Die Ordnung der Dinge im Chaos der Zeit ( II )

Es hat wirklich sehr lange  gedauert bis ich den zweiten Einkaufszettel gefunden habe, denn ich finde sehr selten Dinge. Es gibt Menschen, die finden alle Tage etwas: Münzen und Taschenuhren, Biedermeierstühle am Straßenrand, Kaviardosen aus Odessa oder auch nur einen glänzenden Knopf auf der Straße. Ich hingegen suche zwar immer irgendetwas, aber noch während ich nach der Brille suche, habe ich die Zeitung verloren oder das Zopfgummi unauffindbar verlegt. Gestern aber, ich war gerade im Begriff eine Karte in den Postkasten zu werfen, da sah ich auf der Straße zwischen zwei alten Kienäpfeln einen blauen Zettel liegen und siehe da es war ein ganz und gar formidabler Einkaufszettel.

IMG_1963

Hier kommt Besuch. Der Besuch hat Ansprüche. Vielleicht der Sohn aus Stuttgart mit der schwierigen Freundin, die Weihnachten noch vegan lebte, jetzt aber auch wieder Käse isst. Mit Italienisch kann dich nicht viel schief gehen? Hoffentlich ist es das gute Olivenöl noch nicht aus. Schließlich haben die Nachbarn einen eigenen Olivenhain irgendwo im Süden und haben sich auf ein Glas Sekt eingeladen. Balsamico. natürlich, die Nachbarn sagen ohne Balsamico ist man kein Mensch. Na, die werden sich wundern und so viel Italienisch wie die können wir schon lang. Wein, ich habe ja gleich gesagt wir haben nicht mehr genug Wein im Keller und der Sohn ist ja taub bittet man ihn um drei Kisten aus Baden. Ach,Wasser hat der Mann ja gestern schon eingeholt. Wenigstens etwas.
Auf jeden fall Limetten. Wozu wird man noch sehen. Schließlich muss man ja auch etwas anbieten. Den Nachbarn und auch nicht dem Sohn kann mit mit einfachem Mozzarella kommen. Piekfein soll es sein. Oder wenigstens mit edler Note. Man muss sehen wo man bleibt.
Aber am Sonntag da machen wir Spargel. Spargel kauft man resch auf dem Markt und nicht im Supermarkt am Eck. Petersilie bloß nicht die Petersilie vergessen. Tante Hannelore ( es bleibt einem nichts erspart ) besteht auf Petersilienkartoffeln und wenn Tante Hannelore auf etwas besteht, wackeln die Wände. Schon als Kind hat die Tante ein ganzes Ausflugslokal zusammengeschrien als die Kartoffeln blank in der Schüssel lagen und scheut sich nicht dies auch daheim zu tun. Was soll denn da nur die empfindliche Freundin denken? Kochschinken natürlich, schon immer hat Kochschinken zum ersten Spargel des Jahres gehört. Soll die Freundin doch das Gesicht verziehen. Tradition ist Tradition. Spargel ohne Kochschinken ist kein Spargel. Da kann man auch Luft essen und am Spargel ist ja auch nichts dran außer Wasser. Butter auf jeden Fall. So etwas vergisst man ja immer.
Kartoffeln, hoffentlich hat es schon Frühkartoffeln. In Stuttgart gibt es auf dem Markt bestimmt schon Kartoffeln aus dem Languedoc. Aber der Sohn arbeitet ja soviel, immer schon war er ein so fleißiger Bub, da wird er sich nicht um die rechten Kartoffeln kümmern können und die empfindliche Freundin meidet Kartoffeln ja ohnehin wie Weizen. Dafür will sie natürlich zum Frühstück Cranberrysaft haben. Was ich damit für eine Rennerei habe, das ist natürlich egal und das wir alle, selbst Tante Hannelore schon seit dem 1960er Jahr jeden Morgen ein Glas Grapefruitsaft zur Semmel trinken, dass zählt natürlich nicht. Nein für die Dame muss es natürlich Cranberrysaft, am liebsten noch handgepresst aus Kalifornien sein. Aber das kommt mir nicht in die Tüte. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Aber man will sich ja auch nicht vorwerfen lassen, das man die Wünsche der erwählten Herzdame nicht respektierte und immer noch der Susanne nachtrauere. Die Susanne war aber auch wirklich eine ganz Liebe. Die brauchte keine Extrawurst und hat auch ihr Messer nicht abgeleckt. Selbst Tante Hannelore war ganz begeistert von der Susanne und das will was heißen. Die Tante Hannelore hat ihrerzeit einem Verehrer in die Hand gebissen, als der der ihr erst ewige Liebe schwor, nur um dann sogleich sein Glück an ihren Blusenknöpfen zu versuchen. MAn kann viel sagen gegen Tante Hannelore aber Prinzipien, ob nun bei Petersilienkartoffeln oder beim Küssen, die hat sie. Das habe ich ja auch immer dem Sohn gesagt: Junge, Prinzipien muss man haben im Leben.“ Aber die Kinder machen ja ohnehin was sie wollen. Auf jeden Fall Eier. Eine ganze Kiste am besten. Neben dem Burrata mit Tomaten und Olivenöl. müsste man noch gefüllte Eier anbieten. Es wird ja geredet! Dann braucht es Eier mit Speck am Montagmorgen. Der Wein und Sekt will ja verdaut werden. Der Sohn will Pfannkuchen statt Semmeln und für einen raschen Kuchen gehen schnell einmal vier Eier drauf. Außerdem soll der Sohn ruhig ein paar hartgekochte Eier mit auf die Reise nehmen. Ach, der Herr Gemahl hat nun doch schon Eier mitgebracht. Ich hoffe der Rasen ist gemäht. Die Nachbarn haben ja längst schon einen Rasentrecker.Auf jeden Fall Schokolade- Bloß die Schokolade nicht vergessen. Man muss auch an die eigenen Nerven denken. Das muss man wirklich. Die Nachbarn, der Sohn, die empfindliche Freundin und Tante Hannelore, am besten gleich zwei Kilogramm und halbstündlich einen Ausflug in die Speisekammer.

Vielleicht ist auch alles ganz anders und Tante Hannelore verabscheut Petersilie von ganzem Herzen, die Tochter kommt aus Uruguay und der Kochschinken fehlte noch zum Toast Hawaii.
Leider und zu meinem großen Bedauern bloggt  Frau Wiesenraute , die doch das Genre der Einkaufslyrik etablierte nicht mehr.

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.

Grünes Glück

IMG_1935

Trotz der ziemlichen Kälte am Morgen besteht die D., die auf einen Sprung vorbeischaut, im Garten zu frühstücken. Liebe Gäste lässt man gewähren und reicht ein dickes Wollplaid zum Nusszopf und der Marmelade. Weil es sich noch dazu, um die liebe D. handelt, bekommt sie auch noch ein paar dicke Socken und ich mache ihr zu Ehren das letzte Glas Stachelbeermarmelade auf. Im Gras zwitschert die Amsel und meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise, sie will ja nicht stören und frühstückt Rosinen auf dem Brett über der Regentonne. Die D. seufzt. „Wirklich sagt sie Süße, ich beneide dich um deinen Garten.“ „Uff, sage ich und denke an die vielen, vielen Morgen an denen ich vor Sonnenaufgang schon im Garten harke, jäte, grabe, gieße, schneide und immer noch lacht die Wildnis aus vollem Halse über meine Mühen. „Aber D. sage ich, Du hast doch deine Datscha.“

Die D. nämlich ist vor einigen Jahren aus dem schönen München und dem elterlichen Haus mit dem riesigen Walnussbaum im Garten in eine Wohnung mit Balkon aber ohne Grün in Charlottenburg verzogen, dem H. ihren Mann zuliebe, der seine Midlife Crisis nicht mit einer Geliebten, sondern mit dem Umzug in eine neue Stadt kurieren wollte. Der H. jedenfalls schimpft seitdem den ganzen Tag auf Berlin und verehrt die Stadt an der Isar als sie die Heiligkeit selbst. Die D. aber fand Freunde, gründete eine Firma und vergass München, nur die Sehnsucht nach dem elterlichen Walnussbaum, die blieb ungestillt. Dann aber hörte die D., dass immer mehr Menschen, die Gartenzwerge nicht Monets Seerosen vorziehen und Hobbyfunker aus Leidenschaft sind, sich ein Stück Gartenglück in einer Laubenkolonie erpachten. Der Wunsch nach Mutter Erde und dreckigen Fingern also wuchs und wuchs auch in der lieben D. und eines schönen Tages übernahm sie ein Stück Land in einer Gartenkolonie, die wir hier der Einfachheit halber einmal „Grünes Glück“ nennen wollen. Es ließ sich gut an für die D., die nach der Arbeit gern mit dem Rad in ihre Laube fuhr, sich die Füße in der Sonne wärmte und nach Herzenslust Sträucher und Blumen pflanzte, sich Erdbeeren von der Hand in den Mund wachsen ließ und ein Vogelhaus in den Apfelbaum hängte. Gegen den seltsamen Nachbarn, der im Unterhemd Rasen mähte und Scherben gegen die Vogelbrut auf das Dach platzierte half eine Buchenhecke und gegen die „100 besten Militärmärsche der NVA“, die die ansonsten ganz passable Nachbarin zur Linken und ihr Gemahl auflegten während sie dem Unkraut zu Leibe rückten, konnte mit Ohropax begegnet werden. So also ließ sich wenn nicht Alles, so doch Vieles zum Guten wenden und mit Stolz sah die liebe D., der ich gerade ein zweites Stück Nusszopf auf den Teller lege auf ihr Stück begrüntes Land. Dann aber entschloss die D., denn die Sommer sind kurz und der Berliner Winter sehr, sehr lang und von zäher Kälte auch morgens noch bevor sie zur Arbeit fuhr auf eine Stunde im Garten zu werkeln und den Tag mit Rosenduft in der Nase zu beginnen. Wer will es ihr verdenken? Doch auch die anderen Laubenpieper sahen in der Morgenstunde die rechte Zeit, und so sah die D. nicht etwa allein die Sonne, sondern den Nachbarn im Unterhemd, der die Rasenkanten trimmte und schlimmer noch mit einem auf den Rücken geschnallten Giftkanister gegen die „Schädlinge“ vorging, denn dies Stück Land erklärte er der verdutzten D. gehöre ihm und ihm allein. Über die Hand der D. läuft derweil eine Spinne. Hier bei mir im Garten am Rande der Stadt wohnen ja neben der Igelfamilie, der Kröte ( noch nicht aus dem Süden zurückgekehrt ) in der alten Gießkanne, der alten Freundin Wildtaube und ungezählten Vögeln, so viele Insekten und Spinnen, dass die örtliche Grundschule immer wieder mit Kindern vorbeikommt. Die Kinder sind heute ja immer alle sehr, sehr gut angezogen und fürchten sich vor den Regenwürmern, aber wenn sie dann mit ihren Bechergläsern endlich durchs Gras robben und Getier beobachten, dann dauert es nicht mehr lang und schon bestaunen sie Spinnen, Hummeln, Würmer und wollen alle, dass der Marienkäfer auf ihrem Finger landet. Der grandiose Nebeneffekt dieser Naturstunden ist, dass die durstigen Kinder nicht nach Cola schreien, sondern Wasser mit Himbeersirup, den ich in Massen herstelle, herunterstürzen, denn der nächste Sommer mit seiner Himbeerschwemme kommt bestimmt. Ich hoffe, dass die Kinder noch immer Spinnen in den Hosentaschen mit nach Hause nehmen, denn wenn die Welt schon nicht besser zu machen ist, dann doch wenigstens nicht immer nur noch steriler. Aber schon schweife ich ab, denn in der Laubenkolonie „Grünes Glück“ ist die Natur vor allem eins: Gegner. Die D. sah betrübt auf ihre Rosen und den Nachbarn mit der Giftspritze. Aber dann schien die Sonne und die D. sagte sich, besser als nur der kleine, ewig verschattete Balkon in Charlottenburg ist es allemal. Aber dann eines Morgens die D. trank gerade Kaffee vor ihrer Datscha und hielt die Füße ins taufrische Gras,  doch dann hörte sie ein „Schnipp“ und dann ein „Schnapp“, und ein dumpfes „Plopp“ erst dachte die D., dass die NVA-Nachbarn vielleicht das Gras mit der Nagelschere in Stellung brachten wie einst der Pionierappell die Kinder, aber die D. sollte sich irren und eine Nagelschere macht vielleicht „Sirrrr“ und „Simmm“ aber erzeugte wohl kaum ein metallisch-klirrendes „Schnipp“ und „Schnapp.“ Die D. jedenfalls tappte zum Gartenzaun. Herr und Frau Nachbarin in Trainingsanzügen robbten tiefgebeugt über den Rasen, in den Händen große, silberne Scheren. „Morgen Nachbarn“ rief die D. und winkte. Die Nachbarn sahen kaum auf. „Psst Frau D.“, riefen sie, „die Biester sind schneller als man denkt.“ Die D. beugte sich noch ein Stück weiter zum Gartenzaun vor und endlich verstand auch sie: die Nachbarn jagten Schnecken. Aber nicht einfach so oder gar um sie auf den Kompost zu befördern, oder meinetwegen über den Gartenzaun zur D. zu schleduern, sondern Schnecke für Schnecke packten sie mit gelben Gummihandschuhen bewehrt und zerschnitten die Schnecken dann mit den scharfen, silbernen Scheren genau in der Mitte, um sie dann mit einem „Plopp“ in einen metallenen Kübel fallen zu lassen. Die D. aber drehte sich um und übergab sich ins Rosenbeet. Am gleichen Tag noch kündigte sie ihre Parzelle in der Laubenkolonie „Grünes Glück“. Die Nachpächter haben die Rosenstöcke sogleich planiert.

Die D. schüttelt den Kopf und seufzt. Ich seufze mit ihr und lege ihr noch ein Stück Nusszopf auf den Teller. „Hör Süße, sage ich, Du kannst kommen wann immer du willst und wenn Du magst pflanzen wir einen Nussbaum. Der Garten ist schließlich groß genug.“ Die liebe D. nickt. Dann muss ich aber wirklich los, die alte Freundin Wildtaube sage ich, ist eine gute Zuhörerin und streue ihr noch eine Hand Rosinen hin Die Wildtaube gurrt und die D. zieht trotz der Kälte ihr Schuhe aus und vergräbt die Füße im weichen, duftenden Gras.

Blau

IMG_0706

Am Abend aber als ich die Dorfstraße hinaufgehe ist der Himmel noch blau. Nicht mehr so gleißend und glänzend wie noch am Morgen als ich die Straße zum Zug hinunterjagte, aber immer noch ein freundlicher, blauer Mantel den ich mir um die Schultern lege, wie ein feines Seidentuch. Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich und war unbeirrbar darin, dass die Sonne nach getaner Arbeit sich auf ein goldenes Sofa legte und langsam Stück für Stück wie im Theater wenn der Vorhang fällt, käme ein blauer Vorhang herunter würde dunkler und dunkler und wenn schließlich, kurz bevor das Blaue ins Schwarze umschlüge, die Sterne und auch der Mond auf dem samtenen Vlies erschienen, dann machte die Sonne die Augen zu und erwachte mit blau geküssten Lippen am anderen Morgen. Ich hätte diese Geschichte nicht in der Physikprobe niederscheiben sollen, doch auch als der Physiklehrer vor Lachen über meine Dummheit schrie, hielt ich an der Sonne und ihren blauen Lippen fest. Heute aber auf den Sessel im Eck und die Blumen in der Vase leuchten mir blau entgegen, und auch die Notiz auf dem Tisch vom Tierarzt hinterlassen: „Bin an der See“ funkelte bläulich, wenn auch die Sonne schon zweimal gähnte und mich zur Eile mahnte. Ein weißes Handtuch indes, und alte Jeans, denn wer nicht durchs Unterland will um ans Meer zu kommen, der muss über die Ginsterhecke steigen, und sich nicht von den blauen Schatten zu allzu großen Sprüngen verführen lassen, denn mag das Meer von fern schon glitzern wie der Golf von Sorrent, so schlägt der Wind mit den Wellen um die Wette und mehr als ein Wanderer ist schon an den Klippen, die ich mich herunterangle, zerschellt, am besten geht man dort wo auch die Schafe die steile Wand hinunterklettern und atemlos unten angekommen, vor mir die wilde, wogende See. Der Tierarzt aber sitzt an einen Stein gelehnt und winkt mir zu. Auch ihm ist das Abendblau um den Hals gefallen, an die Schulter lehnt sich das Blau und ich renne schnell ins Meer hinein. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist auch das Meer blau, kalt zwar noch immer, eben eisiger Atlantik mit zischenden Schaumkronen und harter Brandung, aber während das Meer im Januar und Februar schiefergrau über mich hinwegschlug und auch im März noch von solch schwarzer dunkler Tiefe war als sei ein Tintenfass ausgelaufen, so ist das Meer heute aquamarinblau, duftend und schimmernd verkleidet sich hier im äußersten Westen Europas als sei es heute Morgen noch in Nice oder Sizilien gewesen und habe sich nun zur Abendstunde doch noch einmal dazu entschlossen, auch uns zu einer blauen Stunde zu verhelfen. Ich in den Wellen halte die Luft an, denn unter dem Blau liegt die gleiche Kälte und doch für einen Moment bin ich wirklich zurück im liebenswürdigen Süden und weiter und weiter schwimme ich hinaus, denn wer weiß vielleicht dort bei der goldenen Sonne, mag auch das Meer wieder so leicht und warm sein, leise gurgelnd nur und niemals von dieser nördlichen, eisigen Schärfe, an die ich mich niemals recht habe gewöhnen können. Schon aber ruft der Tierarzt am Strand nach mir: „Komm doch zurück.“ Und ich drehe um. Blaue Perlen laufen mir über den Rücken und der Tierarzt wickelt mich in das Handtuch ein. Mir klappern die Zähne und der Tierarzt fährt mit dem Zeigfinger über meine blauen Lippen. „Was wolltest du so weit draußen, fragt er mich und schüttelt mit dem Kopf.“ „Das Blau suchen“, sage ich und dann sitzen wir doch noch einen Moment lang im kühlen Sand und sehen die Segelboote mit ihren weißen und roten Segeln auf den Wellen tanzen, zwei Frachtschiffe fahren am Horizont vorüber und ein Ruderboot sucht seinen Hafen. Langsam nur verschwindet das Blau und gibt der Dunkelheit nach. „Vielleicht fahren wir im Sommer doch auf eine Woche in den Süden?“, sage ich und der Tierarzt nickt. Eine ganze Woche mitten im gleißenden Blau, das es hier nur als Ausnahme gibt, denn schon zieht Wind auf, schon immer sind die Wolken schneller als noch die kräftigste Sonne und niemals hat die Sonne in diesen Breiten blaue Lippen. Der Tierarzt lacht. Dann müssen wir in den Süden,mein blaues Mädchen sagt er und streicht mir einen letzten Rest vom Blau des Tages aus dem Gesicht.

Zurück nach Haus aber klettern wir nicht die dunklen Klippen zurück, sondern gehen am Strand entlang ins Dorf und wandern zurück ins Oberland. Über der Kirch St. Sylester liegt dunkelblau, ein samtener Vorhang gebreitet und ich lege dem Tierarzt den Finger auf die Lippen. „Still“ sage ich, die Sonne macht gerade die Augen zu, der Mond steckt sich eine Pfeife an und die Sterne erzählen, wie damals in anderen Tagen die Wassernymphen versuchten das Blau mit dem Fischernetz einzufangen und doch Tag für Tag ernüchtert mit leeren Händen ins Schilf zurückkehrten.“ Anders als der Physiklehrer aber lacht der Tierarzt nicht, sondern andachtsvoll sehen wir über den Kirchturm hinauf in den unendlich weiten, dunkelblauen Himmel. Dann kommt die Frau des Krämers uns entgegengelaufen: „Fällt Geld vom Himmel, Fräulein Read On?“ „Nein, Frau des Krämers sage ich, der Tierarzt und ich wir machen bloß blau.“

Feste feiern

Große Ereignisse werfen auch in einem kleinen, irischen Dorf ihre Schatten voraus. Die Frau des Krämers nämlich hat bald Geburtstag. Natürlich weiß niemand- wohl nicht einmal der Krämer selbst- wie alt sie ist. Denn eine Frau wie die Frau des Krämers altert nicht wie wir Normalsterblichen, sondern gewinnt mit den Jahren nur an Würde und Macht. Unzweifelhaft ist nämlich auch: nicht die Frau des Krämers feiert ihren Geburtstag, sondern wir das Dorf feiern den Geburtstag der neben den Schafen mächtigsten Person des Dorfes. Die Frau des Krämers ist nämlich gleichzeitig auch die inoffizielle Bürgermeisterin des Ortes. Zwar trägt sie keine keine goldenen Kette und der Dorfladen ist auch kein Rathaus mit kupfernen Zinnen und einer Kettenbrücke, aber unmissverständlich ist es die Frau des Krämers die über Wohl und Wehe des Dorfes befindet. Die Frau des Krämers kennt jeden und weiß alles. Ihr Gedächtnis reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück, und wem die Gilden des Mittelalters als strenge Institutionen sozialer Kontrolle erschienen, der hat niemals versucht einen Kuchen, der nicht auf der von der Frau des Krämers geführten Liste erschien, auf dem Kuchenbasar der Kirchgemeinde zu verkaufen. Die Frau des Krämers vergisst nichts und über jeden Dorfbewohner, da bin ich mir sicher führt sie mit strenger Feder Buch, mag anderswo gegen die Vorratsspeicherung demonstriert werden, hier werden geöffnete Briefe über den Ladentisch gereicht, denn hier ist der Absolutismus das, was er niemals war.
Und so nickte ich eines schönen Frühlingstages als ich nach dem Schwimmen in der eisig kalten Irischen See zwei ofenwarme Himbeerscones für das Frühstück einholte g’ttergeben als die Frau des Krämers mit Händen in die Hüften gestemmt verkündete: Fräulein Read On, wie Sie wissen mein Geburtstag naht und natürlich sind Sie und der Tierarzt eingeladen.“ Ich dankte artig. Aber die Frau des Krämers war noch nicht fertig: „Aber zusammen können sie nicht sitzen, das schickt sich nicht.“ Ihr Tischherr wird der Priester sein, und der Tierarzt sitzt natürlich neben meiner Tochter.“ Ich nickte noch einmal, denn das die Frau des Krämers inständig darauf hofft der Tierarzt würde sein Köfferchen nehmen, vor der Tochter der Frau des Krämers mit Diamantring auf die Knie fallen und noch am gleichen Tag würde Hochzeit gehalten, ist eine solch unumstößliche Tatsache, dass es nicht lohnt darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Tierarzt sieht das naturgemäß anders und jammert und klagt über sein Schicksal. Der Tierarzt nämlich kann die Tochter des Hauses nicht ausstehen, dabei ist die Tochter der Königin ein wie die Mali-Tant sagen würde „Armes Hascherl“, aber der Tierarzt knurrte Böses und ich ging meiner Wege. Dann aber vor ein paar Tagen, ich stapelte gerade Zwiebeln, Salat und Honig auf die Ladentheke, warf die Frau des Krämers sich erneut in die Brust: „Fräulein Read On“ rief sie, mein Geburtstag nähert sich, wie sie vielleicht wissen.“ Aber Frau des Krämers“ erwiderte ich, „wie könnte ich Ihren Fest- und Ehrentag vergessen?“
Die Frau des Krämers nickte befriedigt. „Ich dachte mir“ fuhr sie fort, sie könnten ein wenig Klavier spielen“ ( es folgte eine sieben Meter lange Liste mit Titeln, die von den Beatles bis zu „It’s a long way to Tipperary alles umfasste, was die Frau des Krämers an Musikstücken kennt. ) „Der Priester jedenfalls“ sagte sie und lächelte in der ihr eigenen spöttisch- majestätischen Weise auf mich herab „findet sie klimperten doch ganz schön.“ Ich lächelte siebensüß zurück: „Nun übertreiben Sie aber wirklich, Frau des Krämers.“ Aber sagte ich weiter: „Ich habe hier kein Klavier.“ Die Frau des Krämers winkte ab. „Der Elektriker ( der ihrer Tochter den Hof macht ) kümmert sich.“ Ich wankte nach Haus und hängte die Liste an den Kühlschrank. Der Tierarzt suchte im Internet nach Häusern in anderen Dörfern und murmelte: „fort, nur fort von hier.“ Ich ging meinen Dingen nach und über der Liste hingen bald Briefmarken, Rezepte und ein Bild von Kälbchen. Gestern aber, ich hatte mich nach einer langen Nachtschicht gerade ins Bett gelegt, klopfte es an der Tür und der Tierarzt, der hartnäckig wiederholte: „Das Mädchen schläft aber!“, scheiterte am „Papperlapp“ der Frau des Krämers, die schon an die Schalfzimmertür bollerte: „Fräulein Read On, Aufgestanden!“ Das Klavier ist da.“ Der Elektriker schleppte ein schwarzes Ungetüm über die Schwelle. „Ebay, 30 Euro!“ „Was ist das?“ fragte ich und die Frau des Krämers schüttelte ob meiner Begriffsstutzigkeit den Kopf: „Na ein prima Klavier.“ Das Ungetüm entpuppte sich als Keyboard. „Das ist kein Klavier“, sagte ich zur Frau des Krämers. Selbige bebte vor Empörung und in ihrem Blick war sehr deutlich: „Sie undankbare Kröte“ zu lesen. Dann ging ich zurück ins Bett und zog mir die Decke bis über die Ohren. Am Abend kam der Priester, er darf die Fest- und Lobrede auf die Frau des Krämers halten- herüber und besah sich das Ungetüm. Bei näherer Betrachtung stellte sich das Monstrum als ein defektes Keyboard heraus. Diesen schauderhaften Geräten nämlich sind vorgefertigte Tonkonserven beigefügt, in diesem Falle ein blechern schepperndes „Muhahahaha“ oder ein die Töne verzerrendes „Ghost Theme“, während sich dies bei funktionierenden Geräten wohl abstellen oder zumindest einstellen lässt, ist dieses bei diesem Schnäppchen nicht vorgesehen und als ich „A yellow subamrine“ zu klimpern begann, durchbrach ein gellendes Konservengelächter das Stück.
Der Priester verschluckte sich am kalten Braten, der Tierarzt hielt sich die Ohren zu, der Hund heulte und die Katze, sonst nur schwer vom Sessel zu bewegen, verzog sich umgehend in den Oberstock. Ich machte mir erst einmal ein Käsebrot. Nach dem Stand der Dinge also werde ich wohl auf der Geburtstagsfeier der Königin wie Kaiserin unseres kleinen Dorfes fern von den Toren der großen Stadt „A long way to Tipperary“ unterlegt mit wieherndem Konservengelächter spielen. „Es darf so die Frau des Krämers“ heute morgen als ich Milch und Scones einholte mir getanzt werden.“ Natürlich sei es selbstverständlich, dass der Tierarzt ihr Töchterchen um den ersten Tanz bitte. „Sie sind ja ohnehin am Klavier verhindert.“
Der Tierarzt aber googelt energisch Immobilienangebote und der Priester, der die Rede auf die Frau des Krämers in Reimen vortragen soll, hat nach Rom geschrieben, ich aber backe einen Kuchen und lese ganz zufällig ein Buch, das sich mit Palastrevolutionen befasst.

Erscheinungen

Der Mittwoch aber war ein seltsamer Tag. Schon früh am Morgen im Zug saß ich einem Mann gegenüber, der unermüdlich Papiere in unendlich kleine Schnipsel zerriss. Briefe, Kontoauszüge, Einkaufszettel und Notizen waren bald nur noch lose Fetzen Papier. Damit indes nicht genug, denn kaum waren die Papiere zerrissen, nahm der Mann die Schnipsel zur Hand, um sie in nummerierte Briefumschläge einzusortieren. Während er ganz und gar vertieft in das Zerreißen und Ordnen der Schnipsel war, pfiff er ein fröhliches Lied vor sich hin, so als gäbe es nichts Hübscheres und Heiteres als unverdrossen Papier zu zerreißen. Gerade als der Zug hielt, hatte der Mann die Briefumschläge in seiner sonst vollständig leeren Aktenmappe verstaut und ging seiner Wege. Ob er noch immer pfiff, befriedigt und aufgerichtet und innerlich gestärkt von den nummerierten Schnipselbergen- ich weiß es nicht.

Auf dem Weg in die Universität passiere ich zwei Brücken. Steinerne Ungetümer, noch gebaut von der einstigen Kolonialmacht England, die ja niemals nur nach den Meeren griff, sondern Länder, Städte und Flussläufe mit harter Hand für sich reklamierte. Heute aber fahren kaum noch Handelsschiffe auf der Liffey und auch die Brücken sind längst Kulisse für italienische und spanische Touristen geworden, die sich mit ihren Selfiestöcken bewehrt, postieren und wahlweise auf die Straße oder fast in den Fluss stürzen beim Versuch Handstand auf dem Brückenkopf zu üben. Zu so früher Stunde aber schlafen die Touristen noch. Statt ihrer steht eine Frau auf der Brücke und langt in einen weißen Plastikbeutel. Der Beutel ist voller Wecken, die Frau teil diese in vier unregelmäßig große Brocken und wirft sie den Möwen zu. Die Möwen kreischen schrill, dass es noch die letzten Langschläfer hören: „Frühstück fassen.“ Mehr und mehr Möwen segeln kreischend auf die Brücke und die Frau mit ihrer Plastiktüte zu. Möwen scheinen ganz generell nicht besonders am Prinzip des Teilens und Teilhabens interessiert zu sein, sondern die Möwen, die sich gegenseitig den scharfen Schnabel zeigen, fordern nicht ein Viertel trockenes Brötchen, sondern eine ganze Wecke und das bitteschön jetzt und gleich. Die Frau inzwischen umzingelt von Möwen mit ihren scharfen gelben Schnäbeln, reißt Brötchen um Brötchen entzwei und wirft sie den Möwen zu, doch längst schon sind weit mehr Möwen als Wecken auf der Brücke zugegen. Zwei Möwen mit scharfem Blick und elegant gebogenen Schnäbeln haben verstanden, dass mit Diplomatie hier nichts zu erreichen ist, und nur kurz heben sie die Flügel an und schon hacken sie in die weiße Plastiktüte und schnappen nach den verbliebenen Wecken. Die Frau sieht entsetzt auf den Riss in der Plastiktüte und die scharfen Möwenschnäbel ganz dicht an ihrem Bein. Aufheulend lässt sie die Plastiktüte fallen und rennt ohne sich noch einmal umzusehen davon. Die Möwen aber balgen sich siegesgewiss um die auf die Straße kullernden Wecken. Die Frau ist nicht mehr zu sehen.

 
Später am Tage bekommt ein Kollege, der doch als ausnehmend besonnen, zurückhaltend und als ausgesucht höflich bekannt ist, einen Wutanfall über einen defekten Fahrstuhl. Neben dem Fahrstuhl befindet sich die Treppe doch der Kollege denkt gar nicht daran nachzugeben, sondern schreit wie von Sinnen erst den Fahrstuhl und dann mich an, die ich zufällig vorbeilaufe. „Frechheit“ und „Liederlicher Saftladen“ schallt es mir entgegen und dann läuft der Kollege auch schon rot an, Tränen spritzen aus seinen Augenwinkeln, so überfällt ihn die Wut, er stampft mit dem Fuß, hämmert gegen die Fahrstuhltür, und will nichts wissen, von meinen Versuchen ihn doch zu beruhigen. Schließlich aber nachdem nur noch Wut da ist und keine Worte mehr, kehrt er auf dem Ansatz um und eilt schnellen Schrittes davon. Für den Rest des Tages habe ich nicht weiter gesehen. Alldieweil Telefonate und auch hier behält das Sonderbare die Oberhand. Ein langes Gespräch über ein kompliziertes Gespräch bricht mitten im Satz ab. „Hallo?“ rufe ich mehrfach vergeblich in den Hörer. Doch die Leitung bleibt stumm. Alle weiteren Versuche eine erneute Verbindung herzustellen, scheitern. Am anderen Ende nur stummes, endloses und dunkles Tuten.

 
Schließlich stehe ich bei der Post in einer langen Schlange um Briefmarken an. Etwas so scheint mir hat sich in meinem Haar verfangen und unwillig schüttle ich den Kopf, doch kaum habe ich das vermeintliche Insekt vertrieben, fährt schon wieder etwas in mein Haar und ich drehe mich um. Eine ältliche Frau in fliederfarbenem Trenchcoat befühlt mit ihren Fingern meine Haare. „Lassen Sie doch bitte mein Haar los“ sage ich und glaube die Angelegenheit damit für erledigt. Die Frau aber mustert mich mit offensichtlicher Empörung; „Stellen Sie sich doch nicht so an!“ ruft sie und schon wieder streckt sie ihre Hände nach meinen Haaren aus. „Hören Sie“ erwidere ich, ich möchte nicht, dass Sie meine Haare befummeln.“ Die Frau blinzelt wütend zu mir herüber: „ Wer so lange Haare hat wie sie, muss das eben aushalten, zischt sie und faselt etwas von ihrem guten Recht, bevor sie erneut versucht eine Haarflechte zu sich heran zu ziehen. Sehr unwirsch, trete ich einen Schritt zurück und die Hände der Frau angeln ins Leere. Schließlich gibt sie auf, nicht jedoch ohne mir einen bösen Blick zuzuwerfen. „Sie werde sich beschweren, tönt sie lauthals.“ Einem einfach die Haare zu verweigern, das sei doch unverschämt und überhaupt ihr gutes Recht. Ich kaufe Briefmarken. Die Frau sehe ich nicht noch einmal wieder.

Spät in der Nacht erst, nach Ende der Nachtschicht kehre ich ins lange schon schlafende Dorf zurück. Es ist schon zu spät, um sich noch einmal ins Bett zu legen und so krieche ich nur unter das wollene Plaid auf dem Sofa. Die alte Standuhr tickt, vor dem Fenster rascheln die Bäume, im Oberstock schläft fest der Tierarzt, der Hund auf dem Boden zuckt mit den Ohren, nur die Katze liegt nicht auf dem Fensterbrett. Dies scheint mir sonderbar, denn die Katze ist mit einem sehr gesunden Schlaf gesegnet und verlässt nach 20 Uhr grundsätzlich nicht mehr das Haus. Doch als ich noch einmal aufstehe und in den Garten sehe, sitzt die Katze auf dem Gartenmäuerchen, welches mein Haus vom Kirchhof trennt, neben ihr hockt der von ihr schon immer verachtete Kater des Priesters, beide scheinen in ein inniges Zwiegespräch vertieft. Ich krieche zurück unter das Plaid, als drei Stunden später der Wecker klingelt, liegt die Katze regungslos auf der Fensterbank und auf der Gartenmauer singt nur eine Amsel dem Morgen ein Lied.

 

Woanders ist es auch schön.

Frau Coco war auf Malta und nimmt uns mit aufs Boot und zieht uns durch die Straßen. Neben einem Becher warmen Tee hilft das ganz wunderbar gegen den Winter, der hämisch lacht und dem April eine Nase dreht. In Irland dazu noch Regen und Wind von allen Seiten.

Die verehrte Kiki stellt ihre Lieblingsblogs vor und Frau Kelef ist eine grandiose Entdeckung und überhaupt Wien, ach Wien!

Rassisten sind immer nur die Anderen, das ist doch klar.

In Irland geht so schnell nichts verloren.

Andernorts.

Der Tierarzt bringt Lämmer auf die Welt und singt im Moment für Schafe, Hühner, Kälbchen und Mädchen dieses Lied.