Auf der Fensterbank

Nach der Aufklärungssprechstunde laufe ich müde die Treppen hinauf. In der Tür steht die liebe C. und küsst mich auf die Stirn. „Eine halbe Stunde“, sagt sie und lächelt mir zu, „allein für dich.“ Dann ruft die liebe C. die Kinderschar, Schwesterchen und Schwager, meinen Vater, den geschätzten ehemaligen Gefährten und den Tierarzt zusammen, der Tierarzt fragt: „Aber das Mädchen weint nicht?“ Das ist sein neuster deutscher Satz, die liebe C. schüttelt den Kopf und schon Treppengetrappel, dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich sitze auf dem breiten Fenstersitz auf dem ich schon als Kind, ganze Tage verlas, nur das Sofa auf dem meine Großmutter saß, das steht längst woanders. In dreißig Minuten kann alles passieren. Nichts muss in dreißig Minuten passieren. Unten auf dem Markt schreit eine kleine Königin: ERDBEEREIS. Dann verliere ich sie aus den Augen. Still liegt der Marktplatz da, mit dem blanken Kopfsteinpflaster und dem Kirchturm, dessen goldene Kugeln im Abendlicht schimmern. Aber dann geht eine Frau über den Marktplatz. Ein weißes Leinenkleid trägt sie und eine rote Kette dazu um den Hals. Dicke Perlen. Holz vielleicht aber auch ein seltener Stein. Eine Hand aber hält ein Telefon, die Hülle glitzert fast so sehr wie das Tutu meiner Nichte. Für einen Moment scharrt sie nervös mit den Füßen, aber dann endlich geht jemand ans Telefon. Die Frau lacht sofort, unverhohlen und mit geöffnetem Mund. Obwohl das Fenster geschlossen ist, kann ich sie hören, das laute Lachen der Frau, die sich ganz deutlich bemüht, wenigstens für heute Abend für einen anderen, der lustigste Mensch der Welt zu sein. Noch immer zirkeln ihre Füße nervös über das Pflaster, aber die Stimme am anderen Ende des Telefons scheint guter Dinge. Noch einmal lacht sie schallend, lässt die Hand von den roten Perlen zu ihrer Brust gleiten, dann gestikuliert sie als solle die Stimme am Telefon noch einmal in ihr Bekräftigung finden, dann legt sie auf, noch einmal richtet sie ihre Frisur, in der leider eine große und hässliche, schwarze Plastikklammer steckt, sieht auf die Uhr und mit geröteten Wangen stolpert sie mehr als das sie rennt über das glatte Kopfsteinpflaster, schwankend und dabei doch sehr lebendig, denn die Nacht, wenigstens diese eine, verspricht etwas von einem Glück mit scharfen Zähnen vielleicht, oder auch nur warme Hände, die später einmal den Reissverschluss des weißen Leinenkleides herunterziehen und langsam, bei schwachem Licht im hohen Zimmer, schließlich die Frau, die schon aus meinem Blickfeld verschwindet zwischen die Schulterblätter zu küssen.
Dann wieder liegt der Marktplatz still vor mir im dämmrigen Licht. Ein Mann mit Schnurrbart schiebt sein Rad über das Pflaster auf dem Gepäckträger ist eine Kiste mit Gemüse befestigt, schützend hält er eine Hand über Tomaten und Paprika und doch springt ihm ein Salatkopf vom Karton und rollt über das Trottoir. Kopfschüttelnd lehnt der Mann sein Fahrrad an eine Hauswand und läuft dem Widerspenstigen hinterher. Fast sieht es so als als ermahne er den Ausreißer, aber dann klemmt er den Salat mit drei Mohrrüben fest und festen Schrittes biegt er über den Marktplatz und verschwindet in einer kleinen Gasse. Tiefer und tiefer sinkt die Sonne schon und dann erst sehe ich das Mädchen, das schon eine ganze Weile vor der gelben Villa steht, die früher einmal einem Marmeladenfabrikanten gehörte und von dem mein Großvater den Konzertflügel erwarb, der noch immer, noch heute hinter mir im Zimmer steht. Der Marmeladenfabrikant ging in den Westen und gab meinen Großeltern zwei Koffer in Verwahrung. Meine Großeltern trugen die Koffer auf den Speicher und nickten. Das 20. Jahrhundert ist vielleicht das Jahrhundert der Koffer gewesen. Reisekoffer, Deportationskoffer, Persilkoffer, Überseekoffer, Fluchtkoffer, überall abgebrochene Geschichten. Aber heute steht ein Mädchen mit einem Veilchenstrauß vor der gelben Villa. Sie hat keinen Koffer bei sich, auch keine Handtasche, kein luggage holdall oder einen Rucksack. Nur einen senfgelben Mantel über dem Arm und das Veilchensträußchen fest an ihre Brust gedrückt. Sie drückt auf die Klingel. Aber die gelbe Villa liegt verschwiegen, schon fast völlig im Dunkeln. Kein Licht geht an, keine Gardine bewegt sich und auch das eiserne Gartentor summt nicht, bevor es sich öffnet. Noch einmal beugt das Mädchen sich vor und legt all ihre Hoffnungen auf den Klingelknopf, aber alles bleibt stumm. Dann tritt das Mädchen zur Seite und tritt vor das Fenster. Sie legt ihren Kopf in den Nacken, schönes kastanienbraunes Haar fällt ihr in Wellen über den Rücken. Was sie ruft, kann ich nicht hören. Vielleicht: „Mach auf, ich will dir etwas sagen! Oder: „ Wie kannst du die Nacht vergessen, in der du nach mir riefst?“ Aber vielleicht ist alles auch ganz anders und das Mädchen bleibt stumm und sieht hinauf in das Fenster, das sich im allerletzten Sonnenstrahl spiegelt und mag sein, wie der Mann dem sie Herz und Veilchen antrug, die Hände schon längst in anderen Haaren, blonden Locken vielleicht vergraben hatte. Dann dreht das Mädchen sich zur Seite, verschwindet fast ganz im senfgelben Mantel, vergräbt das Gesicht für einen Moment in den Veilchen, dann holt sie Luft und wirft die Veilchen in den Papierkorb, der zehn Meter vielleicht von der gelben Villa entfernt steht und für einen langen Moment sieht sie dem Veilchenstrauß, der durch die Luft schleudert, bevor er mit dumpfen Knall im Papierkorb landet hinterher. Dann strafft sie die Schultern und schon hat sie den Marktplatz verlassen und erst jetzt geht ein Licht in einem Zimmer der gelben Villa an.

Schon aber höre ich wie sich unten im Haus der Schlüssel im Schloss dreht, Fußgetrappel, fliegende Schuhe, die Tür fliegt auf, eine kleine Königin stürmt auf mich zu. Glitzernd und funkelnd, den geliebten Kanzler Bär in einer Jackentasche und strahlend hält sie mir ein Erdbeereis hin. „Fast ungeschmolzen“ sagt sie und ich teile es mit ihr. Schwesterchen winkt, ihr Mann und F. streiten über irgendeinen Sport, mein Vater trägt seinen Enkel auf den Schultern die Treppe hinauf und singt ein Räuberlied, die liebe C. verspricht den Nichten 2 und 3, dass sie mich mit dem Stethoskop untersuchen dürfen und der Tierarzt kommt zu mir auf die Fensterbank und küsst mich auf die Stirn. „Das Mädchen weint nicht“, sagt er und ich lege mein Gesicht an seine Schulter. Der Marktplatz aber ist dunkel und nur die Straßenlaternen werfen einen blassen Schimmer auf das Pflaster. Ein Zimmer der gelben Villa aber bleibt hell erleuchtet.

9 Gedanken zu “Auf der Fensterbank

    • Andere machen Yoga und ich sehe aus dem Fenster….Ich glaube es sind im Vergleich zu richtigen Schriftstellern aber Holzperlen, denn Perlen, die tief aus dem Meer geangelt werden. Ich kenne die Geschichten von Genziano nicht und lese gleich einmal nach.

      • Nichts gegen *Holzperlen* 🙂 Wer sagt, dass Sie keine ‚richtige Schriftstellerin‘ sind?
        Ich finde Ihr Schreiben wunderbar richtig.

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