Unvergänglichkeit

Fast alles habe ich schon von dir vergessen. Nur manchmal schickt mir die B. ein Bild von dir. Die Vernissage des Malers X heißt es dort war gut besucht und auch der Künstler selbst mischte sich unter die Anwesenden. Oft muss ich zwei- oder dreimal auf das Bild sehen, bevor ich dich unter den Anwesenden finde. Merkwürdig, kommt es mir vor, dass aus dir dem Verschwiegenen jetzt ein Anwesender geworden sein soll, mit Weinglas in der Hand und rotem Tuch um den Hals. Das Weinglas hältst du mit gespreizten Fingern, ich suche nach der Narbe auf deinem Handrücken, aber ich sehe sie nicht. Vielleicht irre ich mich nun auch schon in deinen Händen, denn warum sollten ausgerechnet deine Hände meine Erinnerungen an dich aufbewahrt haben.
Wenn ich mich an dich erinnern will, muss ich die Zeitungsausschnitte weglegen, die die B. mir mit beiläufigen Bemerkungen unterschiebt. Erst dann sehe ich dich noch einmal in deiner Wohnung, die auch einmal meine gewesen ist, aber vielleicht geht meine Erinnerung hier schon fehl, denn nur weil ich auch einmal dort gewohnt habe und deine Weinflaschen zum Altglas an der Ecke trug, machte das deine noch lange nicht zu meiner Wohnung. Trotzdem seitdem stelle ich mir vor, wie in der Küche, diesem schlauchartigen, langen Raum die Weinflaschenberge wüchsen wie Zimmerpflanzen anderswo, bis sie schließlich an die Decke reichten, ein turmhoher Wald aus grünem Glas. Aber wer weiß. Bestimmt tragen heute andere Frauen deine Flaschen zum Altglascontainer an der Yehuda / Ecke Malakoffstraße, oder du hast doch irgendwann eine Zugehfrau eingestellt, am unwahrscheinlichsten aber, du trinkst Wein aus Gläsern und stehst in deiner Küche mit abgespreizten Finger und suchst nach dem roten Schal. Deine Küche also, erinnere ich noch immer. Das gelbe Trockengestell für Geschirr, das immer tropfte, auch wenn gar keine Tasse oder ein Teller mehr dort standen. Der stete Tropfen blieb. Meinen Versuchen dem Tropfen doch auf den Grund zu gehen, traf auf dein Stirnrunzeln. Ich gab es auf und wachte manchmal nachts auf von dem leisen pling, pling, pling und stand auch ein- oder zweimal auf mitten in der Nacht, um dem Tropfen auf den Grund zu gehen. Immer aber wachtest du auf, bevor ich endlich und immer war ich kurz davor, dem Tropfen auf den Grund gehen konnte. Du zogst mich zurück ins Zimmer. Dein Zimmer war damals voller Abbildungen der Portraits von Fayum. Immer sahen sie uns an, die mumifizierten Frauen deren Porträt man auf einem Stück Holz festhielt. Später, da wohnte ich schon lange woanders, habe ich in einer Ausstellung einmal gelesen, dass diese Porträts an den Mumien selbst befestigt wurden, sie dienten als eine Art Personalausweis, vorzulegen offenbar beim Eintritt in die Unterwelt. Die Porträtmaler von Fayum malten nie lebendige Menschen, sondern sollten Erinnerungen an ein Mädchen oder einen Mann konservieren. Mir waren die Toten unheimlich und du lachtest. Immer schon lag ein Schweigen in den Gesichtern und sehe ich heute deine Bilder an, erinnert mich keines von ihnen an die Portraits von Fayum. Damals aber als ich dich liebte, suchtest du nach der Unvergänglichkeit der Schönheit in den Bildern: in denen die du ansahst und in denen die du malen wolltest. Ich erinnere mich wie wir gemeinsam in einer Ausstellung vor den Bildern von Peter Paul Rubens standen: „Sie altern noch während man sie nur ansieht“ , sagtest du und gingst schon wietre nur um über Giacometti dasselbe zu sagen. Alt schon noch vor dem Trocknen der Farbe. Ich aber behielt mir die schweren Rubens-Mädchen. Noch immer glaube ich, würde ich auf sie zählen, traute ihnen die Beherztheit zu auch mir zu Hilfe zu kommen, auf die Rubens-Frauen scheint mir ist Verlass, die Passbilder der Toten aber, verschwimmen schon und nachts, damals im Zimmer, ich bin mir ganz sicher, lachten sie spöttisch und keineswegs nachsichtig über uns. Dein Zimmer erinnere ich nur im Dunkeln, dabei war es das hellste Zimmer der Wohnung. Hellblaue Gardinen und Pinsel in Honigtöpfen. Der Geruch von Terpentin zwischen allen. Dabei maltest du nie in der Wohnung, sondern immer nur in deinem Atelier. Drei Farben: Rot, Ocker und Braun, daran erinnere ich mich. Alle anderen Farben ließest du aus. Heute sind auf deinen Bildern alle Farben, nur das Rot ist verschwunden, nur noch als rotes Tuch liegt es um deinen Hals. Aber wenn ich mich erinnere, sehe ich das Rot deiner Bilder überall, in deinen Haaren, deiner Haut, irgendwann auch auf meiner und noch immer, noch heute macht mich roter Nagellack sofort und so unmittelbar nervös, das ich ihn abmachen muss, kaum ist er getrocknet. Da unter meinen Nägeln bist du also noch. Ich habe dich fast schon vergessen. Ich weiß noch, dass wenn Du dir Kaffee mit Honig süßtetst und ich habe nach dir niemanden mehr gekannt, der zwei Teelöffel Honig in die Tasse gab, immer blieb eine Spur von Honig auf deiner Oberlippe kleben. Kaffee schwarz, keine Milch, kein Zucker, dafür mit Honig. Ich sah deinem Löffel in der Tasse zu und ließ dich schwören, dass der Oberlippenhonig auf ewig mir gehöre. Du machtest ein feierliches Gesicht. Auf dem Zeitungsbild aber nur ein scharfgeschnittener Mund, ein glattrasiertes Kinn und nirgendwo ein Hauch Honig an Dir. Einmal rauschte durch das Küchenfenster eine Taube herein, aufgeregt flatterte sie auf der anrichte umher, schlug mit den Flügeln, gurrte und schrie, du aber nahmst die Taube in beide Hände und stiegst mit ihr in den Händen aufs Dach, dort hoch über Jerusalem schließlich standest du und mit der verirrten Taube, und auch nachdem sie lange schon davon war, verschwunden im weiten und gleißenden Himmel, sahst du ihr nach. Eine Feder blieb von ihr in deinen Händen zurück und mit ihr strichst du mir über mein Schlüsselbein, dann nahmst du dir einen Finger zu Hilfe. Vielleicht war das der Moment in dem du begannst mich zu vergessen. Es ist das letzte Bild von dir, was ich erinnere. Verwaschen blau, war die Hose, auf dem Zeitungsbild trägst du ein weißes Hemd. Keine Feder, keine Taube, kein Honigtopf ist auf deinen Bildern zu sehen, in der Hand ein Weinglas, es ist weder halbvoll noch halbleer, kein einziger Tropfen an seinem Rand.Ich hatte dich schon fast vergessen. „Unvergänglichkeit“ sagt der Zeitungsartikel, so hieße die neue Ausstellung von dir.

12 Gedanken zu “Unvergänglichkeit

    • Als ich ihn kannte, suchte er nach der Möglichkeit in den Bildern die Zeit festzuhalten, für ihn waren Bilder lebendige Wesen und es tat ihm weh, dass nicht einmal sie es vermochten dem Lauf der Zeit entgegenzutreten. Er suchte nach einer Möglichkeit Zeitlosigkeit in die Bilder zu tragen. Sie haben, ich bin mir sicher, bestimmt schon einmal ein Bild von ihm gesehen.

  1. Trinkende Maler mit Vergänglichkeitsschmerz gibt’s allerorten.
    Jedem seine Passion.
    Mir gefällt die des Tierarztes, der sich weniger um sein Ego, dafür jedoch umso mehr um hilfsbedürftige Kälbchen und weinende Mädchen kümmert.

    • Ach, ich bin die Katastrophenchronistin der Liebe und ich habe diesen Mann einmal sehr geliebt. Wir beide hatten ähnliche Schmerzen und manchmal ist das nicht genug.

      Der Tierarzt aber, der ein Mädchen und Kälbchenfreund ist, kann gar nicht oft genug gelobt werden.

      • Ja, das mit den ähnlichen Schmerzen verstehe ich gut, denn es stimmt oft nicht, dass geteiltes Leid
        halbes Leid wäre. Umso mehr: Chapeau für die *Katastrophenchronistin der Liebe*.

  2. Bemerkenswert, er würde etwas verpassen, wenn er es nicht lesen sollte (aber weshalb habe ich den Eindruck, er liest kein deutsch? Weil Jerusalem erwähnt wird? Oder weil man schlafende Hunde nicht wecken soll, angeblich, also nicht sein soll, was nicht sein kann und sowieso nicht darf?). Intrigierend für mich der Gebrauch des Verbs „erinnern“. Ist das transitiv? Das ändert vieles – ich wüsste gar nicht, dass das auf deutsch auch geht. Sehr schön

    • Nein, er liest und spricht kein Deutsch und selbst wenn, ich glaube kaum, er würde es wollen. Wir sind nicht als Freunde auseinander gegangen und mit Vorsicht begegne man schlafenden Hunden und sich selbst, vor allem im Anderen. Neben Sie sich bloß kein Beispiel weder an meinem schlechten Deutsch noch an meinen Fähigkeiten an der Liebe zu scheitern.

      • Ich glaube nicht, dass das schlechtes deutsch ist, es ist nur ungewohnt. So schlecht kann es nicht sein, wenn man (ich!) es auf Anhieb versteht. Im spanischen kann die Konstruktion auch so gemacht werden. Und wenn ich im Trubel einer unerträglichen Abflughalle meinen Kommentar erneut lese, bin ich mir nicht sicher, ob etwas intrigierend zu finden nicht ein Anglizismus (oder Hispanismus?) der krassen Sorte ist. Ich schlage es hier in der Hektik nicht nach.
        Lieber mache ich einen Exkurs in die spanische Erinnerung: Auf spanisch kann man sagen: Me acuerdo de Amanda – ich erinnere mich an Amanda, d.h., ich weiss, notfalls auf Anfrage, wer sie ist, wie sie aussieht, wo sie wohnt, wie ihre Telefonummer lautet usw. Oder man kann sagen: Recuerdo a Amanda. Das bedeutet auch, dass ich mich an Amanda erinnere, aber ein Erinnern wie ein Gedenken, wie jemanden verinnerlicht haben, nicht wie eine Gedächtnisübung. Was Sie schreiben scheint mir eher diesen Gedanken auszudrücken, wie in dem Lied: https://www.youtube.com/watch?v=1q2_zOfuGcA Wenn man den Titel mit Amanda, ich erinnere Deiner übersetzen würde, wie soll das ein Fehler sein? Dann gibt es noch Amanda me recuerda a Manuel, Amanda erinnert mich an Manuel. Das ist schon wieder etwas anderes. Im zweiten You Tube-Kommentar wird das Lied ins englische übersetzt, für alle Fälle (nur And he took to the mountains to fight hätte ich nicht so übersetzt, von fighten ist nicht ausdrücklich die Rede, aber ich will ja nicht meckern, es ist freundlich gemeint).
        Was die Fähigkeit an der Liebe zu scheitern angeht, war nicht schon neulich von den Dämonen der Vergangenheit die Rede im Zusammenhang einer Frau, die jemanden als ein Mädchen für zu jung befand aber selber keine Schwierigkeiten mit roten Fingernägeln hatte? Das betrifft uns alle, da bin ich mir sicher. Nur manche verdrängen besser, was nicht unbedingt gesund für die Seele ist und eben nicht vor erneuten Fehlern schützt. Ich weiss nicht, ob es besser ist, unter alten verdrängten Fehlern nicht mehr zu leiden und dafür die Gefahr zu laufen, diese zu wiederholen oder andersherum. Es ist vermutlich von Person zu Person unterschiedlich

      • Ihre spanischen Beispiele sind wunderbar! Vielen Dank dafür! Ich glaube manchmal muss man eine Tür schließen und lernen sie geschlossen zu halten und wer weiß vielleicht findet man eines Tages den Schlüssel in einer längst verloren geglaubten Dose. ( Eigentlich denke ich noch immer über ihren Kommentar nach..)

  3. Lange habe ich nichts mehr von der Y. gehört Die Y., die doch damals so atemberaubend schöne Bilder malte. Oder so kam es mir vor, denn ich war sehr verliebt. Und was verstehe ich schon von Malerei? (Ihr strenger Blick, wenn ich mich etwas zu vorschnell, zu unbedarft zu einem Urteil über ein Kunstwerk hinreißen ließ.)

    Jahre später, Ausstellungseröffnung irgendwo in Mitte. Ihre Werke: Photographien, keine Malerei mehr. Die Photographien meist Potraits, einige Selbstportraits. Verschlierte, mumienhafte Gesichter mit leeren, toten Augen. Mir graut. Vergeblich suche ich das vertraute Gesicht hinter dem Schleier. Woher nur kommt dieser Wunsch nach Verfremdung, Verstörung? Andererseits: was verstehe ich schon von Photographie…

    • Ach ja, all die Splitter unserer Herzen, die man nicht mehr zusammengesetzt bekommt. Ich weiß nicht ob man je aufhört zu suchen sie doch wieder zu finden.

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