Dresden.Unter der Asche.

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch und liest. Konzentriert liest er , denn der Tierarzt ist ein ernsthafter Mann. Niemals würde er wie ich, drei Bücher auf einmal lesen und dazu noch einen Apfel und Nussschokolade essen. Der Tierarzt sitzt schweigend über das Buch gebeugt und liest. Victor Klemperers Tagebücher, mein Weihnachtsgeschenk an ihn. Ich indes stehe an der Anrichte und schäle Kartoffeln und Möhren, denn schon braust die Orgel und das heißt das bald der Priester zum Sonntagstisch kommt. Der Wind brüllt und im Radio spielt jemand das Dritte Klavierkonzert  von Rachmaninoff. Dann sieht der Tierarzt auf. „Ist Dresden eine schöne Stadt?“, fragt er und mir fällt das Messer aus der Hand. Aber der Tierarzt fragt mich noch einmal und ernsthaft: „Ist Dresden eine schöne Stadt?“ Ich sehe den Tierarzt an.

Vor drei Jahren war ich das letzte Mal in Dresden, auf dem Weg nach Prag wie so oft. Die Wohnung von A. zweifellos schön, an der Elbe gelegen und ich lief morgens am Fluss entlang, viele Kilometer. Natürlich möchte ich dem Tierarzt sagen, ist Dresden eine schöne Stadt. Ein Spaziergang auf dem Weißen Hirsch. Schöne Häuser, geleckte Straßen, überhaupt immer wieder das Elbufer, Schloss Pillnitz und abends zum Konzert in die Frauenkirche. Ich habe vergessen welches Konzert. Rachmaninoff aber war es nicht. Ich saß schräg links neben einem Engel mit Trompete. Das Grüne Gewölbe. Natürlich schön. Schön ist kein Wort für die Prachtentfaltung. Der Audioguide schallerte dementsprechend auch von Raum zu Raum lauter, dass jetzt das Schönste und Allerschönste und Besonders Schöne käme. Ich stellte ihn ab und bewunderte die halbautomatische Spinne und langweilte die liebe C. glaube ich gründlich mit Ausführungen über die Kakaokultur am sächsischen Hof. Wir fuhren nach Hellerau und ich war im Glück. Kafkas wegen und weil die Sonne schien. Die C. und ich aßen Eis und später saßen wir wieder an der Elbe mit A. und Freunden und aßen sehr, sehr guten Käse aus Pfund’s Molkerei. Der Tierarzt nickt und ich streiche mir über die Stirn, denn den Satz Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt, den die Stadtführerin sagte, der blieb an mir hängen, ein Haken in der Haut.

Nicht nur weil er forsch vorgetragen war, trotzig fast, sondern weil er auf eine Frage antwortete. Meine Frage war: „Lesen Dresdner Schüler Viktor Klemperers Tagebücher?“ Die Antwort der Stadtführerin war: „Nein.“ Und dann „Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt.“ Ich sah die Stadtführerin an und dann verließ ich die Stadtführung und als ich fortging, da fragte ich mich ob Dresden nur dann schön sein kann, wenn es andere Städte es nicht sind oder nur beinahe, ob die Schönheit, die teuer erkaufte Schönheit nur besteht, als ein Einzelnes. Ich weiß es nicht. Ich ging in die Loschwitzer Straße, dort standen die Judenhäuser in denen auch Klemperer und seine Frau auf das Ende warteten. Ihr Ende, nicht das der Stadt. Als Klemperer und seine Frau auf die Loschwitzer Straße hinuntersahen, da mögen sie vielleicht auch eine jener Jugendstil-Figuren gesehen haben, die so oft zwischen Paris, Dresden und Budapest Europa mit Stier zeigen. Aber vielleicht haben Victor und Eva Klemperer vor Angst gar nichts mehr gesehen. Ich erinnere mich noch genau wie ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in Klemperers Tagebüchern las. Ich fand sie furchtbar. Banal und dann das ewige Damoklesschwert Hausbau. Ich hatte mir mehr versprochen. Mit vierzehn glaubte ich Leid seine heroische Erfahrung und dürfe niemals von fehlendem Klopapier berichten. Ich beschwerte mich bei meiner Großmutter und mit hochtrabendem, vierzehnjährigen Ton, anklagend also fragte ich sie warum sie kein Tagebuch geführt habe in jenen Jahren. Sie aber sah mich kühl an und schwieg lange: „Es habe in Auschwitz kein Papier gegeben“, sagte sie und ich schämte mich. Schämte mich zum Erbrechen. Erst Jahre später las ich die Tagebücher erneut, las sie als das nie geschriebene Tagebuch meiner Großmutter, wie Klemperer an der Assimilation zerbrochen, sie die preußischste unter den deutschen Juden, ich las mit klopfendem Herzen. Ich las und las und las und ich kann nicht sagen, dass Dresden eine schöne Stadt ist, gesehen von der Loschwitzer Straße aus, in der noch einige wenige Familien ausharren im Februar 1945. Ich komme nicht weg, mit den Füßen nicht und den Gedanken. Schließlich findet mich die C. Ich sitze auf dem Bordstein auf den Knien das aufgeschlagene Tagebuch. Die Dresdner Alte Synagoge abgebrannt 1938, die Steine zur Straßenpflasterung verwandt, sage ich zu C. und die C. zieht mich zu sich heran.

Wir gingen in eine Ausstellung. Paul Klee im Orient und in den Vitrinen liegen Postkarten, die Klee an seine Frau schrieb, ein Tagebuch der Liebe. Dresden hat mit dem Albertinum eine wunderschöne Kunstsammlung. Auf dem Balkon der A. sahen wir auf die Elbe hinunter und aßen Kuchen. Kreutzkamm. Einstmals königlicher Hoflieferant. Die Dresdner Silhouette im Sommerlicht. Canaletto Bilder. Dresden als glänzende Schönheit. Auf meinen Knien das Tagebuch. Der Sommer in Dresden 1943 ist auch schön. Nur die Verhaftungen, Mittwoch der und Donnerstag ein Anderer stören das Panorama und Klemperer beginnt in einer Tee-Ersatz Fabrik zu arbeiten. Natürlich haben wir uns in Dresden die berühmte Yenidze Zigaretten Fabrik angesehen. Heute frage ich mich, ob die Proteste auch die Minaretttürme mit einschließen, damals fragte ich mich das nicht. Ich überlegte ob Kafka die Türme wohl schon bei der Einfahrt aus Prag bemerkt hat oder auch nicht. Wir essen schlecht am Neumarkt zu Abend. Ein gräulicher Bänkelsänger scherzt grob und ich bin zu ungeduldig für seine Scherze und müde, vielleicht auch das.

„Klemperer hat, sagt der Tierarzt während des Krieges, Kartoffeln und Kohl gegessen.“ Ich denke an meine Großmutter, die in Auschwitz alles gegessen hat, auch Dinge, die man nicht essen kann. Meine Großmutter hat sich das nie verziehen, diesen rohen Hunger und niemals wieder hat meine Großmutter nur mit den Händen gegessen, sondern immer mit Besteck und Leinenserviette, selbst ein Ei auf der Zugfahrt. Am 13. Februar 1945 gibt es in Dresden noch hundert Juden. Am Abend des 13. Februars wird Dresden bombardiert. Am 13. Februar 1945 sind alle Juden Europas schon tot und meine Großmutter zieht mit den Gerippen der anderen aus Auschwitz fort und wird sich für Monate auf einem Friedhof verborgen halten, der sehr weit weg von Dresden liegt. Victor und Eva wiederlegen die Wahrscheinlichkeit des Todes und Victor Klemperer schreibt in sein Tagebuch diesen einen Satz, der sich mir eingegraben hat: „Dresden. Modernes Pompeji.“ Das schreibt der Jude Klemperer und es wird viele Jahre dauern, Jahrzehnte vielleicht bis die Deutschen oder die Dresdner vielleicht ist das gleich, etwas aufschreiben, aber dieser Satz ist das Wahrste was je geschrieben wurde über Dresden. Die Zerstörung Dresdens begann doch wie die Pompeijs nicht mit dem Knall der ersten Bomben, sondern als feiner Haarriss im Jahr 1933, zog sich langsam durch die Mauern, bis dann alles zerbarst in dem unfasslichen Schrecken jener Februarnacht. Nein, ich kann nichts weiter als düstere Fassungslosigkeit empfinden angesichts der zerborstenen Häuserwände und der abgebrannten Straßenzüge.

Pompeij die Mutter aller Zerstörung, das grundsätzliche und gänzliche Begraben alles Bestehenden und die Flucht, denn Victor und Eva Klemperer verschwinden aus dem Trümmerfeld und: „Ich bin wie ein Gespenst“ schreibt Klemperer. Ich bin wie ein Gespenst. Dresden ist eine Opferstadt hört man wieder und wieder sagen. Ich glaube nicht, dass diejenigen die das sagen als erstes an Victor Klemperer denken, und ich denke an jenen Nachmittag auf dem Balkon mit Elbblick zurück. In Hiroshima sagt der Tierarzt, der viele Jahre in Japan lebte, empfinden die Opfer Scham und sprechen nicht, in Dresden aber ist die Ursache des Krieges nur eine Nuance, ist die Schönheit, die über Pompeij gelegt worden ist, wie ein Tuch, das gegen die nagende und bohrende Erinnerung abschirmen soll. In all den aufgebauten und auch abgerissenen Dresdner Bauten liegen oft nur als winzige Splitter, plötzliche Erinnerungen und Gespenster verborgen. Dresden ist Pompeij geworden und niemand weiß, was passiert wäre, hätte man das vor Jahrhunderten zerstörte Pompeij wieder aufgebaut. Dresden ist wieder schön, ist wieder da und ist trotzdem Pompeij geblieben, unter dem Schutt und der Asche liegt Europa begraben, und jeder Neuankömmling so scheint es, sei allein schon durch seine Anwesenheit, durch seinen möglichen Zweifel an der Schönheit Dresdens in der Lage, die Stadt selbst zum Einsturz zu bringen. Es reichen drei Busse oder ein Jude, jedwede Erinnerung an den Haarriss, der sich in zwölf Jahren durch die Stadt zu ziehen begann.

Meine Großmutter sammelte Meissner Porzellan und mahnte zur Vorsicht. Ich liebte die Tasse mit den Rosen und meine Großmutter, die mit den Veilchen. Wir, die wir Weimar und Erfurt, Meissen und Görlitz und Dessau und Jena besuchten, nach Dresden sind wir nie gemeinsam gefahren. Ich weiß nicht warum.

Ein letztes Mal bevor wir nach Prag fuhren vor drei Jahren, die C. und ich, gingen wir in die Loschwitzer Straße und trafen Freunde in Tolkewitz, wieder nah an der Elbe. Warm war der Tag, wir kauften Granatapfelsaft und Orangen bei einem Gemüsehändler am Eck. Die C. wollte gern Erdbeeren haben und ich wartete im dunklen Ladenraum. Der Verkäufer Vietnamese, aber mehr noch Dresdner mit breitem sächsischen Akzent beklagte die Hakenkreuzschmierereien an seinem Laden. Über der Kasse hing ein vergilbter Zeitungsartikel. Ein grobkörniges Bild zeigt den Mann wie er zwei Buben, die auf dem Eis eingebrochen waren, herauszog. „Sie sind ein echter Held“, sagte die C., die solche Sätze sagen kann, und sie zum Glück auch sagt. Der Mann strahlte und schenkte uns eine riesige Melone. An anderen Morgen fuhren wir nach Prag. An einer Ampel halten wir neben einem italienischen Restaurant. Pizzeria Napoli. Dresden ist Pompeji geworden, niemals wieder wird es nur Dresden geben können, so ist das.

Niemand hat so über Dresden geschrieben, so schmerzhaft, so schön, so einfach und so selbstverständlich wie Victor Klemperer, den man in Dresden nicht liest. Doch er ist der tektonische Sockel dieser Stadt. Dresden. Modernes Pompeji, sage ich zum Tierarzt in der Küche, das Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, die Mohrrübenschalen neben mir, der Wind und die Orgel, Glockengeläut, das Klavierkonzert lange schon zu Ende. „Fahr mit mir nach Dresden, sagt der Tierarzt. Ich sehe ihn an und zögere zu lang. „Überleg es dir“, sagt der Tierarzt, streicht über meinen Rücken und deckt den Tisch.

36 Gedanken zu “Dresden.Unter der Asche.

  1. Schöne Freunde haben Sie in Dresden. Hatten die wirklich nichts Besseres zu tun, als Ihnen die dümmsten Sehenswürdigkeiten, vom Grünen Gewölbe über Pfunds Molkerei, Frauenkirche bis zur Yenidze zu empfehlen? Mußten Sie danach im Stadtzentrum schlecht und teuer zu essen? Kein Wunder, wenn Sie es nicht mögen.

    Sollten Sie trotzdem wieder den Weg finden, besuchen Sie doch mal die andere Elbseite. Die Kunsthofpassage in der Neustadt oder ein gutes kleines Restaurant wie das Raskolnikoff auf der Böhmischen Straße. Der Sommer wie Winter wundervolle Prießnitzgrund lädt zu einem Spaziergang ein. Genießen Sie einen Abend in einem der vielen kleinen Programmkinos, denn vielleicht lesen die Dresdner nicht Klemperer, aber sie schauen sich z.B. „Wir sind die Juden aus Breslau“ an, läuft gerade im PK Ost. Zu den Bachtagen wie auch sonst das ganze Jahr veranstalten zahlreiche kleinere Kirchen wundervolle Konzerte, zuletzt u.a. die Goldberg-Variationen adaptiert für 2 Akkordeons in der Bethlehem-Kirche in Tolkewitz. Museen gibt es reichlich auch jenseits von Albertinum & Co, der Mathematisch-Physikalische Salon sei Ihnen ans Herz gelegt. Und nicht zuletzt hat Dresden auch noch den ältesten jüdischen Friedhof Sachsens. Einst der jüdischen Gemeinde auf „Ewige Zeiten“ übergeben, dann geschlossen wegen Überfüllung Ende des 19. Jh., verloren und vergessen in einer stillen Ecke der Neustadt überlebte er Nazi- und DDR-Zeiten unberührt, heute ein Kleinod der Ruhe zwischen alten Mauern.

    Nein liebe ReadOn, Sie waren nicht in Dresden. Sie waren in Disney-Land.

    • Sehr geehrter Dirk,

      Ihre Assoziation zu diesem Text war tatsächlich … Disney-Land?

      Es ist wirklich interessant, wie unterschiedlich man Texte lesen kann.

      • Natürlich nicht der ganze Text. Zu Dresden wird soviel Unsinn gesagt und geschrieben von allen Seiten, egal ob von Höcke oder Hilbert, da muß ich nicht auch noch kommentieren.

        Aber was die besuchten Orte betrifft schon. Weißer Hirsch, Schloß-Pillnitz, Pfunds Molkerei, Yenidze, Grünes Gewölbe, Albertinum, die innen bonbon-pastellfarben gestrichene Frauenkirche, der im möchtegern-historischen Stil wiedererbaute Neumarkt – das ist genau das, was man aus einem Reiseführer mitnimmt und wo sich kaum je ein Einheimischer hinverirrt.

    • Ach, Seien Sie nicht so streng mit der lieben A. Sehen Sie, diese Sehenswürdigkeiten sind eben auch Diesen und für viele Touristen sind sie vor allem Dresden. Ich sehe Ihren Punkt und ich danke Ihnen für die vielen Hinweise auf „Ihr“ Dresden ( die Goldberg Variationen als Akkordeon-Version klingt ja spannend ) und ich würde sicher gern bei Raskolnikoff essen, aber ich glaube es gibt eben auch das andere Dresden, das Dresden, das in diesem Klemperer Satz liegt und ich finde er hat da einen guten Punkt, der mich sehr beschäftigt. Vielleicht ist Disney- Land ja eine Antwort auf eine Zerstörung, die mehr als eine Zeitschicht und Gebäude umfasst.

  2. „Die Zerstörung Dresdens begann doch wie die Pompeijs nicht mit dem Knall der ersten Bomben, sondern als feiner Haarriss im Jahr 1933, zog sich langsam durch die Mauern, bis dann alles zerbarst in dem unfasslichen Schrecken jener Februarnacht.“

    Ganz genau so ist es.

    Und der Riss, der durch Dresden ging, zog sich vor dieser Februarnacht auch durch Guernica, Wieluń, Coventry, Caen, Hamburg …

    All das – und auch die Tatsache, dass unter den Menschen, die in Dresden in jener Nacht verbrannten oder erstickten oder von Trümmern erschlagen wurden, wahrscheinlich auch Kriegsverbrecher, KZ-Wächter und andere Mörder waren, ändert andererseits auch nichts an dem Leid der Betroffenen. Aber wer die Bombennacht von Dresden politisch zu instrumentalisieren versucht, sollte weder diese Zusammenhänge, noch das Leid der Betroffenen ausblenden …

    … und dann erkennen, dass genau das eben nicht möglich ist.

    • Genau der Riss, dieser Riss, der sich fast durch die gesamte Welt zog in diesem unendlichen Grauen. Ich glaube man muss darüber reden und immer wieder die Trümmer verschieben, das ist sehr schmerzhaft, das hört nicht einfach auf.

  3. Dresden ist schön – aber Dresden ist auch viel Fassade. Dann möchte man meinen, bei vielen ist Lack der Mitmenschlichkeit nur dünn. Ich wohne jetzt mehr als 10 Jahre hier und tue mich manchmal schwer mit der selbstzufriedenen, selbstgerechten Art der Dresdner, die sich für was Besseres halten und dabei stets befürchten, zu kurz zu kommen. Nicht alle natürlich, längst gibt es auch hier eine Durchmischung und viele Zugezogene. Man kann hier gut und leicht leben, weltoffen und modern, ohne ständig auf die Vergangenheit zu blicken. Und doch erschreckt es mich immer mal wieder, wenn mir die Fassaden bewusst werden. Gerade in diesen Tagen im Februar macht mich das nachdenklich und unbehaglich…

    Vielen Dank mal wieder für Gedankenanstöße und Gedankenumwälzungen, auch wenn sie unbehaglich machen.

    • Ein interessanter Eindruck. Danke. Mir fiel eine grundsätzliche Verteidigungshaltung auf, wo gar kein Angriff war, aber ja ich glaube Behaglichkeit ist vielleicht das einzige was es in dieser Stadt nicht geben kann und die Überbetonung des „Schönen“ ist vielleicht ein Versuch das trotzdem herzustellen.

  4. „.. denn den Satz Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt, den die Stadtführerin sagte, der blieb an mir hängen, ein Haken in der Haut.“
    Das geht mir zu Herzen, auch weil mir dabei Walter Benjamins „Engel der Geschichte“
    vor Augen steht den er im Angelus Novus v. Paul Klee erkennt und darauf seine 9. geschichtsphilosophische These gründet:

    „Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

    Wenn der Tierarzt die 9. These liest, wird er Ihr Zögern, liebe Read on, nur zu gut verstehen.

    • Danke. Natürlich, Benjamin und sein Engel der Geschichte. Er hat das alles gesehen. Man kann die Tür nicht schließen. Mich hat Dresden in vielen Hinsichten irritiert, das ist ja weder gut noch schlecht, sondern einfach ein Eindruck und ich glaube Klemperer mit seinem Satz von Pompeji hat etwas gesehen, was man in Dresden lieber vergäße.

  5. Warum kann man Dresden nicht einfach mal in Ruhe lassen? Es ist schlimm, was vor 72 Jahren passierte und auch was die 12 Jahre davor geschehen ist. ABER es ist die VERGANGENHEIT. Es ist passiert und kann nicht ungeschehen gemacht werden. Doch immer wieder wird es aufgewärmt. Ich kann es nicht mehr hören, lesen und sehen. VERDAMMT NOCHMAL.

    • Nein, nein, nein, am Ende eines solchen Kommentars schreibt man nicht verdammt nochmal sondern Punkt! Und Grossbuchstaben gehen gar nicht, es ist, als ob man schreien würde, und wie Sie vielleicht wissen (und wenn Sie es nicht wissen, sage ich es Ihnen gerne, denn das gilt immer, ausser bei der Oper) kann man die Borniertheit eines Menschen in Dezibel messen: die Lautstärke ist reziprok proportional zur intellektuellen Fähigkeit und Redlichkeit. Very sad!

      • Es sind gerade mal vier Worte, die ich etwas lauter gesagt habe und ich darf wohl meine Meinung äußern, dass diese mediale Verwurstung der Geschehnisse von damals mich einfach ankotzen. Ja, ich schreibe so vulgär, weil ich ja nach Meinung von Ferrer borniert bin. Wobei sie mich überhaupt nicht kennen und dies nicht einschätzen können.
        Aber immer mal schön ein paar englische Vokabeln in den Kommentar werfen. Das kommt echt weltmännisch herüber. Und „Großbuchstaben“ wird mit „ß“ geschrieben. Aber das nur am Rande.

    • „Warum kann man Dresden nicht einfach mal in Ruhe lassen?“

      Vielleicht weil es die Toten sind, die uns nicht in Ruhe lassen können.
      Vielleicht weil sie von uns Lebenden noch lange lange der Wehklage
      bedürfen, um irgendwann in Frieden ruhen zu können.

      • Die Toten sollen Frieden finden. Dieser Meinung bin ich auch. Das kann man auch still tun und muss nicht jedes Jahr ein Volksfest veranstalten.

    • Es gibt diesen Satz von Friedrich Nietzsche: Es gibt Dinge, die hören nicht auf weh zu tun. Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sie ist noch nicht einmal vorbei und das auszuhalten, ist nicht einfach, aber ich sehe nicht das Schweigen und Stille dabei helfen würde. Es gibt eine Stille, die ist so laut, dass man sie nicht aushalten kann.

      • War ich mit der Ironie gemeint? Wenn ja, fühle ich mich gebauchpinselt, vielen Dank! Hoffentlich steigt mir das nicht zu Kopf, aus Ihrem Munde ist mir das viel Wert. Übrigens, falls Sie das Zitat nicht zur Hand hatten, “The past is never dead. It’s not even past.” ist von Faulkner (Requiem for a nun). Ich weiss das zufällig, weil ich das Zitat ebenfalls benutzte, nur habe ich ungenau zitiert, Schande über mich: http://pardel-lux.com/ueberflug-versuch-einer-beschreibung/ci-pops-und-gestank/

      • Aber natürlich waren Sie gemeint. Ich lese Sie so gern.

        Genau, Faulkner und ich glaube Hannah Arendt hat das von ihm und dann weitergedacht. Wunderbar, danke für die Erinnerung.

    • Man kann Dresden nicht in Ruhe lassen, so lange dort „besorgte Bürger“ marschieren und die Vergangenheit allzu gegenwärtig machen. Und wenn Ihnen an der Stadt liegt, dann sollte auch Sie dies umtreiben.

    • Nein, ich kenne Sie tatsächlich nicht, ich sehe nur, wie sich in meinem Kopf die Assoziationen zusammenfügen: http://www.zeit.de/2017/08/dresden-installation-busse-video-martin-dulig/komplettansicht Ich frage mich, warum Dresdner so dünnhäutig sind. Warum sie meinen, anderen sagen zu müssen, worüber sie zu schreiben haben und worüber gefälligst nicht. Es ist sicher nicht schön, ein Rassist zu sein, genauso wie es nicht schön ist, eifersüchtig oder neidisch zu sein. Das sind alles Gefühle, die ich im Laufe meines Lebens empfunden habe, ich möchte mich nicht über Sie stellen (na gut, zugegeben, ein Wenig schon – auch das ist menschlich und normal und beruht doch auf Gegenseitigkeit, oder? Auch ich habe meine Vorurteile). Als diese Gefühle vorbei waren, nachdem ich sie überwunden oder verdrängt oder vergessen hatte, ging es mir jedes Mal besser als während ich sie hatte. Ich glaube, keiner ist gerne und mit Vorsatz rassistisch, eifersüchtig oder neidisch. Unter Umständen sind diese Empfindungen normal und nachvollziehbar und gehen wieder vorbei; unter Umständen arten sie ins pathologische und/oder assoziale aus und verfestigen sich. Aber selbst das normale und nachvollziehbare am Rassismus, an der Eifersucht und am Neid ist bedauernswert. Wenn Sie mir nicht glauben, empfehle ich Ihnen Introspektion (das ist übrigens kein Englisch)

  6. Sicher sind nicht alle Stadtführer/innen so ignorant wie diese eine. Gut, dass Sie gegangen sind.

    Wie auch immer, die Menschen haben überall und zu allen Zeiten Folgen von Zerstörung, ob durch eigenes oder fremdes Unrecht begangen, zu beseitigen versucht und neu aufgebaut. Diese Leistung und der Wille, aus der Asche wieder auf zuerstehen, zählt. Und gerade in Dresden scheint es mir, auch dank der Wende, sehr gelungen.

    Ein sehr lieber, leider schon verstorbener Freund und Lehrer, Dresdner Jude, der vor den Verfolgungen der Nazis flüchten musste, hing dennoch mit jeder Faser seines Herzens an der Heimat. Schon ihm zu Ehren habe ich seine Stadt besucht.
    Zögern Sie nicht und erfüllen Sie dem Tierarzt seinen Wunsch nach einem gemeinsamen Besuch. Ich kann mir keinen besseren Grund vorstellen als nach dieser Lektüre.

    • Man muss manchmal einfach weggehen und weitergehen und dann kommt man vielleicht noch einmal anders wieder.

      Dresden ist natürlich in vieler Hinsicht in eine schöne Stadt und es ist erstaunlich, was da aus Ruinen auferstanden ist, nur es gibt eben einen tieferen und in vieler Hinsicht scheint mir wackligen Boden.
      Bestimmt fahren der Tierarzt und ich einmal nach Dresden.

  7. Ich bin nie in Dresden gewesen. Aber ich habe fast den gesamten Klemperer gelesen, nicht mit Freude, aber doch. Ja, ein seltsames Wunder, dass ausgerechnet dieser grauenhafte Angriff, der die Stadt und viele ihrer Bewohner in Schutt und Asche gelegt hat, den Klemperers das Leben rettete.
    Ich habe vor allem versucht, Klemperers Entscheidung für den Kommunismus, für die DDR, zu verstehen. Und obwohl ich manches kapiert habe, bleibt es für mich doch eine falsche Entscheidung. Immerhin: das eine oder andere aus der frühen DDR quasi bei ihm nachträglich live mitzukriegen, das ist schon nicht uninteressant. Auch für jemanden wie mich, der nie in Dresden war.
    Wieso gerade dieses Geschenk für den Tierarzt?
    Und ansonsten geht es mir wie „meertau“ und anderen: Sie schreiben so schön. Allerdings (und das ist gar nicht typisch für mich) kriege ich mehr und mehr das Gefühl, vor der Fülle Ihres Wissens und der Dichte Ihrer Formulierungen verstummen zu müssen.

    • Ich glaube die Klemperers hat nicht der Bombenkrieg, sondern eine unermüdliche Zähigkeit durch diese 12 Jahre gebracht. Wenn man etwas über Überlebenswillen lesen will, dann sind es diese Tagebücher. Ich glaube Klemperer und die DDR haben etwas mit diesem Thema zu tun und dem scheiternden Versuch an ein neues Deutschland zu glauben. Ich werbe da vorsichtig wie Sie merken für Nachsicht. Der Tierarzt fragte mich nach einem Augenzeugenbericht aus Deutschland zwischen 1933 und 1945 und da liegt Klemperer einfach sehr nah.

      Oh nein, ich lerne immer sehr viel aus den Kommentaren und freue mich über andere Blickwinkel und neue Perspektiven.

      • Ich meinte nicht den Bombenkrieg als solchen. Klemperer schreibt selbst, dass seine Frau und ihn der Brandbombenangriff auf Dresden im Februar 1945 tatsächlich und buchstäblich gerettet hat, weil er jegliche Unterlagen, die es bei den Nazibehörden über die beiden gab, vernichtet hat. Sonst wäre es wahrscheinlich, wie die Klemperers das rundherum gesehen haben, vor Ende des Krieges noch zur Verhaftung und wahrscheinlich Ermordung der Klemperers gekommen. So konnten sie sich, nachdem sie den Bombenangriff und die Feuer überlebt hatten, mehr oder weniger unbemerkt nach Bayern durchschlagen und dort das Ende des Krieges abwarten.
        Aber natürlich setzt das einen gewissen Überlebenswillen voraus, keine Frage.
        Und ja, der Versuch, an ein neues Deutschland zu glauben, war auch da, und er ist letztlich daran gescheitert, dass es eben kein neues Deutschland, nur ein anderes, das gar nicht so viel besser war als das vorige. Sie werben für Nachsicht, aber für wen oder wofür? Für die DDR. Da tu ich mir schwer. Ein Staat, der so toll war, dass er seine eigenen Bürger durch tödliche Schüsse daran hindern musste, ihn zu verlassen? Oder missverstehe ich Sie?
        Und das Gefühl, vor Ihnen manchmal verstummen zu müssen, habe ich wirklich, weshalb sich meine Kommentare auch in Grenzen gehalten haben in letzter Zeit. Aber: I do read on! 🙂

      • Nein, ich werbe unter gar keinen umständen für die DDR noch für Verständnis für ein System, dass Menschen immer wieder neu zerbrochen hat. Ich habe hier auch deswegen die Geschichte meiner Großmutter erzählt, deren Stasi Akte wirklich keine heitere Lektüre ist. Ich halte die DDR für ein grässliches und menschenverachtendes System und die Deutsche Einheit für eine der wenigen Sternstunden deutscher Geschichte. Was ich aber auch glaube ist, dass Menschen sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten verhalten und ja, Klemperer ist Professor für Romanistik in Leipzig geworden und nicht in Bonn, und ja ich glaube er hat in der DDR irgendwie ein besseres Deutschland finden wollen, was es natürlich gab, aber woran sollte der Mann mit seiner, dieser Biographie sich denn festhalten? Seine späten Tagebücher sind auch voller Kritik gegen die SED. Ich will das alles nicht schön erklären, ich will nur sagen, dass Klemperer ein vielfach zerbrochener Mann war, über den man vielleicht nicht das Richtschwert allzu hoch halten sollte, damit will ich nicht Kritik an ihm unterbinden.

      • Falls ich überhaupt ein „Richtschwert“ besitze, so würde ich es sicher nicht über Klemperer halten, wie Sie schreiben. Es ist wohl wichtig, zwischen einzelnen Biographien und der Beurteilung von Systemen zu unterscheiden.
        Ich bin halt nur ein Anhänger der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt, der zufolge der Kommunismus um nichts besser war als der Nationalsozialismus (und ich vermute stark, dass sie, wenn sie heute lebte, den Islamismus als dritten Totalitarismus ihrer Theorie hinzufügen würde). Und deshalb bin ich z.B. auch immer unglücklich, wenn ich das Wort „Antifaschismus“ höre. Nicht, weil ich etwa nicht gegen Faschismus wäre, natürlich bin ich das. Aber weil es mir zu wenig ist. Es müsste „Antitotalitarismus“ heißen. Das geht aber nicht, weil sich dann nämlich schnell herausstellen würde, dass viele „Antifaschisten“ gar nicht antitotalitär sind oder jedenfalls waren.
        Also, nur zur Sicherheit: Ich urteile nicht über Klemperer, er hat ein sehr schweres Leben gehabt, und es ist immerhin ein Wunder, dass er den Krieg überlebt hat. Und ja, es muss einen Grund haben, warum ich all diese Wälzer gelesen habe, sie haben doch auch eine Faszination. Ich bin ja zum ersten Mal auf ihn gestoßen, als ich in Bayern in einer Retreathütte saß, wo ich also hätte buddhistische Meditation machen sollen. Stattdessen habe ich in der bescheidenen Sammlung von Büchern gestöbert, die es dort gab. Und eines der ganz wenigen nicht-buddhistischen Bücher war eben ein Band der Klemperer-Tagebücher. Und irgendwann hab ich sie mir dann alle gekauft (bis auf die frühesten, die hab ich nicht gelesen).
        Ein Gedanke noch: Wenn der Tierarzt einen Augenzeugenbericht wollte, dann hat er zwar natürlich jetzt einen, sogar einen ausführlichen. Aber eben auch wieder nur EINEN. Von Millionen möglichen, und ich staune immer wieder, wie verschieden und wirklich divers die Erfahrungen von Menschen auch in dieser Zeit waren. Das mag banal klingen, aber dahinter steckt auch die Erkenntnis, dass auch das „Dritte Reich“ keine homogene Struktur war, sondern eigentlich ein ziemlich chaotischer Haufen. Und genau dieses Chaos war es auch, das manchen das Leben gerettet hat.
        Sagt Ihnen der Name Stella Goldschlag was? (Das wäre jetzt ein anderes Thema, ich frage nur.)

    • „Ich habe vor allem versucht, Klemperers Entscheidung für den Kommunismus, für die DDR, zu verstehen.“

      Mit der — wenn auch trügerischen — Hoffnung, im Osten ein neues, besseres Deutschland aufzubauen, stand Klemperer in den 40er und 50er Jahren nicht allein.

      • Nein. Aber was beweist das? Für/gegen ihn, für/gegen die anderen? Eines möchte ich aber schon sagen: Es ist ein Unterschied, ob man das aus der damaligen oder aus der heutigen Perspektive sieht. Es laufen genug Leute herum, die heute sagen, die DDR sei ja „kein totalitärer Staat“ gewesen. Diese Art der Apologetik lehne ich vehement ab, das ist gelogen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s