Sonntag

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Schwimmen im ersten Tageslicht. Das Wasser schwer und von dunklem Grün. Ich schwimme langsam und vorsichtig, dicht an der Wasseroberfläche. Noch gehört der See dem Nöck und seinem Hofstaat und er liebt keine Störung dort unten tief auf dem Grund. Mir ist als hörte ich von fern eine Bach Sonate und spielt dort nicht eine helle Violine. Mag sein, dass der Nöck sich vorspielen lässt, früh am Sonntag Morgen. Mag sein irgendwo am Ufer ist ein Fenster offen und ein Mann steht rauchend am Fenster und auf dem Plattenspieler liegt Bach. Aber weder den Nöck noch den Mann am offenen Fenster habe ich gesehen und vielleicht ist es auch nur die Kälte, die Bach in meine Ohren lockt. Zurück durch den schlafenden Ort, zweimal links, die lange Straße hinunter, Kopfsteinpflaster und mir klappern die Zähne. Erst zurück Zuhaus aber wird mir richtig kalt. Die Kälte beißt sich fest an meinen Knochen, auch nach dem warmen Bad habe ich blaue Lippen. Den Tisch decken. Teller und Tasse. Der ehemalige geschätzte Gefährte sagt: Gleich fahre ich los aus der Klinik. Ich wärme das Ei und mir die Hände an der Tasse. Das Ei wird kalt und dann auch die Tasse. Hinunter in den Garten die letzten Zweige des Kirschbaums verschnittten, dann in die dichte Brombeerhecke gestiegen, die sich wehrt gegen die Schere, voller Empörung schmettert sie mir die Dornenzweige ins Gesicht. Die Brombeerranken auf den Kompost tragen, die Kirschzweige aber zu zwei großen Bündeln schnüren. Es schlägt elf. Die Kirchgänger hinaus in die Sonne, Glockengeläut, eine Katze sonnt sich auf dem Pfeiler. Ich decke den Tisch wieder ab. Ein zweites Ei, gewärmtes Brot, Käse und Joghurt, eine Thermosflasche mit Kaffee befüllt, die Kirschbaumzweige auf den Gepäckträger geklemmt und in die Klinik gefahren. Für F. sage ich den Schwestern und angle einen halben Apfelkuchen für die Station aus dem Korb. Der F. taumelt mir gespenstergleich entgegen. Für zehn Minuten sitzen wir auf einer Bank im Klinikgarten. Raucher rauchen im Bademantel, der F. schlingt ein halbes Brot und dann geht sein Pieper. Die Raucher stehen verschworen im Kreis. Ich fahre weiter in das Altenheim. Dort wohnt der Gartenbesitzer, der mir den Gartenschlüssel anvertraute mit seiner Frau. Seit einem halben Jahr erkennt er mich nicht mehr. Aber die Kirschblütenzweige für die seine Frau eine Vase holt, die hat er nicht vergessen. Er erzählt über den ersten Kirschbaum im Garten, gepflanzt zu einer Zeit in der niemand mehr Obstbäume pflanzte, sondern nur noch Eiben, Koniferen und Rhodendron. Aber dann vergisst der Nachbar auch den Garten und erzählt von Stalingrad und den Spuren der Gefangenen die sich in der unendlichen Leere Sibiriens bald verloren. Er zählt ihre Namen auf, wie ein Schiffbrüchiger der als einziger wohl das Rettungsbot erreicht. Kameraden sagt er mit leerem Blick, mir aber die ich den Blick fest auf die Kirschzweigknospen gerichtet halte, sind die Erinnerungen ein Splitter im Nacken. Unsere Erinnerungen sind zu weit voneinander entfernt. Unter dem Gras liegen keine Blumen, sagte meine Großmutter damals als wir auf einer Wiese standen in einem Land, das heute Weißrussland heißt. Ich bleibe stumm und der Gartenschlüssel wiegt schwer in der Rocktasche. Dann kehrt der Nachbar in den Garten zurück und sagt ich solle mich vorsehen vor den launischen Brombeeren. Aus einer der vielen Altenheimtüren singt Edith Piaf: „Je ne regrette rien.“
Ich sage es ihm zu. Dann zurück, Sonnenschein vor mir auf der gepflasterten Straße und auch im Gesicht. Vor dem Gartentor, unter der Linde hat jemand die Krokusse die ich dort Jahr für Jahr stecke, geköpft, schon am Freitag hatte ich die ersten Blüten aufgelesen.
Zertreten liegen nun alle blauen und gelben Köpfe auf der Erde. Der Jemand ist ein vielleicht vier Jahre alter Bub, der gerade mit einem Stecken die Osterglocken des Nachbarn zur Rechten mit heftigen Hieben abzuschlagen beginnt. Der Nachbar spricht Mutter und Kind an. Die Mutter wie das Kind trotzig: „Er muss seinen Entdeckerdrang ausleben.“ Ich habe noch immer nicht verstanden, warum sich Entdeckerlust nur als Zerstörungswut ausleben lässt. Der Nachbar nimmt dem Kind den Stock aus der Hand und bricht ihn entzwei, denn die Mutter macht keine Anstalten ihrem Bub zu erklären, dass zertrampelte Blumen keineswegs für alle Menschen ein Grund zur Freunde sind. Das Kind heult und seine Mutter zieht es weg während sie auf den Nachbarn schimpft. Der Nachbar hält die Hände vor die Augen. Ich kehre die Krokusblüten zusammen und der Nachbar liest mit den Händen, die abgeschlagenen Osterglockenköpfe auf. Dieses Jahr blühen keine Krokanten mehr unter der Linde, vor dem Gartentor.

17 Gedanken zu “Sonntag

  1. guter nachbar. mit vier jahren sind die kinder so offen dafür, entdeckungsgeist und zerstörung auseinanderhalten zu können, und wenn es ihnen mal durcheinandergerät, sollte man sie auf die klare grenze des lebenlassens hinweisen, später werden die regeln eh komplexer und schwieriger, aber diese ist wunderbar leicht zu verstehen. (ihr grüner see erinnert mich an den schlachtensee im sommer, oder ist er es? ein britisches tiefes freundliches grün)

    • Es ist der Schlachtensee, sozusagen mein Haussee, es sind nur zehn Minuten mit dem Rad. Ich glaube auch, es gilt auf den Unterschied zwischen entdecken und zerstören hinzuweisen….

  2. Ich freue mich zu lesen, dass der nøkk bei Ihnen als Nöck auftaucht; bedeutet das etwa, dass Sie The Nix durchgelesen haben? Fesselnd, nicht wahr? Damit müsste man doch einem ungezogenen Lausebengel einen gehörigen Schrecken einjagen können

  3. Schade, dass dem Nachbar nicht mehr eingefallen ist, als den Stock entzwei zu brechen. Der Vierjährige hat das Pech, dass die ihn umgebenden Erwachsenen ihm so etwas wie Achtsamkeit wohl nicht vermitteln (können).

    • Ich weiß nicht, ob mir etwas Besseres eingefallen wäre. Ich glaube aber, dass man Kinder durchaus auch mit der Unmöglichkeit des eigenen Verhaltens konfrontieren darf. Der Mensch ist oft hilfloser als er glaubt.

      • „Der Mensch ist oft hilfloser als er glaubt.“ Wie wahr. Kinder haben ja meist Verständnis für nicht perfektes Verhalten, sofern es ihnen erläutert wird.

  4. Meine Tochter hat schon mit drei Jahren fleißig gepflanzt, gesteckt und gesäht. Mit ihren nun vier Jahren würde sie die Blumen vielleicht für ihre Mutter pflücken aber sicher nicht zerschlagen. Achtsamkeit können so kleine Kinder durchaus lernen, aber dafür muss es auch jemanden geben der sie ihnen lehrt.

  5. Auch ein 4 jähriges Kind muss lernen, das auf unerwünschtes Verhalten unangenehme Konsequenzen folgen. Traurig ist es, das die Mutter vielleicht keine Kraft hatte, ihrem Kind zu erklären, das sich so etwas nicht gehört. Meine Kinder erziehen ich mit liebevoller Strenge wenn es um das Benehmen in der Öffentlichkeit geht. Rücksicht und Achtung vor den Bedürfnissen anderer, ohne sich zu verbiegen und trotzdem höflich zu sein ist eine Kunst, die man von klein auf lernen und pflegen muss. Leider gibt es auch viele Erwachsene die über die Jugend schimpft und nicht merkt das diese Kinder nur ihr Gegenüber spiegeln. Kinder merken ganz genau wie Erwachsene sich verhalten und ahmen es nach. Auch wir Erwachsene müssen uns ins Bewusstsein rufen, wie wir uns verhalten, da gibt es auch viele Ältere bei denen ich jeglichen Respekt gegenüber der Umwelt und Mitmenschen vermisse. Das sind die, die sich am meisten über andere Leute aufregen.
    Liebe Read Ohne ich wünsche ihnen eine angenehme Woche und jeden Tag eine neue Geschichte.

    • Sehr geehrte Neli,
      ich finde, Ihr Kommentar trifft sehr genau, worauf es ankommt. Wobei meiner Meinung nach die Voraussetzung dafür, dass Kinder lernen, die Bedürfnisse anderer zu achten ohne ihre eigenen zu vernachlässigen, ist, dass die anderen ihnen sowohl ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle mitteilen, als auch dass sie offen sind für die Bedürfnisse und Gefühle der Kinder. Diese Offenheit fehlt leider vielen Erwachsenen – und das macht die Situationen in der Öffentlichkeit oft so schwierig. Natürlich kann man einem Kind seinen Stock wegnehmen und zerbrechen – aber lernt es dadurch etwas über die Trauer des Mannes über die zerstörte Schönheit der Blumen, über die Zerbrechlichkeit der Schönheit, über die tiefsitzende Angst vor der Gewaltbereitschaft der Menschen im Allgemeinen? Oder lernt es, dass einer, wenn er größer und stärker ist, offenbar das Recht hat, anderen den Stock wegzunehmen und zu zerbrechen, wenn ihm danach ist? Und woher wissen wir, dass der Stock für den Jungen nicht genauso kostbar war wie die Blumen für den Mann?

    • Sehr geehrte Neli,

      Achtung der Bedürfnisse Anderer ohne sich zu verbiegen – das haben Sie, wie ich finde, sehr treffend formuliert! Denn darin liegt nunmal die Crux, dass die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse Anderer sich durchaus widersprechen können. Dann hat man einen Konflikt, und dann wird es eigentlich interessant. Denn Konflikte zu lösen ohne dass ich mich oder der Andere sich dabei verbiegen muss, das ist die Grundlage von zivilem Zusmmenleben. Wenn wir das unseren Kindern beibringen können, ist viel gewonnen.

      Das Beispiel im Text würde ich (im Gegensatz zu Ihnen?) dabei als verpasste Chance auffassen. Denn was kann sich der 4-jährige aus dem Verhalten der Erwachsenen wirklich nehmen? Die Trauer des Nachbarn über die zerstörten Blumen? Die Achtung vor der Erhabenheit und Zerbrechlichkeit aller irdischen Schönheit? Die Angst vor der Brutalität und dem Zerstörerischen, das uns allen innewohnt? Oder dass, wer größer und stärker ist, anderen den Stock wegnehmen und ihn zerbrechen darf, wenn ihm (aus welchen Gründen auch immer) gerade danach ist?

      Ich will jetzt nicht zuviel in das Ereignis hereininterpretieren – ich war ja auch nicht dabei. Aber die Tatsache, dass Kinder Dinge tun, die Anderen nicht gefallen, finde ich nicht an sich problematisch. Entscheidend ist, ob und wie die Erwachsenen in der Lage sind, die dadurch entstehenden Konflikte gewaltfrei und in gegenseitigem Einvernehmen zu lösen.

      • @Ute, gerne geschehen!

        Da WordPress meinen ersten Kommentar zwischenzeitlich verschluckt hatte, gibt’s als Bonus den gleichen Gedanken nochmal etwas anders formuliert 🙂

      • WordPress verschluckt manchmal Kommentare, auch von sehr geschätzten Kommentatoren….aber Sie sehen es geht nichts verloren…

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