Gegen die Uhr

fullsizerender-20

„Chop against the clock“

Eigentlich fängt es immer so gut an: am Freitag Morgen stehe ich eine dreiviertel Stunde früher auf als sonst. Es ist also erst kurz nach vier. Ich setze den Hefeteig für die Challah an und der Teig schläft dann noch einmal während ich einmal durch die Wohnung putze, sauge, fege und eine Maschine in die Waschmaschine lade. Dann schlurft der Tierarzt aus dem Schlafzimmer und richtet sich an einer Tasse Tee auf und natürlich lasse ich mich auch zu Tee verleiten und natürlich küsst der Tierarzt ziemlich begabt meine Ohren und ich meine mich zu erinnern, dass auch ich die Nasenspitze des Tierarzts küsste. Jedenfalls grinst die Uhr hämisch als ich endlich beginne Karotten zu schneiden, dem Tierarzt einen Berg Kartoffeln hinstelle und das Kartoffelmesser herüberreiche, denn ich muss derweil das Huhn in suppenkompatible Teile zerlegen, denn immer schon steht am Beginn des Shabbats eine dampfende Suppenschüssel. Noch dazu haben die alten Damen des Auschwitzer-Kreises meiner Großmutter selbst an jedem Freitag Abend eine Suppe auf den Tisch gebracht und mit sechs alten Damen, ich schwöre ihnen wollen sie es sich nicht verscherzen. Ich übrigens auch nicht. Als die Suppe endlich leise auf dem Herd simmert, rasen wir los zum Wochenmarkt. Zu erst zu Herrn Yilmaz, bei dem ich einen Berg voll Obst und Gemüse einhole, aber Herr Yilmaz klagt erst über seine Bandscheibe, dann über den faulen Lehrling und schließlich über die Türkei. Dann befragt er den Tierarzt über seine Absichten und erkundigt sich schließlich nach dem Wohlbefinden der alten Damen. Nein, Herrn Yilmaz kann man nicht unterbrechen, es ist einfach ganz und gar unmöglich Herrn Yilmaz Redefluss zu stoppen und wer auf den Wochenmarkt geht, ist natürlich auch so ein verratschte Person wie ich. Trotzdem aber drängt die Uhr, wir kaufen Lammkeule und neue Kartoffeln, frische Fisolen und ich mir ein Schokoladencroissant. Dann im Eiltempo aber zurück, der Challah Teig will zu einem Zopf geflochten werden, in die Suppe gehören noch Grießklösschen, denn niemand an diesem Shabbestisch mag Matzomehl leiden, der Tierarzt bügelt das Tischtuch, dann klingelt die Tür und die liebe G. steht vor der Tür. Die liebe G. kann man nicht zwischen Tür und Angel abfertigen noch dazu hat die liebe G. Liebesleid und muss sich aussprechen. Zudem will sie getröstet werden und Trost kommt bekanntlich nicht nur von warmen Worten, sondern in Milchkaffee, Keksen und einem Teller heißer Suppe daher. Aufgerichtet also geht die G. Mir stehen die Haare zu Berge beim Blick auf die Uhr. Wie jeden Freitag suche ich den Kidduschbecher, der sich hartnäckig und bösartig, nur um mich zu foppen versteckt. Endlich fällt er unter den Serviettenringen hervor. Der Tierarzt schnauft und rückt Stühle. Die Tulpen liegen noch auf dem Tisch und sind nicht in der Vase. Warum bäckt die Challah auch ausgerechnet am Shabbat immer so lang? Schließlich soll auch noch die Lammkeule schmoren und die Fisolen sind auch noch immer nicht geputzt. Immerhin aber kühlt das Griesflammeri auf dem Balkon ab. Natürlich klingelt das Telefon. Die älteste Tochter von Onkel A. ist am Telefon. Zwei Stunden noch prahlt sie bis Sonnenuntergang und alles ist fertig. Der Tierarzt gestikuliert im Hintergrund. Ich fahre mir in die Haare und finde ein Stück Challah-Teig im Haar. Zum Glück kann die Tochter von Onkel A. die nämlich sehr viel frummer ist als ich mich nicht sehen. Gewiss krähte sie etwas von der Entweihung des heiligen Brotes und ließe mich von Neuem beginnen. Wir knallen Luftküsse ins Telefon und ich rase weiter umher, wir rücken Stühle, decken den Tisch ein, falten Servietten, richten die Challah an, der Tierarzt holt Rotwein herauf und Kedem Traubensaft für mich. Die liebe C. und mein Vater klopfen und schließlich fahren auch die sechs alten Damen vor. Ich rausche also hinunter und biete den Damen den Arm zum Geleit. „Read On“ sagen die Damen ob meines zerzausten Zustands, ist doch Shabbes! Ich werfe mich in ein Kleid und wir sagen Kiddusch, die Challah passiert den Tisch, die Suppenteller sind aufgefüllt, auf dem Ofen liegt ein Blech und wärmt die Speisen weiter. Der Tierarzt schwatzt mit meinem Vater, die liebe C. erzählt vom Praxistag, die alten Damen streiten wie an jedem Shabbat und ich könnte mit dem Kopf vornüber in den Suppenteller kippen, so müde bin ich. Immer dann denke ich an den Werbefilm der vor ein paar Jahren in Israel lief.Verlottert lümmelt die nicht frumme Familie auf dem Sofa und löffeln Cornflakes während die frummen Kinder am Tisch in weißen, gestärkten Hemden sitzen. Mich überfällt schwere Verzweiflung, denn wann soll der Mensch, der für zehn einen Shabbestisch richten, denn bitte noch Zeit finden, das Ganze im weißen Hemd und Spitzenbluse durchzustehen? Auf meinem Rock sind natürlich Suppenspritzer und die Fingerspitzen sind rot vom Rote Bete schneiden, und ich bin mir ziemlich sicher, dass an meiner Nasenspitze Mehlstaub klebt.

Aber trotzdem wenn ich dort alle versammelt sehe, streitend und lachend und schwatzend, nach mehr Suppe und mehr Lamm rufend, dann verdränge ich die blütenweißen Bilder wenigstens für die nächsten Stunden. Dann muss schließlich abgewaschen werden und ich wäre nicht die Enkeltochter der preußischsten aller deutschen Juden, hätte ich auf dem Blech nicht einen Topf heißen Wassers stehen. Shabbat Shalom.

6 Gedanken zu “Gegen die Uhr

  1. Eine schöne Erzählung! Shalom, möchte ich Ihnen wünschen (wenn sich das von Nichtjuden zu Juden schickt? Ich weiß es, obgleich nicht unvertraut mit allem, leider nicht.)

  2. ich trinke jedes Ihrer Worte, und hätten Sie den Tierarzt nicht, ich bäte um Ihre Hand. Aber… hach…. das geht auch nicht, denn ich bin eine verheiratete Frau.
    (Irre, was mir nicht alles an Komplimenten zu Ihren Texten einfällt)

    • Oh Sie sind so reizend und ich bin mir sehr sicher, ihr Mann oder ihre Frau hat ein Riesenglück mit Ihnen, und das ist genau richtig so. Aber wir müssen uns einmal zusammenfinden, zu Torte und Tee und kleinen und großen Worten!

  3. Shabbat shalom!
    (Vielleicht entwickelt jemand mal die ideale Shabbesköchinkleidung – ich stelle mir etwas Richtung kärcherbare Spitzenbluse vor.)

    • Gut Shabbos auch Ihnen. Ach, Ihre Version klingt nach einer idealen Bekleidung und würde selbst die Tochter von Onkel zu einem kleinen Freudenschrei verlocken. Das fehlt wirklich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s