Sonntag

Am Morgen ist der Himmel noch unentschieden. Ich blinzele in das frühe Licht. Noch ist mehr Grau denn Blau, doch schon schiebt die Sonne die Wolken zur Seite und ich gehe zu Herrn Zingarelli hinüber und Herr Zingarelli überreicht mir galant eine Schüssel Walnuss- und Pistazieneis. Die Sonne klettert über den Dachfirst, ich steige die knarrende, alte Holztreppe zum Trockenboden hinauf. Dort trocknet im Winter noch immer die Wäsche, die Zitronenbäume überwintern dort und auch die Fahrräder lagern dort ein. Das Schönste am Trockenboden aber sind die Fenstergauben mit ihren breiten Balken. Ein Kissen im Rücken, die Schüssel mit Eis auf dem Schoss und ein Buch in der Hand, baumeln meine Beine aus dem Fenster. Ungefähr auf halber Höhe des Kirchturms sitze ich und direkt neben mir funkelt die Sonne auf den roten Dachschindeln. Aber unten auf dem Kirchplatz ist viel zu viel zu entdecken, als das ich meine Buch wirklich aufklappen würde. Ein Pudel hat sich in seiner Leine verheddert und ein Dackel lacht hämisch. Eine Frau ruft: „Heinrich, Heinrich!“ und meint ihren Mann, aber ihr Mann hat wohl andere Pläne, denn sie ruft vergebens nach ihm. Immer mehr Stühle füllen sich vor der Trattoria der Familie Zingarelli und auch vor der Eisdiele: lange Schlangen. Ein Bube heult: „A-B-E-R D-A-S E-I-S I-S-T J-A K-A-L-T. Seine Schwester frohlockt und versucht ihm die Waffel zu entreissen. Das geht schief. Zwei Waffeln liegen auf dem Pflaster schon kommen die Elstern, Erdbeereis krächzen sie und schon ist das Eis Vergangenheit. Entsetzte Kinderaugen. Gemeinsames Geheul. Der Vater schüttelt den Kopf: „Ich habe euch doch gesagt!“ Zum Glück ist Frau Zingarelli schon zur Stelle und streicht den Kindern über den Kopf, schon halten sie eine neue Waffel in den Händen und Frau Zingarelli winkt zu mir nach oben. Ich winke zurück. Ein Mann läuft mit einem Blumenstrauß gedankenverloren über den Marktplatz. Der Blumenstrauß sagt: „Sabine, ich liebe nur dich- verzeih mir- es wird nie wiedervorgekommen- du bist das Licht, mein Leben- Sabine, was soll neben dir eine Annika sein?“ Der Mann probt in Gedanken noch einmal seine Entschuldigungsrede, sein Jackett ( hellblau ), seine Jeans dunkelblau und seine Schuhe frisch gewienert, er ist die Reue selbst. Fast er übersieht er eine Frau auf dem Fahrrad, die böse klingelt, aber der Mann sieht nicht einmal auf: „Liebe Sabine, ohne dich sind alle Tage grau, alle Tauben verflogen und mein Leben nur Ödnis.“ Er trägt den Bluemnstrauß wie ein Schutzschild vor der Brust. Schon biegt er um die Ecke. Jeder Schritt ein Schritt zurück zu Sabine.
Eine Ehepaar schließt ein Tandem an. Der Wirt vom „Goldenen Krug“ schickt den Lehrling ihnen mit dem Gepäck zu helfen. Dem Lehrling ist das Tandem nicht geheuer. Aber das Tandempaar teilt sich nicht nur ein Fahrrad, sondern auch das gleiche Sportdress. Rote Hosen und ein weißes Laiberl. Der Lehrling zieht das Käppi tiefer. Mit dem Tandempaar will er lieber nicht gesehen werden von den Freunden, die auf dem Marktbrunnen sitzen und johlen. Der Tandembesitzer hat endlich das komplizierte Nummernschluss richtig hingefummelt und er und sie humpeln im Gleichschritt, dem „Goldenen Krug“ entgegen. Schon stehen zwei Stadtführer auf dem Marktplatz. Waren für Jahre Regenschirme ihr beliebtestes Accessoire, so schwenken sie jetzt Länderfahnen, um ihre Gruppen zu sammeln. Einmal Spanien gegen Italien. Die Stadtführer schreien „Una città vecchia“ und „la ciudad vieja“. Die Touristen knipsen Marktplatz und Kirchturm, aber eigentlich sehen sie sehnsüchtig in Richtung Eisdiele, wo die Schlangen immer länger werden. Endlich muss der Stadtführer einmal Luft holen, seine Atempause wird sofort in Eiskugeln umgesetzt. Der Stadtführer wischt sich den Schweiß von der Stirn und ich muss an mich halten, um nicht: „Nehmen Sie Walnuss und Pistazie“ vom Dach zu schreien. Zwei ältere Damen tauchen ihre Taschentücher in das Brunnenwasser und kühlen sich die Arme. Der Pfarrer noch im Talar läuft mit Bibel unter dem Arm raschen Schrittes über den Kirchplatz hinüber. Beliebt ist er nicht. Die Leute sagen, er würde den Gläubigen nach dem Gottesdienst nicht mehr die Hand geben. Er fürchtete sich vor Keimen. Die Gläubigen aber fühlen sich eines Händedrucks würdig und wünschen sich den alten Pastor zurück, der alle Frauen zwischen fünf und fünfundfünzig in die Wangen kniff. Mit der Kantorin soll sich der alte Pastor noch ganz andere Zärtlichkeiten herausgenommen haben, so jedenfalls habe es die Frau Pastorin, Frau Zingarelli im Vertrauen erzählt, die aber habe es bei der Beichte dem katholischen Priester sagen müssen und anderntags wusste die ganze Stadt, dass der Pfarrer auf dem Sofa schlafen musste. Dann wurde der Pfarrer versetzt. „Vom Regen in die Traufe“ sagen die Leute und ich kratze den letzten Rest Walnusseis aus der Schüssel und gähne im warmen Sonnenlicht. Die Kantorin schließt die Kirchentür ab. Herr Zingarelli serviert knusprig heiße Pizza. Mürrisch sieht der Wirt vom „Goldenen Krug“ herüber. Seine Gaststube ist nur für diejenigen zu empfehlen, die sich ihres Erzfeindes erledigen wollen. Es gibt Leute die sagen, dass sie rostige Nägel im Kartoffelpüree gefunden hätten. Aber meine Großmutter sagte, noch nie haben die Wirte vom „Goldenen Krug“ zu kochen verstanden. Das Tandemehepaar will es trotzdem wagen und diskutiert die Speisekarte. Inzwischen haben alle Touristen eine Kugel Eis erstanden und trotten dem Stadtführer mit seiner Fahne hinterher: „Il castello vecchio!“ Ein Auto, das in der Innenstadt gar nicht fahren dürfte, fährt langsam vorüber, denn auch die Oberstufenschönste mit ihren blonden Engelslöckchen und dem goldenen Overall steht an der Eisdiele an. Der BMW hält und die Musik knallt über den Marktplatz. Die Stufenschönste ( Erdbeereis ! ) dreht sich langsam auf dem Hacken um, ihr Lächeln knallt gegen die Musik, langsam fährt sie mit der Zungenspitze über die Eiskugel, kostet ganz langsam und fährt sich mit der Zunge über die Mundwinkel. Dann aber wendet sie sich ab und geht auf einen jungen Mann zu, der mit einem klapprigen Fahrrad am Brunnen wartet, steigt auf den Gepäckträger, er tritt an und sie schleckt Erdbeereis, der wind fährt durch ihre Locken. Der BMW-Fahrer aber steht als verlassenes Hündchen am Straßenrand. Er isst kein Eis mehr.
Ein Mädchen läuft einem roten Luftballon hinter her, der BMW-Fahrer fährt mit heulendem Motor davon und die große Schwester des kleinen Mädchens zeigt nach oben, wo ich noch immer mit den Beinen baumelnd im Sonnenschein sitze: „Guck mal ruft sie, Karlsson auf dem Dach.“ Mutter, Vater und Kinder starren mit offenem Mund zu mir herauf. Ich zwinkere dem Mädchen zu.

6 Gedanken zu “Sonntag

  1. Zeitlos schön ist so ein Sonnensonntag auf dem Marktplatz. Ganz leicht im Herzen wird es beim Lesen ihrer Zeilen mit einem kleinen bittersüßen Hauch. Und ich warte jetzt einfach auf ihr Buch. Egal, wie lange es dauert.

  2. *Karlsson auf dem Dach* hat mir immer schon imponiert , und so warte ich noch darauf, dass anstatt fliegender u. selbst fahrender Autos endlich die Propeller-Technik erfunden wird, mit der ich abheben kann.
    🙂

  3. ach wie ist es herrlich fraulein read on zu lesen, wenn frau schon befürchtet, dass der nächste sonntag grauslich werden könnte…. ich sollte für walnuss und pistazieneis sorgen. dann lässt er sich vielleicht noch retten, auch wenn ich gauben- und trockenbodenlos bin. lächelnd grüßt evaimgarten.

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