Das Tortendebakel

Wenn Sie heute so gegen 16. 28 Uhr ein still schluchzendes Fräulein auf dem Frankfurter Flughafen haben sitzen sehen, dann war das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit niemand anders als ich selbst.
Eigentlich weine ich selten, vor allem aber weine ich nicht in derÖffentlichkeit. Nicht einmal als ich mich vor ein paar Wochen mit dem Fuß im Fahrradpedal verhakte und die Treppe herunterfiel und für einen Moment glaubte ich hätte mir mal wieder die Nase gebrochen, jammerte und greinte zwar, aber geweint habe ich nicht. Ich sehe nämlich nie so aus wie die Frauen im Film, denen man ein Taschentuch reicht und über die Schultern streicht. Ich sehe aus wie ein Krähenjunges, welches erst ins Wasserfass fiel, nur um dann auch noch die Katze zu treffen. Genau so nämlich saß ich auf einem der grauen Stühle und neben mir der nicht minder traurig hereinsehende Tierarzt, der der schluchzenden Krähe Taschentücher anreichte.

Das Ganze kam nämlich so: Gestern Nacht klingelte um drei Uhr mein Wecker. Siebenmal gähnte ich, streckte die Knie, angelte nach den Pantinen und schlich mich leise aus dem Schlafzimmer um weder Tierarzt, Hund oder gar die Königin-Katze zu wecken und machte das kleine Licht in der Küche an. Dann begann ich mit der Herstellung der Geburtstagstorte für meine liebe C., die an diesem Freitag ein Jahr älter wird. Jedes Jahr schüttelt die C. den Kopf, nein Liebes sagt sie: „ich wünsche mir nur, dass ihr kommt und wir haben es schön miteinander.“ Aber meine liebe C. liebt auch die Heidelbeercrèmetorte, die schon ihre Schwiegermutter, meine Großmutter also für sie buk und so steht auf dem Geburtstagstisch seit Jahr und Tag eben diese Torte. Ich schlage Eier für den Teig, pfeife beim Buttercreme Schlagen, aber nur leise es ist ja noch mitten in der Nacht, teile Tortenböden, streiche Heidelbeermarmelade auf die Tortenhälfte, füge Crème und Heidelbeeren hinzu und staple die Hälften aufeinander, hoffe das der Tortenring hält, bestreiche das ganze mit einer Joghurtsahnecreme, stelle den Kühlschrank so kalt es geht und sage zur Torte: „Augen zu.“ Zum Tierarzt, denn inzwischen ist es halb sechs Uhr morgens sage ich „Augen auf“ und reiche Tee. Dann muss ich mich beeilen, der Zug wartet nicht und der Tag zieht mich schon an den Armen. Auf dem Küchentisch liegt ein großer Zettel: „Torte nicht vergessen.“ Denn der Tierarzt, so der Plan bringt die Torte mit zum Flughafen, nebst Geschenken und feinen Kleidern. Bevor auch ich zum Flughafen fahre, rufe ich den Tierarzt öfter an als nötig: „Die Torte.“ Der Tierarzt und die Torte und ich passieren die Sicherheitskontrolle, das Sicherheitspersonal in Dublin ist liebenswürdig wie eh und je und der Tortenkarton und bald schon sitzen wir im Flugzeug nach Frankfurt. Die Torte sicher verstaut unter dem Sitz. Wir lernen unseren Text, denn die Nichten und Neffen haben der lieben C. ein Theaterstück geschrieben, so will es die Festtradition. Ich spiele einen bösen Prinzen, eine ältliche Hexe und einen Stein. Der Tierarzt ist die gütige Fee, ein einsames Dromedar und die gute Amme. Der Tierarzt will nicht mit mir tauschen und so übe ich Sätze wie: „Komm her du feiger Hund und stell dich dem Duell.“ Der Tierarzt hingegen säuselt Liebesworte vor sich hin und ehe wir uns versehen sind wir in Frankfurt. Ich atme leise auf und drücke dem Tierarzt den Tortenkarton in den Arm, denn es gilt ein Badezimmer aufzusuchen. Als ich aus dem Badezimmer zurückkehre gibt es keine Torte mehr.
Ein eilender Geschäftsreisender mit einem Rucksack als Brustschild bewaffnet, war in den Tierarzt gerannt, der groß zwar aber dünn wie ein Bambus den Halt verlor und schon fiel ihm der Tortenkarton aus den Händen. Das letzte was ich von der Torte sehe, ist wie eines der Flughafentransportautos über den Karton fährt und wie sich auf dem Boden lauter Heidelbeer-Joghurt-Sahne Gatsch ausbreitet. In diesem Moment wäre ich gern eine großzügige und gelassene Freundin, die milde lächelt und sagt: „Alles nicht so schlimm.“ Aber ich bin nur ein reichlich merkwürdiges Fräulein und das einzige wa sich tue, ist eine der Reinigungsfrauen herbeizurufen und dann knie ich mit der Reinigungsfrau auf dem Boden und wische den Gatsch auf. Die Zugehfrau will mich überzeugen, sie das doch machen zu lassen, aber ich wische einfach weiter, auch als schon gar kein Tortengatsch mehr auf dem Boden klebt. Der Tierarzt schließlich zieht mich und sagt: „Sag doch was.“ Aber ich kann nichts sagen, ich kann nicht einmal ans Telefon gehen, um der lieben C. zu sagen, dass wir in Frankfurt angekommen sind und auf den Flug nach Berlin warten. Ich sitze da und weine und schluchze: „Die schöne Torte.“
Die Leute sehen mich sehr unangenehm berührt an, der Tierarzt sieht mich sehr besorgt an und sucht nach den Taschentüchern. Ich sehe, wie ich die Torte um 5.25 Uhr in den Kühlschrank schob. Dann ist das Flugzeug da. In Berlin sage ich alles ab. F. der ehemalige geschätzte Gefährte, nimmt nur den Tierarzt mit. Ich fahre in den nächsten Supermarkt. Ich kaufe Zucker, Mehl und Sahne, Joghurt, Heidelbeeren und Heidelbeermarmelade, Eier und all das was es zu einer Torte eben so braucht. Dann fahre ich nach Haus. Es ist 21 Uhr, der Tierarzt hat mir dreizehnmal auf die Mailbox gesprochen, ich schlage Eier in die Schüssel und weine immer weiter, noch einmal also von vorn. 200 Gramm Zucker mit 250 Gramm gestückelter Butter…

15 Gedanken zu “Das Tortendebakel

  1. Oh ich kann ihre Verzweiflung sehr gut verstehen und wenn ich seine bin ich auch eine alte Nebelkrähe mit verquollenen Augen und triefender Nase

  2. Der C. alles Gute zum Geburtstag morgen, unbekannterweisen. Ihnen einen unfallfreien Transport der Torte zum Geburtstagskind, so dass das herrlich beschriebene Debakel bald vergessen werden kann.

  3. Ach nein! Solche Dinge passieren leider (und Geschäftsreisende, die sich offensichtlich nur auf einer imaginären Geraden durchs Universum bewegen können, ohne auf eventuelle vorhandene Mitgeschöpfe zu achten, sind eine Pest.)

  4. Es ist herzzerreißend… aber ich vermute, der lieben C. wäre Ihre Anwesenheit lieber, als zu wissen, dass Sie das Drama um die Torte so mitnimmt und krähengleich weinend noch spät abends backen lässt…
    Beste Grüße, liebes Fräulein, und hoffentlich können Sie bald mehr darüber lachen als weinen!

  5. Ich kann den Schmerz über den Tortenunfall und seine Folgen sehr gut nachvollziehen.
    Tröstlich, wenn solche Unglücke neu verbacken werden können. 🙂

  6. oh weh…. hätte ich dies vorhergeahnt, wäre ich zwei Tage früher nach Frankfurt gefahren und hätte Ihnen selbstverständlich Zutaten und Küche zur Verfügung gestellt.

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