Reisen in die deutsche Provinz-Bauhaus in Dessau.

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Sonnenseite

Vor vielen Jahren aber als ich zum ersten Mal im Dessau im Bauhaus war, da ging ich enttäuscht von dannen: dieser karge Block dort also mit Direktorenzimmer und einer Ausstellung zu Industriedesign machte mich gähnen und nur weil es meine Großmutter war, murrte ich nicht, sondern starrte durch die Fensterfront und hörte abwesend zu wie sie von den damals noch unrestaurierten Meisterhäusern wie von einem gebrochenen Herzen sprach.
Ich glaubte damals meine Großmutter würde sich irren. Das Bauhaus war doch in Tel Aviv, war die Wohnung von Y. gleißend, hell und weiß, mit einem Balkon und schreienden Katzen im Hinterhof. Wie viele Shabbat-Wochenenden habe ich dort verbracht, auf dem Sofa durch das die Sonne langsam wanderte, bewegungslos fast, immer nur hin und wieder die Platte auf dem Plattenspieler umdrehend. Jacqueline du Pré spielte Brahms. Y. erzählte mir Geschichten aus einer fernen, lang untergegangen Welt und mein Kopf lag auf ihrem Schoss. Im Hof spielten Kinder, in der Küche nebenan sang eine Frau, Wäsche wurde hastig abgenommen vor dem Entzünden der Kerzen, wir aßen Wassermelonen und Feta-Käse mit getrockneten Tomaten. Warm waren die Nächte und ich schlief auf dem Sofa, an der Wand ein Bild von Paul Klee und in der Küche ein Druck von Lyonel Feininger. Bevor der Shabbat begann aber holte der D. die schöne Frau Sheinkin mit dem Motorrad ab, und die ganze Nachbarschaft sah zu wie sie mit weiten, fliegenden Röcken die Treppen herunterlief und dem D. in die Arme fiel. Hinter den Fenstern kicherten die Frauen hämisch und die Männer sahen neidisch auf das Motorrad und schon waren die beiden verschwunden. Die schöne Frau Sheinkin aber, die man öfter im Treppenhaus traf, hatte etwas Irritierendes an sich. Trug sie einen karierten Rock, so konnte man sicher sein, dass ihre Bluse gestreift war und trug sie Hosen, so doch niemals passende Socken und auch heute im Zug nach dem Tierarzt, mir gegenüber der Tierarzt in rahmengenähten Schuhen und die liebe C. im blauen Kleid muss ich an die schöne Frau Sheinkin denken mit ihren klimpernden Armreifen und den schnellen Schritten im Treppenhaus, das war das Bauhaus, ein bisschen verwohnt, warm dabei, Kräutergärten auf den Balkonen, Bücher zum Mitnehmen im Treppenhaus und Geheimnissen, großen und kleinen in den Wohnungen, und immer die Sehnsucht nach den fernen Ländern, die lag auch zwischen der Y. und mir.
Später erst, fand ich zurück zum Bauhaus fern von Tel Aviv und schon hält der Zug in Dessau und wir wenden uns linkerhand vom Bahnhof dem Bauhaus zu, schon lösen wir Karten und gehen die lange Straße hinunter die heute wieder nach Walter Gropius heißt. Zu unserer Rechten, Wohnungsbau der 30er Jahre. Die letzten Häuser, die einmal Junckers für seine Mitarbeiter baute, stehen leer und sind so stumm wie die Straße selbst.

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Im Dreieck über dem Fenster der „Fliegende Mensch“, das Junckers Symbol 1924 von Peter Drömmer entworfen.

Schon aber nähern wir uns der halbhohen, weißen Mauer, welche die Meisterhäuser umrahmt und heute gibt es sie wieder, die einmal von Mies von der Rohe erdachte Trinkhalle ( 1970 abgerissen ). Mies im Herzen wohl immer Rehinländer geblieben, glaubte an der damals wohl staubigen Straße ließe sich gut Limonade verkaufen.

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Trinkhalle nach Mies van der Rohe

Und dann steht man schon unmittelbar vor den Häusern, die eine andere deutsche Geschichte erzählen. Diese Häuser eben die vom Beginn der Moderne künden und die nicht so sehr funktional wie human vom Wohnen erzählen. Aber es wäre nicht deutsche Geschichte, läge nicht auch zwischen diesen Häusern ein Fleck von großer Dunkelheit. Das Direktorenhaus, das Haus von Walter Gropius also nämlich ist eine Replik, ein Hohlkörper, denn das Original wurde vom Druck einer Mine zerstört, genau wie das Haus von Laszlo Moholy-Nagy. Die Ruine des einstigen Gropiusbaus erwarb ein Ehepaar 1954, doch verbot ihnen die DDR das Gebäude wieder aufzubauen. Stattdessen ging alles seinen sozialistischen Gang. Ein DDR geprüftes Eigenheim entstand über dem Weinkeller von Walter Gropius. In den anderen Häusern wohnten noch bis weit nach 1990 Mieter, die ob nun mit gutem Gewissen oder auch nicht, das Haus in Grund und Boden wohnten, er einistige Kern ließ sich nur mehr erahnen.

Im Haus aber von Lyonel Feininger, dem einzigen der Bauhausdirektoren, die nicht 2.000 Reichsmark Miete an die Stadt zahlen mussten, weil er Walter Gropius beruhigen konnte und die Stadtväter bei ihm Kunst aussuchten, praktizierte bis in die 1960er Jahre ein Arzt und dann wurde das Haus Poliklinik. Die DDR brauchte keine Meister, sondern Werktätige und die sollten bloß nicht auf Ideen kommen, schon gar nicht auf Ideen, die wenn auch nur noch im Entfernten nach New York und freier Welt rochen. Wir aber beginnen mit dem Haus in dem Paul Klee und Wassily Kandinsky wohnten. Eine Künstler WG der anderen Art und oh so schön. Hier ist sie wieder die Sonne aus Tel Aviv, nur anders eben in Form einer goldenen Wand. Hellrosa Wände und ein Raum einmal ganz in schwarz, nur noch als Fotografie, aber was für wilde Jahre und die schöne Frau Sheinkin hätte es geliebt. Wassily Kandinsky brachte barocke Bauernschränke mit aus Murnau hier ins nüchterne Mitteldeutschland. Ich habe es Wassily Kandinsky nie vergeben, dass er Gabriele Münter so hängen ließ, aber man verliebt sich sofort in die Wohnung, in die Treppenläufe und die schönen schweren Klinken. In das Atelier mit seinen Fenstern, in das Blau und Rot und in das Schlafzimmer, das nicht groß aber auch nicht klein, sondern genauso geschnitten ist, dass nur die Liebe durch das Schlüsselloch passt, aber nicht die Alpträume und erst recht nicht die kalte Angst. Der Balkon schient geradewegs ins Freie zu führen, ein Schritt und schon ist man hinaus in die Welt getreten. Was so ein Haus alles kann. Ein Haus für Träumer mit ernsten Absichten, eins nach dem anderen, einst gebaut für das andere Deutschland. 1932 Kandinsky war schon in Düsseldorf und seine Frau Nina im Sanatorium, kamen die Nazis und verwüsteten die Wohnung, zertraten die Bilder, zerschlugen die Möbel und so kommen in Deutschland die Alpträume immer durch die Haustür hinein, nie durch das Schlüsselloch.

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Treppenhaus

Der Tierarzt fragt indes die Frau an der Kasse, ob Lyonel Feininger wohl eine Katze besessen habe oder Walter Gropius morgens mit dem Hund über den Hof gegangen sei? Die Dame weiß nichts über die Hausiere der Bauhausbewohner. „Zwei Söhne hat Feininger gehabt und Oskar Schlemmer kam mit drei Kindern.“ Irritiert fragt mich der Tierarzt ob in Deutschland Kinder auch als Haustiere gälten. Ich verneine dies und der Tierarzt schaut beruhigter umher. Wir stehen vor Fenstern und Treppenaufgängen, Lichtschaltern und Terrassentüren, die Februarsonne schließlich kommt doch und taucht alles in goldenes Licht. Die Sonne wirft Kiefernschatten an die Häuserwände und ich stehe noch einmal oben im Zimmer von Paul Klee. Unten im Haus höre ich den Tierarzt und die liebe C. miteinander lachen. Für einen Moment halte ich das Gesicht in die Sonne und schließe die Augen. Mag sein es läuft eine Katze über den Hof und fährt dort drüben nicht ein Motorrad um die Ecke. Für einen Moment bin ich ganz sicher, die Frau dort unten im Garten wo einmal Nina Kandinsky Rosen pflanzte, dort steht die schöne Frau Sheinkin, mit Ringelstrümpfen zum gepunkteten Kleid. „Kommst Du?“, fragt der Tierarzt gegen den Türrahmen gelehnt. Ich nicke und laufe endlich die Treppe hinunter und wir gehen langsam am Haus von Oskar Schlemmer und El Muche vorbei, zurück zum als Kubus restaurierten Haus Walter Gropius und sehen noch einmal zurück auf die sonnenbeschienen Häuser des anderen Deutschlands, das einmal hier in Dessau liebte und lebte und träumte und uns, wenn auch mit gebrochenem Herzen mitzieht zu seinen Splittern und einer Wand aus Gold.

Sie ahnen schon, ich lege Ihnen einen Besuch der Desaster Meisterhäuser sehr ans Herz. Alles was es zu wissen und zu bedenken gilt, findet sich hier.

13 Gedanken zu “Reisen in die deutsche Provinz-Bauhaus in Dessau.

  1. Die „Desaster Meisterhäuser“ sind tatsächlich eine Ansichtssache… 😄 Ich habe eine Zeitlang in Dessau gearbeitet und den Hauch von Moderne jenseits der Anhaltiner-Dynastie stets wertgeschätzt.

    • Desaster das trifft es sehr gut. Es ist schon sehr erstaunlich wie lange, auch nach 1990 von der Stadt kein klares Bekenntnis zu diesen absoluten Juwelen des Bauens und Wohnens gab.

  2. Mitte der90iger war ich mal da. Der Mann hatte eine Tagung in Magdeburg und ich keine Lust auf das Damenprogramm. So bin ich der Elbe entlang gezuckelt. Es war ein traumhafter Sommertag und Dessau sah so trostlos aus. Die Häuser konnte man nicht anschauen, das Hauptgebäude war eine Art Universität. Ich bin einfach trotzdem durchgegangen und habe mich sehr verliebt in das Haus. Die schwarzen Gitterfenster konnten sich aus Kittmangel kaum halten. Im Keller gab es ein Studentencafe mit schwarz angemalten Wänden und wunderschönen Stühlen. Im winzigen Museum konnte man Möbel und Lampen, Zeichnungen und Entwürfe sehen. Ich mag den schlichten Stil sehr. Obwohl, schlicht ist das falsche Wort. Einfach, und dem Lichte zugewandt. Ich muss dringend nach Tel Aviv um das Licht und die Hãuser dort zu sehen.

    • Genau dem Licht zugewandt und ich mag das sehr, diese Geschichten dieser Menschen, die das Bauhaus waren und die in den Entwürfen lagen, rühren mich immer wieder sehr an. Danke für deine Eindrücke aus den 90er Jahren, die Verwahrlosung, die die DDR hinterlassen hat, was wirklich monströs. Unbedingt, ich glaube Tel Aviv wird dir sehr gefallen. In Dessau glaube ich gibt es das Bauhaus, und in Tel Aviv lebt man mit dem Bauhaus.

  3. Das Foto vom „Treppenhaus“: Ein Kunstwerk , Foto wie Treppenhaus ganz wunderbar.

    Neu für mich, die schützende Schlüsselloch-Perspektive.

    • Was für ein besonders schöner und passender Hinweis. Haben Sie lieben Dank dafür.

      Ja, das Schlüsselloch glaube ich genießt leider ein bisschen ein schattenhaftes Dasein, dabei ist es doch weitaus komplizierter als man so annimmt…

  4. Vielen Dank für Ihren Bericht und die Fotografien. Imm wieder im Hinterkopf, werde ich ich mich bei nächster Gelegenheit aufmachen nach Dessau. (Wann wurde die Trinkhalle aufgenommen oder wurde die rekonstruiert?)
    Gruss aus dem Bembelland,
    Herr Ärmel

    • Ich empfehle den Besuch wirklich,vielleicht ist es im Frühjahr und Sommer nicht schöner. Die Originaltrinkhalle- man stelle sich das vor- hat die DDR 1970 abreissen lassen. Das ist jetzt sozusagen die restaurierte Fassung und im Sommer betreibt das Bauhauscafé- so weit ich weiß diese als Kiosk. Ich glaube das ist besonders hübsch, dies in Aktion zu erleben.

  5. Die Empfehlung habe ich auch als solche verstanden. Da stehen noch einige architektonisch und gartenbaulich interessante Orte in der ehemaligen DDR auf meiner Reisewunschliste.
    Ich danke Ihnen auch für den Hinweis auf den Kiosk

    Wenn Sie auch städtebaulich oder stadtsoziologisch interessiert sind, kann ich einen Besuch in Eisenhüttenstadt empfehlen. Ein guter Stadtführer ist dabei sehr hilfreich.
    Gruss aus dem Bembelland,
    Herr Ärmel

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