Während du schliefest.

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Nachts um Zwei Uhr klingelt das Telefon. Nein, nicht das alte iphone neben meinem Bett, sondern das irische Telefon unten neben dem Sessel auf dem die Katze selig schläft. Nicht nur weil es Nachts um Zwei ist, und auch nicht weil die Nummer nicht mehr als fünf Menschen haben, ahne ich doch, dass es nur meine liebe C. sein kann. Niemals würde Sie mich zu dieser Stunde- auf dem scheppernden Mobile anrufen, um mich und den Tierarzt zu wecken, sondern sie lässt das Telefon klingen, leise und fragend und wachte ich nicht auf, so bin ich mir sicher, wäre sie fast erleichterter, als sie es ist, als ich die Treppe hinunterlaufe, mich auf die Sesselkante setze und sage: „Liebes bist Du in Ordnung?“ „Ich schon flüstert die C. aber die drei Grazien- ihre Arzthelferinnen sind krank.“ F. der einspringen könnte, kommt aus dem Krankenhaus nicht los, mein Vater ist gar nicht in Deutschland und dann flüstert die C. fast unhörbar: „Könntest du kommen?“ Die liebe C. kann mich nicht nur Nachts um Zwei anrufen, sondern für die C. würde ich von viel weiter weg kommen, als nur von Irland aus. „JA“, sage ich und die C. am anderen Ende des Hörers atmet aus. „Warum bist du überhaupt wach Süße?“ sagt sie und wir wissen beide: alte Träume, die mir durch die Nächte fahren. Dann schicke ich die C. zurück ins Bett. Ich packe Tasche und Bücher zusammen, räume weiter die Küchenschränke aus ( Pessach kommt mit großen Schritten näher ) und alles Chametz- haltige kommt zum Tierarzt. Die Katze kommt auf eine Untertasse Milch vorbei und ich richte eine Tomatensuppe mit Reis, denn beim Tierarzt muss man sich wirklich fürchten, dass er verhungert, ist man auf ein paar Tage verreist. Bevor aber der Tag wirklich und vollständig anbricht und ich aufstehen muss, gehe ich noch einmal die Treppe hinauf, und ziehe ein kleines, bisschen, aber ganz vorsichtig nur am Federbett, von dem der Tierarzt mir eine Ecke abgeben soll. Für eine dreiviertel Stunde sehe ich den Tierarzt an. Im Licht und am helllichten Tage ist der Tierarzt immer im Schatten, lehnt halb verborgen hinter einem Türrahmen oder verschwindet fast in der Hand. Selbst in einer Schafherde, die dem Tierarzt doch höchstens bis zum Knie reicht, muss man den Tierarzt suchen, der mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt ein Lamm auf den Knien hält. Auf dem Bild, das unten im Wohnzimmer auf dem Kaminsims steht, und auf dem die ganze Tierarztfamilie versammelt ist, sieht man nur das Bein und einen halben Ellenbogen. Da ist der Tierarzt zehn Jahre alt und damals schon ließ sich der Tierarzt mehr erahnen als wirklich sehen. Ganz anders aber am Schlaf: während ich nur unter Decken und Kissen vergraben, und einem riesigen afrikanischen Tuch mumiengleich eingewickelt schlafen kann, liegt der Tierarzt mit den Armen hinter dem Kopf ausgetreckt neben mir. Fast verschwunden sind die Schatten, die mit dem Tageslicht zu ihm kommen, jetzt aber in der letzten Stunde der Nacht, atmet der Tierarzt leise ein- und aus. Ein heimliches Lächeln gar zieht sich über seine Lippen und ich sehe den Tierarzt an, dem die Haare tief in die Stirn fallen, und der auf dem Rücken liegend sacht und zart vom Schlaf selbst behütet inmitten der Träume geht. Zart sind seine Züge, im Schlaf ist der Tierarzt noch immer acht Jahre alt und noch immer liegt dort das Kind, das kaum sprach vor allem nicht mit Menschen, sondern vor allem mit dem Hund, der eigentlich auf dem Bettvorleger verbleiben sollte, uneigentlich aber Nacht für Nacht neben dem Tierarzt schlief. Schöne, schwarze Wimpern, ganz leicht zuckt ein Wangenmuskel, so als wolle der Tierarzt eigentlich gleich lachen, herzhaft und heiter, er der traurige Schatten immer in den Mundwinkeln trägt. Ich will es mir festhalten, dieses dein Bild für später und lange schon magst du irgendwann neben jemand anderen liegen, diese Stunde neben dir in der Dunkelheit, die gehört mir, ich werde sagen können, ich habe dich schlafen sehen und sah wie die Schatten Dir entwichen und still habe ich dagelegen und dir beim Schlafen zugesehen. Dann dämmert der Morgen herein, ich stehe auf und mache Tee, dann küsse ich Dir die Mundwinkel rosig und erzähle dir vom Anruf der C. Noch immer halten die Schatten sich von dir fern und erst als ich Dir Tür hinter mir zuziehe, kehren die Schatten zu dir zurück. Im Flugzeug dann endlich, schon neigt der Tag sich dem Ende zu, schlafen zwei schwere Männer neben mir tief und fest, schnarchen und neigen die Köpfe, aber ich sehe nicht hin, nicht umsonst kann ich weder im Flugzeug noch in der Bahn schlafen, und immer muss ich ein Tuch um mich herum gewickelt wissen, denn der Moment der Entblößung im Schlaf schien mir immer zu groß für das, was ich der Welt zu zeigen gewillt bin. Als Kind glaubte ich die Nachtwächter, die in alten Tagen die Städte vor dem Feuersturm aufwecken sollten, würden eigentlich den Schlaf bewachen und für viele Jahre gab ich als Berufswunsch Schlafwächter an und stellte mir vor ich zöge von Fenster zu Fenster und pflückte den Nachtmahr von den Köpfen in den Federbetten. Dann zöge ich weiter und sänge: Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Elf geschlagen! Aber ich bin etwas anderes geworden und lasse die beiden Männer mit ihrem Schlaf allein. Im Fenster weiße Wolken, blass blau und hell rosa, vielleicht liegen hier die Träume begraben. In Berlin schwarze Nacht, mit dem Auto schließlich vorbei an Grillstuben, Spielhöllen, Apotheken, einem McFit, dem Gefängnis, dort brennt kein Licht mehr, eine Bäckerei und Wohnhäusern, in vielen Fenstern flimmert Fernsehlicht, eine Frau schon im Nachthemd raucht aus dem Fenster, ein Mann im Unterhemd stemmt Hanteln auf dem kleinen Balkon, schon bin ich auf der Autobahn immer noch weiter und weiter, der kleinen Stadt und der lieben C. entgegen. LKW’s und vereinzelte Autos bloß, nur nicht noch müder werden und lieber leise mitsingen.

Dann endlich vertraute Straßen, den Kirchturm noch vor der Stadt erahnen, die C. hat für mich das Licht angelassen. Motor aus. Die Treppenstufen fünf und acht auslassen, doch die C. läuft mir schon entgegen. Endlich Schuhe aus und mich küssen lassen. Für zehn Minuten sitze ich auf der breiten Fensterbank und sehe auf den Marktplatz herunter. Alles schläft, Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Zwölf geschlagen! Kein Nachtwächter kommt mehr. Müde bin ich, aber mit dem Kopf an das kühle Fensterglas gelehnt, denke ich an den Tierarzt, der ungefähr jetzt die Zähne putzt und die Bettdecke aufschlägt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen schließt und verborgen vor der Welt einschläft mit heiter zuckenden Mundwinkeln und immer kleiner werdenden Schatten. Dann stehe ich auf, und gehe selbst ins Bad, und nicke der müden Frau im Spiegel leise zu.

22 Gedanken zu “Während du schliefest.

  1. Diese Momente wenn ich es schaffe meinen Mann beim schlafen zu beobachten – unbezahlbar, auch nach so vielen Jahre – ich kann Sie so gut verstehen wie sehr Sie diese Momente aufsaugen und geniessen.

    • Oh ja! Jemanden beim schlafen zusehen zu dürfen, ist ein großes Geschenk und einer jener Momente, die in das Marmeladeglas der unbedingten Erinnerungen gehören.

  2. Oh liebes Fräulein Read on! Da jagen sie Hühner durch den Regen, backen Torten, spielen Cembalo und ersetzen gleich drei Grazien. Soviele JAs in Ihrem Leben und dann lässt nichteinmal die Nacht Sie in Ruhe schlafen.

  3. Die Liebe und Zärtlichkeit in dieser Schlafbetrachtung verschlägt mir den Atem und ich schlucke und atme leise und sehr vorsichtig aus, die Schatten nicht zu wecken. ❤

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