Sonntag

Schon wieder ist es früh und der Tierarzt reibt sich verschlafen die Augen, selbst der treue Volvo murrt ob der frühen Stunde. Die Tierarzttasche in den Kofferraum. Notenpapier auf meinem Schoß. Wieder nach Norden. Der Tierarzt vertritt einen Kollegen, dem eine missmutige Kuh die Kniescheibe zertrat und ich vertrete eine vor Husten keuchende Cembalistin. Das grundlegende Problem des Protestantismus scheint mir noch immer vor allem in der schlichten Tatsache zu bestehen, dass die Kirchen zwar reinweiss gekalkt aber immer unbeheizt sind. Die Cemabalistin jedenfalls hustet verzweifelt und Irland, wäre nicht Irland, hätte nicht der Vater der Dame als Messdiener beim Priester viele Sonntage verbracht. Das Flehen der Geige, das Klagen des Cellos und der bellende Husten der Dame endeten mit dem Priester vor meiner Tür: Fräulein Read On? Könnten sie nicht…?“ Das Fräulein Read On, wäre ja nicht das Fräulein Read On, knickte es nicht nach zwei Minuten ein und nickte. „Natürlich Priester.“ So sitzt das Fräulein also in aller Frühe neben dem Tierarzt und jammert und greint. „Ich weiß gar nicht ob ich noch Cembalo spielen kann. Der Tierarzt, der in der Schule nur das Triangel schlagen durfte, bevor er zum Notenwart ernannt wurde, nickt mir beruhigend zu: Mein Mädchen, das ist wie Rad fahren.“ Ich schnaufe zweifelnd und sehe mich von einer kopfschüttelnden Konzertgemeinde ausgelacht und aus dem Saal vertrieben und am schlimmsten im Zustand der Schande in das kleine Dorf in dem ich eben wohne zurückkehren, wo die Frau des Krämers mich dies niemals vergessen liesse. „Hör zu, sagt der Tierarzt, sollte es so schlimm kommen, dann gehe ich mit ihrer Tochter tanzen und das ist mir Ansporn und Beunruhigung zugleich. Der Tierarzt legt seine Hand auf mein Knie. Nordwärts also nach Armagh, die lange gerade Autobahn, einzelne Häuser nur, dann Drogheda, schon fliegt Dundalk vorbei. Anders aber als noch vor ein paar Wochen, überall entlang des Weges Schilder: „No hard border.“

Als ich ein Kind war, sagt der Tierarzt, als wir uns der Grenze nähern, die man nicht sieht, da gab es hier keine Autobahn, sondern nur eine sich verengende Straße, die schließlich schmaler und schmaler wurde, der Tierarzt zeigt nach Rechts, dort in ungefähr 500 Metern Abstand sagt er, eingegraben, fast unsichtbar und zum Übersehen gedacht, war der britische Armeekontrollpunkt. Ebenerdig fast, um Heckenschützen keine Angriffsflächen zu bieten. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Kalt ist seine Hand auf meinem Knie. Über uns mildes Licht, gelber Ginster und die Ravendale Mountains, grün-und schiefergrau. In den Bergen liegen noch heute ungezählte Leichen jener Jahre, vergraben und verscharrt zwischen Ginster und Moos, oder mit Steinen beschwert. Schon sind wir weiter. Hinter der Grenze dominieren die Nationalists, irische Fahnen, weiße Holzkreuze am Straßenrand, in memoriam 1. April 1983, Hungerstreik, immer wieder hat es Tote gegeben, immer wieder die Toten zählen. Immer nur die, der einen, die Toten der Anderen, werden lieber vergessen, hinter den Bergen.Fünf Kilometer weiter: Union Jack um Union Jack, bemalte Bürgersteige, Lämmer und Kühe hinter den Gardinen bewegt sich nichts. Die Polizeistation von Armagh eingefasst von doppelten Zäunen, Stacheldraht und Videokameras an allen Seiten. Spiegel vor der Einfahrt. Ein Wachhäuschen. So sieht der Frieden aus.

In Armagh trennen sich unsere Wege. Der Tierarzt wird schon in der Praxis erwartet und ich gehe in den Ort hinein. An 15 Kirchen vorbei, schließlich stehe ich vor einem alten Pfarrhaus. Der Pfarrer selbst öffnet die Tür. „Das Fräulein Read On?“ fragt er und ich nicke. Zeit hatte ich mir erbeten, mich mit dem Instrument anzufreunden. Die Bibliothek mit dem Cembalo wie sollte es anders sein: eiskalt. „Guten Morgen Cembalo sage ich leise. Zu mir selbst sage ich viermal: Es ist doch auch nur ein Klavier. Dann hören meine Hände auf zu zittern. Aber kalt ist mir trotzdem, aber dann muss ich mich wirklich konzentrieren, denn so ein Instrument muss man kennenlernen. Der Pfarrer sitzt am Fenster und sieht mir zu. Protestantische Pfarrhäuser riechen immer nach nassen Wollpullovern, dünnem Tee mit Milch, staubigem Papier und immer glaube ich irgendwo eine Katze zu sehen, die aber niemals kommt. Der Pfarrer findet ich hätte Recht und erzählt von dem Pfarrer, der 15 Katzen auf dem Speicher hielt. Noch immer fänden sich an unmöglichen Stellen Katzenhaare an. Wir müssen beide lachen.

Die Haushältern bringt mir Tee, und auch zwei Cherry Scones. Eine Spezialität der Gegend. In den Teig kommen nämlich Belegkirschen. Die Frau des Krämers kann über so etwas nur die Nase rümpfen: „Typisch Proddies“,sagte sie und keiner käme auf die Idee, dies für ein Kompliment zu halten. So hört sich der Frieden an.

Dann kommen das Cello und die Geige. Endlich erinnern sich meine Finger und das Cembalo hört auf zu buckeln. Für eine halbe Stunde gehe ich noch einmal nach draußen. Dann kommen die Gäste. Es kommen nur Mitglieder der Kirchgemeinde und Mitglieder einer befreundeten Kirchgemeinde. Der Priester nur, der aus dem kleinen irischen Dorf heraufgekommen ist, wird der einzige Katholik sein und der Pfarrer eröffnet das Konzert mit den Worten: „wir freuen uns auf das Konzert, aber noch mehr darüber, dass drei Religionen heute hier zusammengekommen sind.“ Es ist ganz still. Stiller als es in Konzertsälen oder Pfarrhäusern sein kann. So ist das mit dem Frieden hier. Dann spricht Bach und meine Finger werden warm und mein Herz auch, denn der Pfarrer hat ein Taschentuch in der Hand, der Priester den Kopf zur Seite gelehnt, als spielten wir Schach und der Tierarzt, der eigentlich nur Musik mit singenden Mädchen hört hat sich hereingeschlichen und klatscht so laut, dass ich am Liebsten unter das Cembalo kriechen würde. Am Schluss kommt eine alte Frau zu mir. „Fräulein Read On“, sagt sie, meine Enkeltochter will Klavier spielen lernen. Was muss man dafür können?„Zuhören“, sage ich, man muss zuhören können. Mehr nicht. Sie nickt und ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine Enkeltochter gibt und sie nicht eigentlich über den Frieden spricht.

Aber dann kommt der Priester mit Blumen, der Pfarrer mit einem Buch über die Stadtgeschichte, der Tierarzt lehnt lächelnd an der Tür und ich bedanke mich bei Cello und Geige und richte die besten Wünsche an die erkrankte Cembalistin aus. Unten im Hof aber zieht der Tierarzt mich zu sich heran und tanzt mit mir eine Runde über den Hof. „Gerade nochmal gut gegangen“, sagt er und ich atme endlich wieder aus.

7 Gedanken zu “Sonntag

  1. Ich gratuliere! Aushilfen bei Kammermusik sind ja oft herzklopferzeugend, selbst wenn die Umstände nicht so aufgeladen sind wie die von Ihnen geschilderten. Und wie schön es ausgegangen ist!
    Die Kälte evangelischer Kirchen allerdings ist ein Graus, der bei mir nur durch Skiunterwäsche und wollige Pulswärmer gebannt werden kann. Manchmal.

    • Ach, ist das schön von Ihnen zu lesen!
      Sie haben Recht in ein gewachsenes Ensemble zu kommen, ist schwierig und man kann da richtig auf die Nase fallen. Ich bin sehr erleichtert… Pulswärmer sind eine wunderbare Idee. Ich Schaf habe natürlich nicht daran gedacht. Ein Glück, dass ich so kluge Blogleser habe! Ich grüsse Sie herzlich!

  2. Chapeu, dass Sie kurzfristig Bach, Cembalo und Kälte meistern! Wenn es doch nur für die grüne Insel mit dem Brexit auch so glimpflich ausgeht wie für den Tierarzt gestern.

    • Meine Finger erinnern sich noch immer besser als mein Kopf, das hilft manchmal. Wie das für Nord- Irland ausgehen wird, ist schwer zu sagen. Ein Tänzchen wird es wohl nicht werden

  3. Das mit der Kälte stimmt. Eine Freundin ist Pfarrerin, sie friert immer. Neulich saßen wir im Eiscafé, ich in Sommerbluse, sie in Anorak und Schal. Ihr Haus ist kalt, ihre Kirche ist kalt. Ich stelle mir Luther immer als frierenden Mönch vor, der immer Winter hatte. Einen Sommerluther gibt es nicht für mich.
    Die hiesige katholische Wallfahrtskirche wird geheizt, allerdings nur, bis das Haus voll ist. Dann wird abgedreht und man kühlt so langsam bis zum Ende der Messe aus.
    Welche Religion heizt durch? Ich stehe auf der Warteliste.

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