Ein Spalt im Universum

Manchmal verschiebt sich das Universum um einige Zentimeter und wer in den Spalt gerät, der sich dann auftut, der nehme sich besser in Acht. Mit dem Universum selbst sollte man es sich besser nicht verscherzen. Die Ursachen für ein missgestimmtes Universum kenne auch ich nicht. Mag sein, dass die Sterne sich beschimpfen, den Mond ein böser Husten plagt oder vielleicht G*tt selbst feststellt, dass die letzte Kopfschmerztablette von 2014 ist, aber das Universum ist uns keine Rechenschaft schuldig und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beissen bis das Universum sich wieder beruhigt.

Schon als ich in aller Frühe im Taxi zum Flughafen fuhr, schwante mir nichts Gutes. Nicht nur, dass das Taxi stank als sei es eigentlich ein Testlabor für die Konsistenz blauen Rauchs, nein der Taxifahrer selbst, der bellend hustete und in einem langen Monolog wirre Thesen über das Wesen des Rechtssatates aufstellte, dabei die Zähne bleckend als sei er eine Hyäne auf Urlaub, ließ mich weiteres Unbill erwarten. Natürlich stritt ich heftig mit dem Taxifahrer, der erregt aufs Lenkrad hieb über meinen Unwillen zu akzeptieren, dass die Todesstrafe doch die Lösung nahezu aller Probleme wäre. Dann machte ich das Fenster auf, um dem Qualm loszuwerden und mir war, als funkelte der Mond hämischer als sonst, aber ich mag mich irren, war ich doch abgelenkt von der Tirade des Taxifahrers. Auch auf dem Flughafen angekommen, wollte es nicht besser werden. Fliegt man sonst mit einem der ersten Flüge, ist es still und sehr freundlich, alle Welt gähnt, und überhaupt ist man nachsichtig und freundlich mit den eigenen Unzulänglichkeiten und denen der anderen alle Gürtel, Flaschen und Geräte preußisch-zackig in die grauen Wannen zu kippen. Gestern aber war alles anders. Kaum reihte ich mich in die Schlange ein brüllte und schrie ein Mann am Schalter auf die Schalterdame ein. Frechheit, Frechheit also und Unverschämtheit und Beschwerde bei allen Chefs aller Flughäfen, beim Regierenden persönlich ( er kenne den gut ), und ja wenn es sein müsse ginge er bis in die aller-allerhöchste Instanz ( wäre das G*tt und wie gut kann man diesen kennen? ), die Schalterdame sah den Mann müde an, wiederholte die 8kg-nicht 25kg für Handgepäckregelung und als das alles nichts nützte gegen den Beschwerdefluss und den Mann, der mit rotem Gesicht drohte und brüllte, blies sie rosa Blasen mit ihrem Kaugummi und dann kam der Mann vom Sicherheitsdienst und bald schon hörte man den Mann nur noch von Weitem schreien: Frechheit.

Im Flugzeug aber hat das Universum noch immer kein Nachsehen. Kaum sitze ich also und ziehe ein Buch aus der Tasche, nähert sich ein Mann. Ende dreißig mag er sein, einen Rucksack oder eine Tasche hat er nicht, dafür aber mehrere ALDI Plastiktüten, die er vor die Brust gedrückt hält und auf den Mittelsitz wirft. „Er sitze hier“, lässt er mich wissen und ich nicke. „Warum auch nicht, sage ich.“ Aber der Mann hat keinen Sinn für Späße, sondern verfrachtet einige der Tüten in die Anlagefächer, zwei Tüten aber behält er bei sich und als ich aufsehen, fällt mir auf, dass der Mann nur einen Schuh anhat. Nun bin ich so hemmungslos altmodisch, dass es mir der Trend zum Ein-Schuh natürlich entginge, aber verwundert bin ich doch, schließlich ist es noch immer erst Februar.“ Ihnen fehlt ein Schuh“, sage ich also zu dem Mann, der gerade sehr vertieft in einer der Tüten wühlt. „Auf meine Frage antwortet er zunächst nicht. Er sei Schriftsteller sage er und hält mir eine laminierte Broschüre hin: „Mein Kampf mit dem Andromedanebel“ oder so ähnlich lautet der Titel. 9 Euro das Stück, aber er würde sie mir auch für sieben Euro verkaufen. Ich lehne bedauernd ab und zeige auf mein Buch. Der Mann sieht mich verständnislos an, ungefähr so als hätte ich einen Zettel mit Lottogewinn zerrissen. „Ihr Schuh“ versuche ich es noch einmal, um es dann für die nächsten eineinhalb Stunden zu bedauern. „Mein Schuh“ echot der Mann. „Mir fehlt ja ein Schuh.“ Der Mann zieht daraufhin alle Tüten aus dem Gepäckablagefach nach unten und durchwühlt sie auf das Grundsätzlichste. Neben einer Tüte voller Müll ( alte Kabel, Bonbonpapier und verschiedene Kleidungsstücke ) sind alle anderen Beutel bis zum Rand mit Broschüren über Ufo-Invasionen und andere außerirdische Erscheinungsformen angefüllt. Ich wiederum krieche ganz Schatzsucherin auf dem Boden herum, um den zweiten Schuh etwa in einer der Vorderreihen zu lokalisieren. Als ich wieder auftauche ist mein Platz unter Broschüren und Müll begraben. Der Mann schwitzt inzwischen stark und wühlt weiter verzweifelt in den Tüten. „Hören Sie sage ich“, haben sie ihre Schuhe bei der Sicherheitskontrolle noch angehabt? Der Mann weiß es nicht. Er ruft seine Mutter an. Inzwischen drängen immer mehr Menschen in das Flugzeug und die Tüten belegen inzwischen zwei Sitzreihen. Die Mutter bläkt durch das Telefon: Ramon-Jürgen ick hab hier selbst ne Krise. Über den Verbleib der Schuhe weiß sie nichts beizutragen: Wie oft hab ick dir schon jesacht, du musst dich endlich selber kümmern?“ Der Mann springt auf und tippt wahllos Passagieren auf die Schulter: „Haben sie meinen Schuh gesehen?“ Ich werfe die Broschüren zurück in die Tüten. Die Stewardess schreit durch das Telefon: „Hat jemand einen weißen Turnschuhe in Größe 48 gesehen?“ Niemand hat einen Turnschuh gesehen und auch ein Anruf der Stewardess bei der Sicherheitskontrolle führt zu keinem Ergebnis. Der Schuh ist und bleibt verschwunden. Schließlich kehrt der Mann zurück und beginnt erneut in den Tüten zu graben. Ich sitze auf ungefähr zehn Zentimetern Sitzfläche der Rest ist bedeckt von den Habseligkeiten des Mannes neben mir. Der wiederum beginnt nun zu weinen ob des verlorenen Schuhs. Ich suche hektisch nach Taschentüchern und finde natürlich nur Kopfschmerztabletten ( abgelaufen natürlich seit 2014, da sage noch einer G*tt habe keinen Humor.) Der Mann schluchzt und ich finde endlich die Taschentücher. „Finden sie den Schuh“ flehe ich die Stewardess an.“ Die Stwardess sieht verstört auf den Mann und die Broschüren hinab. „Andromeda-Nebel“ sage ich, 9 Euro, die Stewardess verspricht ihr Bestes zu tun. Der Mann inzwischen etwas beruhigter, rennt wieder durch das Flugzeug und befragt jeden nach dem Verbleib seines Schuhs. Ich hingegen durchwühle noch einmal das Gepäckfach, und zieh die verbliebene Plastiktüte hervor. Darin mehr Müll, als ich einen weiteren Stapel Broschüren hervorziehe, macht das Flugzeug einen Satz und ich stoße mir das Knie an der Sitzlehne und etwa dreißig Sekunden später, bevor ich noch angemessen fluchen kann, trifft mich ein weißer Turnschuh am Kopf.
Der Mann strahlt. Ich nicht.
Bevor wir dann aber das Flugzeug verlassen, flüstert er mir verschwörerisch zu, dass er eigentlich einen kleinen Kühlschrank habe mitnehmen wollen, aber er habe keine passende Tüte gefunden. Ich danke dem Universum, dass es mir die Stirn nicht mit einem Kühlschrank zerschmettert hat.
Der Tag aber der sich in Dublin anschließt verläuft so gewöhnlich, so unspektakulär, so normal, so ganz und gar in den vorgegebenen Bahnen, selbst der ewig verspätete Zug ist pünktlich, dass ich annehme die Sterne haben sich vertragen, der Mond einen klaren Schnaps getrunken und nicht zuletzt G*tt selbst endlich die Notfallapotheke erreicht und das Universum verläuft in den ruhigen, immer gleichen Bahnen, die sich um uns nicht bekümmern und gänzlich unberührt sind von unseren Wegen.

17 Gedanken zu “Ein Spalt im Universum

  1. Ja, ick finde och immer, in Bärlin kannste wat erleben, da könnt ick echt jedet Mal nach meenen Bahnfahrten drüber schreibn, wa? – Das Universum hat davon, zumindest mit dem Blick aus vom Himmel über Berlin – jenuch, gloob ick irjentwie, deswejen greiftet och nimmer ein hier 😉

  2. :-)….. offenbar hat das Universum versucht, den lästigen Autor durch einen Spalt verschwinden zu lassen. Da er nur einen Schuh trug, misslang das Anliegen des Universums, da selbiges bekannt für seine ausgeprägte Würdigung der Symmetrie ist.
    Einen Mann mit nur einem Schuh, hätte das Universum niemals verschlucken können. Deshalb landen auch keine Einarmigen und keine Einäugigen in diesen Universumsspalten.

  3. Jetzt habe mal kurz recherchiert ob es Kühlschränke gibt die nicht mehr als 8 kg wiegen: Es gibt sie! Der Mitnahme steht also prinzipiell nichts im Wege. Allerdings habe ich bisher noch nie in einem Flugzeug eine Steckdose an einem Sitz entdeckt. Deshalb erscheint mir die Mitnahme nicht sinnvoll.

  4. Wenn die Sonne im Wassermann aufgeht und der Mond dem Mars zu nahe tritt, regt sich im Manne das wässrige Element und macht ihn ganz konfus. Vielleicht war es aber auch die Rache des Androdmedanebels. Irgendeine kosmische Erklärung passt immer!

  5. Ich habe neulich Murks geschrieben: nicht Hermione Granger, sondern Clara Oswin Oswald. Vorsicht vor diesen Brüchen in der Realität: Here be Daleks! Wenn man es nicht schafft, mithilfe des sonischen Schraubenziehers die Polarität ganz geschwind umzupolen, gibt es eine Katastrophe 🙂

    • Oha! Wen Sie alles kennen. Ich musste die Dame erst mal nachschlagen. Aber sie hat bestimmt etwas zu erzählen von dem Ungemach des Universums.Ein jedes Fräulein von Welt sollte über einen sonischen Schraubenzieher verfügen.

      • Oh! Sie leben in Irland und kennen Doctor Who nicht? Es ist eine Fernsehserie, die läuft seit 1963 oder so (damals war ich knapp noch nicht geboren) mit regelmäßig wechselnder Besetzung. Clara Oswald ist die soweit letzte companion des Doctors, sie heisst auch the impossible girl: sie lebt in vielen Epochen gleichzeitig (sehr vereinfacht erklärt). Wird von Jenna Louise Coleman gespielt, ich finde sie sehr lustig und auf eine leicht infantile Art sexy. Googeln Sie TARDIS, das hätte ich gerne

  6. Ach, das werde ich mir demnächst sagen und es wird mich an schlimmen Tagen ein wenig trösten: Das Universum hat einen Spalt und versucht, jemanden zu verschlucken, die Sterne zanken, der Mond braucht Medizin… das ist schön und wird den Tag retten. Danke dafür!

  7. Herrlich, die rosa Kaugummi blasende Schalterdame, und bewundernswert, die helfende Schatzsucherin
    in der Begegnung mit dem Besitzer außerirdischer Lektüre und Plastiktüten-Liebhaber. Der göttlichen Vorsehung sei Dank, dass der Einschuhige keine passende Tüte für seinen Kühlschrank finden konnte.

  8. Er bräuchte halt nur eine Tüte, die ähnlich wie eine TARDIS funktioniert: Innen größer als außen. Das Prinzip war auch schon Michael Ende bekannt, der darüber eine Kurzgeschichte schrieb, welche in Italien spielt: Dort gibt es Autos, in den sich sehr viel Platz zum Wohnen für eine mehrköpfige Familie samt Mobiliar befindet.

    Aber das wäre jetzt arg weit ab vom eigentlichen Thema

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