Erscheinungen

Der Mittwoch aber war ein seltsamer Tag. Schon früh am Morgen im Zug saß ich einem Mann gegenüber, der unermüdlich Papiere in unendlich kleine Schnipsel zerriss. Briefe, Kontoauszüge, Einkaufszettel und Notizen waren bald nur noch lose Fetzen Papier. Damit indes nicht genug, denn kaum waren die Papiere zerrissen, nahm der Mann die Schnipsel zur Hand, um sie in nummerierte Briefumschläge einzusortieren. Während er ganz und gar vertieft in das Zerreißen und Ordnen der Schnipsel war, pfiff er ein fröhliches Lied vor sich hin, so als gäbe es nichts Hübscheres und Heiteres als unverdrossen Papier zu zerreißen. Gerade als der Zug hielt, hatte der Mann die Briefumschläge in seiner sonst vollständig leeren Aktenmappe verstaut und ging seiner Wege. Ob er noch immer pfiff, befriedigt und aufgerichtet und innerlich gestärkt von den nummerierten Schnipselbergen- ich weiß es nicht.

Auf dem Weg in die Universität passiere ich zwei Brücken. Steinerne Ungetümer, noch gebaut von der einstigen Kolonialmacht England, die ja niemals nur nach den Meeren griff, sondern Länder, Städte und Flussläufe mit harter Hand für sich reklamierte. Heute aber fahren kaum noch Handelsschiffe auf der Liffey und auch die Brücken sind längst Kulisse für italienische und spanische Touristen geworden, die sich mit ihren Selfiestöcken bewehrt, postieren und wahlweise auf die Straße oder fast in den Fluss stürzen beim Versuch Handstand auf dem Brückenkopf zu üben. Zu so früher Stunde aber schlafen die Touristen noch. Statt ihrer steht eine Frau auf der Brücke und langt in einen weißen Plastikbeutel. Der Beutel ist voller Wecken, die Frau teil diese in vier unregelmäßig große Brocken und wirft sie den Möwen zu. Die Möwen kreischen schrill, dass es noch die letzten Langschläfer hören: „Frühstück fassen.“ Mehr und mehr Möwen segeln kreischend auf die Brücke und die Frau mit ihrer Plastiktüte zu. Möwen scheinen ganz generell nicht besonders am Prinzip des Teilens und Teilhabens interessiert zu sein, sondern die Möwen, die sich gegenseitig den scharfen Schnabel zeigen, fordern nicht ein Viertel trockenes Brötchen, sondern eine ganze Wecke und das bitteschön jetzt und gleich. Die Frau inzwischen umzingelt von Möwen mit ihren scharfen gelben Schnäbeln, reißt Brötchen um Brötchen entzwei und wirft sie den Möwen zu, doch längst schon sind weit mehr Möwen als Wecken auf der Brücke zugegen. Zwei Möwen mit scharfem Blick und elegant gebogenen Schnäbeln haben verstanden, dass mit Diplomatie hier nichts zu erreichen ist, und nur kurz heben sie die Flügel an und schon hacken sie in die weiße Plastiktüte und schnappen nach den verbliebenen Wecken. Die Frau sieht entsetzt auf den Riss in der Plastiktüte und die scharfen Möwenschnäbel ganz dicht an ihrem Bein. Aufheulend lässt sie die Plastiktüte fallen und rennt ohne sich noch einmal umzusehen davon. Die Möwen aber balgen sich siegesgewiss um die auf die Straße kullernden Wecken. Die Frau ist nicht mehr zu sehen.

 
Später am Tage bekommt ein Kollege, der doch als ausnehmend besonnen, zurückhaltend und als ausgesucht höflich bekannt ist, einen Wutanfall über einen defekten Fahrstuhl. Neben dem Fahrstuhl befindet sich die Treppe doch der Kollege denkt gar nicht daran nachzugeben, sondern schreit wie von Sinnen erst den Fahrstuhl und dann mich an, die ich zufällig vorbeilaufe. „Frechheit“ und „Liederlicher Saftladen“ schallt es mir entgegen und dann läuft der Kollege auch schon rot an, Tränen spritzen aus seinen Augenwinkeln, so überfällt ihn die Wut, er stampft mit dem Fuß, hämmert gegen die Fahrstuhltür, und will nichts wissen, von meinen Versuchen ihn doch zu beruhigen. Schließlich aber nachdem nur noch Wut da ist und keine Worte mehr, kehrt er auf dem Ansatz um und eilt schnellen Schrittes davon. Für den Rest des Tages habe ich nicht weiter gesehen. Alldieweil Telefonate und auch hier behält das Sonderbare die Oberhand. Ein langes Gespräch über ein kompliziertes Gespräch bricht mitten im Satz ab. „Hallo?“ rufe ich mehrfach vergeblich in den Hörer. Doch die Leitung bleibt stumm. Alle weiteren Versuche eine erneute Verbindung herzustellen, scheitern. Am anderen Ende nur stummes, endloses und dunkles Tuten.

 
Schließlich stehe ich bei der Post in einer langen Schlange um Briefmarken an. Etwas so scheint mir hat sich in meinem Haar verfangen und unwillig schüttle ich den Kopf, doch kaum habe ich das vermeintliche Insekt vertrieben, fährt schon wieder etwas in mein Haar und ich drehe mich um. Eine ältliche Frau in fliederfarbenem Trenchcoat befühlt mit ihren Fingern meine Haare. „Lassen Sie doch bitte mein Haar los“ sage ich und glaube die Angelegenheit damit für erledigt. Die Frau aber mustert mich mit offensichtlicher Empörung; „Stellen Sie sich doch nicht so an!“ ruft sie und schon wieder streckt sie ihre Hände nach meinen Haaren aus. „Hören Sie“ erwidere ich, ich möchte nicht, dass Sie meine Haare befummeln.“ Die Frau blinzelt wütend zu mir herüber: „ Wer so lange Haare hat wie sie, muss das eben aushalten, zischt sie und faselt etwas von ihrem guten Recht, bevor sie erneut versucht eine Haarflechte zu sich heran zu ziehen. Sehr unwirsch, trete ich einen Schritt zurück und die Hände der Frau angeln ins Leere. Schließlich gibt sie auf, nicht jedoch ohne mir einen bösen Blick zuzuwerfen. „Sie werde sich beschweren, tönt sie lauthals.“ Einem einfach die Haare zu verweigern, das sei doch unverschämt und überhaupt ihr gutes Recht. Ich kaufe Briefmarken. Die Frau sehe ich nicht noch einmal wieder.

Spät in der Nacht erst, nach Ende der Nachtschicht kehre ich ins lange schon schlafende Dorf zurück. Es ist schon zu spät, um sich noch einmal ins Bett zu legen und so krieche ich nur unter das wollene Plaid auf dem Sofa. Die alte Standuhr tickt, vor dem Fenster rascheln die Bäume, im Oberstock schläft fest der Tierarzt, der Hund auf dem Boden zuckt mit den Ohren, nur die Katze liegt nicht auf dem Fensterbrett. Dies scheint mir sonderbar, denn die Katze ist mit einem sehr gesunden Schlaf gesegnet und verlässt nach 20 Uhr grundsätzlich nicht mehr das Haus. Doch als ich noch einmal aufstehe und in den Garten sehe, sitzt die Katze auf dem Gartenmäuerchen, welches mein Haus vom Kirchhof trennt, neben ihr hockt der von ihr schon immer verachtete Kater des Priesters, beide scheinen in ein inniges Zwiegespräch vertieft. Ich krieche zurück unter das Plaid, als drei Stunden später der Wecker klingelt, liegt die Katze regungslos auf der Fensterbank und auf der Gartenmauer singt nur eine Amsel dem Morgen ein Lied.

 

21 Gedanken zu “Erscheinungen

  1. Möchten Sie mir einmal für einen Tag Ihre Augen, nein, all Ihre Sinne leihen? Ich glaube, das Leben könnte so spannend sein! Ich habe das Gefühl, auf Ihrem Blog etwas lernen zu können.

  2. Vielleicht hat das mit dem Mond zu tun – irgendwie.
    Als ich das von der Katze und dem Kater gelesen habe, fiel mir ein Traum von der vergangenen Nacht ein:
    Aus einem Fenster beobachtete ich, wie Katze und Kater sich lautstark paarten. Wobei ich gar nicht weiß, ob die im realen Katzenleben wirklich laut dabei sind.

      • Ich sage es zu selten, aber ich habe wirklich die allerbesten Leser und Kommentatoren, denn wie grandios ist, dass sich aus einem Text über die Alltagsabsurdität eine Diskussion über Katzensex ergibt!

      • Gern geschehen. Ich vergaß zu erwähnen, dass es zwischen Katzen und dem Mond keinen wie auch immer gearteten Zusammenhang zu geben scheint. Aber das mit den Möwen ist ein altbekanntes Phänomen und Franquin ein Genie:
        https://onprendsaplumeethop.wordpress.com/2012/09/22/idees-noires/ Franquin avouait qu’il trouvait cette planche très réussie. Il aimait bien sa façon de dessiner les mouettes „les mouettes sont des animaux horriblement difficiles à dessiner !“.
        Il racontait également que cette histoire était inspirée d’une nouvelle de Thomas Owen. Cette nouvelle racontait qu’une nuée d’oiseaux s’attaquaient à une auberge, un peu comme dans le film d’Alfred Hitchcok Les Oiseaux. Qu’ils la détruisaient totalement… Quand l’attaque fut finie, on découvre un squelette gisant, sans aucune trace de viande, et dans une de ses orbites il reste un oeil de verre… Franquin concluait „c’est assez beau comme histoire“…. Il est quand même un peu morbide notre dessinateur préféré…

      • Ich kann zwar kein Französisch und mach mir auch nicht die Mühe zu versuchen, das irgendwie/irgendwo übersetzen zu lassen. Aber wenn irgendwas mit dem Mond und den Möwen ist, dann bin ich wohl eine Möwe. Denn ich habe kurz vor Vollmond immer Schlafstörungen

  3. Ich hoffe wirklich für Sie das Sie das nicht alles an einem einzigen Tag erlebt haben, ist ja (fast) fuchterregend!
    Ihnen ein schönes Wochenende und behalten Sie doch bitte für uns alle die Katze im Auge, die tut nur so als ob sie Langschläferin ist, eigentlich bereitet sie mit Nachbars Kater die Weltherrschaft der Katzen vor.

  4. Sonderbar, nicht wahr? Ich vermute, es gibt so Tage, da schwächelt das eingerostete Universum, schüttelt sich den rostigen Staub vom großen Zusammenhang und alles gerät noch schlimmer durcheinander, als es eh schon ist. Vielleicht wird es auch altersschwach und vergesslich…. drum häufen sich solche Tage hier bei uns?

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