Der Reisende

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Pearse Station Dublin, Abends so gegen Sechs Uhr

Einen Reisenden gilt es zur Bahn zu begleiten. Der Reisende steht schon parat. Hut, Schirm, Mantel und Überseekoffer und ein missmutiges Gesicht gleich mit dazu. Ich bewundere den Überseekoffer. Der Reisende knurrt verächtlich: „Ein sperriges Ding. Besser wäre ich ohne ihn dran.“ Ich bezweifle das, aber so verächtlich wie der Reisende den Koffer durch den Kies zieht, schweige ich mich lieber aus.

Draußen scheint die Sonne. Das ist in Irland immer wieder ein Bemerknis wert. Niemand würde hier über den Regen sprechen, denn der Regen, Wind und Wellen schlagen uns doch ständig über die Füße. Die Sonne aber hier immer vermisst und als wahrhafte G*ttin verehrt, wird euphorisch begrüßt und völlig fremde Menschen auf der Straße werfen sich Sonnenkusshände und Sonnengrüße zu. Der Reisende will aber davon nichts wissen. „Die Sonne könnte ihm egaler nicht sein“, erwidert er auf mein euphorisches Juchzen und holte seine Sonnenbrille hervor und reicht mir Hut, Koffer und Stock an, um die Sicht auf die Dinge zu verdunkeln. Ich halte das Gesicht in die Sonne und einem stummen Diener gleich, Hut, Stock und Koffer. Dann gehen wir weiter. Eine Schulklasse spielt Fangen und der Reisende, nein der Reisende lächelt nicht großväterlich-milde, sondern seufzt und zieht heftiger an seinem Koffer, der den weißen Kies in hohem Bogen spritzen lässt. Der Reisende verzieht keine Miene, nicht über meine Ausführungen zum Bahnhofsnamen und der Irischen Revolution von 1916. Pádraig Pearse von dem man erzählt, er habe auf dem Weg zu seiner Hinrichtung gepfiffen, ist hier Namensgeber. Der Reisende schüttelt den Kopf. „Reichlich morbide, finden sie nicht?“ „Der Tod ist doch ernst genug“, sage ich aber der Reisende verscheucht Tauben mit dem Spazierstock und sorgt sich um den Erwerb einer Fahrkarte. Ich suche ihn zu beruhigen und betone in bester Gouvernantenart, dass ich ihm persönlich zusichere, ihm beim Erwerb einer Fahrkarte beizustehen. Der Reisende packt seinen Spazierstock fester und murmelt Undeutliches. Offenbar sieht er meine Fähigkeiten nicht primär im Erwerb von Fahrkarten. Dabei kann ich dem Reisenden doch versichern, dass ich jeden Tag den Zug benutze und stets eine gültige Fahrkarte in der Tasche habe. Der Reisende grunzt. Meine Ausführungen zur Pendelei zwischen dem kleinen Dorf und Dublin machen auf ihn keinerlei Eindruck. „Was wohnen Sie auch so weit draußen?“ bellt der Reisende und schüttelt den Kopf. Ich lache,“ die frische Luft“ sage ich und schon kommt der Wind mir zur Hilfe und weht den Hut vom Kopf des Reisenden herunter. Leider ist kein Hund zur Stelle, der fröhlich kläffend den Hut mit sich nähme und im hellen Sonnenlicht verschwände. So klopft der Reisende den Hut ab und beschwert sich über den Wind und die Welt, die allein darauf aus seien ihm das Leben schwer zu machen. Ich zucke mit den Schultern. Mit der scharfen Spitze seines Spazierstocks spießt der Reisende ein Stück loses Papier auf, das auf dem Weg vor uns herfliegt auf. „Überall dieser Dreck“ schimpft der Reisende und ich bewundere die Bestimmtheit und Geschicklichkeit mit der der Reisende, das Papier von der Spazierstockspitze in den Mülleimer befördert. Ich denke an Delhi, wo in den kalten Januar und Februarnächten die Menschen, die auf den Müllkippen leben, und sich mit Papierfetzen zu decken und Müll in Brand setzen gegen die Kälte und oft noch bevor sie die Wärme in den Fingern spüren, verbrennen. Der Zündfunken oft nicht größer als ein Bonbonpapier.

Der Reisende aber mahnt zu Eile und verkneift sich nur schwer ein „Was bummeln Sie so? Sie wissen doch, ich brauche noch eine Fahrkarte.“ Also hasten wir weiter. Vorbei an den schönen alten Magnolienbäumen der Universität für die der Reisende keine Augen hat, auch die Liebespaare auf der Bank sind dem Reisenden nichts und schon sind wir vorbei. Hut, Stock und Überseekoffer sind hier eine Einheit, sind Mauer gegen Welt und Sonnenschein. Auf dem Bahnhof sodann bekümmere ich mich um eine Fahrkarte für den Reisenden, der mit Argusaugen über seinen so gescholtenen Überseekoffer wacht und ungeduldig mit dem Spazierstock auf die Bodenplatten pocht. Mit Fahrkarte in der Hand kehre ich zurück, die der Reisende genau prüft, so als fürchte ich er, ich hätte eine Fahrt nach Genua bezahlt und nicht nach Belfast. „Zeitung?, Kaffee?“ frage ich und voller Entsetzen sieht der Reisende mich an. „Geldverschwendung“ erklärt und unterbreitet mir, dass er für schlechte Nachrichten nicht auch noch bezahlen müsse und führt aus, warum Kaffee zu den Nervengiften zu zählen sei und er einzig Getreidekaffee als Stimulanz zu sich nähme. Ich kaufe aus Trotz ein buttertriefendes Croissant und schwöre bei mir einmal ein Parfüm aus Druckerschwärze, Kaffeebohnen und der Großstadt frühmorgens um sechs zu entwerfen. Dann fährt der Zug ein, der Reisende greift erneut nach Hut, Stock und Überseekoffer und eilt dem Zug entgegen- eine Platzreservierung hat er natürlich, aber das heißt doch nur, dass der Reisende mit der ganzen Härte eines Fetzens Papier erworbene Recht mögliche Bösewichte vom Platz zu vertreiben, in Anspruch zu nehmen gedenkt und schon entfernt sich der Reisende aus meinem Blick. Meine Abschiedshonneurs nimmt er mit einem kurzen Nicken entgegen und steigt in den kaum zum Halten gekommenen Zug.

Ich beiße in das Croissant, und sehe in die Zeitung, dann rollt der Zug langsam aus dem Bahnhof heraus und ich nicke noch einmal: „Leben Sie wohl“, sage ich leise, denn nur dazu sind Bahnhöfe eigentlich erfunden worden: für Abschiedsszenen, für ein weißes Taschentuch, für das kurze Zurücktreten von der Bahnsteigkante, für ein geflüstert, gehauchtes, gebrülltes, „Lebewohl“ in dem der Traum von der großen Welt, Schiffspassagen und dem Glück am anderen Ende der Welt, so wirklich ist, wie selten sonst. Erst dann drehe ich mich um, und trete zurück in die Welt in der noch immer die Sonne scheint.Der Zug hat den Bahnhof bereits verlassen.

13 Gedanken zu “Der Reisende

  1. Ihre Texte sind wie ein (hoffentlich langwährender) Adventskalender. Dass man Sprache streicheln kann, wusste schon Tucholsky. Dass man dabei vor Entzücken manchmal grinsen muss, war mir neu, passiert mir hier aber immer wieder. Die deutsche Sprache hat es bei Ihnen wirklich unglaublich gut. Und die Leser auch.

  2. Verehrtes Fräulein Readon,

    was nützt die Liebe in Gedanken, wenn doch das geschriebene Wort in jeder Hinsicht so viel Schönheit ausstrahlt. Wer sich da an der Zeichensetzung abarbeitet, dem fehlen Phantasie und Leidenschaft und Herzblut und die Fähigkeit, echtes Leben zu fühlen und in Worte zu übersetzen. Bitte bleiben Sie so, Sie sind wunderbar. Was wäre großes Empfinden, was wäre Literatur ohne Eigenheiten. Erbsenzähler schreiben keine Poeme sondern bestenfalls „reimdichoderstirb“-Gedichte, Sie schaffen dichte Werke, wen kümmern Regeln.
    Noch einmal Danke.
    Ich finde Sie ja wirklich Grimme-Online-Preis-würdig …

    Herzlichst
    T..

    • Reimdichoderstirb ist eine gefährliche Krankheit….Ich kann ja auch gar nicht aus meiner Haut.Die Preiswürdigkeit ehrt mich sehr, aber dies ist ein kleines Blog und in der großen Onlinewelt nicht mehr als ein schwacher Hauch….Vielen Dank.

  3. Liebe Read One, ich lese erst seit zirka einen Monat ihren Blog und bin jedes Mal aufs Neue fasziniert. Ihre Geschichten gehören in ein wunderschönes Buch und jede Deutschlehrerin sollte ihren Schülern daraus vorlesen, damit die Kinder den Zauber ihrer Worte hören.

    • Hier könnten die Kinder dann auch gleich noch die richtige Kommasetzung lernen….aber ich finde Sie haben Recht, es ist schade das es in den Schulen nicht mehr Zeit für das Vorlesen gibt.

      • Sollte es je dazu kommen, dass aus all diesen wundervollen geschichten ein Buch wird, so übernhem ich sofort Satz und Layout!!! Ich liebe den Blog, ich liebe die Geschichten und ich liebe den wundervollen Umgang mit Worten. Ich sehe jede Szene genau vor mir, ich wünschte, so könnte auch ich schreiben.

  4. Ich war mal mit einem befreundet, mit dem ich ganz wunderbar Abschied am Bahnhof spielen konnte, mit langen Küssen, geseufztem Lebewohl, allen guten Wünschen für die Reise, gebrochenen Herzen ob des Abschieds und wehendem Taschentuch. Und natürlich auch Ankunft, mit langen Küssen und großer Freude ob des Wiedersehens, endlich!

    Für unser Spiel machte es gar nichts, daß ihn der Zug nur in die nächste Stadt brachte und das an fünf Tagen in der Woche.

    Bemerknis“ merke ich mir, das ist schön!

      • Ich fürchte, die meisten Passagiere dort waren Pendler und die hielten uns eher für, hmnuja, speziell – war ein ganz kleiner Bahnhof in einem größeren Dorf mit großer sozialer Kontrolle. Meinem Freund wurde deswegen mal Unmännlichkeit bescheinigt und ich als Zugezogene war sowieso verdächtig.
        Unser schönes Abfahrt-/Ankunft-Spiel wäre wahrscheinlich auf Metropolenbahnhöfen freundlicher beobachtet worden…;-)…

  5. Manchmal ist man aber auch versucht, nach der Abfahrt des Zuges einen kleinen Freudentanz am Gleis aufzuführen. Ich zumindest konnte innerlich seine Abreise kaum abwarten.

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