Regenguss

Schon auf dem Weg zum Bahnhof früh am Morgen werde ich nass. In Irland heißt das immer: nass bis auf die Knochen. Das Wasser tropft mir aus den Ohren, läuft aus den Schuhen und ich ähnle noch weniger als sonst einem respektablen Fräulein, sondern sehe aus wie eine ägyptische Tempelkatze nach dem rituellen Bade durch den Kämmerer des Pharaos selbst. Verkniffen spreche ich mir Trost zu: Immerhin hängt im Büro eine Zweitgarnitur. Im Büro angekommen trockne ich die Barbourjacke auf der Heizung und winde mich aus den durchweichten Sachen. Halbwegs trocken muss ich schon wieder los, denn ich treffe den Tierarzt, der jeden Donnerstag im Zoo den Blutdruck der Affen misst, sich um das asthmatische Zebra bemüht und nach der wunden Pfote des Wolfes sieht. Jeden Donnerstag hoffe ich indes, dass der Löwe doch bitte kein Zahnweh bekommen mag. Aber der Tierarzt und ich verabreden uns eben auch auf halber Strecke auf eine Stunde Gemeinsamkeit. Heute zudem bringt der Tierarzt mir einen Stapel Akten mit, denn am späten Nachmittag habe ich einen Termin in München. Erst einmal und wie könnte es auch anders sein, werde ich auf dem Weg zum Tierarzt nass. Die Regenwolken glaube ich haben sich gegen mich verschworen, kaum das sie sehen, dass ich das Büro verlasse, pfeifen sie sich schrill „Auf Drei“ zu und schon ergießt sich eine ganze Regenwand über mich. Die Regenwolken lachen laut und ich stapfe finster dem Tierarzt entgegen, der Regen läuft mir aus den Wechselschuhen. Mit klappernden Zähnen warte ich auf den Tierarzt, schon quietschen die Reifen des treuen Volvos und der Tierarzt betritt das Café: „Mädchen, Du frierst ja“, sagt er und schüttelt den Kopf und“ nass bist du auch.“ Ich klappere mit den Zähnen wie der Schneider sieben und der Tierarzt deutet auf seinen Wetterfleck. Der Wetterfleck des Tierarztes nämlich ist kein Regenmantel im eigentlichen Sinne, sondern ein als Mantel daherkommendes Zelt und schon sehr, sehr alt, hundertfach geflickt und mit breitem Kragen, 2 Meter hoch ist der Tierarzt und oh wie klein bin ich. Trotzdem mit blauen Lippen bibbere ich: Ja. Der Tierarzt entleert seinen Manteltascheninhalt in meine Barbourjacke und ich wickle mich in den Wetterfleck. Besser der Wetterfleck wickelt sich um mich bis nur noch meine Nasenspitze aus dem Mantelzelt hervorragt. Aber warm, oh wie warm ist der Wetterfleck, eine Kuhwärme hat der Wetterfleck an sich, denn ich weiß nicht wie viele Kälbchen und Lämmchen der Tierarzt schon in diesem Mantel erst auf die Welt gebracht und dann warm gehalten hat. So ausgerüstet, nebst dem alten braunen luggage holdall voller Akten also rase ich zum Flughafen. Unnütz zu Erwähnen, dass ich ein drittes Mal nass werde und wieder läuft mir das Wasser am Mantelsaum herab, meine Haare aber sind schon seit 11 Uhr ein nasser Klumpen der mir am Kopf klebt. Ich sehe inzwischen nicht mehr aus wie eine halbertrunkene Tempelkatze, sondern wie eine sehr, sehr nasse Mary Poppins.
Im Flugzeug bin ich kurz davor die Stewardessen um einen Wasserabtropfeimer zu bitten, zum Glück bleibt der Mittelplatz frei und der Gangnachbar trinkt Rotwein und hört sehr, sehr laut Eros Ramazotti, aber die Liebe soll man laut besingen und der Sitznachbar zeigt mir sogleich das Bild einer Frau, die weder Mary Poppins noch einer zerzausten Fledermaus gleicht, sondern aussieht wie ich mir die amtierende Miss Ukraine vorstelle. Er strahlt. Neapel. Freundin. Good vibes lässt er mich wissen, ich tropfe säuerlich vor mich hin. In München angekommen, sieht der Taxifahrer mich skeptisch an und legt eine Plastiktüte auf den Sitz. Ich tropfe. Der Taxifahrer aber erzählt mir, dass München voller Räuber sei. Nicht aber im herkömmlichen Sinne, keinen Kaninchendiebe mit grünem Seppelhut oder gewiefte Fallensteller mit genagelten Schuhen. Nein, die wahren Münchener Räuber seien die Zahnärzte dieser Stadt. Der Taxifahrer fletscht die Schneidezähne und erzählt eine Horrorodyssee, die weniger von seinen zwei überkronten Schneidezähnen handelt, als von dem mit rythmischen Schlägen auf das Lenkrad begleiteten Versuch die Schlechtigkeit der Welt mit dem Tun und noch mehr dem Lassen der Zahnärzte zu erklären. Er verabschiedet sich mit einem zünftigen: „Saubuan alle!“ Ich steige tropfend aus dem Taxi.
Das Gebäude aber dem ich nun zu eile, möge mich bloß niemand sehen, denn in München sind die Frauen allesamt immer sehr gut angezogen mit passender Handtasche zum Twinset, ist einer dieser typischen Glas-Marmor-Metall Ungetümer und so tropfe ich auf dem blanken Boden hin zur Rezeption, wo sich eine schneeweiße Orchidee, die bestimmt nur mit Morgentau gewässert wird, angewidert von mir abwendet. Die wirklich ausnehmend schöne Dame an der Rezeption aber lächelt zuvorkommend: „Noch einen Moment Geduld Fräulein Read On“ sagt Sie, der Herr C-E-O ist auf dem Weg zu Ihnen. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen. Ich winde mich aus dem triefenden Wetterfleck und sitze nunmehr in feuchter Bluse und nassem Rock ganz zu Schweigen von den durchweichten Schuhen auf dem weichen Lederpolster. Mir gegenüber sitzt ein geschniegelter Hipster. Ein sorgfältig gemachter Bart, pomadierte Haare, Nadelstreifen mit Anzugträgern, Hornbrille, grasgrüne Socken, ein eng auf Taille geschnittenes Jackett. Mitleidig lächelnd sieht er auf mich herab und zieht die linke Augenbraue nach oben, alles an ihm schreit „Ich bin ein Macher von Morgen.“ Ich hingegen das ewig gestrige Fräulein richte meine Aktenstapel, da klingelt das Hipsterhandy und der Hipster lästert unverholen über meine tropfende Gestalt ihm gegenüber. Eine Lachnummer….Vogelscheuche….ein Trampel…..und vor allem chancenlos. Aha, denke ich der Hipster also sucht einen Job. Aber schon kommt der Herr C-E-O durch die Halle gelaufen und noch bevor ich Aktenstapel auf die Arme gehoben habe, steht der Hipster auf und stramm. Der Herr C-E-O aber sieht ihn nicht, sondern ruft unter der Andeutung eines Handkusses: „Ach mein sehr verehrtes Fräulein Read On, wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Dann übernimmt sein Assistent die Aktenberge, wir fahren hinauf in das C-E-O Büro: es gibt Kuchen und harte Verhandlungen. Zwei Stunden später, lächelt der Herr C-E-O: „Fräulein Read On darf ich Sie zum Flughafen fahren.“ Ich nicke beglückt und der C-E-O beauftragt die schöne Assistentin meinen Wetterfleck zu holen, bedauert meine Regenepisoden und der Assisstent holt den Wagen. Der einzige Grund einmal selbst ein Fräulein C-E-O zu werden, wäre die Anwesenheit eines Assistenten, der mir das Auto aus der Gararge holte. Auf dem Weg zum selbigen passieren wir noch einmal das gläserne Entrée. Dort wird der Hipster von einer weiteren schönen und wie ich weiß sehr klugen Frau zur Tür herauskomplimentiert. Als freundlichen Gruss des Hauses erhält er das Firmenmagazin mit dem strahlenden Antlitz des Herrn C-E-O. Ich nicke ihm freundlich zu, mit der Andeutung eines Lächelns bloß, denn der Herr C-E-O hilft mir selbstredend in den Wetterfleck. Der Hipster steht fassungslos danbeben. Aber wir sind schon vorbei. Das Auto, eines jener Autos, die ich nicht einmal anbekäme hat Heizung an allen möglichen Orten und zurück am Flughafen bin ich von der Taille abwärts zerknittert, aber trocken. Der Herr C-E-O und ich verabschieden uns bis zum nächsten Mal und mit der letzten Maschine fliege ich zurück nach Berlin. Mädchen, sagt der am Telefon, vielleicht solltest du ein heißes Bad nehmen, aber mir schaudert, noch einmal von Kopf bis Fuß durchzuweichen, ist mir selbst in warmen Lavendelwasser zu viel. So krieche ich unter das Federbett und nur der Wetterfleck tropft weiter über der Badewanne ab.

16 Gedanken zu “Regenguss

    • Diese Typen, die genau so heißen wie Unterhosen, können ja nix taugen. In einem bestimmten Stadtteil Berlins spricht man man so vielen Hipster-Kneipen, aber da trau ich mich nicht rein, aus Angst davor, eben so Unterhosen sehen zu müssen…

  1. Als Ausgleich für die nächtlich abhanden gekommene Stunde habe ich mir gerade die vier letzten wunderbaren Geschichten aus meinem virtuellen Briefkasten gegönnt. Ein ❤ -liches Dankeschön für die schönen Erzählungen und einen guten Start in die kommende Frühlingswoche – möge die Sonne fleißig scheinen, auf dass der Wetterfleck wieder ausgiebig trocknen kann!

  2. Es ist ja wirklich ausnehmend fies, sich über nass und nässere Tempelkatzen vor Lachen zu bekringeln, besonders in Wetterflecken warmgewickelt, aber ich hab jetzt Rollspuren irgendwo. Herrlich der Hipster samt grasigen Socken, ach Fräulein read on, ich les Sie so gerne.

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