Der Taschendieb

IMG_1744

Vor ein paar Wochen war mir, als fehlte Geld. Als ich bei der Frau des Krämers nämlich Milch, Brot, Eier und Brie bezahlen wollte, war mein Portemonnaie bis auf eine Handvoll Münzen leer. Das wunderte mich. Am Morgen schien mir als hätte ich einen 50Euro Schein in der Geldbörse gesehen. Ich ließ anschreiben und brachte der Frau des Krämers selbstredend am nächsten Morgen das Geld. Dann vergaß ich das Ganze fast wieder, denn schon oft habe ich geschworen, ein Paar Schuh ganz gewiss von Berlin nach Irland mitgenommen zu haben und Stein und Bein habe ich geschworen, dass mein Adressbüchlein in Irland auf dem Tisch läge, da fiel es in Berlin vom Schreibtisch. Zudem teilen der Tierarzt und ich nicht nur die Rechnungen miteinander, sondern im Küchenschrank steht ein hölzernes Kistchen in das wir wechselseitig Bargeld legen, für alles was ein Leben so braucht und niemand muss Rechenschaft ablegen wofür das Geld verwendet wird und so vergaß ich die fehlende Summe und schalt mich für meine Unachtsamkeit, die mich bei der Frau des Krämers in Verlegenheit brachte. Heute aber bat mich die J. sie noch einmal zu vertreten und auch wenn die Fußstapfen für mich zu groß sind, es gibt nichts was ich der J. abschlagen würde und so lehnte ich die Bürotür an und ging meiner Wege. Noch niemals in fast dreieinhalb Jahren habe ich meine Bürotür verschlossen, zu oft klopfen Menschen, zu oft renne ich hinauf und hinab und außer Büchern, Aktenordnern, einer Palme, einer Zeichnung meiner Nichte ( sie auf dem Schlossberg mit dem treuen Kanzler Bär ) und einem- es sei von allen Dächern getrommelt und gepfiffen- Stapel korrigierter Essays ist das Büro ein denkbar nüchterner Ort. Unter dem Schreibtisch meine Handtasche, in der sich mein Portemonnaie nicht aber die Münzsammlung von Onkel A. befindet.
Noch immer also pfeife ich und summe etwas von Sonnenschein und tralalala vor mir her. Dann öffne ich die Tür. Über meinem Schreibtischstuhl gebeugt steht der G. meine Schlüssel liegen auf dem Tisch und als ich das Zimmer betrete, zieht der G. einen 50 Euro-Schein aus meiner Geldbörse. Für einen Augenblick ist alles ganz still und ich sehe den G. an und der G. steht dort starr mit dem Geld in der Hand. Der G. fängt sich schneller als ich und brabbelt los: „Außergwöhnliche Notlage“, das Geld gerade in das Portemonnaie zurücklegen, ich solle keine vorschnellen Rückschlüsse ziehen. Aber ich stehe an die Tür gelehnt und höre den G. nur von weiter Ferne. Denn eigentlich bin ich wieder 12 Jahre alt und ist man am Ende nicht immer 12 Jahre alt? Ich sitze bei meiner Großmutter am Küchentisch und meine Großmutter sieht mich an: „Kind sagte meine Großmutter, sei großzügig in Geldangelegenheiten, denn man wird dir nie vergeben, dass du ein Jude bist. Immer wird man dir misstrauisch auf die Finger sehen, ob du nicht oft ihrer Vorstellung des Geldleihers entsprichst und sie alle mein Kind, darüber besteht kein Zweifel haben das Bild vor Augen. Niemals Kind, hörst du, darfst du dir Geld borgen, und niemals Kind von einem der Anderen Geld einfordern. Hast du mich verstanden? Ich hatte verstanden, denn die katholischen Schwestern der Schule, die ich besuchte, hatten oft genug das Bild vom gierigen Juden, der dem armen Schuster das Darlehen mit Zins und Zinseszins begleichen lässt, während erst Frau und dann Kinder verhungern , gezeigt und immer in meine Richtung gedeutet. Ich schämte mich in Grund und Boden im festen Wissen darum auch so ‚einer’ zu sein. Geld habe ich selbst nie geborgt, aber immer denen die es brauchten oder auch nur glaubten es zu tun, Geld gegeben und viele kleine, und mittlere und auch gar nicht so kleine Beträge wohlwollend vergessen, um ja nur nicht in die Nähe des gierigen Judens zurückzugeraten. Hast du verstanden Kind? Verstanden hatte ich es, aber ich erinnere mich nicht mehr, ob sie damals am Küchentisch auch etwas darüber sagte, wie man sich wohl verhielte, ertappte man einen Dieb mit dem Händen im Portemonnaie. A
uf keinen Fall die Contenance verlieren hätte sie gewiss gesagt und so atme ich ein und aus. Unter gar keinen Umständen aber ein Geschrei beginnen, mit den Händen fuchteln, den Dieb zur Seite drängen und den Dieb bei den Ohren packen. Also schreie ich nicht, drängle nicht, halte die Arme in den Tasche verborgen und frage nicht einmal: „ Wie viel?“ Denn hinter mir steht ja immer das Bild des gierigen Juden und der hungernde Schuster. Das nämlich lernte ich damals am Küchentisch, das gälte es wieder und wieder zu beweisen, dass wir nicht so seien, wie sie es sich vorstellten. Der G. ist inzwischen bei „Willst du die Polizei rufen?“ angekommen. Langsam sehe ich wieder den G. vor mir und schüttle den Kopf: Glaubst Du hier wäre mit Blaulicht und Handschellen geholfen?“ Dann ist der G. endlich still. G. sage ich endlich: „Warum bestiehlst du mich?“ „Warum stiehlst du dich in mein Büro?“
Der G. beginnt erneut irgendwelche Geschichten zu erzählen, die auf einen dummen Fehler, eine kleine Schwäche, nicht aber auf das Problem an sich hinauslaufen. Zum wievielten Mal, frage ich dann. Der G. zuckt mit den Schultern und befindet: „Er sage jetzt besser gar nichts mehr.“ Das ist der gleiche G. wundere ich mich, der bei mir zum Geburtstag, zu Sommerfesten und mit seiner Freundin in der Berliner Wohnung eine Woche verbracht hat? Das Geld auf den Tisch, sage ich und dann muss ich noch einmal tief ein-und ausatmen, bevor ich sage: „Verschwinde.“

Dann fällt die Tür ins Schloss, ich sortiere den verschütteten Kram in meine Handtasche zurück und rolle den 50 Euro-Schein zusammen. Er brennt in meinen Handflächen. Von der E. lasse ich mir einen Schlüssel geben. Zehn Minuten später klopft die J. „Alles in Ordnung bei Dir?“, fragt sie und ich nicke und verstecke die zitternden Hände in den Rocktaschen.
Dann sehe ich hinaus in den Sonnenschein. Eine Stunde später klopft der Tierarzt. „Ein Mädchen sagt er, hat versprochen mich auf ein Eis einzuladen.“ Ich nicke und der Tierarzt sieht mich fragend an. Dann sitzen wir auf der Parkbank. „Der G. ist ein Dieb“ sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Weißt du sage ich zum Tierarzt, das Schlimmste ist nicht, dass der G. mir ins Portemonnaie gefasst hat, sondern das ich für einen sehr langen Moment geglaubt habe, ich hätte das verdient. Ich der Jude, sei doch Schuld daran, dass der G. mir in die Geldbörse griff und habe es eigentlich nicht anders verdient.
Da sitzen wir, der Tierarzt und ich und langsam tropft uns das Eis auf die Füße.

Der Herrenreiter

Still liegt die Straße vor mir im frühen Morgenlicht.Es ist kurz nach halb Sieben. Die Pendler haben sich in alle vier Winde zerstreut und auch ich gehe mit Büchern bepackt die Straße hinunter.Eine Kehrmaschine fährt kreiselnd über das Pflaster, ein Zeitungsverkäufer sperrt seinen Kiosk auf und die Gemüsehandlung am Eck bekommt Tomaten geliefert. Halb sieben Uhr ist es erst und der Tag selbst gähnt noch ein wenig und ich gähne auch, ja selbst der Mann vom Zeitungskiosk reckt sich und streckt sich. Blank ist der Morgen, milder Himmel und blasses Licht, eine Ecke Morgenrot sogar und in den Blumenkübeln recken die Stiefmütterchen ihre Köpfe. Schon biege ich nach links und passiere das alte, ehrwürdige Dubliner Postamt, noch heute kann man dort Briefmarken kaufen, vor allem aber erinnert es an das Anfang vom Ende der englischen Kolonialherrschaft in Irland. Noch einmal gähne ich und plötzlich vernehme ich hinter mir ein leises Surren, ein Zischen gar.
Kaum drehe ich mich um, wird mir alles klar: hinter mir nähert sich ein Herrenreiter. Nein, die Herrenreiter des Jahres 2017 kommen nicht mehr auf einem schwarzen Rappen daher, sie tragen keinen schwarzen, hohen Zylinder wie einstamls die Herrenreiter die am Morgen durch den Hyde Park preschten oder Unter den Linden entlang galoppierten. Aber ein Herrenreiter ist er doch, der Mann auf dem Fahrrad, der sich mit leisem Surren nähert. Wie die Herrenreiter anderer Tage sitzt er aufrecht und mit geschwellter Brust auf seinem- nun eben stählernem Ross- Cannondale steht in blitzenden Buchstaben auf rotem Lack geschrieben. Cannondale ist heute das, was einmal der Schimmel Wotan war. Während jener schnaubte, quietschen die Bremsen, denn was ein Herrenreiter ist, der bremst nur in letzter Sekunde vor dem Kisten schleppenden Lieferanten. Denn ein echter und wahrer Herrenreiter, der kennt nur vorwärts und niemals zurück. Keine Konfrontation ist dem Herrenreiter zu gering und während Wotan am Zügel stieg, bricht vom Cannondale eben das Hinterrad aus. Ein Herrenreiter gibt kein Pardon. Was dem Herrenreiter warmes Kulmbacher Bier und eine behagliche Zigarre waren, das ist dem Herrenreiter der Neuzeit die glimmende Zigarettenspitze, die er im hohen Bogen auf das Pflaster wirft. Soll doch die Kehrmaschine sich mit solchen Kleinigkeiten befassen. Hier sprengt ein Herrenreiter vorbei. Der Herrenreiter- so wandeln sich die Moden- aber trägt keine Lederhandschuhe mehr, sondern riesige Kopfhörer auf den Ohren, daraus dröhnt lauter Gesang. Ein Herrnreiter will schließlich angekündigt werden, prescht er hoch zu Ross dahin. Alles andere wäre Verschwendung, natürlich trägt der Herrenreiter keinen Helm. Wie alle Welt weiß, ist nichts leichter zu kränken als die Ehre eines Herrenreiters.
So prescht der Herrenreiter auch am bücherschleppenden Fräulein vorbei. Er sitzt nicht im Sattel, nein er thront, alles an ihm ist Anspannung und Muskelspiel, ist gezähmter Wille und mühelose Eleganz, dass dabei das Fräulein zur Seite springen muss, nehme nicht Wunder, denn wenn einst Wotan am Zügel stieg, mussten die Gouvernanten mit Hans und Franz und Grete am Arm eben in die Pfütze springen. Seit wann hat sich je ein Herrenreiter mit solchen Lässlichkeiten abgegeben? Schon hat der Herrenreiter mich überholt, sein Können stellt er in Schlangenlinien und gewagten Kurven unter Beweis, selbst die Möwen verziehen sich krächzend auf die Bäume. Alles stehe und staune: ein Herrenreiter weilt unter uns.
An der nächsten Querstraße aber verläuft die Trambahn, die hier auf den hübschen Namen LUAS hört quer zum Straßenverlauf und justament biegt Selbige um die Ecke. Ist dies nun ein Grund für einen Herrenreiter hoch zu Ross, beflügelt vom milden Morgen und lauter Musik, vom schneidigen Cannondale über Stock und Stein getragen ein Grund abzubremsen, ja gar anzuhalten? Dies entspräche vielleicht der Natur eines ängstlichen Fräuleins, auf dem Rücken eines Ponys klammernd aber doch niemals einem wahren und echten Herrenreiter. Hätte denn Wotan jemals gezögert, ginge es darum ein Rennen zu gewinnen? Nein, nein und dreimal nein. Gemäß des alten Herrenreiterehrenkodexes also legt auch dieser,unser morgendlicher Herrenreiter alle Kraft in die Pedale, das Rad bricht vorwärts, die Speichen klirrren, gut geölt zischt die Kette, ein höherer Gang, da mag die Trambahn auch noch so vorwurfsvoll schellen- ein Herrenreiter will vorbei- vorübergebeugt wie bei einer Hatz im Englischen Garten liegt der Herrenreiter über dem Lenker, doch oh- das Rennen ist schon verloren und mit einem dumpfen RUMS knallt der Herrenreiter gegen die Trambahn.
Das Cannondale hat seinen Reiter abgeworfen und liegt mit verdrehtem Lenker und rotierenden Reifen auf der Straße. Es ist als hätte der schöne Wotan sich die Fesseln verstaucht. Ach, Herrenreiter! Ach, Cannondale, welche Weh.
Hinzu kommt der fluchende Trambahnfahrer, dessen Achtung vor Herrenreitern deutlich zu wünschen übrig lässt. Keine Achtung, kein Benehmen: „Freundchen“, dir will ich es geben!, statt Bewunderung für den Schneid des Herrenreiters. Wäre dies 1900 so wäre die Trambahn einer Brauereiwagen gewesen und der Bierkutscher hätte Schwielen an den Händen und beim Wort Polizei nur gelacht. Hier aber setzt es weitere Flüche und Häme dazu. Tritt da der Trambahnführer nicht auch gegen das gestürzte, jämmerlich daliegende Cannondale? Ein Schmock, der sich an Wotan vergreift. Der Herrenreiter inzwischen berappelt, und offensichtlich- das Glück ist den Herrenreitern gewogen- ohne größeren Schaden, keift ganz nach Herrnreiterart zurück. Doch auch die Trambahn scheint unversehrt. Inzwischen hupen Autos ob der versperrten Straße und mit grimmigen Blick kehrt der Trambahnfahrer ins Führerhaus zurück. Dann ruckt die Bahn an. Der Herrenreiter aber ist ein Bild des Jammers, wo eben noch stolze Schönheit war, ist nun geducktes Elend. Die Kopfhörer zerborsten, die Jacke voll Straßendreck, aber ein Herrenreiter trägt seine Blessuren mit Würde und kennt keinen Schmerz.
Schlimmer jedoch wiegt der Zustand des Cannondale. Eine dicke Acht hat das Vorderrad davongetragen, zerkratzt ist der rote Lack, missmutig hebt der Herrenreiter das Fahrrad auf. Ein letzter Blick geschlagen ziehen Ross und Reiter von dannen. Gebückter, trauriger und ganz und gar von Gram gebeugt hat man jemals, auch nicht um 1900 einen Herrenreiter seinen Wotan mit schleifenden Zügeln zurück zum Stall führen sehen.

Ungeduld

Schon früh am Morgen packt mich die Ungeduld, denn der Zug kommt nicht. Zu früh aber stehe ich auf Tag für Tag, um gedankenverloren und tänzerisch träumend auf dem Bahnhof zu stehen und heitere Gedanken zu hegen. Noch dazu fegt mir ein scharfer Wind ins Gesicht und die Ungeduld brennt mir unter den Fußsohlen. Erst zehn, dann zwanzig Minuten Verspätung schnarrt eine Lautsprecherstimme hämisch hervor, dann hören die Ansagen auf. Ich entwerfe böse und geschliffen scharfe Briefe an die Vorstandsetage von Ianród Éireann, die ja schon lange kein Unternehmen mehr führen, sondern nur Missstände verwalten und sich wohl erfolgreich selbst belügen: alte Züge, ein noch älteres Schienennetz und der Bahnhof des nächstgelegenen Dorfes hat nicht einmal mehr ein Dach.
Nur wenn ich zu spät die Straße herunterrenne, dann ist die Bahn pünktlich aber an vier von fünf Tagen ist die Bahn zu spät. Inzwischen hat es zu regnen begonnen, vom Zug ist auch nach 40 Minuten nichts zu sehen, ich renne zum Bus, steige dreimal um und bin 1,5 Stunden später als sonst im Büro. Ianród Éireann apologizes for the inconvenience. In meinem Kopf hat der Brief inzwischen zehn Seiten Stärke erreicht und auf der Stelle bräche die Vorstandsetage in Tränen aus, hätte ich nur Stift, Papier und eine Briefmarke zur Hand.

 Ungeduldig sitze ich im Bus, denn nichts macht mich so ungeduldig wie Bus fahren, das ewige Geruckel, das quietschende Halten, die quäkende Stimme der Haltestellenansagestimme. Ungeduldig wippe ich mit den Füßen. Vor mir isst zu meinem Erschauern ein Mann ein Butterbrot und beißt von einer Dauerwurst ab und ungeduldig und mit knirschenden Zähnen, warte ich bis auch das letzte Stück Wurstzipfel von ihm verschlungen ist. Die Frau, die ganz vorn im Bus sitzt plärrt in ihr Telefon so als sei ihr Gesprächspartner nicht am Ende des Telefons, sondern stünde 200 Meter entfernt am anderen Ende der Straße und versuchte ihre Stimme über den Autoverkehr hinweg zu verstehen. Mit würgender Ungeduld höre ich die nächsten zwanzig Minuten zu wie sie schrill beklagt, dass ihr Leben eine Katastrophe, ihr Mann ein fauler Apfel, ihre Kinder undankbar und die Busfahrt eine Zumutung sei, außerdem hätte sie eine Warze an prominenter Stelle. Ich bin kurz davor, die Wasserflasche aus meiner Tasche zu ziehen und über da Telefon gießen. Dann steigt sie aus. Noch von der Straße höre ich ihre Stimme über einen Gordon zetern, der ihr Geld schulde. Ich knirsche mit den Zähnen.

Die Ungeduld aber ist nur schon einmal vorgelaufen. Im Büro hat sie mich schon wieder. „Fräulein Read On heißt es, Sie sind die einzige mit genug Geduld für diese Besprechung.“ Ich balle die Fäuste und für drei geschlagene Stunden erklärte ich einen Sachverhalt zum zehnten Mal, die Ungeduld zieht mir an den Haaren und nur mit Mühe kann ich mich selbst daran hindern aufzuspringen mit der Faust auf den Tisch zu hämmern und zu schreien: LESEN SIE DAS DOKUMENT DOCH ENDLICH ,bevor sie mir zum zehnten Mal mitteilen, was sie auf keinen Fall können. Ich atme so tief ein wie ich kann, scheppernd lacht die Ungeduld in meinen Ohren, ich lese sehr, sehr langsam noch einmal die Kernpunkte vor und beantworte noch viel langsamer und mit vor Ungeduld zitternder Zunge die selben 100 Fragen. Endlich zückt mein Gegenüber umständlich und mit verkniffener Miene seinen Füllfederhalter und unterschreibt.

Ich kann mich nur mit allerletzter Mühe beherrschen die Tinte nicht trocken zu pusten und ihm den Füller aus der Hand zu reißen. Durst habe ich, einen glühenden und rasenden in der Kehle brennenden Durst zudem, natürlich habe ich vergessen, dass die Thermoskanne Tee auch über Stunden siedend heiß bewahrt und gierig den Tee herunterstürzend, verbrenne ich mir den Gaumen und gieße wutentbrannt den Tee in den Ausguss. Ungeduldig hacke ich auf die Tastatur, schnaubend beantworte ich Emails und muss mich bremsen, um nicht hinter jeden zweiten Satz sieben dicke Ausrufezeichen zu setzen. Selbst die Büropalme schnarre ich an, weil sie ihre Palmenarme zu langsam zur Seite bewegt, als ich das Fenster öffnen will, beleidigt schnellt die Palme zurück und fegt mir die Brille von der Nase, in meiner reizbaren Ungeduld aber schmettere ich im Versuch die Brille zu finden und somit dreiviertelblind die Wasserflasche vom Schreibtisch, die am Papierkorb zerschellt. Flüche murmelnd und der Palme herzhaft mit Vergeltung drohend fege ich die Scherben auf, beleidigt verschränkt die Palme ihre Arme. Endlich stecke ich meinen Kopf aus dem Fenster, natürlich erleichtert sich eine Taube genau in dieser Zehntelsekunde in der ich die Nase durch den Fensterrahmen stecke. Ich brülle ihr sehr textsicher: „Tauben vergiften im Park.“ hinterher.„Du brauchst gar nicht so dumm zu kichern“, fahre ich die Palme an. Dann renne ich ins Bad. Ungeduldig drehe ich den Wasserhahn auf und natürlich schießt mir ein gewaltiger Wasserstrahl ins Gesicht. Die Frau im Spiegel ähnelt verdächtig einer Erinnye.

 
Knurrend sitze ich Stunden später im Zug nach Haus. Ungeduldig staple ich Milch, Butter und Brot auf dem Ladentisch. Die Frau des Krämers tippt die Beträge quälend langsam in die Kasse ein und erzählt mir umständlich vom Wasserrohrbruch ihrer Schwester. Die Frau des Krämers und ihre Schwester sind sich in herzlicher Abneigung zugetan und ich wippe mit den Füßen, denn ich kenne die Geschichte vom Liebesbrief, den die Schwester dem Krämer zukommen ließ, obwohl er da schon zweimal mit seiner zukünftigen Frau zum Tanz auf der Tenne gegangen war zur Genüge. Ich sage etwas unwirsch: „Ja, ja, ja“ und zum ein Glück bemerkt die Frau des Krämers es nicht und schon steht der nächste Kunde am Ladentisch, der über die späte Gerechtigkeit G*ttes in Form eines Wasserrohrbruches in Kenntnis gesetzt wird. Aber besser wird es mit mir und der tobenden Ungeduld nicht. Fest sitzt mir die Ungeduld in den Rippen noch als wir zu Abend essen. Scharfe Spagetti mit selbstgemachtem Ragù. Der Tierarzt zerkleinert die Spagetti bis nur noch hellgelber Gatsch auf dem Teller liegt und schiebt seit einer halben Stunde das Ragù mit dem Löffel vom Tellerrand zur Tellermitte und wieder zurück. Ich balle die Fäuste unter dem Tisch. Mit einem zum Zerreißen gespannten Geduldsfaden nehme ich mich zusammen und stehe nicht auf, ziehe den Teller nicht weg und werfe ihn nicht gegen die Wand. Ich stehe auch nicht auf und schreie: „WARUM KOCHE ICH NACH EINEM 12 STUNDEN TAG EIGENTLICH?“ Für einen Sekunde steht mir das Bild eines Fräuleins vor Augen, dass mit Spagetti-Ragù Matsch um sich wirft. Dann geht es wieder und ich sage auch nicht: „Iß den verdammten Teller leer.“ Ich grabe mir die Fingernägel in die Handflächen und überlege mir was andere Menschen wohl in der Zeit machen, in denen der Tierarzt an einer Gabel Spagetti würgt. Dann stehe ich auf und werfe nicht einmal den Stuhl um. Ich richte dem Tierarzt einen Obstalat und koche Grießbrei und trage den Rest Ragù und die Spagetti zum Priester hinüber. Der Priester wenigstens freut sich.

Im Bett liegend aber fange ich nach zwei Seiten an mit den Protagonisten des Romans an zu streiten, als ich mich dabei ertappe die Seiten böse anzuzischen gebe ich auf und lösche das Licht. Die Ungeduld tobt weiter und mit zuckenden Zehenspitzen schlafe ich endlich ein.

Sonntag

FullSizeRender-23

Schwimmen im ersten Tageslicht. Das Wasser schwer und von dunklem Grün. Ich schwimme langsam und vorsichtig, dicht an der Wasseroberfläche. Noch gehört der See dem Nöck und seinem Hofstaat und er liebt keine Störung dort unten tief auf dem Grund. Mir ist als hörte ich von fern eine Bach Sonate und spielt dort nicht eine helle Violine. Mag sein, dass der Nöck sich vorspielen lässt, früh am Sonntag Morgen. Mag sein irgendwo am Ufer ist ein Fenster offen und ein Mann steht rauchend am Fenster und auf dem Plattenspieler liegt Bach. Aber weder den Nöck noch den Mann am offenen Fenster habe ich gesehen und vielleicht ist es auch nur die Kälte, die Bach in meine Ohren lockt. Zurück durch den schlafenden Ort, zweimal links, die lange Straße hinunter, Kopfsteinpflaster und mir klappern die Zähne. Erst zurück Zuhaus aber wird mir richtig kalt. Die Kälte beißt sich fest an meinen Knochen, auch nach dem warmen Bad habe ich blaue Lippen. Den Tisch decken. Teller und Tasse. Der ehemalige geschätzte Gefährte sagt: Gleich fahre ich los aus der Klinik. Ich wärme das Ei und mir die Hände an der Tasse. Das Ei wird kalt und dann auch die Tasse. Hinunter in den Garten die letzten Zweige des Kirschbaums verschnittten, dann in die dichte Brombeerhecke gestiegen, die sich wehrt gegen die Schere, voller Empörung schmettert sie mir die Dornenzweige ins Gesicht. Die Brombeerranken auf den Kompost tragen, die Kirschzweige aber zu zwei großen Bündeln schnüren. Es schlägt elf. Die Kirchgänger hinaus in die Sonne, Glockengeläut, eine Katze sonnt sich auf dem Pfeiler. Ich decke den Tisch wieder ab. Ein zweites Ei, gewärmtes Brot, Käse und Joghurt, eine Thermosflasche mit Kaffee befüllt, die Kirschbaumzweige auf den Gepäckträger geklemmt und in die Klinik gefahren. Für F. sage ich den Schwestern und angle einen halben Apfelkuchen für die Station aus dem Korb. Der F. taumelt mir gespenstergleich entgegen. Für zehn Minuten sitzen wir auf einer Bank im Klinikgarten. Raucher rauchen im Bademantel, der F. schlingt ein halbes Brot und dann geht sein Pieper. Die Raucher stehen verschworen im Kreis. Ich fahre weiter in das Altenheim. Dort wohnt der Gartenbesitzer, der mir den Gartenschlüssel anvertraute mit seiner Frau. Seit einem halben Jahr erkennt er mich nicht mehr. Aber die Kirschblütenzweige für die seine Frau eine Vase holt, die hat er nicht vergessen. Er erzählt über den ersten Kirschbaum im Garten, gepflanzt zu einer Zeit in der niemand mehr Obstbäume pflanzte, sondern nur noch Eiben, Koniferen und Rhodendron. Aber dann vergisst der Nachbar auch den Garten und erzählt von Stalingrad und den Spuren der Gefangenen die sich in der unendlichen Leere Sibiriens bald verloren. Er zählt ihre Namen auf, wie ein Schiffbrüchiger der als einziger wohl das Rettungsbot erreicht. Kameraden sagt er mit leerem Blick, mir aber die ich den Blick fest auf die Kirschzweigknospen gerichtet halte, sind die Erinnerungen ein Splitter im Nacken. Unsere Erinnerungen sind zu weit voneinander entfernt. Unter dem Gras liegen keine Blumen, sagte meine Großmutter damals als wir auf einer Wiese standen in einem Land, das heute Weißrussland heißt. Ich bleibe stumm und der Gartenschlüssel wiegt schwer in der Rocktasche. Dann kehrt der Nachbar in den Garten zurück und sagt ich solle mich vorsehen vor den launischen Brombeeren. Aus einer der vielen Altenheimtüren singt Edith Piaf: „Je ne regrette rien.“
Ich sage es ihm zu. Dann zurück, Sonnenschein vor mir auf der gepflasterten Straße und auch im Gesicht. Vor dem Gartentor, unter der Linde hat jemand die Krokusse die ich dort Jahr für Jahr stecke, geköpft, schon am Freitag hatte ich die ersten Blüten aufgelesen.
Zertreten liegen nun alle blauen und gelben Köpfe auf der Erde. Der Jemand ist ein vielleicht vier Jahre alter Bub, der gerade mit einem Stecken die Osterglocken des Nachbarn zur Rechten mit heftigen Hieben abzuschlagen beginnt. Der Nachbar spricht Mutter und Kind an. Die Mutter wie das Kind trotzig: „Er muss seinen Entdeckerdrang ausleben.“ Ich habe noch immer nicht verstanden, warum sich Entdeckerlust nur als Zerstörungswut ausleben lässt. Der Nachbar nimmt dem Kind den Stock aus der Hand und bricht ihn entzwei, denn die Mutter macht keine Anstalten ihrem Bub zu erklären, dass zertrampelte Blumen keineswegs für alle Menschen ein Grund zur Freunde sind. Das Kind heult und seine Mutter zieht es weg während sie auf den Nachbarn schimpft. Der Nachbar hält die Hände vor die Augen. Ich kehre die Krokusblüten zusammen und der Nachbar liest mit den Händen, die abgeschlagenen Osterglockenköpfe auf. Dieses Jahr blühen keine Krokanten mehr unter der Linde, vor dem Gartentor.

Wenn er kommt

FullSizeRender-22

 

Manchmal aber wenn ich auf dem alten roten Fauteuil sitze und alles ist still, selbst auf der Straße kein Hauch, keine Autotür klappt, die Kirchturmuhr schweigt, das Telefon bleibt stumm und ich halte nichts in den Händen selbst das Buch ist mir den Schoß gerutscht, und ich sehe aus dem Fenster in die Wipfel der alten Kiefer, durch die Wind normalerweise fegt und sehe so vor mich, ohne Sinn und ohne Verstand, dann frage ich mich doch wie es wäre, wenn er denn käme.

Nein, zu mir käme er wohl nicht als der kleine und schnelle Jenö Lakatos mit seinem Vertreterkoffer voller falscher Korallen und den Hosenträgern bis über den Bauch und ich bezweifle auch sehr, dass der dort im Eck mit überschlagenen Füßen säße, einem deutschen Philosophen ähnlich wäre. Der deutsche Philosoph erschien mir immer zu träge und auch zu behaglich, schlecht angezogen zudem mit einem braunen Pullover über dem karierten Hemd, um dem zu ähneln, von dem wir nicht wissen, ob er nicht auch über uns eine Liste führt. Einen Pudel hätte er keineswegs, denn ein Pudel reizte mich zum Lachen und ich weiß es genau, ich wäre spöttisch und er wäre verstimmt. Nein, ein hagerer hochgewachsener Mann säße dort auf dem Sofa neben dem Beistelltisch mit den zu vielen begonnen Büchern, den Notenblättern und den drei Rosen im Glas. Eng geschnittene, schwarze Hosen hätte er wohl an, dazu eine schwarze Bluse mit Knöpfen aus Perlmutt und einem spanischen Kragen aus Seidenspitze dazu. Einen Mantel trüge er wohl aus schwerem Kattun, verschlossen nur mit Hilfe einer Brosche, deren Initialien ich nicht zu entziffern vermöchte, so sehr ich es auch versuchte. Eine Zigarette zündete er sich an, meine Suche nach einem Aschenbecher aber, verwürfe er mit einer abweisenden Handbewegung. Schmale, lange Finger und endlich sähe ich auch seine gelblichen, ein wenig splittrigen Zähne. Setzen Sie sich doch, sagte er mit kühl-scharfer Stimme, so als sei er hier zu Haus und nicht. So sänke ich zurück auf das rote Fauteuil und er sähe mich an. Schöne stahlblaue Augen hätte er, aber ganz sicher wäre ich mir nicht, mag sein, dass seine Augen auch jadegrün oder rubinrot glänzten: je nachdem. Aus dem Mantel aber zöge er eine Flasche Wein: „Ob auch ich ein Glas tränke?“, fragte er mich, doch ich verneinte. Mit einem Fingerschnippen bloß löste sich der Korken und schon stünde eine Glas aus böhmischen Kristall vor ihm auf dem Beistelltisch, gleich neben den Noten. Seine Schuhe aber enge und spitze Schnürstiefel, klein und doch ungleichmäßig groß glänzten im Sonnenlicht. Maßanfertigung, sagte er und ich, die ich meine Zunge niemals und schon gar nicht wenn es um das Ganze geht, im Zaum zu halten wüsste, fragte: „Zur Schonung des Pferdefußes?“ Er verzöge wohl etwas mokiert die Brauen, ob ich glaubte er sei zu Fuß gekommen?“ Ich zuckte mit den Schultern , er straffte sich, leerte das Glas in einem Zug, zöge ein Notizbuch aus den Falten des Mantel hervor und nickte mir zu: Er sei in geschäftlicher Sache zu mir gekommen. Warm würde es plötzlich im Zimmer, nicht aber weil die Märzsonne so heftig durch die Fenster bräche, sondern wohl seinetwegen. „Ich bin eben ein Höllensohn“ sagte er und schlüge den Mantel ein wenig zurück.

Leise spräche er und fast ein wenig heiser: Der Idealismus der einen, sei fast so arg wie die Nachlässigkeit der Anderen. Denn die Welt faule von innen her, welchen Anstrich man ihr gäbe, ich sei doch verständig genug, spielte keine Rolle. Die Freiheit sei immer nur die Unfreiheit der Anderen und überhaupt seien die meisten ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt. Alternativen gäbe es keine: Der Sozialismus sei einmal eine Romanze gewesen, eine mädchenhafte Verirrung fast und hier lächelte er, schon aber sei die und schließlich auch die Gewalt mit ihm gekommen, denn die kalte Logik allein, aber den Menschen noch nie vor Fehlern bewahrt. Dafür seien Gedichte da und auch die meist herzlich schlecht. Von roten Nelken halte er nichts und wie auf Befehl zerkrümelte die Rose endgültig, auch ohne, dass er sie berührte. Der Kapitalismus hingegen und er schüttelte den Kopf habe nie die besten Köpfe angezogen, sondern nur die mit der größten Gier. Aber auch die sein kein guter Ratgeber gewesen und das dumme Sprichwort vom aufhören, wenn es am Schönsten ist, sei nicht nur dumm, sondern auch eine einzige Begriffsstutzigkeit: Erfolg verführe zu Hochmut und noch niemals habe der Schöne sich um die Hässlichkeit verdient machen wollen. Sicherheiten gäbe es keine, dass müsste ich doch wissen. Sicherheitsgurte, doppelte Böden und hier keckerte er eine Hausratsversicherung gar, verzögerten das Unausweichliche nur, verlängerten die trügerische Sicherheit und seien doch immer Teil des Fehlers und niemals seine Lösung. Er lachte wieder und zeigte auf die vier Sparbücher für Neffen und Nichten. Ob ich gar so naiv wäre, deren Wert für real zu halten, ich müsse begreifen, dass morgen schon die Sparbücher nichts weiter wären als ein Haufen loses Papier. Ich solle ihn verschonen mit den schönen Künsten, getanzt würde immer ob nun zu einer Chaconne oder einem Lied aus der Konserve. Einen Unterschied hätte es nie gegeben und er schüttelte fast ein wenig bedauernd den Kopf: weder die Kunst noch die Liebe bewahrten uns vor uns selbst oder dem anderen. Noch im Rettungsboot auf eisiger See hätten Menschen Choräle gesungen, erfroren und ertrunken seien sie ohnehin. Der Unterschied sei ein theoretisches Problem und natürlich, das sähe er ein müssen Bücher geschrieben werden, warum dann nicht auch über den Bau von Booten? Langsam fährt er mit den spitzen Fingern über das zarte Glas, ob einen nun die kleine Meerjungfrau verlasse oder die schöne Müllerin, sei bedauerlich aber anderseits völlig einerlei. Für einem Moment ist mir, als würde er weinen, aber geblendet vom grellen Licht wüsste ich es nicht zu bezeugen. Es gälte nun, sagte er plötzlich laut und vernehmlich, das Leben bei den Hörnern zu packen, Champagner in Flaschen und die Hemmungen hinter der Haustür zu lassen, denn den Untergang hieße es mit beiden Händen zu umarmen. Schon läge vor mir, ohne das ich eine Hand hätte kommen sehen, ein Zettel vor mir, ein Vertragsdokument ganz eindeutig. Ab dato recessi stünde ganz oben auf dem schweren, weißen Papier. Beinahe lächelte er wohl mit seinen scharfen, splittrigen Zähnen und versicherte mir, er werde mit dem Lohn nicht geizen und anzüglich schnalzte er wohl mit der Zunge.

„Verschwinden Sie“, würde ich wohl rufen wollen, doch ihn kümmerte das wenig, schon wieder langte er in den Mantel zur Flasche, und nähme meine Hand in seine, küsste sie ruhig und sein angenehm warmer Atem, erinnerte mich an einen anderen Mann. Er wisperte mir wohl etwas ins Ohr von kommenden Tagen und Nächten aus klirrendem Gold. Das Blut rauschte mir durch den Kopf, zog er mich nicht schon an seine Brust?
Doch plötzlich schlüge die Balkontür zu, das Telefon klingelte wie üblich und im Hausflur Bewegung, die Kirchturmuhr schlüge schon Drei. Allein wäre ich wieder im Zimmer und so lange ich auch suchte, den Vertrag fände ich nirgendwo, die Flasche das Glas und auch der Besucher spurlos verschwunden, im Zimmer kein Schwefelgeruch, sondern süßer Maiglöckchenduft. Die drei Rosen im Glas jedoch wären auf einmal welk und vergangen.Warm wäre mir, die ich doch jahrein, jahraus friere ,geradezu heiß.

Regenguss

Schon auf dem Weg zum Bahnhof früh am Morgen werde ich nass. In Irland heißt das immer: nass bis auf die Knochen. Das Wasser tropft mir aus den Ohren, läuft aus den Schuhen und ich ähnle noch weniger als sonst einem respektablen Fräulein, sondern sehe aus wie eine ägyptische Tempelkatze nach dem rituellen Bade durch den Kämmerer des Pharaos selbst. Verkniffen spreche ich mir Trost zu: Immerhin hängt im Büro eine Zweitgarnitur. Im Büro angekommen trockne ich die Barbourjacke auf der Heizung und winde mich aus den durchweichten Sachen. Halbwegs trocken muss ich schon wieder los, denn ich treffe den Tierarzt, der jeden Donnerstag im Zoo den Blutdruck der Affen misst, sich um das asthmatische Zebra bemüht und nach der wunden Pfote des Wolfes sieht. Jeden Donnerstag hoffe ich indes, dass der Löwe doch bitte kein Zahnweh bekommen mag. Aber der Tierarzt und ich verabreden uns eben auch auf halber Strecke auf eine Stunde Gemeinsamkeit. Heute zudem bringt der Tierarzt mir einen Stapel Akten mit, denn am späten Nachmittag habe ich einen Termin in München. Erst einmal und wie könnte es auch anders sein, werde ich auf dem Weg zum Tierarzt nass. Die Regenwolken glaube ich haben sich gegen mich verschworen, kaum das sie sehen, dass ich das Büro verlasse, pfeifen sie sich schrill „Auf Drei“ zu und schon ergießt sich eine ganze Regenwand über mich. Die Regenwolken lachen laut und ich stapfe finster dem Tierarzt entgegen, der Regen läuft mir aus den Wechselschuhen. Mit klappernden Zähnen warte ich auf den Tierarzt, schon quietschen die Reifen des treuen Volvos und der Tierarzt betritt das Café: „Mädchen, Du frierst ja“, sagt er und schüttelt den Kopf und“ nass bist du auch.“ Ich klappere mit den Zähnen wie der Schneider sieben und der Tierarzt deutet auf seinen Wetterfleck. Der Wetterfleck des Tierarztes nämlich ist kein Regenmantel im eigentlichen Sinne, sondern ein als Mantel daherkommendes Zelt und schon sehr, sehr alt, hundertfach geflickt und mit breitem Kragen, 2 Meter hoch ist der Tierarzt und oh wie klein bin ich. Trotzdem mit blauen Lippen bibbere ich: Ja. Der Tierarzt entleert seinen Manteltascheninhalt in meine Barbourjacke und ich wickle mich in den Wetterfleck. Besser der Wetterfleck wickelt sich um mich bis nur noch meine Nasenspitze aus dem Mantelzelt hervorragt. Aber warm, oh wie warm ist der Wetterfleck, eine Kuhwärme hat der Wetterfleck an sich, denn ich weiß nicht wie viele Kälbchen und Lämmchen der Tierarzt schon in diesem Mantel erst auf die Welt gebracht und dann warm gehalten hat. So ausgerüstet, nebst dem alten braunen luggage holdall voller Akten also rase ich zum Flughafen. Unnütz zu Erwähnen, dass ich ein drittes Mal nass werde und wieder läuft mir das Wasser am Mantelsaum herab, meine Haare aber sind schon seit 11 Uhr ein nasser Klumpen der mir am Kopf klebt. Ich sehe inzwischen nicht mehr aus wie eine halbertrunkene Tempelkatze, sondern wie eine sehr, sehr nasse Mary Poppins.
Im Flugzeug bin ich kurz davor die Stewardessen um einen Wasserabtropfeimer zu bitten, zum Glück bleibt der Mittelplatz frei und der Gangnachbar trinkt Rotwein und hört sehr, sehr laut Eros Ramazotti, aber die Liebe soll man laut besingen und der Sitznachbar zeigt mir sogleich das Bild einer Frau, die weder Mary Poppins noch einer zerzausten Fledermaus gleicht, sondern aussieht wie ich mir die amtierende Miss Ukraine vorstelle. Er strahlt. Neapel. Freundin. Good vibes lässt er mich wissen, ich tropfe säuerlich vor mich hin. In München angekommen, sieht der Taxifahrer mich skeptisch an und legt eine Plastiktüte auf den Sitz. Ich tropfe. Der Taxifahrer aber erzählt mir, dass München voller Räuber sei. Nicht aber im herkömmlichen Sinne, keinen Kaninchendiebe mit grünem Seppelhut oder gewiefte Fallensteller mit genagelten Schuhen. Nein, die wahren Münchener Räuber seien die Zahnärzte dieser Stadt. Der Taxifahrer fletscht die Schneidezähne und erzählt eine Horrorodyssee, die weniger von seinen zwei überkronten Schneidezähnen handelt, als von dem mit rythmischen Schlägen auf das Lenkrad begleiteten Versuch die Schlechtigkeit der Welt mit dem Tun und noch mehr dem Lassen der Zahnärzte zu erklären. Er verabschiedet sich mit einem zünftigen: „Saubuan alle!“ Ich steige tropfend aus dem Taxi.
Das Gebäude aber dem ich nun zu eile, möge mich bloß niemand sehen, denn in München sind die Frauen allesamt immer sehr gut angezogen mit passender Handtasche zum Twinset, ist einer dieser typischen Glas-Marmor-Metall Ungetümer und so tropfe ich auf dem blanken Boden hin zur Rezeption, wo sich eine schneeweiße Orchidee, die bestimmt nur mit Morgentau gewässert wird, angewidert von mir abwendet. Die wirklich ausnehmend schöne Dame an der Rezeption aber lächelt zuvorkommend: „Noch einen Moment Geduld Fräulein Read On“ sagt Sie, der Herr C-E-O ist auf dem Weg zu Ihnen. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen. Ich winde mich aus dem triefenden Wetterfleck und sitze nunmehr in feuchter Bluse und nassem Rock ganz zu Schweigen von den durchweichten Schuhen auf dem weichen Lederpolster. Mir gegenüber sitzt ein geschniegelter Hipster. Ein sorgfältig gemachter Bart, pomadierte Haare, Nadelstreifen mit Anzugträgern, Hornbrille, grasgrüne Socken, ein eng auf Taille geschnittenes Jackett. Mitleidig lächelnd sieht er auf mich herab und zieht die linke Augenbraue nach oben, alles an ihm schreit „Ich bin ein Macher von Morgen.“ Ich hingegen das ewig gestrige Fräulein richte meine Aktenstapel, da klingelt das Hipsterhandy und der Hipster lästert unverholen über meine tropfende Gestalt ihm gegenüber. Eine Lachnummer….Vogelscheuche….ein Trampel…..und vor allem chancenlos. Aha, denke ich der Hipster also sucht einen Job. Aber schon kommt der Herr C-E-O durch die Halle gelaufen und noch bevor ich Aktenstapel auf die Arme gehoben habe, steht der Hipster auf und stramm. Der Herr C-E-O aber sieht ihn nicht, sondern ruft unter der Andeutung eines Handkusses: „Ach mein sehr verehrtes Fräulein Read On, wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Dann übernimmt sein Assistent die Aktenberge, wir fahren hinauf in das C-E-O Büro: es gibt Kuchen und harte Verhandlungen. Zwei Stunden später, lächelt der Herr C-E-O: „Fräulein Read On darf ich Sie zum Flughafen fahren.“ Ich nicke beglückt und der C-E-O beauftragt die schöne Assistentin meinen Wetterfleck zu holen, bedauert meine Regenepisoden und der Assisstent holt den Wagen. Der einzige Grund einmal selbst ein Fräulein C-E-O zu werden, wäre die Anwesenheit eines Assistenten, der mir das Auto aus der Gararge holte. Auf dem Weg zum selbigen passieren wir noch einmal das gläserne Entrée. Dort wird der Hipster von einer weiteren schönen und wie ich weiß sehr klugen Frau zur Tür herauskomplimentiert. Als freundlichen Gruss des Hauses erhält er das Firmenmagazin mit dem strahlenden Antlitz des Herrn C-E-O. Ich nicke ihm freundlich zu, mit der Andeutung eines Lächelns bloß, denn der Herr C-E-O hilft mir selbstredend in den Wetterfleck. Der Hipster steht fassungslos danbeben. Aber wir sind schon vorbei. Das Auto, eines jener Autos, die ich nicht einmal anbekäme hat Heizung an allen möglichen Orten und zurück am Flughafen bin ich von der Taille abwärts zerknittert, aber trocken. Der Herr C-E-O und ich verabschieden uns bis zum nächsten Mal und mit der letzten Maschine fliege ich zurück nach Berlin. Mädchen, sagt der am Telefon, vielleicht solltest du ein heißes Bad nehmen, aber mir schaudert, noch einmal von Kopf bis Fuß durchzuweichen, ist mir selbst in warmen Lavendelwasser zu viel. So krieche ich unter das Federbett und nur der Wetterfleck tropft weiter über der Badewanne ab.

Unvergänglichkeit

Fast alles habe ich schon von dir vergessen. Nur manchmal schickt mir die B. ein Bild von dir. Die Vernissage des Malers X heißt es dort war gut besucht und auch der Künstler selbst mischte sich unter die Anwesenden. Oft muss ich zwei- oder dreimal auf das Bild sehen, bevor ich dich unter den Anwesenden finde. Merkwürdig, kommt es mir vor, dass aus dir dem Verschwiegenen jetzt ein Anwesender geworden sein soll, mit Weinglas in der Hand und rotem Tuch um den Hals. Das Weinglas hältst du mit gespreizten Fingern, ich suche nach der Narbe auf deinem Handrücken, aber ich sehe sie nicht. Vielleicht irre ich mich nun auch schon in deinen Händen, denn warum sollten ausgerechnet deine Hände meine Erinnerungen an dich aufbewahrt haben.
Wenn ich mich an dich erinnern will, muss ich die Zeitungsausschnitte weglegen, die die B. mir mit beiläufigen Bemerkungen unterschiebt. Erst dann sehe ich dich noch einmal in deiner Wohnung, die auch einmal meine gewesen ist, aber vielleicht geht meine Erinnerung hier schon fehl, denn nur weil ich auch einmal dort gewohnt habe und deine Weinflaschen zum Altglas an der Ecke trug, machte das deine noch lange nicht zu meiner Wohnung. Trotzdem seitdem stelle ich mir vor, wie in der Küche, diesem schlauchartigen, langen Raum die Weinflaschenberge wüchsen wie Zimmerpflanzen anderswo, bis sie schließlich an die Decke reichten, ein turmhoher Wald aus grünem Glas. Aber wer weiß. Bestimmt tragen heute andere Frauen deine Flaschen zum Altglascontainer an der Yehuda / Ecke Malakoffstraße, oder du hast doch irgendwann eine Zugehfrau eingestellt, am unwahrscheinlichsten aber, du trinkst Wein aus Gläsern und stehst in deiner Küche mit abgespreizten Finger und suchst nach dem roten Schal. Deine Küche also, erinnere ich noch immer. Das gelbe Trockengestell für Geschirr, das immer tropfte, auch wenn gar keine Tasse oder ein Teller mehr dort standen. Der stete Tropfen blieb. Meinen Versuchen dem Tropfen doch auf den Grund zu gehen, traf auf dein Stirnrunzeln. Ich gab es auf und wachte manchmal nachts auf von dem leisen pling, pling, pling und stand auch ein- oder zweimal auf mitten in der Nacht, um dem Tropfen auf den Grund zu gehen. Immer aber wachtest du auf, bevor ich endlich und immer war ich kurz davor, dem Tropfen auf den Grund gehen konnte. Du zogst mich zurück ins Zimmer. Dein Zimmer war damals voller Abbildungen der Portraits von Fayum. Immer sahen sie uns an, die mumifizierten Frauen deren Porträt man auf einem Stück Holz festhielt. Später, da wohnte ich schon lange woanders, habe ich in einer Ausstellung einmal gelesen, dass diese Porträts an den Mumien selbst befestigt wurden, sie dienten als eine Art Personalausweis, vorzulegen offenbar beim Eintritt in die Unterwelt. Die Porträtmaler von Fayum malten nie lebendige Menschen, sondern sollten Erinnerungen an ein Mädchen oder einen Mann konservieren. Mir waren die Toten unheimlich und du lachtest. Immer schon lag ein Schweigen in den Gesichtern und sehe ich heute deine Bilder an, erinnert mich keines von ihnen an die Portraits von Fayum. Damals aber als ich dich liebte, suchtest du nach der Unvergänglichkeit der Schönheit in den Bildern: in denen die du ansahst und in denen die du malen wolltest. Ich erinnere mich wie wir gemeinsam in einer Ausstellung vor den Bildern von Peter Paul Rubens standen: „Sie altern noch während man sie nur ansieht“ , sagtest du und gingst schon wietre nur um über Giacometti dasselbe zu sagen. Alt schon noch vor dem Trocknen der Farbe. Ich aber behielt mir die schweren Rubens-Mädchen. Noch immer glaube ich, würde ich auf sie zählen, traute ihnen die Beherztheit zu auch mir zu Hilfe zu kommen, auf die Rubens-Frauen scheint mir ist Verlass, die Passbilder der Toten aber, verschwimmen schon und nachts, damals im Zimmer, ich bin mir ganz sicher, lachten sie spöttisch und keineswegs nachsichtig über uns. Dein Zimmer erinnere ich nur im Dunkeln, dabei war es das hellste Zimmer der Wohnung. Hellblaue Gardinen und Pinsel in Honigtöpfen. Der Geruch von Terpentin zwischen allen. Dabei maltest du nie in der Wohnung, sondern immer nur in deinem Atelier. Drei Farben: Rot, Ocker und Braun, daran erinnere ich mich. Alle anderen Farben ließest du aus. Heute sind auf deinen Bildern alle Farben, nur das Rot ist verschwunden, nur noch als rotes Tuch liegt es um deinen Hals. Aber wenn ich mich erinnere, sehe ich das Rot deiner Bilder überall, in deinen Haaren, deiner Haut, irgendwann auch auf meiner und noch immer, noch heute macht mich roter Nagellack sofort und so unmittelbar nervös, das ich ihn abmachen muss, kaum ist er getrocknet. Da unter meinen Nägeln bist du also noch. Ich habe dich fast schon vergessen. Ich weiß noch, dass wenn Du dir Kaffee mit Honig süßtetst und ich habe nach dir niemanden mehr gekannt, der zwei Teelöffel Honig in die Tasse gab, immer blieb eine Spur von Honig auf deiner Oberlippe kleben. Kaffee schwarz, keine Milch, kein Zucker, dafür mit Honig. Ich sah deinem Löffel in der Tasse zu und ließ dich schwören, dass der Oberlippenhonig auf ewig mir gehöre. Du machtest ein feierliches Gesicht. Auf dem Zeitungsbild aber nur ein scharfgeschnittener Mund, ein glattrasiertes Kinn und nirgendwo ein Hauch Honig an Dir. Einmal rauschte durch das Küchenfenster eine Taube herein, aufgeregt flatterte sie auf der anrichte umher, schlug mit den Flügeln, gurrte und schrie, du aber nahmst die Taube in beide Hände und stiegst mit ihr in den Händen aufs Dach, dort hoch über Jerusalem schließlich standest du und mit der verirrten Taube, und auch nachdem sie lange schon davon war, verschwunden im weiten und gleißenden Himmel, sahst du ihr nach. Eine Feder blieb von ihr in deinen Händen zurück und mit ihr strichst du mir über mein Schlüsselbein, dann nahmst du dir einen Finger zu Hilfe. Vielleicht war das der Moment in dem du begannst mich zu vergessen. Es ist das letzte Bild von dir, was ich erinnere. Verwaschen blau, war die Hose, auf dem Zeitungsbild trägst du ein weißes Hemd. Keine Feder, keine Taube, kein Honigtopf ist auf deinen Bildern zu sehen, in der Hand ein Weinglas, es ist weder halbvoll noch halbleer, kein einziger Tropfen an seinem Rand.Ich hatte dich schon fast vergessen. „Unvergänglichkeit“ sagt der Zeitungsartikel, so hieße die neue Ausstellung von dir.