Zu viele Rosen.

Ein Buch aus Scherben. #nowreading #leasinger #poesiederhörigkeit #mopsasternheim #books #literature #bücher #hoffmannundcampe

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Meine Großmutter glaubte nicht an Bücher für Kinder und Literatur für Erwachsene. Meine Großmutter befand es gäbe gute und schlechte Literatur. Sie werden es ahnen. Karl May, Bücher über Ponies oder die Mickey Mouse waren ihr abstraktes Dunkel und überhaupt fand sie man könnte Kinder gar nicht genug fordern. Überhaupt taugte meine Großmutter nicht zum Vorbild moderner Pädagogik. Sie bestritt hartnäckig die Existenz von Kalorien, fand ganzjähriges Draußen Baden für Kinder völlig in Ordnung, verabscheute schlechte Tischmanieren und glaubte das Lernen langer Balladen sei genau so gut für die Charakterbildung wie das Wissen, um die Herstellung einer guten Sachertorte und so las ich mich durch ihre Bibliothek und später dann schickte ich ihr lange Bücherwunschlisten und ohne je auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, schickte sie mir Bücherstapel um Bücherstapel und doch auch in der Wohnung meiner Großmutter gab es ein Regal in der sich hinter Aktenordnern verborgen, Bücher befanden, die nicht in meine Hände gelangen sollten und die meine Großmutter wohl auch vor sich selbst verbarg. Georg Trakl stand dort, denn meine Großmutter, die doch selbst der Liebe zu Deutschland verfallen war, fürchtete sich vor dem Sog, merkwürdigerweise auch Isaak Babel, aber den meisten Platz hinter den Ordnern nahm Gottfried Benn ein. Natürlich fiel mir nichts Besseres ein, als die Bände aus dem Regal zu ziehen, in den Sessel zu sinken und schon ertrank ich, sank tiefer und tiefer und merkte nicht wie die Schatten länger wurden, und auch nicht, dass meine Großmutter längst zurück war. „Zu viele Rosen“, sagte sie und sah mich nicht an. Die Bände stellte sie ins Regal zurück. Über Gottfried Benn kein Wort. Ich aber im Auswendig Lernen deutscher Balladen geübt, memorierte nun Benn. Allen Rosen zum Trotz. Aber im Bücherregal, gut verborgen, stand auch der andere Benn, stand der mit den Dornen, der Benn der Jahre 1933 und 1935, der Benn der von der Züchtung des Geistes schwärmte und auch sein Loblied auf den neuen Staat, der nach neuen Intellektuellen riefe. Meine Großmutter schrieb an den Rand: Auch Benn. Zwei Ausrufezeichen. Über Benn wurde geschwiegen, meine Großmutter schnitt nur selten Rosen im Garten ab und schenkte ihr jemand Rosen so drehte sie den Kopf zur Seite. Dass aber auch meine Großmutter zu den Bänden wieder und wieder zurückfand, verschwieg sie nicht nur mir, sondern auch sich. „Zu viele Rosen, mein Kind.“

Geschwiegen wurde auch in der Familie von Mopsa Sternheim, nicht nur über Gottfried Benn, der auf einmal mitten im Weltkrieg auftaucht, die Gerüchte über Edith Cavell kamen mit und auch die Fingerkuppen, weiß und fett blieben dem nicht mehr Kind nicht verborgen. Es beginnt eine Geschichte, die man mit Liebe nicht beschreiben kann, und ob es mit Obsession getan werden kann, weiß ich noch immer nicht. Das Spannungsfeld jedenfalls, zwischen den beiden Sternheim-Frauen und Gottfried Benn ist noch einmal und immer wieder die schmerzliche Geschichte Deutschlands und seiner Dichter. Benn träumt von Apfelkuchen und Schlagobers, Mopsa Sternheim von den Händen des Dichters auf ihrem Rücken, ihre Mutter Thea schreibt Briefe an Doktor Benn, kauft Bilder von Picasso und Doktor Benn behandelt Geschlechtskrankheiten und wohnt möbliert: Deutsche Eiche, dunkel. Er der Dichter, sucht keine Muse, sondern Frauen für eine Nacht und Rosen schenkt er nur Frauen mit knielangen Röcken, aber nicht der kosmopolitischen, zerbrechlichen, zähen und ringenden Mopsa Sternheim. Benn trinkt Pils und Mopsa seine Worte. Eine Heirat, eine Familie mit Abgründen, immer auf der Suche, immer unterwegs, Benn bleibt in Berlin-Schöneberg. 1933 aber trennen sich die Wege. Mopsa und Thea sind in Paris und Gottfried Benn hat endlich Ruhe und Schlagsahne gleich mit dazu. Benn schwadroniert von kernigen Kerlen und deutschen Mädels. Mopsa geht in den Widerstand und überlebt bis 1945 im KZ Ravensbrück. Benn bedauert sich und nein, keine Rosen, nicht einmal Astern. Ein spätes Wiedersehen, noch einmal Mutter und Tochter, noch einmal Benn und Bürgerglück. Die Frau heißt Ilse, man hat sich eingerichtet. Mopsa schließlich stirbt an Krebs, ein letzter Brief an Benn. Mag sein, dass sie auch an Krebs gestorben ist, aber vor allem wohl an einem vielfach gebrochenen Herzen. Lea Singer hat die Scherben und die Schnitte von Mopsa von Sternheim zusammengetragen. Es sind viele schmerzhafte Splitter, ein Kaleidoskop von Bildern, Briefen, Gesprächen, von dem Versuch die Worte in einen Menschen zu verwandeln, vom Scheitern und von der Zebrechlichkeit dessen was wir Liebe nennen. Es ist auch die Geschichte einer erbitterten Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter und Freundschaften, die schleißlich immer wieder an Morphin zerbrechen. Erika Mann und Pamela Wedekind laufen hin und wieder durch das Bild. René Crevel stirbt und Rudolph Carl von Ripper entkommt gerade noch einmal so. Aber wer kann schon Deutschland im 20. Jahrhundert entkommen, auch wenn es manchmal in Gestalt eines Dichters mit schlaffen Augenlidern und schweren Lidern daherkam. Mopsa Sternheim kommt nicht davon. Lea Singer aber hat Mopsa Sternheim noch einmal zurückgeholt, endlich einmal ihre Geschichte aufgeschrieben, die nicht nur eine Geschichte mit Gottfried Benn war, sondern ein deutsches Leben, was es nicht mehr gibt.

„Niemand“ sagte meine Großmutter, „ ist jemals ganz aus Auschwitz zurückgekommen.“ Sie rieb sich über den Arm. Das 20. Jahrhundert hatte seine Spuren hinterlassen, auch wir lebten zwischen den Scherben. Meine Großmutter aber stellte die Gedichte Gottfried Benns ins Regal zurück, es war wohl eine Vorsichtsmaßnahme, aber es war schon zu spät, ich kehrte wieder und wieder zurück. Meine Großmutter aber das würde ich erst viel später lernen, als wir zusammenzogen und ich meine Benn-Bände neben Ihre stellte, konnte alle seine Gedichte auswendig und versuchte doch beständig sie zu vergessen. Damals aber schüttelte sie noch einmal den Kopf. „Zu viele Rosen mein Kind.“ Heute in meinem Bücherregal stehen die Bücher Gottfried Benns, auch die Reden von 1933 und 1935 hinter den Bildbänden, gut verborgen vor allen Augen und vor allem wohl auch vor mir selbst.

Lea Singer, Die Poesie der Hörigkeit, Hoffman und Campe 2017, 20 Euro.

7 Gedanken zu “Zu viele Rosen.

  1. Und der Sex mit Benn war Mopsas Worten zufolge nicht einmal gut. Nachzulesen ist das in Gregor Eisenhauers Besprechung des Briefwechsels zwischen Thea Sternheim und Gottfried Benn. Wie so viele liitt auch Mopsas Mutter am Heimweh nach der deutschen Sprache, das sie „ganz marode“ machte.

    Für beide, für die im Zölibat lebende Mutter wie für die sich verschwendende Tochter, galt der Stoßseufzer Mopsas: „Ausser Benn hat nie ein Mann mich geistig verführt.“ Und so wollten sie ihn, den notorisch Reiseunwilligen nach Paris einladen, visionierten ausgedehnte Zusammenkünfte in Berlin, erträumten sich lange, traumalösende Gespräche – ohne dass es, wenige kurze Begegnungen ausgenommen, je zu den erhofften Aussprachen gekommen wäre. Diese Ausdauer der Sehnsucht nach dem erlösenden Wort, die anfangs nur in Zwischentönen angestimmt ist, zum Ende hin aber gerade von Thea Sternheim immer fordernder artikuliert wird, ist es, was diese ausgezeichnet kommentierte Edition der Briefe und ausgewählter Tagebuchaufzeichnungen von Mutter und Tochter so lesenswert macht.

    Dieser Wunsch, endlich Antwoten zu bekommen, macht es oft ja gerade so schwer, loszulassen.

    Erstmals erschien übrigens 2016 eine fiktionalisierte Biographie Mopsas unter dem Titel „Mopsa Sternheim: Ein Leben am Abgrund“ von Ines Rieder, für die sie jahrelang geforscht hat. Kurz vor dem Erscheinen ihres Werks verstarb die Autorin plötzlich. Vielleicht ist das Buch deshalb auch untergegangen*, es gibt jedenfalls kaum Besprechungen dazu; mag sein, dass auch der österreichische Verlag zu klein ist, um von den Medien hierzulande beachtet zu werden. Schön, dass es bei diesem Roman nun anders ist und man Mopsa Sternheims Leben wieder gewahr wird.

    Danke für Ihre Erinnerungen.

    * Ich bin auch eben erst darauf gestoßen, weil ich nach Bildern von Mopsa Sternheim suchte.

    • Vielen Dank für all die spannenden Hinweise und zusätzlichen Informationen. Mich hat dieser Benn nie losgelassen, auch diese quälerische Geschichte mit Else Lasker-Schüler und immer wieder die harte Kühle gegen die Welt. Mich interessiert das Buch von Ines Rieder sehr! Nicht nur dafür vielen Dank. Lea Singer würde ich viele Leser wünschen, und überhaupt Mopsa Sternheim war eine unendlich eindrucksvolle Frau.

  2. „Heute in meinem Bücherregal stehen die Bücher Gottfried Benns, auch die Reden von 1933 und 1935 hinter den Bildbänden, gut verborgen vor allen Augen und vor allem wohl auch vor mir selbst.“
    Kann ich nachvollziehen. Auch wenn mir bewusst ist, dass Gedichte nichts für die
    Sünden ihrer Schöpfer(innen) können, fällt mir die Trennung zwischen Werk und Person nicht leicht.

    • Bonn bleibt ein schwieriger Fall. So viele Lücken und so viele Scherben. Und immer wieder diese Gedichte. Ich glaube nicht, dass man von ihm loskommen kann, nur das Bedingungslose geht eben auch nicht.

  3. Es war seltsam, weil unverhofft, beim heutigen Besuch hier auf Mopsa Sternheim zu treffen. Danke, ohne Sie wäre das Singersche Buch an mir vorbeigegangen.

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