Zu nächtlicher Stunde

„Kommst du mit zurück?“, fragt mich die liebe C. als Herr Zingarelli verarztet und die Spaghetti aufgegessen sind. Ich schüttle den Kopf. „Ich geh noch auf einen Sprung zum D.“ sage ich und die liebe C. nickt. „ Aber sieh noch einmal bei mir herein, wenn du zurück bist, ja?“, sagt die C. und ich muss lachen. Aber gerührt bin ich eben doch. „Versprochen“ sage ich und küsse meine liebe C. Herr Zingarelli gibt mir zwei Flaschen Wein, die braucht der D. sagt er und ich nicke. Am Morgen in der Zeitung, die Anzeige: „bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen: Fräulein B. und Herr C. beide Ärzte im Städtischen Klinikum der Stadt X.“ Ich legte die Zeitung weg, denn schon schellte es an der Praxistür. Aber die Anzeige vergaß ich nicht. Die liebe C. und Familie Zingarelli winken mir zu: „Grüßen Sie uns den D.“ rufen sie und ich nicke. Über den Marktplatz also, vorbei am stattlichen Haus der Familie der B. Altes Geld sagen die Leute und meine Großmutter sagte mir: ich sollte nichts darauf geben, was die Leute sagen. Drei Querstraßen weiter drücke ich die Haustür auf. Noch immer der gleiche Muschelkalk auf dem Boden, eine Reihe von Briefkästen, zwei Fahrräder, eins ist kaputt. Der Stiegenlauf schon lange nicht mehr gestrichen. Erbaut im Jahre des Herrn über dem Türsims, ich laufe die Treppen hinauf, bis ganz hinauf ins Dachgeschoss. Dreimal kurz und zweimal lang klopfe ich an die Tür. „Mach auf“ rufe ich und klopfe noch einmal. Endlich knarrt der Dielenboden und dann öffnet sich die Tür. „Poltergeist“, sagt der D. „Sehr witzig sage ich und stelle die Weinflaschen auf den Tisch. „Von Herrn Zingarelli“ sage ich und du suchst einen Korkenzieher. „Immer noch nüchtern Read On?“ fragt der D. und ich nicke. Die gleiche Zeitung liegt auf dem Tisch. „Bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen.“ Nun ist es also soweit“ sagt der D. und der Korken ploppt aus der Flasche. Der D. sieht auf seine Hände und ich sehe auf den Kamin. Dort steht im silbernen Rahmen das Bild von B. und D. Lächelnd, sonnenbestrahlt. Arles. Ein langer Sommer. Der D. auf dem Bild hat keine Schatten unter den Augen, sondern trägt die Sonne vor sich her. „Dir will ich die Welt zu Füßen legen“ steht in unsichtbarer Tinte unter der Fotografie geschrieben. Der D. sieht meine Augen und dreht das Bild abrupt um. „Was willst du?“,fragt er und ich zucke mit den Achseln: „Ich will nicht das du allein trinkst, sage ich und der D. lacht. „Ach so, das Fräulein Read On, mit ihrem Patent zum Sorgen machen. Die ewig Besorgte, die Kümmerin, die Ach-ich-weiß-wie-es-dir-geht, die lass uns doch reden-Madame. „Bist du fertig?“ frage ich. „Scheiße“ sagt der D. und dann räumt er einen Stapel Zeitungen für mich vom Stuhl. Ich mache mir einen Tee. „Fühl Dich wie zu Hause“ sagt der D. und ich drehe mich um. „D. sage ich, ich gehe nicht.“ „Scheiße“, sagt der D. Neben der Zeitung liegt die dokumentierte Beziehung des D. und der B. Fotostapel über Fotostapel. Ein glückliches Leben. Fast zehn Jahre lang und dort wo ich sitze, einem breiten Rattanstuhl hat die B. jahrelang gesessen und dem D. nach der Nachtschicht in den Schoß gelegt. Der D. ist Krankenpfleger und die B. inzwischen Ärztin. Zehn Jahre lang war es der B. egal und dann verlobte sie sich mit dem Anästhesisten und nicht mit dem Krankenpfleger D. Der D. starrt auf die Zeitung. Ich auch. Der Teekessel pfeift. Keiner von uns steht auf. Der D. lacht bitter. „Was wollen Sie als Krankenpfleger denn im Arztzimmer?“, hat sie am Freitag gesagt. „Scheiße“, sage ich. Der D. nickt und legt den Kopf auf die Arme. Die Kirchturmglocken schlagen und vor dem Haus hält ein Auto. Wir stehen nicht auf. Das Auto fährt fort und die Scheinwerfer ziehen einen hellen Lichtstrahl durch die Küche. Der D. erinnert sich der Weinflasche, dann schüttelt er den Kopf. „Es wäre besser, wenn wir uns jetzt siezen“ sagte sie ,murmelt er und ich ziehe seine Hände zu mir heran. Der Korkenzieher fällt klappernd zu Boden. Ich würde gern sagen, dass sie es nicht so meint, dass sie schon jetzt vielleicht drüben im stattlichen Haus, nervös auf den Fingernägeln kaut, die Jacke vom Haken nimmt, und hinüberläuft zum D., aber vor uns auf dem Küchentisch liegt die Anzeige, rot umrandet vom D. zwei Turteltäubchen halten einen Zweig im Schnabel: „Bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen.“ Am Haken im Flur hängt noch ihr Wintermantel, ihre Handtasche, so als sie sei nur auf einen Sprung nach Haus gegangen, denn ihr Zuhause war doch die letzten zehn Jahre die Dachgeschosswohnung des D.
Der D. trinkt ein Glas Wein. „Was soll ich jetzt machen?“ „Ruf sie an2, sage ich. Du wirst doch nicht hereinfallen wollen auf das Sie und das Arztzimmer. Der D. legt eine Platte auf. Gluck. Orpheus und Eurydike. Unten vor dem Fenster steht eine Frau im Hauseingang, schon kommt ein Taxi, hastig steigt sie ein und schon liegt die Straße wieder im Dunkeln. Der D. und ich liegen auf dem alten Smyrnateppich und die Musik, diese klagende Stimmen im Wechsel schwappt in Wellen über uns hinweg. Unten auf der Straße quietschen die Bremsen, auf dem Marktplatz schlägt die Uhr, im Treppenhaus lässt jemand ein Schlüsselbund fallen, der Symrnateppich riecht nach dem Lavendelparfum der B. „Ich dreh mich doch nicht um, doch nicht nach ihr“, sagt der D. und klingt nicht einmal weinselig dabei, sondern nur bitter. „Ruf Sie an“, sage ich und stehe auf das Telefon suchen. Im Papierkorb mehr Bilder der letzten Jahre. Unter der Zeitung endlich das Telefon. „Ruf sie an“, sage ich und der D. dreht den Kopf weg. „Willst du lieber in die Kirche stürmen, kurz vor dem Ja-Wort?“, frage ich und der D. nimmt das Telefon. „Du bist unerträglich, sagt der D.“ „Dafür bin ich hier“, sage ich und der D. wählt die Nummer, die einzige Nummer, die er inwendig behalten kann. Am anderen Ende nimmt die B. den Hörer ab. Für einen Moment noch, stehe ich am Küchenfenster, dann suche ich Mantel, Schuh, und ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Zurück zum Marktplatz also, die Straßen menschenleer. Alle Häuser sind dunkel. Nur im stattlichen Haus an der Ecke des Marktes brennt Licht. Im Erker steht die B. das Telefon in der Hand, den Hörer dicht ans Ohr gepresst, die andere Hand im Haar vergraben. Ich bleibe nicht stehen, schon suche ich nach dem Schlüssel, im Haus meiner Großmutter hat die liebe C. mir Licht angelassen, ich lasse die Treppenstufen fünf und acht aus, öffne leise die Tür zum Zimmer der C. und küsse sie auf die Stirn. „Der D?“ murmelt sie, telefoniert mit der B. sage ich und die C. lächelt. „Schlaf gut“, „Du auch“ flüstere ich und gehe ins Bad. Bevor ich endlich ins Bett falle, sehe ich noch einmal über den Marktplatz. Bei der B. ist noch Licht, strengte mich an, könnte ich bestimmt erkennen, ob sie noch immer mit dem Telefon am Fenster steht, aber ich ziehe den Vorhang vor, und sehe auf den Wecker neben dem Bett. Es ist halb Zwei.

13 Gedanken zu “Zu nächtlicher Stunde

  1. „….„bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen: Fräulein B. und Herr C. beide Ärzte im Städtischen Klinikum der Stadt X.“
    „Fräulein B“ stand doch da nicht wirklich – oder?
    Unabhängig davon scheinen mir das Fräulein B. und der Herr C. ziemlich gestrig, was ihren Statusdünkel
    betrifft.

    • Es hätte heißen müssen das Fräulein Dr B. und es ist nicht so sehr Standesdünkel, sondern die Weigerung sich selbst über den Weg zu trauen scheint mir….

  2. Es wäre wirklich sehr schade, wenn Sie nicht doch noch ein Buch verfassten, liebes Fräulein Read on.
    Eine zauberhafte kleine Geschichte. Und schade, dass es noch immer diesen Dünkel gibt.
    Liebe Grüße aus der Altmark, Dörthe

  3. Ach, Sie sind zu liebenswürdig zu mir. Standesdünkel sind hier glaube ich nur Teil einer weitaus schwierigeren Konstellation, in der jemand sich nicht traut, zu sich selbst zu stehen, sondern Erwartungen hinterherläuft. Das ist schwer. Ich grüße herzlich in die Altmark!

  4. Im kalten Kanada an einem stürmischen Nachmittag. Deine Worte, immer wieder ein Nachhallen, eine Hommage an meine Sprache, eine Melodie, die mir Heimweh macht. Danke für’s Herzwärmen.

  5. Frauen heiraten in der überwiegenden Mehrheit nicht nach unten. Das ist in vielerlei Hinsicht bedauerlich – insbesondere für Männer mit geringem und Frauen mit hohem sozialen Status, deren Möglichkeiten bei der Partnerwahl dadurch eingeschränkt werden. Die veränderten Rollenvorstellungen, die es Frauen erleichtern, unabhängig von Männern sozial aufzusteigen, verstärken dieses Problem.

  6. Weia. Es klingt fast so, als hätten am liebsten die stolzen Eltern der B. die Anzeige aufgegeben, um die Verlobung der Tochter bekannt zu geben. Der Spruch, den sie freitags D. gegenüber brachte, lässt aber nicht gerade hoffen, dass sie die Kurve noch kriegt. Mal sehen, ob der Anästhesist dann in einigen Jahren vielleicht mit einer Krankenschwester durchbrennt.

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