Was soll hier schon sein.

Manchmal bekomme ich eine E-mail. Fast leer ist die E-mail. Ein Satz nur: „Was soll das hier?“ fragt die E-mail mich und dann etwas versetzt,  etwa zwei Zeilen darunter steht: „Lern endlich anständig Deutsch!“. Anrede oder Abrede hat die Email keine und auch die Adresszeile ist nur eine Ansammlung von Buchstaben etwa so: dbazg@dzghi, oder so ähnlich. Nur die Frage und die Aufforderung eben. Gern würde ich die Frage besser beantworten können, aber das hier ist schon schwer zu finden.

Hier ist die Küche und auf dem Tisch steht eine blaue Tasse. Aus ihr trinke ich gern. Milch mit Kaffee, nein nicht andersherum. Hier ist auch der Wind, Windstärke 10 sagt der Radiosprecher und doch weht hier in meinen Haaren nur der Wind der Abwesenheit, den können Sie und auch ich nicht ermessen. Hören Sie? Hier ist es ganz still. Hier halte ich einen Stein in der Tasche. Hier liegt die Katze auf dem bunten Plaid. Hier bin ich fremd, aber auch überall sonst. Hier versenke ich Narzissen in die Erde und hier suche ich Bücher und Wörter und schon so lange einen Ring, den ich nicht mehr finde. Hier gibt es eine lange Liste aus Erinnerungen, Dingen, einem grünen, alten Sofa, Träumen, Händen, unbeantworteten Briefen, Geräuschen, Musik, Gespenstern, Freunden und Blut, alten Dielen, dem Duft von Flieder, Nussschokolade, und neuen Marotten und dem Hinabfallen. Vor allem das Hinabfallen. Besser man fällt mit Geschichten hinab als mit einer Betriebsanleitung scheint mir, aber da mag ich mich irren. Hier sind Abschiede und Anfänge und immer auch Fußangeln. Stolpern Sie nicht. Hier und dort. Hier verliert man nur Zeit, Herr oder Frau E-mailschreiber, das müssen Sie wissen. Hier gibt es nichts zu gewinnen und selbst nach den Rezepten müssen Sie selber suchen, hier gilt immer: Volle Fahrt nach vorn und volle Fahrt zurück. Das Ende der Straße ist schon immer weit weg und länger als Sie glauben bin ich schon unterwegs. Nennen Sie die Straße doch Horizont, dann wird es schon eine Andere werden. Hier gibt es viele verschlossene Türen. „Erzähl mir noch mal eine Geschichte“, sagte ich zu meiner Großmutter, der die Asche auf der Zunge lag. Das ist hier. Die Asche und die Geschichten der Juden.
Hier habe ich einmal einen Bleistift gefunden und dann wurde es dunkel. So will ich nicht ausschließen, dass auch ich eines Tages wieder verschwinde und dann ist hier nicht mehr da. Sehen Sie endlich wie ich, dass das hier nichts soll? Atmen sehr geehrter Herr oder Frau E-Mailschreiber sollen sie, denn Sie und ich wir sind nun einmal beide in die Welt geworfen und müssen nun Sie hier und ich dort wohl oder übel damit auskommen lernen.

Deutsch aber habe ich nicht vom Anstand gelernt, auch nicht im Handstand und schon das Wort lernen, greift fehl. In meinen Mund gelegt hat mir meine Großmutter alle deutschen Worte, die sie hatte, auch die, die es nicht mehr gab. Sie meine Großmutter, die das Deutsche liebte und der auch nachdem sie zurück kam nach Deutschland, an Deutschland, den Deutschen und Deutsch das Herz zerbrach, gab mir alles, was sie hatte, das kleine Wort Ach, wie das große Wort Sollbruchstelle. Nachbuchstabieren kann ich nicht mehr.

 

59 Gedanken zu “Was soll hier schon sein.

  1. Das einzige was man an Ihrem geschriebenen Deutsch aussetzen könnte, meine sehr geehrte Read On, wenn man zur Meute der ewig nörgelnden Suppenhaarsucher gehörte, was immer von Übel ist, wäre Ihre Kommasetzung. Das sage ich, der das auch nicht beherrscht – ich hoffe Sie sehen mir meine Offenheit nach. Man hat mir zwar versichert, das sei erlernbar, aber… seufz! In einem Post im Blogroll nebenan las ich neulich von einer Dame, die eine Kommasetzung mit dem Salzstreuer pflegte. Es war als Kritik gemeint, aber ich musste lachen. Endlich eine nahvollziehbare Methode! Aber was sollen diese Formalien, wenn der Inhalt grossartig ist (das war bei der kritisierten Dame allerdings nicht der Fall). Das einzige, was ich bei Ihnen nicht verstehe ist, wie Sie nur so fleissig sein können: was Sie alles erleben und bemerken und dann noch aufzuschreiben schaffen! Ich sage neidvoll: Hut ab! Pfeiffen wir auf die Kommas!

    • Nein, ich muss Ihnen nichts nachsehen. Sie sprechen doch nur ein wahres Wort gelassen aus. Meine Kommata sind eine Katastrophe und dem Französischen entlehnt, einer Sprache die ich Schreiben gelernt habe. Salzstreuer, das ist besonders hübsch. Sehen Sie ich gehöre im Grunde zu den faulen Leuten und nur damit ich der Faulheit nicht in die Arme falle und mich ihr gänzlich ergebe, mache ich immer noch mehr. Manchmal habe ich das Bedürfnis ein kleines Stück des Weges aufzuheben und als bestes Behältnis fallen mir die Worte ein, die eben in diesem Blog landen und in eng beschriebenen Notizbüchern unter meinem Bett.

      • Ich beherrsche die Zeichensetzung in keiner meiner Fremdsprachen wirklich. Wenn ich, was selten vorkommt, tatsächlich einmal einen Text in die (und nicht aus der) Fremdsprache übersetzen muss, dann schwitze ich Blut und Wasser über Standardwerken, die sich mit den Tücken der Zeichensetzung befassen. Auf Englisch hege ich eine große, aber leider unerwiderte Liebe zum Oxford Comma, welches ich mitunter sogar in deutsche Texte zu schmuggeln versuche.

        Ihr Deutsch erinnert mich an eine Kurzgeschichte, die einmal den zweiten Preis in einem Wettbewerb gewann, der von einer spanischen Zeitschrift ausgerichtet worden war. Die Autorin war eine in Spanien lebenden Bulgarin, und die Jury bezeichnete ihre Sprache als „un delicioso español de fronteras“, ein köstliches Grenzlandspanisch. Wie das Bulgarisch der erwähnten Preisträgerin das Spanische würzte, so verleiht Ihre persönliche Sprachgeschichte Ihren deutschen Texten Glanz und Melodie.

  2. Leider finde ich den Originaltweet nicht mehr, in dem Saša Stanišić sich darüber amüsierte, dass Literaturkritiker seine Romane für ihr präzises und unkonventionelles Vokabular loben: Das sei in erster Linie der Thesaurus-Funktion von Word geschuldet.

  3. Spannend … was soll schon sein – alles. Der Bleistift, war’s einer, der Geschichten erzählen könnte …?

    • Eine interessante Frage in jedem Fall. Die Email bekomme ich öfter und ich frage mich wieder und wieder, was für eine Antwort der Absender wohl hören möchte. Der Bleistift ist einer nur für Geschichten-ganz bestimmt.

      • … könnte in der Mail auch stehen „lern erstmal anständig Mathe oder Kochen oder …soll nur etwas getroffen werden … ich lese ja noch nicht lange hier und finde die Texte spannend.

      • Solange in der Mail nicht von den leckeren Dingen die Rede ist, könnte man sie gelassen löschen … richtig gesehen?
        Denn „anständig zu Tisch sitzen“ ist vielleicht nicht einmal gegeben… wer weiß.

  4. Liebe Readon,
    klar sehe ich die Kommafehler. Aber ich sehe auch den Inhalt und bin oft sehr ergriffen. Das ist doch mehr Wert als fehler- und inhaltlos!
    Die armen Menschen, die Dinge lesen „müssen „, die sie nicht verstehen – und dann auch noch kommentieren „müssen“!
    Bitte weiter schreiben, es regt mich so oft zum Nachdenken an. Danke!
    Eva

    • Ach, es wäre schon hübscher, wäre mein Deutsch besser. Es ist eben nicht alles was man tut makellos und perfekt und ich schreibe ja auch nicht deshalb auf Deutsch, weil es am Fehlerlosesten ist. Ich staune immer, dass man dem Deutschen so wenig zutraut. Diese Sprache lässt sich auch durch Kommafehler ihren Zauber nicht nehmen. Ich hoffe immer, dass Irritationen Menschen zum Nachdenken anregt und der Absender glaube ich ist wirklich irritiert.

      Danke, dass Sie hier Lesen mögen.

      • Ich mag genau das, dieses ein bischen sperrige schreiben, und auch die Kommasetzung gefällt mir gerade. Bitte weiterschreiben, die Texte zaubern so oft ein Lächeln in mein Gesicht!
        Danke und liebe Grüße
        von Andrea Schmidt

      • Geben Sie’s zu: Das mit Ihrer Kommasetzung ist in Wirklichkeit so eine Art Kafka-Reenactment!

      • Gerne!
        Das ist übrigens der einzige Blog, bei dem ich sogar sehr gerne Kommentare lese!
        Ich finde Ihr Deutsch ausgesprochen schön. Außerdem kann ich keine Fremdsprache so gut, wie Sie meine Muttersprache beherrschen. Das finde ich sehr beeindruckend.

      • Ich lese die Kommentare auch immer und antworte auch fast immer. Immer lerne ich dazu. Das gefällt mir wirklich sehr gut, dass immer wieder spannende Kommentare kommen. Wunderbar.

      • Ihr Deutsch IST gut! Es ist nicht ganz fehlerfrei, manchmal fehlt auch einmal ein Wort oder ein Satz ist nicht ganz zu Ende. Kommt aber selten vor. Aber Sprache ist nicht nur Rechtschreibung und Grammatik, Sprache ist Ausdruck von Gedanken, und die können tief oder seicht sein. Und ich schätze Ihre Beiträge, die ich noch nicht alle gelesen habe, bisher ungemein.
        Und der Email-Schreiber oder die Email-Schreiberin soll sich doch bitte, wie man hierzulande sagt, brausen gehen. Alles Liebe von einem, der die deutsche Sprache wirklich sehr ernst nimmt und die „Fackel“ allemal für wahrer hält als die „Neue Freie Presse“.

  5. Liebe Read One auch wenn die deutsche Sprache nicht ihre Muttersprache ist, so können sie mit wundervollen, verschlungenen Sätzen wunderschöne Bilder in unsere Köpfe zaubern. Gerade ihre Art zu schreiben ist es, die hier ( hoffentlich alle) Mitleser jeden Tag auf ihre Seite lockt um eine neue Geschichte zu lesen.

  6. Da schließe ich mich Neli an, es sind genau die Bilder, die beim Lesen entstehen, die auch mich verzaubern! Schon beim ersten Lesen hat mich der Schreibstil fasziniert und begeistert – drum freue ich mich über jede einzelne e-mail, die ich in meinem Postkasten finde, denn eine neue Geschichte von Fräulein Read on bedeutet für mich wieder einen Ausflug in ein Wunderland – sei es auf der Grünen Insel, oder auch in der großen Stadt! So schön geschrieben und wen kümmert da ein falsch gesetztes Komma – ich setze sie meistens nach Gefühl! Auf ein baldiges Wiederlesen – es riecht nach Frühling!!! 🙂

    • Vielen Dank! Sie machen mich sehr verlegen. Ich hoffe der Frühling kommt bald und überhaupt mehr Licht. Die grüne Insel ist nämlich gerade moddrig-grau…..

  7. Ihr Blog ist ein ganz großes Geschenk für mich, liebes Fräulein Read On. Sie schreiben so wunderbar und poetisch, der kleine Blick, den Sie in Ihre Welt erlauben, lässt nachdenken und verzaubert. Schreiben Sie bitte weiter!

  8. Liebes, verehrtes Fräulein Read On,

    Ihr Deutsch ist ganz und wirklich wunderbar! Da ich jeden Ihrer Texte hier für meine internetlose Mama ausdrucke (und zweispaltig auf A4 formatiere, der besseren Lesbarkeit wegen — ich hoffe, dass Sie mir deswegen nicht bös sind), bemerke auch ich ab und an klitzekleine Verwegenheiten in ihrer Kommasetzung, die mir egaler nicht sein könnten (als berufsmäßige Lektorin *muss* ich sie dennoch korrigieren, ich kann einfach nicht anders). Wer sich aber deswegen echauffiert, hat nur einfach keinen anderen Grund zum Mäkeln gefunden.

    Herzliche Grüße aus Berlin
    Julie Paradise

    • Böse? Nein, niemals. Grüßen Sie lieber Ihre Mama von mir! Ich bin ganz angerührt und freue mich wirklich sehr, dass Sie hier beide lesen mögen.
      Meine Kommata sind wirklich wild und verwegen. Ich bedauere das sehr Deutsch nicht in dem Sinne schreiben gelernt zu haben, wie man es eben so tut, aber Deutsch, das vor allem die Stimme meiner Großmutter ist, ist mir sehr, sehr nah. Selbst in den schwärzesten Momenten höre ich ihre Stimme und will sie festhalten. Deswegen schreibe ich hier Geschichten auf und höre ihr immer weiter zu.

      • „Selbst in den schwärzesten Momenten höre ich ihre Stimme und will sie festhalten. Deswegen schreibe ich hier Geschichten auf und höre ihr immer weiter zu.“
        Ich finde, das ist eine Aussage von äußerster und gleichzeitig innerster Legitimität, eine Legitimität des Herzens. Und davor mögen alle kleinlichen Kritiker verstummen!

  9. Eigentlich ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von allen 🙂

    Was nutzen Grammatik und Zeichensetzung, wenn der Inhalt leer und schal ist?

    Ich liebe Ihre Geschichten und pfeife auf die paar nebensächlichen Schreibfehler!

    Nebenbei bemerkt: ich sehe zwangsläufig ab und zu, wie deutsche Gymnasiasten ihre Muttersprache verunstalten – DAS ist (teilweise) grauenvoll.

    • Ach, Sie sind zu freundlich mit mir! Schön ist es, dass Sie hierher vorbeisehen und sogar mit Saxophon. Das ist die hohe Kunst. Vielleicht müsste man auch auf dem Gymnasium mehr Geschichten erzählen?

    • Ich schließe mich hier Klaus mit dem Saxophon vollinhaltlich an. Und Ihnen auch. Ja, ich denke, dass Geschichtenerzählen eine von vielen Fähigkeiten ist, die wichtig fürs Leben wären und die man unseren Kindern in den Schulen (in diesem Fall wären es österreichische Gymnasien und was es da sonst noch gibt) eher systematisch austreibt, sofern dort überhaupt irgendwas systematisch geschieht.

    • Merkwürdig nicht wahr? Ich weiß gar nicht was anständige Sprache eigentlich meint. Vielleicht eine Sprache an der einen nichts stört und die man deshalb gleich wieder vergisst? Schwer zu sagen. Texte am Leben zu lassen, finde ich, ist gar nicht so einfach.

      • Es mag jede/r schreiben, wie sie/er will. Das ist die Voraussetzung, nicht mehr und nicht weniger. Aber was dann dabei herauskommt, DAS hängt nicht von der Interpunktion ab. Entweder ist der Mailschreiber (war jemals zu erkennen, ob das ein Mann oder eine Frau oder sonstwas ist?) ein Erbsenzähler, der sonst nichts hat in seinem Leben außer eben diesen Erbsen, oder – was ich nicht ausschließen würde – es ist jemand, der eigentlich Kontakt zu Ihnen will und vielleicht, vielleicht Ihre Texte sogar heimlich bewundert.
        Ich für meinen Teil bewundere sie offen. Sie sind voller Kraft, voller Authentizität, voller Poesie, voller Witz und nicht zuletzt voller Liebe. Was will der Mensch eigentlich mehr?

  10. Liebes Fräulein Read on,
    ich lese Sie noch nicht lange, aber immer mehr, und mir ist bislang gar nicht aufgefallen, dass Ihre Sprache nicht „anständig“ ist, oder nicht richtig deutsch, (das mag auch daran liegen, dass ich selbst zwischen zwei Sprachen lebe und mir mein Deutsch zunehmend verloren geht, das Französische aber nicht in gleichem Maß hinzukommt), ich finde Ihre Geschichten wundervoll poetisch, bildhaft und dunkel, manchmal wie Gemälde der alten Holländer; und die Sprache allenfalls ein bisschen altmodisch, wenn es Ihre Großmuttersprache ist, wird das verständlich, aber genau das gibt den Texten etwas Warmes und Besonderes in dieser kühlen, glatten Welt. Daher: Write on my dear, write on (das hat sicher irgendwer irgendwo schon mal gesagt, dann bitte ich um Verzeihung, ich bin noch relativ neu hier) –
    Herzliche Grüße aus dem heute grauen Süden ins windzerzauste Irland
    Christjann

    • Nein, noch niemand ist auf write on my dear gekommen und das ist sehr hübsch. Ich finde es ist mühsam aber auch sehr einsichtsreich zwischen und mit verschiedenen Sprachen zu leben. Man lernt sich immer wieder neu im Anderen kennen. Vielen Dank!

  11. Als ich auf die Welt kam, war ich zuerst für ein Jahr sprachlos.
    Lassen Sie sich durch ein paar Ignoranten nicht irritieren. Noch nicht allzu lange lese ich Ihre Texte. Sie malen mit Worten Bilder, Stimmungen. Bitte mehr davon.

  12. Liebe Read on,
    das macht ja gerade den Reiz Ihres blogs aus, dass Sie in die heute oft kalte deutsche Sprache eine Wärme bringen können, die man nicht mehr oft findet.
    Ich bin via Don Alfonso zu Ihnen gekommen (d.h., ich bin noch nicht so lange da) und lese mit wachsender Begeistung Ihre Texte – ärgern Sie sich nicht über ungerechtfertigte Kritiken und schreiben Sie noch lange weiter so!
    Liebe Grüße aus Hellas

    • Auch ich bin durch Don Alphonso auf Sie gekommen – lassen Sie sich nicht kirre machen, Ihr Deutsch ist wunderbar altmodisch, wie man es heute kaum noch hört. Die Zeichensetzung muß man nicht verstehen, besonders, wenn man hier nicht aufgewachsen ist.

      Ich war zunächst so fasziniert, daß ich den ganzen Blog an einem Wochenende verschlungen habe wie ein gutes Buch. Man fühlt sich fast wie ein Stalker, wenn man sich fragt: Wer ist diese geheimnisvolle polyglotte ReadOn, Spross einer jüdischen Familie, aufgewachsen irgendwo zwischen Kenia, Südfrankreich, Tel-Aviv und Ostdeutschland und Göttingen? Zuhause zwischen Indien, China, Afghanistan, Südsudan, etc…, heute pendelnd zwischen Dublin und Berlin? Nicht zuletzt war ich sehr gerührt, wenn sie von Ihrer Großmutter sprachen, denn auch ich mochte die meine sehr, sie war streng, sie hatte einen Quittenbaum im Garten. Ja und Bach hilft, meistens jedenfalls, die Passacaglia in c-moll noch mehr als die Goldberg-Variationen.

      Zugegeben, manchmal kommen Zweifel auf, angesichts dieses geradezu unglaublichen Lebens. Eine Großmutter, aus Israel in die DDR zurückgekehrt, führt dort ein großbürgerliches Leben mit Haushälterin und wundert sich dann noch, von der Stasi observiert zu werden? Ich kenne das aus entfernter Verwandtschaft, nur besaßen die in Westdeutschland eine mittelständige Firma und mußten das „Fräulein“ nicht vom Gehalt einer DDR-Poliklinik finanzieren. Schon seit 10 Jahren betreiben Sie Sexualaufklärung, dabei dürften Sie jetzt erst um die 30 sein, wie verschiedentlich durchscheint? Der F. wechselte eben noch die Stelle von Göttingen nach Berlin, weil die Kippa im Dienst unangenehm auffiel, jetzt macht er sich Gedanken um weiße Hemden und den Haarschnitt? Und kaum sind Sie mal in Bautzen begegnet Ihnen sofort offener Antisemitismus? Meine Herzallerliebste ist erkennbar nicht Bio-Deutsch, wir wohnen im tiefsten Sachsen, sind hier viel unterwegs, aber sowas ist noch nie vorgekommen, nicht mal am Pegida-Montag. So schlimm, wie die Zeitungen gern schreiben, ist es nicht.

      Ob da Karl May hinter Ihnen steht und ein gelegentlich die Tastatur übernimmt? Wie dem auch sei, schreiben Sie einfach weiter, es ist sehr unterhaltsam an langen Winterabenden.

      • Ich werde verraten, wie Fräulein Read On es macht, es ist ein Geheimnis, aber dennoch zeige ich es hier, möge sie mir verzeihen: Fräulein Read On ist eigentlich Hermione Granger, und sie hat so viel gemacht und erlebt und aufgeschrieben, weil sie immer noch den Time-Turner benutzt, den ihr Dumbeldore gegeben hat (siehe Harry Potter and the Prisoner of Azkaban). Professor Snape hatte recht, als er sagte, sie sei eine insufferable know-it-all, aber das war als Kompliment gemeint. Ich beneide sie sehr

      • Professor Snape ist der Einzige aus diesem Zauberkosmos, der mir gefiel und ich bräuchte solch eine Aufziehuhr wirklich dringend. Insufferable know it all sind natürlich große Fußstapfen.

      • Ich muss Don Alphonso wirklich bald Blumen schicken!

        In Wirklichkeit bin ich natürlich ein Nörgle-Rentner aus Wanne-Eichel, sammle Porzellanpuppen und schreibe bittere Leserbriefe an die FAZ, die nie veröffentlicht werden und der Rest landet eben hier. Am Nachmittag übersetze ich Karl May in einen fast ausgestorbenen uiguirischen Dialekt.

        Schön, dass Sie trotz all dieser Hürden hier Lesen mögen.

  13. Verstehe ich nicht… Also die Kritik. Ich finde hier immer wieder wunderbare Sprache, die ich nicht besser sprechen könnte!

  14. Geschätztes Fräulein Read on, der fehlenden Kommas wegen habe ich schon viele Ihrer Sätze ein zweites Mal gelesen – wie es auch bei vielen Schreibern nötig wäre, die Deutschland und seine Sprache nie verlassen haben. Nur dass ich von Ihren Texten möglichst alles (und von denen zwischen den Zeilen möglichst viel) verstehen möchte. Beim Anklicken Ihrer Seite in den Bookmarks, meldet mein Hinterkopf mittlerweile ganz automatisch: Jetzt ruhig und konzentriert, nicht wie sonst im Internet! So habe ich nicht nur die Freude am Text, sondern als kleine Dreingabe auch noch praktische Konzentrationsübungen. Wie nützlich doch Dinge sein können, die gar nicht da sind! 🙂 Und so wie Sie mit der deutschen Sprache umgehen, zeigt sich ihr Reichtum ausdrucksstark und lebendig, nachdem hundertundein professionelle Texteschreiber alles versucht haben, um ihm den Garaus zu machen.
    In Ihrem Blog lese ich auch immer die Kommentare, und bei diesem Eintrag dachte ich zuerst darüber nach, warum es hier hauptsächlich um die Abwesenheit Ihrer Kommata geht und kaum um die Abwesenheit von Benimm, Charakter, Seele beim Verfasser dieser unbeholfenen Störmanöver. Aber dann wurde es mir klar: Hier werden der negativen Ausstrahlung des Schreihalses nicht noch (berechtigte) negative Reaktionen hinzugefügt. Hier sehe ich nur Zuwendung, Anerkennung, Bestätigung. Wieder etwas Wichtiges gelernt.
    Ihr Blog ist für mich ein besonders schönes Fleckchen Internet – nicht weil es so idyllisch wäre, sondern sauber und sicher für die Anwesenden. Ich hoffe und wünsche Ihnen sehr, dass dieser Mailverfasser ein Einzelfall ist, Ihre Seiten von selbst so sauber sind und Sie nicht Ihre Zeit daran verschwenden müssen, Trolle & Co. herauszufiltern. Treffen können die Sie ja sowieso nicht, nicht wahr?
    Herzliche Grüße!

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich finde das auch sehr interessant, dass die Kommata hier so aufkamen. Es gab im England des 16. Jahrhunderts die Möglichkeit eine Liste mit Grievances beim König einzureichen und sich über Missstände zu beschweren. Ich finde es wirklich wunderbar, wie hier sehr berechtigte Kritik in sehr freundlicher Art daher kommt. Ich halte sehr viel davon sich zu sagen, was einem auffällt und einen auch irritiert. Und es zeugt auch, dass man auch ganz ohne Geplärr, Dinge ansprechen kann. ein Blog ist nichts ohne seine Leser und ich meine das ernst, das Schöne an einem solchen Blog, so klein er auch ist, scheint mir noch immer die Möglichkeit, dass die Texte auch den Lesern gehören und ihre Kommentare die Texte auch verändern. Ich lese sie dann selbst noch einmal neu. Ich habe nachgesehen von über 2000 Kommentaren habe ich dreizehn nicht freigeschaltet, das waren Morddrohungen etc. Ich hoffe sehr, dass dieser Blog ein sicherer Ort bleibt an dem man ein Stück des Weges gemeinsam geht.

  15. Wenn mein Deutsch so viel Wärme, Tiefe, Witz und Poesie hätte, ich wäre froh. Und Anstand lernt sich manchmal viel schwerer als anständiges Deutsch.

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