Atemzug

Nach der Nachtschicht gleich zum Flughafen. Die Idee sich noch für zwei Stunden aufs Sofa zu legen, ist schon lange verschwunden in der Nacht, hat sich aufgelöst und kommt nicht mehr zurück. Dafür steht der Tierarzt am Flughafen, ein stiller Schatten, ich sehe mich im Autofenster und sehe lieber nicht hin. Also Nachtdienst abstreifen, Taschen ins Auto und Taschen aus dem Auto heraus und den klapprigen, alten Volvo ins Parkhaus bringen. In den Glasscheiben des Flughafens spiegeln wir uns, der stille und verschwindend, dünne Mann und ich. Der Schatten im Spiegel verzieht spöttisch die Lippen: „du hast mir gerade noch gefehlt.“ Im Flugzeug kann ich nicht schlafen, zu nah sind die Bilder der Nacht und ich sehe in ein Buch hinein. Jede Seite ein Stück weiter weg von der Nacht? Kann man denn wirklich Seiten zwischen sich legen? Über Amsterdam färbt sich der Himmel lila. Der Tierarzt schüttelt denn Kopf als die Stewardess ihm ein Stück Kuchen offerieren will. Der Mann der am Gang sitzt, sieht den Tierarzt kopschüttelnd an. „Sie sind ja ein richtiger Hungerhaken“, bemerkt er und mustert den Tierarzt von oben bis unten. Seine Frau schreit vom anderen Gangplatz herüber: „Wegen Ihnen ist schlechtes Wetter, Sie haben nicht aufgegessen.“ Der Tierarzt sieht irritiert zu mir herüber. „Lassen Sie das doch „sage ich zu dem Mann und der Mann blafft: Sie haben wohl keinen Humor, was?“ Der Tierarzt fragt: „Finden die mich dick?“ Ich schüttle den Kopf. Man kann die Welt auch nicht im Flugzeug von sich fernhalten. Erst Frankfurt. Dann Berlin.

In der S-Bahn gibt Berlin alles. Flaschensammler streiten sich um zwei Sternburg Bierflaschen, die durch die S-Bahn rollen, ein Mann in Badeschlappen und Fellweste,aber ohne Hose schreit „Jesus liebt dich“, eine Gruppe betrunkener Australier schreit auch, aber mit Jesus haben sie es nicht so. Ein Straßenfegerverkäufer kommt mit seinem Hund. Ich krame nach Münzen und der Tierarzt will, dass ich dem Mann sage, dass sein Hund die Krätze hat. Ihr Hund hat die Krätze sage ich. Der Mann funkelt mich böse an. Dann entlädt sich ein Fluch von Schimpfwörtern über mir. Der Mann glaubt ich wolle seinen Hund entführen. Dann zieht er den Hund fort von mir. „Dit is Berlin“, sagt der der Tierarzt beeindruckt. Neben „Gesundheit“ ist dies des Tierarzts liebster deutscher Satz. Dann kommt eine Kindergartengruppe in die S-Bahn. Die Kindergärtnerinnen zählen durch. „Das ist jetzt Preußen in der DDR-Version“ sage ich zum Tierarzt, denn die Kindergärtnerinnen bellen „Zweierreihen“ und haben so schon den Kindergarten „Roter Stern“ auf die Zukunft einegschworen. Aber zacki-zacki Marcel ruft die Kindergärtnerin, Marcel aber inspiziert den Fußboden und die Kindergärtnerin schreit: „Pfui“ und „Schluss jetzt“. In der Berliner S-Bahn kann man so Deutsch lernen, dass man sich nach spätestens einer Woche als Offiziersanwärter melden kann. Dann am Grunewald vorbei und schon steigen wir aus, leiser Landregen.

Meine Augen tränen vor Müdigkeit. Zuhause angekommen, deckt der Tierarzt mich zu und setzt sich auf die Bettkante und legt mir die Hand auf die Stirn. Ich bin doch nicht mehr acht Jahre alt sage ich, aber der Tierarzt will davon nichts hören. „Mach die Augen zu sagt der Tierarzt“ und schon verschwimmt die Welt. Ich träume von einem Ozeandampfer, auf dem ich auf einem schlingernden Klavier Chopinwalzer spiele, denn nur die Musik so sagt mir der Kapitän hielte das Schiff über Wasser. Ich halte den Atem an und wache hustend auf. Einatmen. Ausatmen.Weiteratmen.
Inzwischen ist die Sonne über die Hausdächer gestiegen und sitzt mit baumelnden Beinen auf der Regenrinne. Unten im Garten sitzt der Tierarzt auf dem Gartenstuhl, die Füße verschränkt und die Augen geschlossen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, kahl ist der Garten noch immer, aber für einen Moment ist der Tierarzt kein Schatten, sondern einzig und allein goldenes, glänzendes, warmes Licht.

4 Gedanken zu “Atemzug

  1. Berlin- man muss es lieben. Allerdings muss ich sagen, dass ich in Berlin immer nur mit ausnehmend liebenswürdigen Menschen zu tun habe. Ich weiß nicht, was ich falsch mache.

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