Unter der Matratze

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Manchmal hat man ja so Ideen. Man sieht sich um und bemerkt grummelnd die Misslichkeiten des trauten Heims. Die Bilder an den Wänden haben hässliche Rahmen, das Sofa passt nicht zum Esstisch. Längst gehörten die Stühle neu lackiert und die Bücherstapel an allen Ecken und Enden sind überhaupt eine Schande. Dann blättert man durch Zeitschriften in denen sehr gut aussehende Menschen in perfekt abgestimmten Wohnungen sogar die Äpfel nach der Farbe des Strickzeugs auswählen und nimmt sich vor nun auch endlich in eine Ära größerer Ästhetik einzutreten und nicht mehr einfach so aus Bequemlichkeit vor sich hin zu schludern und endlich ernst zu machen mit dem dekorativen Dasein.

Ich zum Beispiel träume alle paar Monate von der Anschaffung eines Bauernschranks. 1700 und handbemalt mit weißen Rosen auf der Zierleiste, moosgrünes Holz und vor allem groß soll der Schrank meiner Träume sein, so groß das eine dreizehnköpfige Familie, die mit schweren Wintermänteln anreist den Schrank nicht gefüllt bekommt. Ein Schrank für die Diele, mit Intarsien und einem G*tt vergelt’s auf dem Türblatt in schöner, geschwungener Schrift. Ach, Stunden habe ich schon mit dem Besehen von Anzeigen verbracht und doch den Schrank, den ich so klar vor meinem inneren Auge sehe nie gefunden.

Meist aber bin ich bescheidener und so sagte ich heute Abend als ich die Betten frisch bezog zum Tierarzt, der die Bücherstapel auf dem Nachtkastel sortierte: „Sag Tierarzt, glaubst du nicht, wir sollten eine neue Matratze anschaffen?“ „Hört man nicht allerorten, dass schauderhafte Milben in den Matratzen siedeln und des Nachts hämisch kichernd über ahnungslose Menschen herfallen und ihnen im Schlaf die Pest andrehen?“ „Überhaupt sind wir nicht furchtbar unmodern und altmodisch und hat nicht heute jedermann der auf sich hält Matratzen mit Gelkern und Härtegraden und allerlei Schikanen?“ Der Tierarzt, der gerade: „Charles I-An abbreviated life“ in der Hand hält, sieht mich verwundert an. „Read On sagt er und legt das Buch vorsichtig auf das Nachtkastel zurück, störe ich Dich in der Nacht?“ Was?, frage ich nun verwundert zurück und lasse das Kopfkissen fallen, das nur mit ein bisschen Glück die Lampe auf dem Fensterbrett verfehlt. Der Tierarzt aber sieht verzweifelt zu mir herüber: „Bestimmt“ fährt er fort,“wälze und wühle ich auf das Schauderhafteste, werfe mit Kissen nach dir, trete dich ununterbrochen und die Matratze wogt wie ein Segelboot draußen auf dem Meer nun auf dem Bett umher.“ „Tierarzt“ sage ich und sage es sehr, sehr langsam, „ich erwäge doch nur die Anschaffung einer neuen Matratze.“ Doch der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Niemand erwägt einfach so den Kauf einer neuen Matratze, immer liegen schon in der Formulierung des Matratzenkaufs tiefe und schreckliche Ursachen begraben. Noch bevor die Erkenntnis, dass ich dich störe und dir die Nächte verderbe zu dir vorgedrungen ist, hat sie dir dein Unterbewusstsein schon eingeflüstert und dich gewarnt vor der schnarchenden und schnaubenden Gefahr, die neben dir wälzt und eröffnet dir mit einer neuen Matratze einen Ausweg in eine heitere Zukunft gesegnet mit festem Schlaf.“ „Tierarzt“ setze ich noch einmal an und betone die beruhigende Wirkung des leise atmenden Tierarztes auf meine unruhigen Nächte, und will doch nur für milbenfreie und rückenschonende Nächte sorgen mit meinem Matratzenkaufbegehr doch der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Es beginnt, fährt er fort ganz harmlos mit einer Matratze, doch schon der Matratzenverkäufer unterzieht die Käufer einer derart inquistorischen, einer hochnotpeinlichen Befragung, dass es noch dem naivsten Matratzenkäufer einleuchtet, nicht die Matratze ist das Problem, sondern die neben ihm schlafende Susi. Die nämlich störe seit Jahr und Tag schon sein seelisches Gleichgewicht und an dieser Stelle machen Matratzenverkäufer eine lange und sorgenvollen Kunstpause und zehn Minuten später verlässt Susi weinend das Geschäft und 10 Monate später ist Susi längst ausgezogen und der Nachtschlaf des Matratzenkäufers süßer denn je zuvor.“ Inzwischen bin ich rückwärts auf die Matratze gefallen und atme vorsichtig ein und aus. Der Tierarzt sitzt noch immer auf dem Bettrand und starrt auf das Kissen neben mir. „Tierarzt“ sage ich, es tut mir sehr leid für Susie aber vielleicht hatte sie auch einfach genug von den Milben, die ihr über den Rücken liefen oder der Matratzenverkäufer roch nach Mentholzigaretten. Dann ziehe ich die Füße zu mir heran und hüpfe ein wenig auf dem Bett herum. „Eigentlich sage ich Tierarzt, wenn ich es also Recht bedenke ist die Matratze doch noch ganz gut und nicht zu hart und auch nicht zu weich.“
„Ach mein Mädchen, sagt der Tierarzt und lässt sich neben mich fallen, „immer kommt das Unglück in Kleinen daher, immer wechselt man erst die Gardinen und dann schon ist man ein Fremder im eigenen Leben. „Oder kennst du etwa jemanden der ein Lächeln gegen eine Meinung eintauschen würde? Selbst wir, wie wir hier legen, Kopf an Kopf rücken wir schon auch immer ein Stück voneinander weg und mit der Nacht kommt immer schon neuer und schärferer Wind. „Ach Tierarzt“ sage ich und ziehe seinen Kopf noch näher zu mir, „die Nacht hat doch andere Sorgen als Dich und mich.“

Dann sage ich nichts mehr, sondern singe dem Tierarzt ein Lied ins Ohr, bevor ich mich aufrapple und die Betten fertig beziehe, der Tierarzt sortiert die Bücherstapel, ich mache die Lampe auf dem Fensterbrett an und die Fenster noch einmal weit auf. So schnell werde ich wohl keine Matratze kaufen und so bleibt nur zu hoffen, dass die Milben sich vor der kalten Seeluft fürchten oder wenigstens die Traurigkeit des Tierarztes weit hinaus weht, weiter und weiter und weit über das Meer hinaus.

4 Gedanken zu “Unter der Matratze

  1. Ach die Milben sind ja ganz unauffällige Mitbewohner und so können Sie in aller Ruhe weiter nach dem weißen Schrank mit Rosen suchen, anstatt bornierten Matratzenverkäufern Rede und Antwort zu stehen. 😊

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