Der Mann, der auch ein Mörder war.

unnamed-1.jpg

Einmal in der Woche verantworte ich an der hiesigen Universität eine abendliche Vortragsveranstaltung. Jede Woche also kommt ein anderer Vortragender und versucht die Studenten aus dem Pub und die Professoren aus ihren Höhlen Büros zu locken. Damit aber nicht genug, denn auch die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich willkommen. Die interessierte Öffentlichkeit erscheint zahlreich, ob das an den aufregenden Vorträgen oder am bereitgestellten Wein liegt, vermag ich nicht zu sagen, denn bekanntlich trinke nicht, weder an diesem noch an einem anderen Abend. Die interessierte Öffentlichkeit trägt hier Cordjackett, Tweed, Krawatte, Perlenkette und Twin-Set. Die Frauen waren vor dem Vortrag beim Friseur und die Männer auf ein Bier im Pub. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, warum die Männer, nicht aber die Studenten aus dem Pub zum Vortragsabend zurückkommen. Die Frauen fragen den Vortragenden nie etwas, aber machen Notizen, die Männer haben keine Stifte dabei und fragen den Vortragenden immer etwas und mag der Vortragende auch über Ludovico Medici sprechen, die anschließenden Diskussionen drehen sich natürlich um die Frage, ob Ludovico nicht doch aus Kildare kam. Ich mag die Abende gern, und das die interessierte Öffentlichkeit auch vor dem Fernseher sitzen könnte, ist mir natürlich klar. So weit so gut. Woche für Woche.

Eines Abends aber, vor ein paar Wochen kam nach dem Vortrag eine Frau in rosa Twin-Set und elegant geknoteter Perlenkette zu mir: „Sie wolle sich beschweren.“ Ich glaubte der Wein sei wohlmöglich sauer und ich möge nun Ersatz beschaffen. Aber am Wein hatte die Dame nichts zu bemängeln. Wohl aber am Publikum. „Ein Mörder“ sagte die Frau mit verzerrter Stimme zu mir „säße im Publikum, ganz hinten links, gleich neben der Tür“ und sie sei „nicht gewillt ihre Atemluft mit der eines Verbrechers zu teilen.“ Ich lächelte freundlich und versprach mich der Sache anzunehmen. Der Mann auf den die Frau mit vor Empörung zitternder Hand zeigte, sah genau so aus, wie alle anderen im Raum: Cordhose, Tweedjacket, braune Schuhe. Die Frau verließ mit ihrem Mann am Hacken den Raum. Ich räumte die Stühle zusammen, trug die Weinflaschen in den Container und lüftete einmal durch. Ein Mörder murmelte ich und schüttelte den Kopf. Als ich am Flaschencontainer über eine schwarze Katze stolperte, erschrak ich, vor allem über mich und fuhr nach Hause. Dann dachte ich nicht mehr an den Mörder und streichelte die Katze auf der Fensterbank.

In der nächsten Woche schon erreichte mich eine Vielzahl von Emails. Die wenigsten von ihnen waren freundlicher Natur, sondern forderten im besten Wutbürgerstil den Rauswurf des Mörders aus der Veranstaltung. Wieder andere entwarfen schlecht gephotoshoppte Fahndungsplakate und montierten meinen Kopf neben den des Mörders auf eine Arte Holzgalgen. Andere wiederum entwarfen ein Szenario, dass Dantes Höllenzirkel als lustige Fahrt mit dem Kremser und anschließendem Biergartenbesuch erscheinen ließ.
Ich googelte den Namen des Mörders. Der Mann hatte fast 25 Jahre im Gefängnis verbracht, las ich und dann machte ich das Notebook wieder zu. Ich lese keine Krimis, mich interessieren auch keine Splatter-Movies und mein Teufel ist immer der bebrillte Musikintelligenzler Thomas Manns gewesen niemals ein Clown mit blutunterlaufenen Augen. Nachts aber lag ich lange wach und besah mir die Emails und Bilder, bis der Tierarzt den ausgedruckten Stapel nahm und in den Papierkorb warf.
Am folgenden Vortragsabend wunderte ich mich und sah in die Runde. Die Anwesenden mit Perlenketten und Tweedjackets also, allesamt höflich, kultiviert und mit Universitätsabschluss vor mir im Raum also sollten dieselben Menschen sein, die wenn auch erst einmal auf dem Papier die Guillotine in Betrieb zu nehmen gedächten? Die interessierte Öffentlichkeit trank Wein, ich nahm eine Kopfschmerztablette und der Mörder saß ganz hinten links im Raum, wie üblich nah an der Tür. Ich sah nicht hin.
In der folgenden Woche kamen mehr Emails und neue Briefe. „Du musst dich dazu verhalten“, sagte der Tierarzt. Ich nickte und nahm noch eine Kopfschmerztablette.

Für einen der nächsten Vortragsabend lud ich jemanden ein, der darüber sprach, wie die Halsgerichtsordnung ab 1532 in Kraft die Strafen am Körper vollziehen ließ: „nach mit dem fewer vom lebn zum todt richten heißt es dort und es heißt noch anders, denn der Mörder hatte sein Leben wahrlich verwirkt und die Strafe, die Strafe sollte man fühlen, unter den Fingerspitzen und auch im Atem der Zuschauer sollte der Schrecken fasslich werden. Aber schon in diesem so zentralen Werk mitteleuropäischer Rechtssprechung liegt der Gedanke zu Grunde, der bis heute unsere Strafgesetzordnung prägt, dort nämlich wo Rache nicht sein darf, muss für die Tat eine Entsprechung gefunden werden. Keine Strafe wird jemals den Schmerz des Opfers entsprechen können, sondern immer nur näherungsweise ein Verhältnis abbilden. Darin liegt auch die nicht selten weniger schmerzliche Erkenntnis, dass zur Rechtstaatlichkeit auch gehört das wenn die Strafe verbüßt ist, auch ein Mörder wieder zu Herrn XYZ wird, der eben in der letzten Reihe sitzt, wie üblich in Cordhosen und Tweedjacket, ununterscheidbar von allen anderen im Raum. Wie wir sieht er die drastischen Holzschnitte, die eine Art Begleitkommentar zum Vortrag und auch zu den vielen Emails und Schmierzetteln bilden, die ich im analogen wie digitalen Postfach fand. Was Herr XYZ angesichts der verdrehten Glieder denkt, weiß ich nicht und ich weiß auch nicht, ob die interessierte Öffentlichkeit, die ganz gewiss den Rechtsstaat bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt, wohl schwant, dass ihre Nähe zum Mörder in ihren Wünschen vom Fegefeuer und ewiger Qual wohl größer ist, als sie sich selbst glauben machen, angesichts des aufs Rad geflochtenen Körpers wohl denken. Ich denke an das Bild meines Kopfes auf dem Galgen und den mit Plastikplane bedeckten Körper des Opfers aus dem ergoogelten Zeitungsartikel und muss schlucken. Der Raum verschluckt die sonore Stimme des Vortragenden und ich atme wieder aus. „Machst du es dir nicht zu einfach?“, frage ich mich und weiß keine Antwort. „Vielleicht verteidige ich auch nur meinen Kopf, dort auf dem Clipart-Balken und nichts weiter? Nenne ich nicht insgeheim Herrn XYZ nicht auch den Mörder?“ Schon aber klatscht der Saal und die Diskussion verlässt für einmal Irland und dreht sich in erregten Debatten um Gewalt als Mittel der Distanz zwischen Opfer und Täter und die Gefährdungen der Blutrache. Herr XYZ geht bevor die Diskussion endet. Ich bin erleichterter als ich es sein will.

„Das reicht nicht“, sagt der Tierarzt,“ Ich weiß sage ich und nicke müde.
In der darauffolgenden Woche ging ich bevor der Vortragende sich räusperte, einen Schluck Wasser nahm und seine Zettel sortierte zum Mörder. „Schön, dass Sie hier sind Herr XYZ“ sagte ich und lächelte bis die Glühbirnen knallten. Nein, sein Händedruck war weder fester noch weicher als der aller anderen Männer im Raum. Nein Herr XYZ atmet nicht anders und steht auch nicht anders als Sie und ich, nein man sieht es niemanden an, man sieht nicht, dass Herr XYZ jemanden erschlagen hat und Herr ZYX eben nicht.
Alle Blicke im Raum aber zielten auf meinen Rücken. Dann drehte ich mich um und sage Nettigkeiten über den Vortragenden. Still ist es im Raum und ich sehe auf meine Hände hinab und bekämpfe den Impuls doch ins Bad zu laufen.Der Vortragende spricht über Ästhetik und Melancholie. Die Diskussion hinterher sieht wie üblich schweigende Frauen und redende Männer, der Ursprung aller Ästhetik und auch der Melancholie liegt natürlich in Irland begraben. Am Ende des Abends wird mehr Wein getrunken als sonst. Ich stelle die Stühle zusammen und bringe die leeren Flaschen hinunter zum Container. Die schwarze Katze rennt mir zwischen die Beine. Ich erschrecke mich nicht.

Am nächsten Morgen erhalte zum ersten Mal seit Wochen keine Emails außerhalb der üblichen Post.

9 Gedanken zu “Der Mann, der auch ein Mörder war.

  1. Vielleicht sollte ein Herr Freud als Vortragender bei einer solchen Veranstaltung zu Wort kommen.
    Thema: „Mordslust oder der Mörder in mir“.

    • Das wäre schön, könnte er einfach aus Wien zu uns herüber kommen, aber die Stimme der Vernunft ist noch nie die lauteste gewesen, wenn es ums Fegefeuer ging….

      • Ja, liebe Read on, das wäre es. 🙂
        Und über das Fegefeuer hätte der Seelenforscher sicherlich auch noch Treffliches zu sagen.

  2. Ach, da wird jawieder so viel losgetreten in mir.
    In jungen Jahren wollte ich wissen, wie sich die Menschen fühlen, die einem anderen das Leben genommen haben. Die, die Soldaten waren, haben mir nichts darüber erzählt, gefragt habe ich.
    Aber Krieg ist Krieg.
    Bei einem Nachbarn, einem unglaublich netten Mann, saß ich öfter in der Werkstatt und habe ihm beim Erfinden zugesehen. Einmal habe ich gefragt, warum er nicht mit fährt, wenn die anderen mit Sack und Pack im Sommer in die ehemalige Heimat fahren. Nun, sagte er, nach mir wird gefahndet.
    Warum denn das? fragte ich. Nun, ich habe einen erschossen, sagte er.
    Es war Krieg, sagte ich. Nein, sagte er, nicht mehr. Und ich habe ihn von hinten erschossen. Er wollte meine Familie verraten. Einmal war er dann doch dort, mit Bart und Mütze, dass ihn keiner erkennt.
    Das war mein erster Mörder.
    Seither denke ich, dass jeder fähig ist zu töten. Und zu ermorden. Tief in uns fühlen wir das und es macht uns Angst.
    In Irland ist es vielleicht noch etwas ganz spezielles. Das ganze Konglomerat aus Katholizismus, IRA und Selbstbezogenheit führt dazu, dass man tagsüber ein liebevoller Mensch war und nachts Bomben gelegt hat.

    • Puh. Da muss man ja auch erst einmal ausatmen. Du hast Recht in uns allen liegt der Moment des Bösen und am meisten nehme man sich immer vor sich selbst in Acht. In Irland hat das wahrlich eine zweite und dritte Haut. Die Väter, die Bomben unter die Busse schoben, würden sich ja nicht als Mörder sehen, sondern der gerechten Sache dienend. Da liegt ein schwerer Mantel des Schweigens über den Dingen. Da ist keine einfache Frage finde ich, wie man aufhört ein Mörder zu sein. Was in der Theorie einfach klingt, der Täter verbüßt seine Strafe und wird dann wiedergenommen, sieht in der Praxis ganz anders aus. Da ist die Schuld und die klebt ewig und löst erstaunliche Gewaltphantasien aus. Schwierig.

  3. Pingback: Woanders ist es auch schön | READ ON MY DEAR, READ ON.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s