Hören und Sehen.

Am Abend ins Konzert. Der Tierarzt geht mit einer Freundin ins Kino und ich laufe durch den eisigen Wind, fast einmal um St. Stephen’s Green herum zum Konzerthaus. Vorbei an stattlichen Häusern, Backstein von außen, doch von innen noch immer imperiale Pracht. Der Union Jack natürlich längst ausgetauscht gegen die irische Fahne, doch die schweren Lüster und goldenen Rahmen sind noch immer sichtbares Zeichen viktorianischer Jahre. Die Speisekarten, ich bin mir sicher, sind noch immer näher am Jahr 1850 als am Jahr 2017 gelegen. Wachteleier vielleicht oder ein ganzer Kapaun oder Rehrücken mit gedünsteten Pflaumen. Die Damen im Abendkleid und die Männer im Frack, selbst im Vorübergehen, Gelächter, Zigarrenrauch und das Klirren feiner, alter Gläser. Immer auf dem Weg ins Konzert erinnere ich mich, was ich sonst und vor allem auf dem Dorf vergesse: Dublin ist vielerorts eine reiche Stadt, wohlhabend und schwer in den Hüften, etwas matronenhaft zwar aber immerhin mit Austernbesteck aus elegant graviertem Silber. Dann aber biege ich um die Ecke und bin im Konzerthaus angelangt. Später hätte ich nicht kommen dürfen, schon gongt es und als ich auf meinen Platz eile, kommen schon die Geigen auf die Bühne, rascheln mit Notenpapier, der Cellist lacht munter und bevor der Dirigent die Bühne betritt, senkt sich diese einzigartige Konzerthausstille über den Saal. Immer bedauere ich, in diesem Moment keine Nadel zu haben, die bestimmt noch in der letzten Reihe zu hören wäre. Der Abend aber beginnt mit Gerald Barrys Vertonung eines Dostoyevsky Romans:„Humiliated and Insulted“ ( Das Stück beginnt ab Minute 7:10 und ich lege Ihnen die folgenden 18 Minuten, sehr ans Herz. )

Scharf und schnell fährt einem das Stück unter die Rippen und während der Chor in sich wiederholenden Schleifen, echogleich „Humiliating and Insulted“ wiederholt, denke ich an das Obdachlosenpaar zurück, an dem ich vorbeilief auf dem Weg zum Konzert. Sie hatten vom Blumenhändler riesige und längliche Pappkartons erhalten, die wohl ursprünglich zum Transport von Amaryllis gedacht nun zu ihren Betten wurden. Gerade als ich vorbei kam, rollten sie sich in den Kartons zusammen. Ein Pappsarg, aber keine Mumien mit Öl gesalbt, sondern lebendige Menschen mitten auf der belebten Straße. Dieses Stück aber von Gerald Barry aber ist nicht für den Konzertsaal gemacht, sondern ein Stück für die Straße. Einen Musikkantenzug wie anno dazumals, als man sich das Cello um den Bauch schlang und durch die Straßen zog, dafür ist dieses Stück wie gemacht. Ein langer, musikalischer Trauerzug, begleitet von einem Chor, der zum Dáil zieht, singend und klagend: „Humilitated and Insulted“ nicht nachlassend, in endlos anschwellenden Gesängen bis nicht einmal die hartnäckigsten Daíl Abgeordneten sich dem Gesang verweigern könnten und endlich einmal dem gewahr werden müssten, dass Menschen die in Pappkartonsärgen im Februarwind liegen erniedrigt und verletzt werden.

Ausatmen und aufatmen nach diesem Stück, aber nur kurz, denn es folgen schon Mahlers Rückert Lieder. Ausgerechnet als das Kunstlied schon längst milde geworden und nach höherer Töchter klang und gelangweilten Herren, die genug hatten vom ewigen Lindenbaum, da kommt Gustav Mahler und nimmt diese entrückten Rückert-Texte in die Hand, gerade als das 20. Jahrhundert begann als doch Schönberg schon Zemlinksy entdeckte und wohl schon von den Gurre-Liedern träumte, da kommt Gustav Mahler und vertont diese Lieder und an einem frostigen Februarabend, zieht er einen unter die Linde. Ausgerechnet zurück unter die Linde und ich sitze dort und schon singt Dietrich Henschel, singt so unaushaltbar schmerzhaft schön und man muss den Blick abwenden und obwohl man alles, alles hören will und hören muss, will man sich die Ohren zu halten, denn diese Lieder, diese Musik, diese fünf Lieder brechen einen sofort und vollständig entzwei. Eine Hand voll Glasscherben hält man in der Hand. Fünf Lieder bloß.

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Konzertpausentraditionspflege

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es folgen Strauss‘Metamorphosen, die ich fast nie höre, weinerlich und selbstgefällig sind sie mir und donnernd Bruckners Te Deum , ein Stück für Menschen, die gern kalt duschen und unter dem harten Wasserstrahl noch vergnügt pfeifen.

Das ganze und sehr lohnende Konzert zum Nachhören gibt es hier.

Dann anders als in Berlin, nicht Gerangel nach Mänteln und Taschen sondern gepflegtes Schlange stehen. Vor dem Konzerthaus sitzen drei obdachlose Frauen, und ich sehe wieder das Orchester als singenden Trauerzug vor mir. Aus Hilflosigkeit dreimal Münzen in drei Becher. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Tierarzt mit Auto. Der Tierarzt zeigt auf das Radio, das Konzert wurde übertragen und nickt, Bruckner sagt er und lächelt, ich habe ganz genau hingehört, aber dein Atem war nicht zu hören. Nächstes Mal verspreche ich, huste ich ganz leise und nur für deine Ohren. Der Tierarzt nickt und wir fahren in Schlangenlinien durch die Stadt, lauter betrunkene Mädchen und Buben taumeln vor uns über die Straßen. Auf der Autobahn endlich erzählt mir der Tierarzt vom Film. Eine Frau erschießt sich vor laufender Kamera, sagt er, aber eigentlich erzählt er vom Unbehagen des Voyeurs auch im Film. Die Dorfstraße still und wir gehen fast auf Zehenspitzen. Ich lege die Platte mit den Rückert-Liedern für den Tierarzt auf, da ist es schon weit nach Mitternacht. Der Tierarzt küsst die Glasscherben von meinen Händen.

Am nächsten Morgen durch das nebelgrau hinunter ans Meer zum Schwimmen. Der Tierarzt hält Handtuch und Bademantel und ich laufe in die grauen Wellen, und schon verschluckt das kalte Meer auch mich, legt sich als ein schwerer Mantel aus Blei um meine Schultern. Mit klappernden Zähnen und brennenden Beinen aus dem Wasser und in das Handtuch gewickelt, und dann in den Bademantel und die Wollsocken, immerhin ist die Kälte eine gute Ausrede dem Tierarzt so nah es nur geht unter die Haut und in die Rippen zu kriechen. Da muss man nicht lange suchen, selbst unter dem dicken Wollpullover nicht. Zurück ins Dorf. Auf den Fensterbänken liegen die alten Frauen auf einem dicken Federkissen und wissen auch nicht mehr so Recht weiter mit jemanden mit mir, der im Februar ins Wasser geht und die Hand in der Hosentasche des Tierarztes vergraben hält. Das Dorf ist wachsam und wenn es auch nur wenig mehr als eine Handvoll Einwohner hat, so hat es tausend Augen und viele, gut gefüllte Federkissen. Die Frau des Krämers schimpft: „Sie werden sich den Tod holen Fräulein Read On.“ Ich schüttle den Kopf: „Nein, Frau des Krämers, der Tod findet einen ohne Hilfe.“ Die Frau des Krämers ermahnt den Tierarzt mich doch zu Vernunft zu bringen. Wir gehen zurück ins Oberland und nicken den vielen Augen auf den Fensterbrettern zu. „Als ich ein Kind war, glaubte ich das Mittelalterbilderbuch müsste sich irren, eine Brustwehr, da war ich ganz sicher, war keine Festungsanlage, sondern die Donnerbusen auf den Fensterbrettern, hinter den Geranien, unbeweglich wie Beton und unerbittlich auf der Lauer, im perfekten 90 Grad Winkel in die Fensterbretter eingepasst. Der Tierarzt geht vor Lachen in die Knie. Das ganze Dorf lauscht und wir verstecken uns hinter der Tür.
Erst nach einer ganzen Weile Porridge mit sehr viel Himbeermarmelade, Zeitung und Licht, obwohl kaum da, schiebt sich für einen Moment nur durch Fenster und Tür, trifft nicht das Auge, hält kaum für einen Wimpernschlag, sondern sinkt schon wieder zurück in ein milchiges und müdes Grau.

11 Gedanken zu “Hören und Sehen.

  1. Wenn Sie mir jetzt vielleicht noch sagen würden, wie Sie „Donnerbusen“ auf Englisch ausgedrückt haben? Oder sprechen Sie eine andere Sprache mit dem Tierarzt?

    Ich bin ja musikalisch ungebildet und auch nicht wirklich musikalisch. Ich höre Musik in der Sprache, im Klappern eines Eimers, den jemand absetzt, oder im Strahl eines Brunnens, aber Konzertsäle sind mir unheimlich. Vielleicht mag ich deshalb den Flamenco so sehr, der in seiner einfachsten Form von einer Stimme ausgeht, die nur von dem Geräusch von Fingerknöcheln auf einer Holzplatte begleitet wird.

    • Nein, der Tierarzt und ich sprechen english miteinander und natürlich ist das wunderbare deutsche Donnerbusen nur ansatzweise wiederzugeben. Gesagt habe ich etwas von ample bosom made of steel and concrete und ich glaube er hat die Idee ganz gut erfasst….

      Ich glaube es gibt keine unmusikalischen Menschen, es gibt nur bornierte Musiklehrer. Musik, die mit Fingerknöcheln funktioniert ist die höchste Kunst. Ich glaube schwerer geht es nicht. Dagegen ist Orchestermusik natürlich nur Schall und Rauch.

  2. eines tages werde ich nur noch den „gefällt mir“ – button betätigen, weil ich mich nicht mehr fähig fühle, noch zu kommentieren. so sehr reißen mich ihre worte mit.

  3. „Dieses Stück aber von Gerald Barry aber ist nicht für den Konzertsaal gemacht, sondern ein Stück für die Straße. Einen Musikkantenzug wie anno dazumals, als man sich das Cello um den Bauch schlang und durch die Straßen zog, dafür ist dieses Stück wie gemacht. Ein langer, musikalischer Trauerzug, begleitet von einem Chor, der zum Dáil zieht, singend und klagend: „Humilitated and Insulted“ nicht nachlassend, in endlos anschwellenden Gesängen bis nicht einmal die hartnäckigsten Daíl Abgeordneten sich dem Gesang verweigern könnten und endlich einmal dem gewahr werden müssten, dass Menschen die in Pappkartonsärgen im Februarwind liegen erniedrigt und verletzt werden.“

    Eine großartige Idee, dieser musikalische Trauerzug, der an vielen Orten dieser Welt durch die Elends- und Luxusstraßen führen sollte.

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