frachtschiffe fahren am Horizont vorüber und ein Ruderboot sucht seinen Hafen. Langsam nur verschwindet das Blau und gibt der Dunkelheit nach. „Vielleicht fahren wir im Sommer doch auf eine Woche in den Süden?“, sage ich und der Tierarzt nickt. Eine ganze Woche mitten im gleißenden Blau, das es hier nur als Ausnahme gibt, denn schon zieht Wind auf, schon immer sind die Wolken schneller als noch die kräftigste Sonne und niemals hat die Sonne in diesen Breiten blaue Lippen. Der Tierarzt lacht. Dann müssen wir in den Süden,mein blaues Mädchen sagt er und streicht mir einen letzten Rest vom Blau des Tages aus dem Gesicht.

Zurück nach Haus aber klettern wir nicht die dunklen Klippen zurück, sondern gehen am Strand entlang ins Dorf und wandern zurück ins Oberland. Über der Kirch St. Sylester liegt dunkelblau, ein samtener Vorhang gebreitet und ich lege dem Tierarzt den Finger auf die Lippen. „Still“ sage ich, die Sonne macht gerade die Augen zu, der Mond steckt sich eine Pfeife an und die Sterne erzählen, wie damals in anderen Tagen die Wassernymphen versuchten das Blau mit dem Fischernetz einzufangen und doch Tag für Tag ernüchtert mit leeren Händen ins Schilf zurückkehrten.“ Anders als der Physiklehrer aber lacht der Tierarzt nicht, sondern andachtsvoll sehen wir über den Kirchturm hinauf in den unendlich weiten, dunkelblauen Himmel. Dann kommt die Frau des Krämers uns entgegengelaufen: „Fällt Geld vom Himmel, Fräulein Read On?“ „Nein, Frau des Krämers sage ich, der Tierarzt und ich wir machen bloß blau.“

28 Gedanken zu “Blau

  1. Pingback: Blau | Between the Covers

  2. Hier im Voralpenland liegt heut Schnee und es segeln dicke weiße Flocken vom Himmel – alles weiß. Wer schlecht schläft wie ich heut Nacht und gestern auch schon kann bei dieser Helle kaum die Augen offen halten.
    Beim Lesen von der blauen Geschichte und bei den anderen auch ganz oft klopft mein Herz und macht nen Hüpfer und mir wird schön warm! Danke!

    • Lieben Dank!
      Schnee, das ist grusig! Ich hoffe sehr, der Frühling kommt nun bald auch zu ihnen und nimmt den Schnee mit in die Berge. Auf bessere Nächte und wärmere Tage!

  3. Sie können schreiben was Sie wollen Fräulein read on, es ist immer Poesie. Danke dafür!

    Als kleines Kind hing ich vor dem Radio und stellte mir eine Parallelwelt darin vor, nur in ganz klein. Das hat meine Fantasie bewegt. Und wenn ich heute – bewusst, weil in einem gewissen Alter, nicht mehr weit entfernt von Endlichkeit – heute Gegenden aufsuche, die ich als Kind kannte, bin ich fasziniert, wie die einst so große Welt geschrumpft ist.

    • Oh, vielen Dank. Das ist zu viel der Ehre.

      Was für eine schöne Innenwelt Sie da skizzieren und schön auch, dass Sie noch einmal zurückkehren zu den Orten und dem Leben dazu.

  4. Wie wir den hohen Himmel, die fernen Berge blau sehen, so scheint eine blaue Fläche auch vor uns zurückzuweichen. Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.
    (J.W. Goethe, Farbenlehre)

    In your face, Physiklehrer!

    • Ich versuche immer Mitbadende zu finden, aber alle klappern nur mit den Zähnen und halten mich für sehr schräg. umso schöner, dass hier Menschen mitkommen möchten in die blaue, blaue See.

  5. Diese so poetische blaue Geschichte lesend sitze ich zwischen bläulich frierenden Tomatenpflänzchen, draussen ein muffelig grauer Himmel und in mir der Wunsch nach entweder Sonne oder Bettflasche…. Ich grüße…

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