Der Taschendieb

IMG_1744

Vor ein paar Wochen war mir, als fehlte Geld. Als ich bei der Frau des Krämers nämlich Milch, Brot, Eier und Brie bezahlen wollte, war mein Portemonnaie bis auf eine Handvoll Münzen leer. Das wunderte mich. Am Morgen schien mir als hätte ich einen 50Euro Schein in der Geldbörse gesehen. Ich ließ anschreiben und brachte der Frau des Krämers selbstredend am nächsten Morgen das Geld. Dann vergaß ich das Ganze fast wieder, denn schon oft habe ich geschworen, ein Paar Schuh ganz gewiss von Berlin nach Irland mitgenommen zu haben und Stein und Bein habe ich geschworen, dass mein Adressbüchlein in Irland auf dem Tisch läge, da fiel es in Berlin vom Schreibtisch. Zudem teilen der Tierarzt und ich nicht nur die Rechnungen miteinander, sondern im Küchenschrank steht ein hölzernes Kistchen in das wir wechselseitig Bargeld legen, für alles was ein Leben so braucht und niemand muss Rechenschaft ablegen wofür das Geld verwendet wird und so vergaß ich die fehlende Summe und schalt mich für meine Unachtsamkeit, die mich bei der Frau des Krämers in Verlegenheit brachte. Heute aber bat mich die J. sie noch einmal zu vertreten und auch wenn die Fußstapfen für mich zu groß sind, es gibt nichts was ich der J. abschlagen würde und so lehnte ich die Bürotür an und ging meiner Wege. Noch niemals in fast dreieinhalb Jahren habe ich meine Bürotür verschlossen, zu oft klopfen Menschen, zu oft renne ich hinauf und hinab und außer Büchern, Aktenordnern, einer Palme, einer Zeichnung meiner Nichte ( sie auf dem Schlossberg mit dem treuen Kanzler Bär ) und einem- es sei von allen Dächern getrommelt und gepfiffen- Stapel korrigierter Essays ist das Büro ein denkbar nüchterner Ort. Unter dem Schreibtisch meine Handtasche, in der sich mein Portemonnaie nicht aber die Münzsammlung von Onkel A. befindet.
Noch immer also pfeife ich und summe etwas von Sonnenschein und tralalala vor mir her. Dann öffne ich die Tür. Über meinem Schreibtischstuhl gebeugt steht der G. meine Schlüssel liegen auf dem Tisch und als ich das Zimmer betrete, zieht der G. einen 50 Euro-Schein aus meiner Geldbörse. Für einen Augenblick ist alles ganz still und ich sehe den G. an und der G. steht dort starr mit dem Geld in der Hand. Der G. fängt sich schneller als ich und brabbelt los: „Außergwöhnliche Notlage“, das Geld gerade in das Portemonnaie zurücklegen, ich solle keine vorschnellen Rückschlüsse ziehen. Aber ich stehe an die Tür gelehnt und höre den G. nur von weiter Ferne. Denn eigentlich bin ich wieder 12 Jahre alt und ist man am Ende nicht immer 12 Jahre alt? Ich sitze bei meiner Großmutter am Küchentisch und meine Großmutter sieht mich an: „Kind sagte meine Großmutter, sei großzügig in Geldangelegenheiten, denn man wird dir nie vergeben, dass du ein Jude bist. Immer wird man dir misstrauisch auf die Finger sehen, ob du nicht oft ihrer Vorstellung des Geldleihers entsprichst und sie alle mein Kind, darüber besteht kein Zweifel haben das Bild vor Augen. Niemals Kind, hörst du, darfst du dir Geld borgen, und niemals Kind von einem der Anderen Geld einfordern. Hast du mich verstanden? Ich hatte verstanden, denn die katholischen Schwestern der Schule, die ich besuchte, hatten oft genug das Bild vom gierigen Juden, der dem armen Schuster das Darlehen mit Zins und Zinseszins begleichen lässt, während erst Frau und dann Kinder verhungern , gezeigt und immer in meine Richtung gedeutet. Ich schämte mich in Grund und Boden im festen Wissen darum auch so ‚einer’ zu sein. Geld habe ich selbst nie geborgt, aber immer denen die es brauchten oder auch nur glaubten es zu tun, Geld gegeben und viele kleine, und mittlere und auch gar nicht so kleine Beträge wohlwollend vergessen, um ja nur nicht in die Nähe des gierigen Judens zurückzugeraten. Hast du verstanden Kind? Verstanden hatte ich es, aber ich erinnere mich nicht mehr, ob sie damals am Küchentisch auch etwas darüber sagte, wie man sich wohl verhielte, ertappte man einen Dieb mit dem Händen im Portemonnaie. A
uf keinen Fall die Contenance verlieren hätte sie gewiss gesagt und so atme ich ein und aus. Unter gar keinen Umständen aber ein Geschrei beginnen, mit den Händen fuchteln, den Dieb zur Seite drängen und den Dieb bei den Ohren packen. Also schreie ich nicht, drängle nicht, halte die Arme in den Tasche verborgen und frage nicht einmal: „ Wie viel?“ Denn hinter mir steht ja immer das Bild des gierigen Juden und der hungernde Schuster. Das nämlich lernte ich damals am Küchentisch, das gälte es wieder und wieder zu beweisen, dass wir nicht so seien, wie sie es sich vorstellten. Der G. ist inzwischen bei „Willst du die Polizei rufen?“ angekommen. Langsam sehe ich wieder den G. vor mir und schüttle den Kopf: Glaubst Du hier wäre mit Blaulicht und Handschellen geholfen?“ Dann ist der G. endlich still. G. sage ich endlich: „Warum bestiehlst du mich?“ „Warum stiehlst du dich in mein Büro?“
Der G. beginnt erneut irgendwelche Geschichten zu erzählen, die auf einen dummen Fehler, eine kleine Schwäche, nicht aber auf das Problem an sich hinauslaufen. Zum wievielten Mal, frage ich dann. Der G. zuckt mit den Schultern und befindet: „Er sage jetzt besser gar nichts mehr.“ Das ist der gleiche G. wundere ich mich, der bei mir zum Geburtstag, zu Sommerfesten und mit seiner Freundin in der Berliner Wohnung eine Woche verbracht hat? Das Geld auf den Tisch, sage ich und dann muss ich noch einmal tief ein-und ausatmen, bevor ich sage: „Verschwinde.“

Dann fällt die Tür ins Schloss, ich sortiere den verschütteten Kram in meine Handtasche zurück und rolle den 50 Euro-Schein zusammen. Er brennt in meinen Handflächen. Von der E. lasse ich mir einen Schlüssel geben. Zehn Minuten später klopft die J. „Alles in Ordnung bei Dir?“, fragt sie und ich nicke und verstecke die zitternden Hände in den Rocktaschen.
Dann sehe ich hinaus in den Sonnenschein. Eine Stunde später klopft der Tierarzt. „Ein Mädchen sagt er, hat versprochen mich auf ein Eis einzuladen.“ Ich nicke und der Tierarzt sieht mich fragend an. Dann sitzen wir auf der Parkbank. „Der G. ist ein Dieb“ sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Weißt du sage ich zum Tierarzt, das Schlimmste ist nicht, dass der G. mir ins Portemonnaie gefasst hat, sondern das ich für einen sehr langen Moment geglaubt habe, ich hätte das verdient. Ich der Jude, sei doch Schuld daran, dass der G. mir in die Geldbörse griff und habe es eigentlich nicht anders verdient.
Da sitzen wir, der Tierarzt und ich und langsam tropft uns das Eis auf die Füße.

44 Gedanken zu “Der Taschendieb

  1. Sie sollten das als feierlichen Grund nehmen und diese Empfehlung Ihrer Großmutter so schön verstauen, dass Sie nie auf die Idee kommen sie einmal Ihren Enkeln zu erzählen. Der G ist ein Idiot. Schlimm genug ein Dieb zu sein aber er ist ein Idiot wenn er eine Kollegin und Freundin bestiehlt. Die Religion, Herkunft, etc. ist dabei völlig irrelevant. Basierend auf Ihren bisherigen Beschreibungen halte ich Ihre Großmutter für eine sehr schlaue Frau, die weiß was sie sagt, aber hier würde ich doch entschieden widersprechen.

  2. Sie haben das nicht verdient. Aber ich finde, Ihre Großmutter hatte zumindest in einem Punkt Recht: man soll Geld nicht zurückfordern. Ich verleihe nur so viel, wie ich – ohne in Schwierigkeiten zu geraten – auch verschenken könnte. Wenn jemand dann nicht zurückzahlen kann, dann soll es eben so sein. Besser, man verliert Geld als einen Menschen. (Diebstahl ist natürlich etwas anderes.)

    Ich hoffe, der Tierarzt konnte helfen, dass das Mädchen nicht mehr weinen muss.

    • Schwierig sind alle Geschichten, die mit Geld zu tun hatten und nur so viel zu verliehen, wie man geben kann, ist in jedem Falle richtig. Ich verliere auch lieber Geld als Menschen, aber das jemand stiehlt, der einfach hätte fragen können, irritiert mich schon sehr.

  3. Wegen der katholischen Schwestern: eben zog hier in „Catholic Town“ eine Prozession um die Häuser, begleitet von äußerst misstönendem Gesang. Hätten Sie neben mir auf dem Balkon gesessen, hätten Sie sich köstlich amüsiert über diese groben Disharmonien zu Ehren Gottes. (Ich bin sicher, sogar der Münchner im Himmel hätte sich die Ohren zugehalten.)

    • Ich dachte immer Singen sei die Kernkompetenz der Katholiken? Amüsiert hätte ich mich bestimmt und wer weiß, vielleicht waren ja sogar die Trompeten Jeriochos darunter?

  4. Genau das ist es, was Sie bitte nicht denken sollten, diese Stigmata hängen mir dermaßen zum Halse raus, dass ich sie als „geschenkt!“ hinfort werfen will. Sie haben doch niemanden um Geld gebeten, und niemand hat das Recht, jemanden zu bestehlen, ob Jude oder Atheist, ob Schuster oder Millionär, das ist wurscht und eine Sünde vor G’tt – diese 10 Gebote und besonders einige mehrere davon sind nur leider vielen Gläubigen nicht so viel wert; aber solange Sie sich selbst in Schubladen und Schuldbilder stecken, könnten auch G’s und H’s drauf kommen, also bitte halten Sie die Contenance vor sich und Ihres Menschseins!

  5. In diesem Fall nicht auf die Großmutter, sondern auf sich selbst hören.
    Dem Dieb gehört auf die Finger und die Projektion vom geldgierigen Juden in die Tonne gekloppt.

  6. Niemand hat das Recht, irgendwem, egal welcher Religion oder Nationalität, Geld oder irgendwas anderes zu stehlen.
    Das Zeigen mit dem Finger auf Menschen, denen angeblich irgendein Stigma anhaftet, finde ich total absurd.

  7. Diese Erfahrung braucht niemand und das Gefühl als hätte man einen Schlag in den Magen bekommen scheint imer das Opfer zu treffen selten den Täter.Ich liebe ihre Beiträge übrigens glühend.Das musste mal gesagt werden!

    • Vielen Dank! Das freut mich sehr. Ja, ich glaube man braucht schon ein festes Selbstbewusstsein um so offensichtlich zu stehlen. Man weiß nichts über andere Menschen.

  8. Pingback: Sammelmappe » Blog Archive » Lasst uns über Geld reden

  9. Nach 14 Jahren katholischer Erziehung und Loslösung von diesem Verein alter Männer, kann ich Ihnen Fräulein ReadOn nur sagen, die erzählen nur Sch**** und besonders beim Unterdrücken und schlechtes Gewissen machen bei kleinen Mädchen sind die ganz GROSS!

    Ein Dieb ist ein Dieb!

    Er hat nicht Ihr Geld geklaut, weil Sie Jüdin sind, weil Sie es verdient haben, etc. pp. – sondern weil er ein DIEB ist!

    Denn als Ihr Freund/Arbeitskollege müsste er wissen, dass Sie ein großes Herz haben und das man sich jederzeit mit der Bitte an Sie wenden könnte „Fräulein ReadOn ich habe Not, könntest Du mir mit ein wenig Geld aushelfen?“ Und Sie würden es ohne mit der Wimper zu zucken gern tun!

    ER ist ein DIEB! Und er wird es auch bei anderen machen. Eine wirklich ganz beschissene Situation….

    • Sie haben natürlich Recht. Ich finde es eben auch so hart, weil er natürlich ohne irgendwelche Beklemmungen hätte fragen können und das Ganze ist natürlich sehr unschön, sicherlich hat er auch bei anderen geklaut und das ist für alle hier eine unangenehme Situation. Danke!

  10. Ich nehme aus dieser Geschichte das positive mit: Dem Tierarzt schmeckt das Eis. Mir läuft auch das Wasser im Mund zusammen, bei dem Bild. Wäre das Bild in Belgien entstanden, ich würde auf Karamell- oder Spekulatius-Eis tippen, aber in Irland… eventuell Zimt?
    (habe ich jetzt geschummelt? 😉 )

    • Es ist Karamell-Eis, hier hat es leider, leider kein Zimt-Eis. Dass der Tierarzt ein Eis gegessen hat, ist ein dreifaches Halleluja wert ( Schokolade).

  11. Übrigens: das mit dem korrigiertem Stapel ist nicht unbemerkt geblieben. Mir scheint, es fügen sich Mosaiksteine zu einem Bild zusammen. Wäre auch logisch, selbst wenn ich falsch läge.

  12. Das tut mir so leid alles. Die Verletzung bestohlen zu werden. Der Schmerz der Enttäuschung über einen Menschen. Die dunkle Last internalisierter Verurteilungen aus Jahrhunderten. An Letzterem kaue ich seit zwei Tagen.

    • Mir hat dieses eigene Zögern sehr zugesetzt. Und ich erinnere sehr viele solcher Episoden in der es darum ging , zu beweisen, dass wir doch nicht so seien wie man sagte. Immer wieder aufs Neue galt es das Vorurteil schon im Vorbeilaufen zu entkräften. Die Zirkelschlüsse der deutschen Juden fanden auch nach Auschwitz kein Ende und immer war es als ob Hofprediger Stoecker noch immer schrie gegen den Juden an sich.

  13. Gerade erst dank *au fil des mots* hierher gefunden und mich wohlig eingelesen. Sie sind eine begnadete Geschichtenerzählerin, die lesbar gut hinschaut und zuhört.

    Hierzu möchte ich ein Zitat weiterreichen, der mir viel Gedankenfreude bereitet, seit ihn eine Leserin bei mir zurück ließ: „Das Verhalten eines Menschen mir gegenüber sagt immer etwas über ihn aus, nie über mich. Und die Art, wie ich emotional darauf reagiere, also das Gefühl, das dieses Verhalten in mir weckt, hat immer etwas mit mir zu tun und nie mit ihm.“ (Safi Nidiaye)

    Und ja, komisch eingerichtet vom Leben, dass Erkenntnis derart bitter schmeckt…

  14. Was die anderen sagen.

    Haben Sie schon entschieden, wie Sie damit am Institut umgehen? Sprechen Sie bei der nächsten Sitzung eine allgemeine Warnung vor Taschendieben aus, weil sie schon mindestens zweimal bestohlen wurden? Oder reden Sie mit dem Leiter und sagen Sie ihm, dass G. Sie mehrfach bestohlen hat? Oder sagen Sie gar nichts? Da er ein Dieb ist, sind sie möglicherweise nicht die einzige oder nicht die letzte, die er am Arbeitsplatz bestiehlt.

    Gespannt darf man wohl auch sein, wie G. Ihnen begegnen wird. Hat er wenigstens so viel Anstand, Ihnen einen Entschuldigungsbrief mitsamt der gesamten Summe Geldes hinzulegen, die er Ihnen stahl? Oder intrigiert er jetzt gegen Sie?

    • Ich bin ja keine Freundin von Schauprozessen und einem öffentlichen Bekenntnis. Nun hat der Dieb sich gestern krankgemeldet und ich spreche heute mit der J. wie es weitergehen kann und soll. Schwierig.

      • Sehr schwierig. Ich wüsste auch nicht, was ich in so einer Situation machen sollte. An Schauprozess und öffentliches Bekenntnis hatte ich auch nicht gedacht. Als ich fragte, ob Sie eine in der nächsten Teambesprechung allgemein vor Taschendieben warnen, meinte ich eine allgemeine Warnung, ohne Namen zu nennen oder zu erwähnen, dass es sich um einen Kollegen handelt.

        Sieht so aus, als wüsste G. auch nicht, was er machen soll und bleibt deshalb erst einmal daheim. Demnach wird es wohl keinen Brief geben, sonst hätte er den schon geschrieben. Die Nacht dürfte ja lang genug gewesen sein.

      • Eine wirklich kniffelige Situation.

        Eine gute Lösung müsste meiner Meinung nach die folgende Eigenschaft haben: Sie müsste gut sein für Sie, für die Kolleginnen und Kollegen im Institut und für den G. – und zwar in dieser Reihenfolge. Und sie müsste (für die jeweils Beteiligten) auf lange Sicht gut sein, auf mittlere Sicht gut sein und auf kurze Sicht gut sein – und zwar in dieser Reihenfolge.

  15. Liebes Fräulein ReadOn,
    Ich lese seit einiger Zeit mit (mit wachsender Begeisterung!), und bei so vielen Ihrer Texte möchte ich einhaken, zustimmen, ein vorsichtiges Aber einwerfen. Dieser hier hinterlässt mich jedoch nur traurig. Das heutige Ferieneis sei Ihnen gewidmet (geht Waldbeere?). Und: alles Gute für die Stapel!

    • Ja es ist wirklich eine sehr unschöne Geschichte. Ein Ferieneis klingt besonders gut. Der Stapel immerhin ist geschrumpft. Ich wünsche Ihnen schöne Ferientage.

  16. Pingback: Weltkultur statt Leitkultur – Juli liest

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s