Ungeduld

Schon früh am Morgen packt mich die Ungeduld, denn der Zug kommt nicht. Zu früh aber stehe ich auf Tag für Tag, um gedankenverloren und tänzerisch träumend auf dem Bahnhof zu stehen und heitere Gedanken zu hegen. Noch dazu fegt mir ein scharfer Wind ins Gesicht und die Ungeduld brennt mir unter den Fußsohlen. Erst zehn, dann zwanzig Minuten Verspätung schnarrt eine Lautsprecherstimme hämisch hervor, dann hören die Ansagen auf. Ich entwerfe böse und geschliffen scharfe Briefe an die Vorstandsetage von Ianród Éireann, die ja schon lange kein Unternehmen mehr führen, sondern nur Missstände verwalten und sich wohl erfolgreich selbst belügen: alte Züge, ein noch älteres Schienennetz und der Bahnhof des nächstgelegenen Dorfes hat nicht einmal mehr ein Dach.
Nur wenn ich zu spät die Straße herunterrenne, dann ist die Bahn pünktlich aber an vier von fünf Tagen ist die Bahn zu spät. Inzwischen hat es zu regnen begonnen, vom Zug ist auch nach 40 Minuten nichts zu sehen, ich renne zum Bus, steige dreimal um und bin 1,5 Stunden später als sonst im Büro. Ianród Éireann apologizes for the inconvenience. In meinem Kopf hat der Brief inzwischen zehn Seiten Stärke erreicht und auf der Stelle bräche die Vorstandsetage in Tränen aus, hätte ich nur Stift, Papier und eine Briefmarke zur Hand.

 Ungeduldig sitze ich im Bus, denn nichts macht mich so ungeduldig wie Bus fahren, das ewige Geruckel, das quietschende Halten, die quäkende Stimme der Haltestellenansagestimme. Ungeduldig wippe ich mit den Füßen. Vor mir isst zu meinem Erschauern ein Mann ein Butterbrot und beißt von einer Dauerwurst ab und ungeduldig und mit knirschenden Zähnen, warte ich bis auch das letzte Stück Wurstzipfel von ihm verschlungen ist. Die Frau, die ganz vorn im Bus sitzt plärrt in ihr Telefon so als sei ihr Gesprächspartner nicht am Ende des Telefons, sondern stünde 200 Meter entfernt am anderen Ende der Straße und versuchte ihre Stimme über den Autoverkehr hinweg zu verstehen. Mit würgender Ungeduld höre ich die nächsten zwanzig Minuten zu wie sie schrill beklagt, dass ihr Leben eine Katastrophe, ihr Mann ein fauler Apfel, ihre Kinder undankbar und die Busfahrt eine Zumutung sei, außerdem hätte sie eine Warze an prominenter Stelle. Ich bin kurz davor, die Wasserflasche aus meiner Tasche zu ziehen und über da Telefon gießen. Dann steigt sie aus. Noch von der Straße höre ich ihre Stimme über einen Gordon zetern, der ihr Geld schulde. Ich knirsche mit den Zähnen.

Die Ungeduld aber ist nur schon einmal vorgelaufen. Im Büro hat sie mich schon wieder. „Fräulein Read On heißt es, Sie sind die einzige mit genug Geduld für diese Besprechung.“ Ich balle die Fäuste und für drei geschlagene Stunden erklärte ich einen Sachverhalt zum zehnten Mal, die Ungeduld zieht mir an den Haaren und nur mit Mühe kann ich mich selbst daran hindern aufzuspringen mit der Faust auf den Tisch zu hämmern und zu schreien: LESEN SIE DAS DOKUMENT DOCH ENDLICH ,bevor sie mir zum zehnten Mal mitteilen, was sie auf keinen Fall können. Ich atme so tief ein wie ich kann, scheppernd lacht die Ungeduld in meinen Ohren, ich lese sehr, sehr langsam noch einmal die Kernpunkte vor und beantworte noch viel langsamer und mit vor Ungeduld zitternder Zunge die selben 100 Fragen. Endlich zückt mein Gegenüber umständlich und mit verkniffener Miene seinen Füllfederhalter und unterschreibt.

Ich kann mich nur mit allerletzter Mühe beherrschen die Tinte nicht trocken zu pusten und ihm den Füller aus der Hand zu reißen. Durst habe ich, einen glühenden und rasenden in der Kehle brennenden Durst zudem, natürlich habe ich vergessen, dass die Thermoskanne Tee auch über Stunden siedend heiß bewahrt und gierig den Tee herunterstürzend, verbrenne ich mir den Gaumen und gieße wutentbrannt den Tee in den Ausguss. Ungeduldig hacke ich auf die Tastatur, schnaubend beantworte ich Emails und muss mich bremsen, um nicht hinter jeden zweiten Satz sieben dicke Ausrufezeichen zu setzen. Selbst die Büropalme schnarre ich an, weil sie ihre Palmenarme zu langsam zur Seite bewegt, als ich das Fenster öffnen will, beleidigt schnellt die Palme zurück und fegt mir die Brille von der Nase, in meiner reizbaren Ungeduld aber schmettere ich im Versuch die Brille zu finden und somit dreiviertelblind die Wasserflasche vom Schreibtisch, die am Papierkorb zerschellt. Flüche murmelnd und der Palme herzhaft mit Vergeltung drohend fege ich die Scherben auf, beleidigt verschränkt die Palme ihre Arme. Endlich stecke ich meinen Kopf aus dem Fenster, natürlich erleichtert sich eine Taube genau in dieser Zehntelsekunde in der ich die Nase durch den Fensterrahmen stecke. Ich brülle ihr sehr textsicher: „Tauben vergiften im Park.“ hinterher.„Du brauchst gar nicht so dumm zu kichern“, fahre ich die Palme an. Dann renne ich ins Bad. Ungeduldig drehe ich den Wasserhahn auf und natürlich schießt mir ein gewaltiger Wasserstrahl ins Gesicht. Die Frau im Spiegel ähnelt verdächtig einer Erinnye.

 
Knurrend sitze ich Stunden später im Zug nach Haus. Ungeduldig staple ich Milch, Butter und Brot auf dem Ladentisch. Die Frau des Krämers tippt die Beträge quälend langsam in die Kasse ein und erzählt mir umständlich vom Wasserrohrbruch ihrer Schwester. Die Frau des Krämers und ihre Schwester sind sich in herzlicher Abneigung zugetan und ich wippe mit den Füßen, denn ich kenne die Geschichte vom Liebesbrief, den die Schwester dem Krämer zukommen ließ, obwohl er da schon zweimal mit seiner zukünftigen Frau zum Tanz auf der Tenne gegangen war zur Genüge. Ich sage etwas unwirsch: „Ja, ja, ja“ und zum ein Glück bemerkt die Frau des Krämers es nicht und schon steht der nächste Kunde am Ladentisch, der über die späte Gerechtigkeit G*ttes in Form eines Wasserrohrbruches in Kenntnis gesetzt wird. Aber besser wird es mit mir und der tobenden Ungeduld nicht. Fest sitzt mir die Ungeduld in den Rippen noch als wir zu Abend essen. Scharfe Spagetti mit selbstgemachtem Ragù. Der Tierarzt zerkleinert die Spagetti bis nur noch hellgelber Gatsch auf dem Teller liegt und schiebt seit einer halben Stunde das Ragù mit dem Löffel vom Tellerrand zur Tellermitte und wieder zurück. Ich balle die Fäuste unter dem Tisch. Mit einem zum Zerreißen gespannten Geduldsfaden nehme ich mich zusammen und stehe nicht auf, ziehe den Teller nicht weg und werfe ihn nicht gegen die Wand. Ich stehe auch nicht auf und schreie: „WARUM KOCHE ICH NACH EINEM 12 STUNDEN TAG EIGENTLICH?“ Für einen Sekunde steht mir das Bild eines Fräuleins vor Augen, dass mit Spagetti-Ragù Matsch um sich wirft. Dann geht es wieder und ich sage auch nicht: „Iß den verdammten Teller leer.“ Ich grabe mir die Fingernägel in die Handflächen und überlege mir was andere Menschen wohl in der Zeit machen, in denen der Tierarzt an einer Gabel Spagetti würgt. Dann stehe ich auf und werfe nicht einmal den Stuhl um. Ich richte dem Tierarzt einen Obstalat und koche Grießbrei und trage den Rest Ragù und die Spagetti zum Priester hinüber. Der Priester wenigstens freut sich.

Im Bett liegend aber fange ich nach zwei Seiten an mit den Protagonisten des Romans an zu streiten, als ich mich dabei ertappe die Seiten böse anzuzischen gebe ich auf und lösche das Licht. Die Ungeduld tobt weiter und mit zuckenden Zehenspitzen schlafe ich endlich ein.

23 Gedanken zu “Ungeduld

    • Ich habe natürlich wie es sich gehört grimmig geschnauft beim Schreiben und die gleichen Fehler siebenmal gemacht und das Notebook hielt sich zitternd die Ohren zu…

  1. Och, Sie sind schon wieder in Irrland und ich frage mich: Warum? Ganz undeduldig hämmern mir diese Zeilen in die Tasten

    • Oh, ich habe einen Beruf, der meine Anwesenheit durchaus verlangt und schon immer führe ich ein Leben zwischen den Stühlen. Ich beneide sie um Max Beckmann!

  2. Liebes Fräulein, es gibt einfach solche Tage, solche Situationen und Menschen. Ich neige eigentlich nich zur Ungeduld, aber bei meiner vorletzten Praktikantin raffte sie mich auch dahin. Ich wünsche morgen einen guten Start in den Tag!

    • Ja manchmal ist es wirklich schwer solchen Tagen gut standzuhalten. Ich hoffe Ihre nächste Praktikantin macht Ihnen mehr Freude….Ihnen auch einen guten Tag!

    • Das freuet mich sehr, dass Sie hier mitlesen mögen und ohne Kreisler wäre die Welt ohnehin sehr viel schwerer auszuhalten. Einen schönen Tag für Sie.

  3. Ach Fräulein ReadOn. Wenn Sie nur hoffentlich wissen, welche Freude Sie mit solcher Innensicht Ihrem Leser bereiten.
    Ich fühlte mich ein bisschen aufgesogen und fing schon an, selber mit den Füßen zu wippen.

    Der Ausdruck „In herzlicher Abneigung zugetan“ ist einfach so treffend für viele Paarungen, die ihr Leben gemeinsam bestreiten. Jeder kennt so eine Kombination.

    Ich hoffe, Sie schlafen gut!

    • Dann ist meine Ungeduld also doch zu etwas gut gewesen, was mich besonders freut und die Ungeduld hoffentlich sehr ärgert….

      Herzliche Abneigung ist ja auch eine Lebensform….

      Einen schönen Tag für Sie!

      • Ihre Texte bereiten so viel Freude. Ich bin sehr froh, dass ich in den Genuss Ihres Blogs (und Ihrer morgendlichen tweets) komme.

  4. Aber ich fragte mich schon oft, warum Sie so liebevoll auch noch für andere kochen, Sie haben doch genug Arbeit? Ich bewundere Ihre Geduld mit dem essunwilligen Tierarzt (ich dachte bisher, nur Frauen leiden unter Magersucht) – bei mir würde vielleicht doch der Teller an der Wand landen oder aber nie mehr gefüllt werden, viele Grüße aus Berlin von E. Schulte

    Vom iPhone gesendet

    • Magersucht ist eben eine Krankheit und ich glaube, manchmal gelingt mir das nicht, man muss sie als solche behandeln. Das heißt eben auch immer wieder zu kochen und auszuprobieren wie das mit dem Essen gelingen kann, ich glaube da noch mehr Druck aufzubauen für jemanden der sich unendlich bemüht zu essen, hilft nicht. Diese Krankheit ist sehr tückisch. Deswegen mache ich mir lieber hier Luft als mit Tellern zu werfen….
      Liebe Grüße nach Berlin!

      • Liebes Fräulein ReadOn. Auch hier melde ich mich noch mal kurz zu Wort. Sogar als selber Betroffene ist es mir durch gegangen anhand Ihres Posts zu erkennen, dass der Tierarzt krank ist. Obwohl ich – im Gegensatz zum Kommentator über mir – weiß, dass auch Männer betroffen sind. Das Bild der 14-jährigen, Heidi-Klum-guckenden Mädchen ist eben nur eines der Vorurteile, die gegenüebr dieser Krankheit herrschen. Bei Emma Woolf las ich zum ersten Mal den Begriff der „managed anorexia“, der passt auf sehr viele Erwachsene, egal ob Mann oder Frau, die ihr Leben so geschickt um diese Krankheit herum drappieren. in Beziehungen sind, einen anspruchsvollen Job haben. Ich habe das die letzten 10 Jahre in Studium und Beruf sehr gekonnt gemanaged. Der Gewichtsverlust nur schleichend, die sozialen Kontakte einstellend sodass kaum ein Außenstehender was merkt. Aber wenn ich ehrlich bin im Nachhinein – managed man da gar nichts. Man hat kein Leben, und wenn etwas gemanaged wird, dann die Krankheit.
        Was mir geholfen hat den Kampf anzutreten…. Das muss jeder für sich selber herausfinden. Bei mir war es irgendwann die Erkenntnis, dass ich das meinem Freund nicht mehr antun konnte, die Depressionen, das Einigeln, ich war keine Partnerin mehr, und der immer stärker werdende Gedanke, dass das so nichts werden wird mit einer eigenen Familie.
        Ein liebevoll gefüllter Teller kann ein Weg sein, ich hoffe so sehr, dass es IHR Weg und der des Tierarzt ist. Ich drücke Ihnen von Herzen die Daumen und hoffe, dass Sie ein starkes Umfeld haben, dass Sie trägt, wenn Sie mal fallen.
        Alles alles Gute.

  5. Es ist so erleichternd zu lesen, dass auch Sie solche Tage kennen, die Ihnen jede Souveränität verweigern (BÖSES Leben, BÖSES Wetter, BÖSE Pflanze, alles BÖSE). Daran werde ich denken, wenn ich wieder mal einen solchen habe und sich beim Blick auf mich selbst zu Ungeduld und Gereiztheit der Selbsthass gesellen will.
    Ich kann abends wenigstens zu Alkohol greifen, genau dafür ist er die passende Medizin.

  6. Ich bewundere Ihre Contenance. Ich hätte wahrscheinlich das Ansinnen, diese Besprechung zu übernehmen, weit von mir gewiesen oder wäre, falls doch dazu gezwungen, während dieser drei Stunden irgendwann eklig geworden wenn nicht sogar explodiert.

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