Sonntag

img_1230Über Nacht kommt der Frost zurück. Eiskristalle an den Fenstern und das gestern abgeschnittene Efeu funkelt ,selbst früh am Morgen als stünde die Sonne schon hoch über dem Wasser.
Dabei gähnt die Nacht noch einmal herzhaft über dem Garten und alles, alles schläft, Tierarzt wie Katze und nur unten im Unterland ist die Frau des Krämers wie ich in der Küche zu Gange. Albern ist das natürlich, denn die G*tter bekümmern sich unser nicht, aber doch in der letzten Stunde zwischen Tag und Nacht, glaube ich immer die Welt beginnt von vorn und noch einmal ist alles auch ganz anders möglich. Vielleicht hoffe sogar ich in dieser Stunde auf ein Wunder.
Abgesehen aber von zehn Minuten auf dem Fensterbrett mit warmem Tee in der Hand, bereite ich einen Nusszopf für das Frühstück vor, denn der lässt sich bitten, lese die Zeitung nach, richte Dinge für den Mittagstisch und endlich sehe ich mit mehr Tee in der Hand der Sonne beim Aufgehen zu. Ein bisschen unverschämt ist das schon, denn wer lässt sich schon gern mit zerzausten Haaren und Zahnpasta in den Mundwinkeln anstarren? Aurora aber nimmt es nicht übel, ich nehme die Teetasse und schleiche nach oben. Der Tierarzt tief unter Kissen und Decken vergraben, hört mich nicht und so ziehe ich ihm am Zeh. Erschrocken fährt der Tierarzt auf. „“Komm“ sage ich, „die Sonne ist da, lass uns ein Stück gehen.“ Der Tierarzt wirft ein Kissen nach mir und knurrt: „“Du bist mein Ende.“ Ich lache und zeige auf die Teetasse.

Dann endlich hinaus in die sonnige Kälte. Die Schafe hinterm Haus glitzern und funkeln, mit Eis in der dichten Wolle und den etwas hochnäsigen Nasen, sie sehen durch uns hindurch und wir steigen höher hinauf zu den Felsen, über das Heidekraut und die Stechpalmen an der anderen Seite des Weges vorbei, die krüppeligen Bäume, das ganze Jahr mitten in Sturm und Wind und Regen und über uns die Sonne, weich und mild gestimmt und warm trotz der Kälte. Ich stecke eine Hand in die Jackentasche des Tierarztes. Weiße Wolken vor unserem Gesicht und der Tierarzt legt sein Kinn auf meinen Kopf. Schon stehen wir am Rand der Felsen unter uns tobt und brüllt das Meer, das was hier in gewaltigen Wellen gegen die Felsen schlägt, ist im Haus nur als ein beständiges Murmeln und Flüstern, das niemals verstummt, zu vernehmen. „Erzähl mir etwas von dir“, sage ich zum Tierarzt herüber oder vielleicht sage ich es auch dem Wind ins Ohr, denn hier schreien der Wind und das Meer um die Wette. Von seiner ersten Liebe erzählt mir der Tierarzt. Einem Mädchen aus dem gleichen Dorf wie er, groß und mit roten Schleifen im Haar. Ein Mädchen mit Pferdepostern im Zimmer und Bettwäsche mit Katzenköpfen. Eine laute Stimme und feste Ansichten, schon damals als es noch gar keine brauchte. „Wie sie“, sagt der Tierarzt habe er sich seine Mutter als junges Mädchen vorgestellt und sei vielleicht deshalb mit ihr ausgegangen und nicht mit einem anderen Mädchen. Schon damals aber hat sie sich beschwert, dass er zu maulfaul sei und schließlich, vielleicht sogar zwangsläufig das Großmaul des Ortes geheiratet. Weihnachten habe er sie zum ersten Mal nach Jahren wiedergesehen. Erkannt habe er sie nicht mehr, nur ihre Stimme mit der sie den Supermarkt zumammenschrie: „Rory will ya put them cookies down.“ „Damals als sie ihn verließ, sagt der Tierarzt und schüttelt den Kopf habe er eine ganze Tüte Bonbons gegessen.“ „Eine ganze Tüte.“ Er schüttelt den Kopf nimmt den Kopf von meinem Kinn.
Ich kann es mir nicht vorstellen. Der Tierarzt mit verweinten Augen auf dem Bett sitzend und ihm herum Bonbonpapier, scheint so fern von hier und jetzt wie die Sonne selbst. Schon sind wir zurück und im Garten entdecke ich die allerersten Schneeglöckchen. „Morgen Fräulein Read On“ ruft der Priester über die Gartenmauer. „“Morgen Priester“ rufe ich zurück und der Priester staunt mit mir über die weißen Tupfen, die gestern noch völlig verborgen waren. „Fräulein Read On“, sagt der Priester, kann ich jemanden mitbringen, nachher zum Sonntagstisch?“ „Immer, Priester“, sage ich, „Sie wissen doch meine Großmutter sagte: „wo Zehn satt werden, ist auch genügend für Elf da und wir sind ja auch nur zu viert.“ „“Ein Glaubensbruder“, sagt der Priester und nickt mir zu, „Sie werden ihn mögen Fräulein Read On, er ist Jesuit und hat wie Sie Eisenspäne auf der Zunge.“

Der Jesuit, klein und untersetzt mit listigen Augen und etwas feuchten Händen, ist ein Freund des Priesters aus italienischen Tagen und erzählt atemlos und mit einer fast unmerklichen Schärfe und auch Genugtuung vom Scheitern der Reformation in Irland, der Krise des Papsttums und italienischer Politik. Wir essen erst Suppe, dann Zitronenhuhn mit Rosmarinkartoffeln, und bevor ich das Griesflammeri auf den Tisch stelle, mitten im Satz, unterbricht sich der Jesuit selbst und sagt: „Im Kolleg damals bekamen nur die zu essen, die die Vokabeln fehlerfrei herbeten konnten.“ „Also niemand“ und dann lächelt der Jesuit leise und schnell, als hätte er uns eine hübsche Anekdote erzählt und nicht Gewalt verschwiegen. Lächelt so wie der Tierarzt bei seiner Erzählung über das Mädchen mit den roten Schleifen und der Tüte Bonbons und wir alle drehen den Löffel in den Händen und es braucht einen tanzenden Vogel vor dem Fenster, der das Gespräch wieder in jene Bahn zu lenken, die einem Sonntagessen unter sich beinahe fremden Menschen wohl zuträglich ist.

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Später streiten der Jesuit und ich vortrefflich über Thomas von Aquin, denn seine Eisenspäne auf der Zunge muss man sich verdienen, der Tierarzt und der Priester spielen Schach, die Katze streckt über die ganze Fensterbank und durch das Fenster lacht die Sonne, lacht über unser Schweigen und unser Gerede und noch später gehen der Jesuit und der Priester spazieren und ich lege mich zum Tierarzt aufs Sofa, der malt mit seinen Händen, Sonnenkringel auf meinen Rücken und meine Stirn.

12 Gedanken zu “Sonntag

  1. Schön. Abgesehen davon, dass ich über Thomas von Aquin nicht streiten könnte, war mein spontaner Gedanke: Sind der Priester und der Jesuit ein schwules Paar?

    • Naja, die beiden Dinge (Paar und ernsthaft glaubende Menschen) müssen einander ja nicht unbedingt ausschließen. Und meine Bemerkung war jedenfalls auch nicht despektierlich gemeint, obwohl ich ein sehr gebrochenes Verhältnis zur katholischen Kirche im Besonderen und zu Religionen im Allgemeinen habe.

  2. „Später streiten der Jesuit und ich vortrefflich über Thomas von Aquin, denn seine Eisenspäne auf der Zunge muss man sich verdienen…“

    Da hätte ich gerne Mäuschen gespielt ( sofern die Katze mich gelassen hätte) 🙂

    • Die Katze ist so faul, da müssen die Mäuse sich wirklich nicht fürchten….Das mit den Eisenspänen stimmt schon, ich finde kultiviertes Streiten ja wunderbar.

      • Finde ich auch, und Eisenspäne sind geradezu Pflicht, wenn es beim Disput um den ‚Missgriff der Natur‘ geht, die besagter Kirchenlehrer Frauen andichtet. Dabei habe ich gar nichts gegen die recht schöne Vorstellung, dass Mädchen durch feuchte Winde ins Leben kommen sollen. 😉

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