Sonntag

Müde und zerschlagen früh am Morgen von der Nachtschicht zurück. Endlich die schweren Schuhe von den Füßen streifen. Barfuß, die Füße ins nasse Gras gesteckt auf dem alten Gartenstuhl. Die Amseln tanzen unter dem Apfelbaum. Mir fallen Kirschblüten ins Haar. Der Tierarzt bringt eine Tasse Tee. „Du gehörst ins Bett, Mädchen“, sagt er. Er meint: „Nimm doch Vernunft an.“ Einmal wenigstens bin ich vernünftig und der Tierarzt schreckt ob meiner bloßen Füße nicht zurück. Wirre Träume, unruhiger Halbschlaf. Irgendwann stiehlt sich der Tierarzt davon. Um 14 Uhr haben sich Freunde angesagt. Zwar bin ich genau so jemand geworden, der den Tisch schon am Abend vorher eindeckt, aber auch liebe Freunde wollen sich nicht allein am Geschirr erfreuen, sondern haben Hunger und Lust auf Spiegelei. Aber ich bin immer noch zu müde, viel zu müde und so verstecke ich mich unter den warmen Kissen. Im Halbschlaf vertraute Geräusche: Der tropfende Wasserhahn der Spüle, das Kratzen des Messers auf dem hölzernen Schneidebrett, Stimmengewirr aus dem Radio, der Deckel der Teedose klirrt, Schranktüren werden geöffnet, das Telefon klingelt und der Tierarzt ruft: „Psst! Das Mädchen schläft“, in den Hörer. Das Surren der Saftpresse. Der Tierarzt flucht, er hat sich wohl an der alten und heimtückischen Schere den Finger eingeklemmt. Aber ich hänge an der Schere, ist sie doch einer der wenigen Gegenstände, die aus der Stadt A. mit in andere Länder und andere Städte gekommen ist. Dann rattert die Kaffeemühle, das Ofenrost wird in den Ofen geschoben und der Tierarzt zieht die Eieruhr auf. Dann kann ich mich wirklich nicht länger in den Federn vergraben, eine schnelle Dusche, das erstbeste Kleid, ein Stiefmütterchenstrauss im Garten abgeschnitten, den Tierarzt für den prächtigen Tisch gelobt und noch einmal Tee aufgesetzt. Schon schellt es und die Gäste stürmen die Treppe hinauf. Der Tisch ist pakistanisch-deutsch-türkisch-irisch-französisch-schwedisch besetzt und immer weitere Essensberge biegen den Tisch in der Mitte fast durch. Der Tierarzt kommt neben meiner resoluten Freundin R. zu sitzen, die dem Tierarzt den Kalorienbedarf eines Jahres auf den Teller lädt und ihm aufmunternd zu nickt: „So gut!“ Der Tierarzt schluckt, schon hat sie einen weiteren Löffel Hummus auf dem Teller platziert. Dann herrscht Spiegeleier -Seligkeit. Aber obwohl alle genauso laut und lustig wie immer durcheinander schreien, und fast alle Sätze mit: „Hast du schon gehört?“ oder „Nimm doch noch vom…“ beginnen, liegt doch ein Schatten über dem Tisch. Die I, verlässt immer wieder das Zimmer, um Verwandte in Istanbul, Izmir und Ankara anzurufen, es ist als überprüfe sie, ob wirklich alle Verwandten, Bekannten und Freunde mit „Nein“ abstimmen. Immer wieder machen wir die Nachrichten an. Einmal heißt es ein Mann habe in Istanbul dreimal mit „Ja“ abgestimmt. Es braucht ein gewaltiges Stück Osterbrot fingerdick mit Honig bestrichen, um die I, davon abzuhalten, stehenden Fußes einen Flug nach Istanbul zu buchen, den Mann aufzusuchen und kräftig zu schütteln. Die Nachrichten werden nicht besser und wir gehen auf eine Stunde nach draußen. Die R. und der B. spielen Federball im Garten, die I. hält ihre Nase in die Hyazinthen, um sich vor der Nachrichtenlage zu betäuben und die Nachbarskinder finden, Ostereier suchen, nicht halbs so spannend wie uns durch den Garten zu jagen, bis wir japsend auf dem Boden liegen. Erst Sonne, dann Wind und Regen, Hagel gar, ich fürchte um die Kirschen. Die I. hebt drohend die Hand zum Himmel. „Bei allem was Recht ist“, ruft sie. Die Kirschen bekommst du nicht.“ Ich glaube sie meint nicht den Wetterg*tt sondern Erdogan. Wir verteilen Lebensmittel gerecht zwischen Pakistan, Deutschland, Schweden, Frankreich und der Türkei. Immerhin hier ist der Weltfrieden möglich. Wohl auch wegen des Verzichts der irischen Seite. Jedes Jahr, denn das Osterfrühstück ist, obwohl ich doch am Osterbrot der Pesach-Speiseregeln wegen nur riechen kann, einer meiner liebsten Sonntage eines jeden Jahres. Denn jedes Jahr bin ich erstaunt, dass diese wunderbaren, eigensinnigen, streitbaren und liebevollen Menschen tatsächlich mit mir befreundet sein mögen und unendlich reich beschenkt, bin ich mit ihnen allen. Ich wasche ab, der Tierarzt trocknet Gläser, dann müssen wir schon los. Stadteinwärts nämlich. Im Deutschen Theater gibt es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden.“Der Tierarzt hat die englische Fassung in der Jacke und liest sich ein. Das Theater ist voll, denn es ist nicht so sehr das Stück selbst, sondern Ulrich Matthes, der das Stück trägt. Natürlich könnte Ulrich Matthes das Berliner Telefonbuch vorlesen und ich wäre immer noch entzückt, aber das Stück selbst, hat die Zeit nicht gut überstanden. Blutleer sind die Charaktere und die Tragik des Abstiegs, bleibt seltsam fern und leider mir ziemlich egal. Diese Art des Sozialdramas das glaubte, ein Schicksal sei schon genug und es bräuchte dafür nicht auch noch Charaktere oder gar eine Geschichte verfängt sich nicht recht, sondern bleibt abstrakte Belanglosigkeit. Für eine kleine Weile noch gehen wir noch durch das nächtliche Berlin. Erleuchtete Fenster, dunkel die Spree, von weitem Musik, Frauen auf überhohen Schuhen wanken auf den Arm ihres Begleiters gestützt einem Abenteuer von dem wir nichts wissen entgegen. Eine Männergruppe vergleicht die Preise eines Bierbikeanbieters. Ein Mann schwärmt vollmundig von den Waden einer gewissen Undine. Aber die Dame ist nicht an seiner Seite und auch am Telefon nicht zu erreichen. In einer Kneipe essen Menschen Kalbsschnitzel, der Tierarzt dreht sich schaudernd weg. Im Bahnhof Friedrichstraße wälzt sich ein Mann auf dem Boden. Alkohl und Krämpfe sind keine gute Mischung. Der Notdienst sagt, er sei gleich da. Wir warten und der Tierarzt sieht mich an. „ Es ist es etwas mit Dir, nicht wahr. Ich nicke. „Immer schon“, sage „ich von Anfang an.“ Ein nicht minder alkoholisierter Berlintourist mit Jeanshemd und Lederjacke erklärt uns ungefragt und demonstrativ laut, was so ein Mann, wie der auf dem Boden dem Gesundheitssystem, also ihn als Steuerzahler koste und das Beste sei doch ihn liegenzulassen, denn Morgen wiederhole sich das doch von vorn. Der Mann unterstreicht seine groben Reden mit deftigen Bierrülpsern, dann kommt der Rettungsdienst. Der Mann muss sofort in ein Krankenhaus. Wir aber fahren mit der Bahn zurück an den Rand der Stadt, laufen durch die schweigenden, stillen Straßen und hören nichts weiter als unsere eigenen Schritte, bis wir wieder vor der Haustür stehen. Die I. hat zweimal angerufen, sehe ich auf dem Telefon. „Nein zum Ja“ sagt sie als ich zurückrufe.

 

6 Gedanken zu “Sonntag

  1. *Immerhin hier ist der Weltfrieden möglich* – genau an diesen kleinen Enklaven ziehe ich mich hoch: Bastionen, die eingekugelt wie ein Igel dem Irrsinn der Welt trotzen, an einem Bollwerk, wie dem deinen, das mir aus der Matrix zuwinkt: es gibt uns! Das tut mir gut – sehr!

    • Wenn selbst am Tisch die Buttermesser gezogen werden, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Wenigstens einen kleinen Raum gegen die Verzweiflung muss man sich bauen.
      Danke!

  2. Die I. und Gleichgesinnte mögen bitte nicht die Hoffnung aufgeben und weiter Widerstand leisten:

    „Erdogans vergifteter Sieg“
    https://www.heise.de/tp/features/Erdogans-vergifteter-Sieg-3686485.html?seite=2

    „Im Gespräch mit der Welt sieht Özgürüz-Chefredakteur Can Dündar die gestrige Wahl als den Anfang vom Ende von Erdogans Herrschaft. Das mag nach Wunschdenken klingen. Aber er könnte Recht behalten. Rein formal wäre es möglich, die Reform wieder rückgängig zu machen, wenn Erdogan 2019 seine Mehrheiten verliert. Aber das hängt nicht nur von der innertürkischen Opposition ab, sondern ganz maßgeblich auch vom Ausland, von der EU. Die muss sich jetzt rasch entscheiden, was ihr lieber ist: Eine weitere nahöstliche Diktatur – oder ein pluralistischer demokratischer Staat.“

    Can Dündar „Das ist der Anfang vom Ende der Ära Erdogan“
    https://www.welt.de/politik/ausland/article163749335/Das-ist-der-Anfang-vom-Ende-der-Aera-Erdogan.html

    • Ich danke Ihnen für das Zusammentragen so vieler Perspektiven auf ein so komplexes Thema. Die liebe I.muss erst einmal weiter atmen, glaube ich. Es ist ein Jammer für die aufgeklärten und engagierten Teile der Türkei, die jetzt sehen wie ihre Überzeugungen und Rechte zerbrochen werden.

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