Überraschungsgast

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Besuchskälbchen

Alle Tage sind gleich lang, aber meine Montage sind länger ( und breiter ) als alle anderen Tage. Um halb sechs Uhr steige ich in den Zug nach Dublin und erst wenn die Bahnhofsuhr des Dorfes vor dem kleinen Dorf auf viertel vor Neun steht, steige ich wieder aus dem Zug und laufe zurück nach Haus. Ich habe eine kalte Nasenspitze, einen schweren Bücherbeutel und Hunger. Tomatensuppe beschließe ich und freue mich des Camemberts in meiner Tasche, denn frischgebackenes Brot ist auch daheim. Ich winke der Frau des Krämers, die den Laden abschließt und freue mich, dass der klapperige alte Volvo des Tierarztes vor dem Haus steht. In der Küche ist Licht. Das wundert mich, denn der Tierarzt benutzt in der Küche nur die Waage. Magersüchtige wiegen alles. Blaubeeren, Selleriestangen, Knäckebrot und würde ich nicht so oft Kuchen backen, ich hätte die Küchenwaage längst abgeschafft.
Ich klopfe dreimal gegen die Tür, aber niemand öffnet, und so krame ich seufzend nach dem Schlüssel , streife die Schuh von den Füßen und stecke den Kopf durch die Tür. Zu meiner Verwunderung springt der Hund des Tierarztes nicht vor meine Füße, von der Katze indes erwarte ich schon lange kein begrüßendes Miauen mehr, aber nun auch der Hund? „Haaaaalllo“, rufe ich und strecke den Kopf nun auch zur Küchentür herein. Der Tierarzt steht mit dem Rücken zum Küchenschrank und mir ist als klapperte etwas hinter ihm. „Read On“ sagt der Tierarzt. „Tierarzt“ sage ich und sehe den Tierarzt erwartungsvoll an. Der Tierarzt sieht schräg zur Seite. „Man würde doch ganz gern geküsst werden“, sage ich. Der Tierarzt sieht verlegen auf seine Füße und bewegt sich vorsichtig vom Buffet zur Küchentür, die ins Wohnzimmer führt und stellt sich in die Türöffnung. „Versteckst du eine nackte Frau im Wohnzimmer?“, frage ich den Tierarzt und der Tierarzt bekommt tatsächlich rote Ohren und betrachtet äußerst eingehend seine Zehenspitzen. ( Verehrte Männer, liebe Frauen, sollte ihre Fünf-Uhr Geliebte oder ihr Neunzehn Uhr Gspusi noch nach den Socken oder der Rolex suchen, seien Sie vorbereitet und sehen sie niemals nie auf ihre Fußspitzen.) Ich sage: „ Das ist nicht dein Ernst?“ Der Tierarzt sagt: „ Read On“, es ist nicht wonach es aussieht!“ ( Sagen Sie niemals: es ist nicht wonach es aussieht. Es ist immer genau das wonach es aussieht. ). „Read On bitte“, sagt der Tierarzt. Ich öffne die Wohnzimmertür. Es blökt. Erst einmal, dann ein zweites Mal und als es ein drittes Mal blökt ( für einen kurzen Moment bin ich nicht sicher ob nicht auch ein 15 Uhr Spatzl im Versuch zu retten, was nicht zu retten ist zu blöken begänne ) aber hier kommt keine blonde Schönheit, sondern ein Kälbchen durch die Tür in die Küche gestakst. Der Tierarzt schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen. Das Kälbchen beäugt mich. Ich beäuge das Kälbchen. „Tierarzt sage ich, wie kommt es, dass ein Kälbchen im Haus ist?“ Es ist kompliziert, sagt der Tierarzt. ( Sagen Sie niemals: es ist kompliziert, haben sie stets eine einleuchtende und überzeugende Erklärung zur Hand.) Der Tierarzt beginnt eine komplizierte Geschichte an deren Ende eine tote Kuh steht, ein Bauer ohne Verwendung für ein Kälbchen und ein Tierarzt, der ein Kälbchen auf den Rücksitz legte und mit nach Hause nahm. Dort siedelte er das Kälbchen aufs Sofa um, sperrte den Hund ins Schlafzimmer und natürlich verschlief die Katze auch den Einzug des Kälbchens. Das Kälbchen blökt. „Tierarzt“ sage ich „wir können doch kein Kälbchen“, doch der Tierarzt verschränkt die Arme vor der Brust. „Du sagst doch immer, man muss sich kümmern.“ Das Kälbchen kaut an meiner Handtasche. Das Kälbchen hat fast so feuchte Augen wie der Tierarzt. Kälbchen und Tierärzte können einem sehr hartnäckig mit sehr feuchten Augen ansehen.
Das ist verrückt, sage ich schließlich und der Tierarzt zwinkert dem Kälbchen triumphierend zu ( machen sie das bloß nicht mit ihrem 16 Uhr Techtelmechtel). Das Kälbchen aber blökt wieder und da ich selbst inzwischen wirklich sehr hungrig bin, verstehe ich sofort. „Dein Übernachtungsgast Tierarzt hat Hunger.“ Das Kälbchen bekommt ein Fläschchen und während der Tierarzt das Kälbchen überredet an der Flasche zu nuckeln, wie ich ihn sonst wenigstens zu einem Löffel Suppe zu überzeugen versuche, viertele ich Tomaten und hacke Kräuter. Als die Tomatensuppe fast fertig ist, wacht auch die Katze auf: verwundert besieht sie das Kälbchen, sah der Hund am Nachmittag nicht ganz anders aus? Kälbchen sage ich, Katze. Katze, sage ich Kälbchen. Die Katze aber rollt sich auf dem Sessel zusammen und schnarcht schon wieder. Der Tierarzt liest dem Kälbchen indes aus der Zeitung vor und das Kälbchen rollt mit den Augen. Gerade als ich- wolfshungrig ( welch Glück für das Kälbchen, dass ich nur ein seltsames Fräulein bin) die Teller auf den Tisch stelle, klopft es an der Tür. Der Tierarzt und ich springen auf und verfrachten das Kälbchen zurück ins Wohnzimmer. Der Priester steht vor der Tür. „Abend Fräulein Read On, Abend Tierarzt“, ich wollte nur sagen: schön, dass Sie wieder da sind. Wir grinsen unisono wie die Honigkuchenpferde. „Alles in Ordnung?, fragt der Priester. Wir nicken. ( Versuchen sie lieber einen neutralen Gesichtsausdruck.) Sagen Sie mal Fräulein Read On“, habe ich es nicht eben blöken gehört? „Das war die Katze!“ sage ich, „Das war der Hund!“ sagt der Tierarzt. ( falls ihr Schatzl im Uhrenkasten steckt, einigen sich entweder auf die Geißlein oder die böse Großmutter ). Der Priester sieht uns verwundert an. Dann tappt das Kälbchen durch den Flur ( man muss wissen, wenn man verloren hat.). „Es ist genauso wie es aussieht Priester“ sage ich. „Essen Sie einen Teller Tomatensuppe mit?“ Der Priester nickt. Der Tierarzt atmet auf. Das Kälbchen blökt.

24 Gedanken zu “Überraschungsgast

  1. Ich lese Dublin, lese die Geschichte…. und würde mich gar nicht wundern, wenn Brendan O‘ Carroll das spitzkriegt und die ganze Sache irgendwie im nächsten Weihnachtsspecial von „Mrs Brown’s Boys“ auftaucht – inklusive der Verwechslung mit einem Techtelmechtel! 😉

    • Ist der Ruf erst ruiniert….Das wäre natürlich eine große Ehre, nur das Kälbchen ist dann glaube ich längst schon eine große Kuh. Techtelmechtel einmal andersherum…

  2. Genau so hatte ich mir einen Veterinärhaushalt vorgestellt. Das Kälbchen bekommt doch hoffentlich den Namen Techtelmechtel? (Halt auf Irisch, Sie wissen schon.)

  3. Anscheinend war es doch nicht ganz so, wie es anfangs aussah. Aber ein Kalb auf dem Sofa ist immer noch besser als die Tochter der Krämersfrau. Nur, wenn das Kälbchen mal ein Lebendgewicht von 900 kg hat, brauchen Sie wahrscheinlich ein stabileres Sofa, aber bis dahin ist ja noch ein bisschen Zeit.

    • Man macht was mit….Auf keinen Fall dulde ich eine ausgewachsene Kuh auf dem Sofa. Dann vielleicht doch lieber die Frau des Krämers samt Tochter und Familie. Ich musste heute natürlich den ganzen Tag an Katharina von Bora denken….!

  4. Na dann viel Freude und Mazel mit! In Berlin ist Wollodjas und Tonyas Eisbärchenbaby gestorben. Bärlin hat mit Eisbärchenkinderlein wahrhaft kein Glick

  5. Da juckt es doch sehr in den Fingern, das Kälbchen zu besuchen und selber zu füttern. Und ein klein wenig spucken auch Gedanken an Pippi Langstrumpf mit rein. 🙂

  6. Einem neugeborenen Kälbchen kann man nichts abschlagen.
    Wir hatten früher auch schon eines in der Küche, mein Vater war auch so.
    Was für eine schöne Geschichte.

  7. Liebes Fräulein Read on, ich habe schon lange nicht mehr so herzhaft gelacht, wie beim Durchlesen dieser Geschichte. Danke dafür! 🙂 Meiner Meinung schreien deine Erlebnisse nach einem Buch! Schreibst du vielleicht schon an deinem Erstlingswerk? Ich würde es auf der Stelle kaufen! Liebe Grüße aus Salzburg.

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