Warum hast du mich verlassen?

Am Freitag Morgen sitze ich früh in der S-Bahn. In der Tasche, die Wohnungsschlüssel der F., deren Wohnung ich hüte, weilt sie doch über die Ostertage im Allgäu. Der Tierarzt zudem sitzt schon im Flugzeug und natürlich soll der Tierarzt abgeholt werden. Auf meinen Knien liegt Karl-Heinz Bohrers neues Buch , es geht vordergründig um die Phantasie, und sehr offensichtlich um Karl-Heinz Bohrer. In Steglitz steigt ein Pärchen zu. Eine junge Frau in einem Paillettenoverall und hohen weißen Schuhen mit dicken Plateausohlen. Eine falsche und dicke Goldkette um den Hals, lange blondgefärbte Haare, ein verwischtes Pink auf den Lippen, Tigerstreifen auf den Plastik-Nägeln, die nicht mehr vollständig sind. Ihr Telefon hat sie in den BH gesteckt, mehr trägt sie nicht unter dem glitzernden Overall, dabei ist so eine April-Nacht doch recht kühl. Süßes Parfüm und schaler Geruch von Alkohol wehen von ihr herüber. Ihr Freund, der seine Hand abwesend auf ihrem Oberschenkel reibt, hat sorgfältig zerrissene Jeans-Hosen an und ein dickes silbernes Kreuz baumelt zwischen dem weit geöffneten Hemd umher. Mit der anderen Hand aber tippt er hektisch auf sein Telefon und auch er verströmt den Geruch von billigem Schnaps und schwerem Parfum. Aber so genau, sehe ich nicht zu dem Pärchen herüber, denn Karl-Heinz Bohrer schreibt gerade über die Enttäuschung, die er angesichts des morgendlichen Zustandes seiner Geliebten empfindet. Er selbst so scheint es, hat sich im Spiegel nie mit den gleichen Augen gesehen, wie er die verquollenen Frauen mustert, denen er dann doch ein Frühstück macht. Für einen Moment überlege ich, ob ich amüsiert oder nur gelangweilt bin von der ästhetisch- beglaubigten Manieriertheit oder einfach nur gelangweilt. Vielleicht beides zugleich, aber dann beugt die junge Frau sich vor, hält sich die Hand vor den Mund und ich glaube erst, sie wolle nur einmal ein herzhaft gähnen, denn dass sie keinen Schlaf bekommen hat, das hätte Karl-Heinz Bohrer gleich gewusst und sofort die richtigen Schlüsse gezogen. Ich bin etwas langsamer und als ich wieder aufsehe, gähnt die junge Frau nicht, sondern erbricht sich in die geöffnete Hand. Ihr Freund, eben noch so begierig ihren Oberschenkel betastend, zieht seine Hand mit einem Ausdruck des Ekels fort, dann steht er wortlos auf uns setzt sich zwei Sitzreihen weiter weg von ihr wieder hin. Noch einmal sieht er flüchtig zu ihr herüber, nicht mehr interessiert als ein zufällig anwesender Fremder. Schon hat er sein Telefon wieder hervorgezogen und tippt hektisch in die Tastatur. Die junge Frau wimmert. Eine Hand wischt sie an ihrem Paillettenoverall ab, die andere Hand hält sie sich weiter vor den Mund und erbricht und erbricht und erbricht sich. Ich lege das Buch aus der Hand und krame in der Tasche nach Taschentüchern. Endlich finde ich eine Packung Tempos und endlich erinnere ich mich der FAZ von Donnerstag in meiner Zeitung und aus Rücksicht auf Karl-Heinz Bohrer falte ich hektisch aus dem Wirtschaftsteil und nicht aus dem Feuilleton eine Speitüte, denn der jungen Frau läuft das Erbrochene von den Händen in die Haare, tropft in ihr Dekolleté, rinnt ihr über die nur spärlich bedeckten Beine bis zu den offenen Schuhen. Mit einem Taschentuch halte ich der wimmernden Frau die Haare aus dem Gesicht, und sie speit würgend in die behelfsmäßige Tüte. Zwei Frauen ziehen ihre Kinder an uns vorbei. „Solche Schlampen“, rufen sie und schütteln den Kopf. Eine Musikantengruppe zieht durch den Wagen, einen Lautsprecher haben sie auf einem Handkarren montiert und so schallt: „Yellow Submarine“ unterlegt mit Mundharmonika durch die S-Bahn. Auch Sie bleiben stehen und starren auf die Frau, die sich weiter würgend übergibt. Ich falte eine zweite Tüte aus dem Politikteil. Am lautesten aber, lauter selbst als die sich langsam entfernenden Musikanten, hört man den jungen Mann, der doch vor zehn Minuten noch so begierig seine Hände in ihre Seite schob. Er schreit nun lauthals in sein Telefon: „Hey Alta, das glaubst du nicht, hier in der Bahn, is so ne Schlampe, die kotzt vor allen Leuten. Ey, voll peinlich, aber echt ey. Voll abgefuckt, die Alte. Der Freund am Telefon lacht. Beide, der junge Mann und sein Gesprächspartner stimmen ein ohrenbetäubendes Gelächter an, wiehern kreischend über die sich erbrechende Frau, die dem Mann doch keine Fremde war, sondern wohl auch Geliebte. Aber das ist schon vergessen, ausgelöscht schon die letzte Nacht, der Mann findet er hätte sich ein Foto verdient,aber da stehe auch ich, mit der zweiten Speitüte, den Taschentüchern und der Hand auf dem Rücken der Frau. „Lassen Sie das“, sage ich nur mühsam noch beherrscht. Er, schwankt weiter, am nächsten Halt verlässt er die S-Bahn und noch bevor die S-Bahn wieder anfährt, beugt er sich auf dem Bahnsteig über einen Papierkorb und übergibt sich wie die Frau, die einmal seine Freundin war. Sie aber sieht es nicht, sieht nur die Papiertüte vor sich, und die fremde Frau, die ich bin, mit den Taschentüchern zwischen Kinn und Wange. Ein Obdachloser schließlich versucht Zeitungen zu verkaufen. Ich kaufe ihm für 1, 50 Euro eine Plastiktüte ab. „ Ick würd dir helfen“, sagt er, aber ick bin gerade echt nicht jut bei Kasse.“ Ich nicke und werfe die beiden provisorischen Speitüten in die Plastiktüte, schon muss ich aussteigen, für fünf weitere Euro erklärt sich der obdachlose Mann bereit, mir zu helfen, die Frau aus dem Zug zu bugsieren, denn noch immer würgt und spuckt sie in die Plastiktüte. Auf drei also hieven wir die Frau nach draußen. Sie sieht uns an, unsere fremden Gesichter sagen ihr nichts und sie schreit nach ihrem Freund, der schon längst verschwunden ist. Wir schleppen die Frau, die Treppen hinunter zur Bahnhofsmission. Die Leute auf dem Bahnsteig starren uns an. Ich zähle die Stufen. Der obdachlose Mann- ick bin der Pico- sagt der Frau wieder und wieder, dass alles gut würde. Die Frau wimmert und ihre Beine geben nach. Die Bahnhofsmission will sich kümmern. Ich entsorge die Plastiktüte und gebe Pico 5 Euro. „Icke helfe echt jerne“, sagt er, „aber dit Leben is echt ne teure Tüte.“ Ich nicke und bedanke mich. „Sie sind ein echter Held Pico“, sage ich und meine das so. Ich muss mich beeilen, Blumen gießen und den Tierarzt nicht warten lassen. Noch einmal sehe ich nach der Frau, sie versucht sich mühsam aufzurichten und schreit markerschütternd: „Warum hast du mich verlassen?“

Ich gieße die Blumen und wasche mir lange die Hände, gerade noch rechtzeitig treffe ich auf dem Flughafen ein. „Mädchen, sagt der Tierarzt, du bist ganz blass und kalte Hände hast du auch. Ich lächle dem Tierarzt zu. Später am Nachmittag sehen wir in den Regen hinaus, auf dem Plattenspieler Felix Mendelssohn-Bartholdy. Mein G*tt warum hast du mich verlassen? Aber über den Chor hinweg, höre ich allein die junge Frau wimmernd schreien. Dann schließe ich für einen Moment die Augen. Meine Zunge klebt am Gaumen.

17 Gedanken zu “Warum hast du mich verlassen?

  1. Ach, Fräulein Read on. Wie traurig, wie verzweifelt, wie allein gelassen Und wie gut, zu lesen, dass Sie nicht wegschauen und nicht alleine lassen. Dafür Danke.

  2. Liebes Fräulein ReadOn,
    Danke für die Hilfe und Danke auch für den Link von Mendelssohn. Ich bin gerade in La Paz/Bolivien und sehe vieles, was ich aus unserem reichen und geschützten Europa so nicht kenne und das mich sehr beschäftigt. Die Musik, die ich letztes Jahr zu Ostern selbst gesungen habe, hat meiner Seele gut getan!
    Alles Liebe schickt
    Eva

  3. Beeindruckend. Die Frau wird sich bestimmt sehr lange an Sie erinnern. Hatte so eine ähnliche Erfahrung mit einer früheren Freundin. Erzählt sie heute noch davon wie ich hier damals geholfen habe. Ich hoffe sie hat mich nur deshalb geheiratet. Bei einer fremden Frau hätte ich mich aber sehr wahrscheinlich umgesetzt. Umso bewundernswerter, dass Sie einfach geholfen haben.

    • Ach wie schön! Das müssen Sie einmal aufschreiben. Ich glaube, ich erschreckte mich mehr, ginge ich nicht hin und hülfe. Es gibt eine Art von Normalität, die sich nicht einstellen darf. Es ist wirklich ganz selbstverständlich.

  4. Diese Realität spiegelt viel Hörigkeit und wenig Poesie und ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Erbrechen. Das Fünkchen Hoffnung hängt hier nicht am Kreuz, sondern an den Speitüten einer hilfreichen
    Hand. Großes Danke.

    • Nein, wirklich keine Poesie, sondern viele Abgründe. Ich will mich einfach nicht daran gewöhnen, dass sich Menschen übergeben und niemand sieht hin.

  5. Da es sonst niemand tut, werde ich versuchen, die Frage der unglücklichen jungen Dame zu beantworten.

    Sehr geehrte Unbekannte,
    jetzt bitte kurz kurz zuhören und der Realität in’s Auge blicken:

    Er hat Dich verlassen, weil er nicht mitansehen wollte, wie Du Dich in der S-Bahn erbrichst!

    Dass Dir das nicht gefällt, ändert leider nichts. Es gibt allerdings auch Menschen, die sich anders verhalten. Suche diese und meide jene.

    Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen
    Stephan

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s