Wenn er kommt

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Manchmal aber wenn ich auf dem alten roten Fauteuil sitze und alles ist still, selbst auf der Straße kein Hauch, keine Autotür klappt, die Kirchturmuhr schweigt, das Telefon bleibt stumm und ich halte nichts in den Händen selbst das Buch ist mir den Schoß gerutscht, und ich sehe aus dem Fenster in die Wipfel der alten Kiefer, durch die Wind normalerweise fegt und sehe so vor mich, ohne Sinn und ohne Verstand, dann frage ich mich doch wie es wäre, wenn er denn käme.

Nein, zu mir käme er wohl nicht als der kleine und schnelle Jenö Lakatos mit seinem Vertreterkoffer voller falscher Korallen und den Hosenträgern bis über den Bauch und ich bezweifle auch sehr, dass der dort im Eck mit überschlagenen Füßen säße, einem deutschen Philosophen ähnlich wäre. Der deutsche Philosoph erschien mir immer zu träge und auch zu behaglich, schlecht angezogen zudem mit einem braunen Pullover über dem karierten Hemd, um dem zu ähneln, von dem wir nicht wissen, ob er nicht auch über uns eine Liste führt. Einen Pudel hätte er keineswegs, denn ein Pudel reizte mich zum Lachen und ich weiß es genau, ich wäre spöttisch und er wäre verstimmt. Nein, ein hagerer hochgewachsener Mann säße dort auf dem Sofa neben dem Beistelltisch mit den zu vielen begonnen Büchern, den Notenblättern und den drei Rosen im Glas. Eng geschnittene, schwarze Hosen hätte er wohl an, dazu eine schwarze Bluse mit Knöpfen aus Perlmutt und einem spanischen Kragen aus Seidenspitze dazu. Einen Mantel trüge er wohl aus schwerem Kattun, verschlossen nur mit Hilfe einer Brosche, deren Initialien ich nicht zu entziffern vermöchte, so sehr ich es auch versuchte. Eine Zigarette zündete er sich an, meine Suche nach einem Aschenbecher aber, verwürfe er mit einer abweisenden Handbewegung. Schmale, lange Finger und endlich sähe ich auch seine gelblichen, ein wenig splittrigen Zähne. Setzen Sie sich doch, sagte er mit kühl-scharfer Stimme, so als sei er hier zu Haus und nicht. So sänke ich zurück auf das rote Fauteuil und er sähe mich an. Schöne stahlblaue Augen hätte er, aber ganz sicher wäre ich mir nicht, mag sein, dass seine Augen auch jadegrün oder rubinrot glänzten: je nachdem. Aus dem Mantel aber zöge er eine Flasche Wein: „Ob auch ich ein Glas tränke?“, fragte er mich, doch ich verneinte. Mit einem Fingerschnippen bloß löste sich der Korken und schon stünde eine Glas aus böhmischen Kristall vor ihm auf dem Beistelltisch, gleich neben den Noten. Seine Schuhe aber enge und spitze Schnürstiefel, klein und doch ungleichmäßig groß glänzten im Sonnenlicht. Maßanfertigung, sagte er und ich, die ich meine Zunge niemals und schon gar nicht wenn es um das Ganze geht, im Zaum zu halten wüsste, fragte: „Zur Schonung des Pferdefußes?“ Er verzöge wohl etwas mokiert die Brauen, ob ich glaubte er sei zu Fuß gekommen?“ Ich zuckte mit den Schultern , er straffte sich, leerte das Glas in einem Zug, zöge ein Notizbuch aus den Falten des Mantel hervor und nickte mir zu: Er sei in geschäftlicher Sache zu mir gekommen. Warm würde es plötzlich im Zimmer, nicht aber weil die Märzsonne so heftig durch die Fenster bräche, sondern wohl seinetwegen. „Ich bin eben ein Höllensohn“ sagte er und schlüge den Mantel ein wenig zurück.

Leise spräche er und fast ein wenig heiser: Der Idealismus der einen, sei fast so arg wie die Nachlässigkeit der Anderen. Denn die Welt faule von innen her, welchen Anstrich man ihr gäbe, ich sei doch verständig genug, spielte keine Rolle. Die Freiheit sei immer nur die Unfreiheit der Anderen und überhaupt seien die meisten ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt. Alternativen gäbe es keine: Der Sozialismus sei einmal eine Romanze gewesen, eine mädchenhafte Verirrung fast und hier lächelte er, schon aber sei die und schließlich auch die Gewalt mit ihm gekommen, denn die kalte Logik allein, aber den Menschen noch nie vor Fehlern bewahrt. Dafür seien Gedichte da und auch die meist herzlich schlecht. Von roten Nelken halte er nichts und wie auf Befehl zerkrümelte die Rose endgültig, auch ohne, dass er sie berührte. Der Kapitalismus hingegen und er schüttelte den Kopf habe nie die besten Köpfe angezogen, sondern nur die mit der größten Gier. Aber auch die sein kein guter Ratgeber gewesen und das dumme Sprichwort vom aufhören, wenn es am Schönsten ist, sei nicht nur dumm, sondern auch eine einzige Begriffsstutzigkeit: Erfolg verführe zu Hochmut und noch niemals habe der Schöne sich um die Hässlichkeit verdient machen wollen. Sicherheiten gäbe es keine, dass müsste ich doch wissen. Sicherheitsgurte, doppelte Böden und hier keckerte er eine Hausratsversicherung gar, verzögerten das Unausweichliche nur, verlängerten die trügerische Sicherheit und seien doch immer Teil des Fehlers und niemals seine Lösung. Er lachte wieder und zeigte auf die vier Sparbücher für Neffen und Nichten. Ob ich gar so naiv wäre, deren Wert für real zu halten, ich müsse begreifen, dass morgen schon die Sparbücher nichts weiter wären als ein Haufen loses Papier. Ich solle ihn verschonen mit den schönen Künsten, getanzt würde immer ob nun zu einer Chaconne oder einem Lied aus der Konserve. Einen Unterschied hätte es nie gegeben und er schüttelte fast ein wenig bedauernd den Kopf: weder die Kunst noch die Liebe bewahrten uns vor uns selbst oder dem anderen. Noch im Rettungsboot auf eisiger See hätten Menschen Choräle gesungen, erfroren und ertrunken seien sie ohnehin. Der Unterschied sei ein theoretisches Problem und natürlich, das sähe er ein müssen Bücher geschrieben werden, warum dann nicht auch über den Bau von Booten? Langsam fährt er mit den spitzen Fingern über das zarte Glas, ob einen nun die kleine Meerjungfrau verlasse oder die schöne Müllerin, sei bedauerlich aber anderseits völlig einerlei. Für einem Moment ist mir, als würde er weinen, aber geblendet vom grellen Licht wüsste ich es nicht zu bezeugen. Es gälte nun, sagte er plötzlich laut und vernehmlich, das Leben bei den Hörnern zu packen, Champagner in Flaschen und die Hemmungen hinter der Haustür zu lassen, denn den Untergang hieße es mit beiden Händen zu umarmen. Schon läge vor mir, ohne das ich eine Hand hätte kommen sehen, ein Zettel vor mir, ein Vertragsdokument ganz eindeutig. Ab dato recessi stünde ganz oben auf dem schweren, weißen Papier. Beinahe lächelte er wohl mit seinen scharfen, splittrigen Zähnen und versicherte mir, er werde mit dem Lohn nicht geizen und anzüglich schnalzte er wohl mit der Zunge.

„Verschwinden Sie“, würde ich wohl rufen wollen, doch ihn kümmerte das wenig, schon wieder langte er in den Mantel zur Flasche, und nähme meine Hand in seine, küsste sie ruhig und sein angenehm warmer Atem, erinnerte mich an einen anderen Mann. Er wisperte mir wohl etwas ins Ohr von kommenden Tagen und Nächten aus klirrendem Gold. Das Blut rauschte mir durch den Kopf, zog er mich nicht schon an seine Brust?
Doch plötzlich schlüge die Balkontür zu, das Telefon klingelte wie üblich und im Hausflur Bewegung, die Kirchturmuhr schlüge schon Drei. Allein wäre ich wieder im Zimmer und so lange ich auch suchte, den Vertrag fände ich nirgendwo, die Flasche das Glas und auch der Besucher spurlos verschwunden, im Zimmer kein Schwefelgeruch, sondern süßer Maiglöckchenduft. Die drei Rosen im Glas jedoch wären auf einmal welk und vergangen.Warm wäre mir, die ich doch jahrein, jahraus friere ,geradezu heiß.

3 Gedanken zu “Wenn er kommt

  1. „Allein wäre ich wieder im Zimmer und so lange ich auch suchte, den Vertrag fände ich nirgendwo, die Flasche das Glas und auch der Besucher spurlos verschwunden, …..“
    Ein Glück, dass es zu keinem faustischen Pakt gekommen ist. 😉

  2. Tja, wer hat heutzutage noch wirklich Angst vor’m Teufel? Dabei könnte man feststellen, dass just in dem Moment, in dem in Europa der Teufel zur Witzfigur degradiert wurde (das Christentum seine normative Deutungshoheit verloren hat), die größten denkbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt wurden. Eine im wahrsten Sinne des Wortes teuflische Irone. Zu welcher Bestialität Menschen fähig sind, wissen wir gut genug. Aber wer kann wirklich sagen, was genau es ist, dass uns im Moment davor bewahrt?

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