Die Mali-Tant wundert sich über die Frauen.

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Die Mali-Tant als junge Frau.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich liege auf dem roten Kanapée und meine Füße liegen auf der Fensterbank in der Hoffnung die Sonne käme noch einmal ums Ecke gebogen und wärmte sie mir, denn die ewig kalten Füße setzen mir zu. Eingewickelt bin ich das warme, gelbe Plaid aus der Toskana, das ich nicht einmal an Schwesterchen verleihe. In einer Hand Tee aus der Lieblingstasse, Melonenstücken auf dem Teller vor mir und den Telefonhörer in der Hand, und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja geh, Mädi, nichts ist so fad wie die Leit ,die nichts tun als jammern und greinen. Es geht sich scho aus.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann schnauft die Mali-Tant laut und vernehmlich und sagt Mädi man muss sich scho einmal wundern üba die Frauen.

Mali-Tant: Wie ich jung war, Mädi da han die Leit gesagt: A Frau muas imma woas duan, sonst schdesed sche deppert do.

Ich: Ach, Mali-Tant den Leuten kann man es eh nie Recht machen.

Mali-Tant: Geh Mädi, a Frau de ins Romanbiachl schaud, han die Leit gesagt is a oame Haud (= arme Haut ). So a Frau han die Leit gesagt is ka Ea ( =Ehre ) fia unsa Gschlechd.

Ich: Aber Mali-Tant, deine Mama hat doch alle Tage einen neuen Roman verschlungen, und du liest noch immer mehr Bücher in der Woche als ich.

Mali-Tant ( lacht): Ja, die Mama! Scho recht Mädi, aber frieha da han die Leit gesagt: A Frau muass scho a Oabeid han, weil auf an Mann is eh kein Verlass.

Ich: Aber Mali-Tant, dein ganzes Leben hat du eh in der Klinik gearbeitet. Lass die Leut doch reden, das machen die Leut eh.

Mali-Tant: Scho klar Mädi, I komm schoa zu ein Punkt, wiast scho sehen. Fria Mädi han die Leit gesagt, a Frau, die sich um si söba scheat, is a Seidene Person (= Prostituierte ). Die Leit han gesagt, dass die Frau aufn Mann hean muass a wenn er a bissl bled is und ana Frau muass eben a einmal a Opfa bringen fia de Mann. Ihre Däg ghean de Kinder und ihre Nächt de ghean de Mann. A Frau han die Leit gesagt muass den Haushoid füahn und mid kana Wimpa zuckt was a Frau is.
All die Jahr, Mädi han die Fraun gesagd: Ah Frau Mali-Tant bled is da Mann, unds Geld trägt er nimma nach Haus, sondern in die Wirtschaft, nimma weiß man wann der Mann hamkummd und is a doa, red er nigs und schaut ewig fern, und nimma gean haod der Mann die Frau, sondern imma nur einen Hemdknopf hat der Mann hingehalten und nimma vum Heiradn geredet, sondern a anderer Frau in die Augn geschaut. All die Jahr Mädi, bis zu dem heitigen Tag Mädi greinen die Fraune üba die Männer. Am Donnerstag bei da Erika, han die Fraun wieder angefangen von die Männer und von wos a Frau is zu greinen
Da hab I gesogt: Jetzt aba is es einmal genug. I hob gesogt: All die Jahr hab I a Liebhaber gehabt. A guada dazu. Des is schoa a wichtig. Der Geri ( = Gereon, der Mann der Mali-Tant ) hat a Gspusi gehabt und a blitzgescheite Person is das geweasn. Der Geri hat imma a Blick gehobt fia de Fraun. Und ned hamlich hab I gelebt all die Jahr mit dem Jean und net alla daham gesessen all die Jahr. Der Geri und der Jean sind mir a schenes Glik gewesen, hab I gesogt zu die Fraun. Die han geschaut Mädi als hätt i wos von fliegenden Elefanten gesogt. Aba hab I gesagt zu die Fraun do an Tisch: A Zugehfrau könnt ihr euch a nehmen, wenn ihr schoa zu feig seid füa a Liebhaber, a guadn. Mädi, die Leit sind schlimma wie wenn die Mama üba den oidn Kaiser gelacht han. Frau Mali-Tant han die Fraun gesogt: Des macht a anständige Frau net. Frau Mali-Tant des schickt sich net fia a anständige Frau, Frau Mali-Tant des is a Schand was sie dan han gemacht all die Jahr’, a Frau han die Frauen gesogt muass sich scho einmal aufopfern fia den geliebtn Ehemann. A Frau han die Fraun gesogt muass imma a Ea sein fia ihr Gschlechd. Da Mädi hab I lachen müssen, dann hab I denn Jean angerufen fia a Runde Tarock und heit Abend gehen mia in die Oper, Mädi. Die Leit Mädi, sind mia zu fad.

Ich: Sieh Mali-Tant, die meisten Männer und Frauen haben eben Angst vor dem Leben da kann man nichts machen.

Mali-Tant: Schoa Recht Mädi, aba eins kannst glauben deina alten Mali-Tant: gauns genau musst schaun bei a Mann: de Schuitan net zu breit, de Hagsn net zu schmal und der Gaung Mädi, der muss schwingen und nimma geh mit a Mann aus, do schlurft oda wo galoppiert wie a Esel.

Ich: Das Mali-Tant will ich berücksichtigen und dann lachen die Mali-Tant und ich, so lange bis die Uhr im Wiener Wohnzimmer gongt. Mädi sagt die Mali-Tant: I muss mir die Haare richten, geh, du bist mir nicht bös?

Ich: Ach geh, Mali-Tant, Liebende soll man nicht warten lassen.

Der Jean nämlich nennt die Mali-Tant eine fesche Katz und wo er Recht hat, hat er Recht der Jean.

26 Gedanken zu “Die Mali-Tant wundert sich über die Frauen.

  1. Skandalös, die Mali-Tant! Aber Recht hat sie. Man darf nicht feige sein, und mit der Liebe nicht geizig. (Und an Männern, die einen Blick für Frauen haben, ist nichts falsch.)

    • Nein, weder feige noch geizig soll man sein und die Mali-Tant hat schon immer ein Rückgrat gehabt, wovon man träumen kann. Männer mit Blick für Frauen mit denen geht es sich schon aus….

    • Genau, die Frau auf dem Foto ist die Mali-Tant! Ich lese es mir beim Schreiben auch laut vor, aber ich gebe bei Verständnisschwierigkeiten gern Auskunft…

  2. Diese Sprache muss man wohl hören.
    Lesen? hm, Ich hab’s nach ein paar Absätzen aufgegeben. Danke für die paar Übersetzungen, aber es reichte nicht.
    Sicher schade. Ich hät’s gerne…

    • Ach, das dauert mich. Man muss es laut lesen. Ich gebe zu ich mag den Wiener Dialekt sehr und finde das sehr großartig, dass es im deutschsprachigen Raum so viele Sprachinseln gibt.

  3. Die Mali-Tant ist eine kluge Frau, drücken sie das nächste Mal ganz doll von mir. Auch ich habe eine ganz liebe alte Tante, sie hat keine eigenen Kinder aber sie besucht alle Verwandten und hält alle Familienbande zusammen und hat immer gute Gedanken für alles.

  4. Hab alles verstanden, dank der Hans-Moser-Guckerei meines Vaters.
    Die Mali-Tant hat recht: wenn eine Frau einen Beruf hat, kann sie leben wie sie will.
    So eine faszinierende Frau!

    • Ich glaube das kann sehr gut sein. Irgendwie ist den Frauen die Lust an der Freiheit abhanden gekommen. Ich glaube vielen fehlt einmal eine Stunde mit jemanden wie der Mali-Tant….

  5. Heute ist der Weltglückstag und ständig fragen mich irgendwelche Seiten in diesem Internet, was mich glücklich macht. Diese Erzählung, zum Beispiel. Und überhaupt so Vieles, was Sie hier schreiben. Ein großes, frühlingssonniges DANKESCHÖN!

  6. Ja wirklich eine ganz patente Frau, Ihre Mali-Tant, ganz genau wie Ihre Frau Großmutter! Nur frage ich mich: Mali wie das Land? Da scheinen dann ja noch einige spannende Geschichten verborgen zu sein.

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