Reisenotizen

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Frankfurt im Vorüberwehn

Am Morgen zum siebenten Mal nachsehen: Pass, Schlüssel, Telefon und Bücherstapel. Geschirrgeklapper, die Müllabfuhr kommt, der Priester hat sich ausgeschlossen und sucht Trost. Immerhin bekommt er Tee und Hefezopf. Ich sehe zum achten Mal in die Tasche, der Tierarzt sucht die Autoschlüssel. Dann fahren wir los.

„Komm zurück, sagt der Tierarzt.“ Ich nicke. Für zwei Minuten, meine Hand an seiner Wange, dann hupen Taxifahrer und ich muss los. Im Flugzeug fällt ein Mann schlafend auf meine Schulter und wen die G*tter lieben, der wacht auch nicht auf, erwehrt man sich des fremden Kopfes auf der Schulter. Gläser klirren, eine Frau sucht einen Ring, ich lese in Paul Austers neuem Buch. Immer wieder vergesse ich, wie sehr ich Paul Auster mag.

In Frankfurt kommen zwei Stewardessen mit ernsten Gesichtern auf mich zu. Der Flug nach Berlin ist gestrichen. Ich renne. Zuerst zur S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof und dann weiter und schneller, treppauf und treppab, an den Gleisen entlang und schließlich der Zug fährt gerade ein, falle ich dem Schaffner vor die Füße. „Hoppla“ sagt er und ich atme zischend aus. Rückwärts aus Frankfurt heraus, den Blick erst auf die graue Stadt und dann in den Taunus hinein. Deutscher Märchenwald, dichte Tannen und irgendwo zwischen den Hängen ein Haus aus Lebkuchen oder eine Köhlerhütte und des Nachts tanzen die Irrlichter in den Schluchten. Fulda und Kassel und ich erinnere mich genau an die Reisen mit meiner Großmutter. Wir, die wir beide auf Wanderschaft gingen, Göttingen natürlich, wir standen vor dem Haus von Max Planck und in Göttingen strandete meine Großmutter nach dem Krieg, ein paar Wochen bloß, ein DP-Camp, wir suchen den Ort vergeblich. Noch immer sehe ich sie im hellen, gestreiften Sommerkleid auf einem Felsstein sitzend. Noch einmal deutsche Gedichte, deutsche Geschichten, ihre und meine Geschichte. Sie nahm mich bei der Hand und wir liefen und liefen, kilometerweit kaum einmal trafen wir Menschen. Später noch und noch immer noch heute bin ich in dem Versuch gescheitert jemanden zu finden, in dessen Schritt ich einfiel wie in den ihren, selbstverständlich und ohne zu Zögern. Weimar und die Wartburg, Bad Tölz und Kochel am See, wir gingen noch einmal durch Deutschland, ein Land aus ihren Geschichten, das es nicht mehr gab, aber noch einmal zwischen Seen und Tälern, zwischen Rhein und Main waren wir Juden auf Wanderschaft, taten wir so als sei die Liebe der Juden zu Deutschland nicht schon lange nur noch Geschichte. Es waren die Sommer unserer Wanderschaften, die einzigen Male in denen ich in Deutschland nicht die Fremde war und meine Großmutter, die mir Kompass geblieben ist, wurde mir Landkarte. Erst später las ich Lenz’ Spaziergang im Gebirg und noch später Paul Celans Gespräch im Gebirg. Ich verstand sofort.
In Göttingen wird der Zug wieder voller und der Mann, der neben mir sitzt, sieht medizinische Ratgebervideos und fährt sich sorgenvoll wieder und wieder über den Bauch.

Irgendwann endlich hält der Zug in Berlin. Der Bahnhof ist fast menschenleer, in der S-Bahn schließlich bin ich bald allein, nur eine Bierflasche rollt durch den Zug. Schließlich steigt ein Straßenfegerverkäufer ein, ich krame nach einem 2 Eurostück und der Mann erklärt mir er könne Musik machen. Talent soll man bekanntlich loben, wo immer man es trifft und der Mann holt eine Mundharmonika heraus und spielt „Alle meine Entchen“. Ich bedanke mich und schon verschwindet der Mann irgendwo in der Nacht.

Endlich Schlüssel in Schloss und der Bücherstapel auf den Tisch. Müde bin ich, zum Umfallen müde, aber für einen Moment sitze ich doch noch im Sessel. Eine alte Zeitung vor meinen Füßen, die Rosen lange schon vertrocknet, es knarren die noch immer die sechste und die achte Diele, dunkel ist es im Zimmer, nur von der Straßenlaterne fällt Licht herein, still ist es hier am Ende der großen Stadt, eine einsame Katze mag sich hierher verirren, doch kein Wanderer wartet und schon streckt die Nacht ihre Finger aus, findet mich hier im Sessel und zieht mich zu sich heran.

8 Gedanken zu “Reisenotizen

  1. „Erst später las ich Lenz’ Spaziergang im Gebirg und noch später Paul Celans Gespräch im Gebirg. Ich verstand sofort.“

    Ist es möglich noch etwas zum „Ich verstand sofort“, zu sagen?

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