Eine halbe Morgenstunde

fullsizerender-19

Morgens, kurz vor halb sechs für vier Minuten auf den Balkon. Noch liegt die Nacht mit beiden Armen und gebeugtem Kopf über der Straße. Auf Zehenspitzen also, denn die Nacht soll man nicht wecken, Körner streuen für die alte Freundin Wildtaube, die seit Jahren schon mit Leinenserviette unter dem Flügel früh am Morgen auf dem Balkonsims, erst frühstückt und dann die Zeitung liest. Ich aber die Kälte der Nacht noch unter den Sohlen, leise und die knarrenden Dielen auslassend also ins Bad. Kalt läuft mir das Wasser über die Hände, selbst die Kiefern vor dem Badezimmerfenster schütteln den Kopf. Gänzlich unerwartet aber sitzt du mit angezogenen Knien auf der Fensterbank. Legst mir eine Hand zwischen die Rippen. Fällst mit deinem Kopf auf meinen Rücken und wanderst mit deinen Händen bis hinter mein Ohr. Merkwürdig ist das flüsterst du leise und deine Hand hält meine Rippen fest, dass du dich nicht vor kaltem Wasser erschrickst, aber immer vor warmen Händen. „Ich bin nicht handzahm“ sage ich und du lachst leise , „Nein, sagst das bist du nicht, deine Rippen noch scheuen zurück“, du ziehst die andere Hand aus meinen Haaren zurück, mir tropft kaltes Wasser vom Gesicht über die Zehen und du hältst mir das Handtuch hin. Die andere Hand aber wandert noch einmal von den Rippen den Rücken hinauf und bleibst dort liegen. Ich putze die Zähne, und du sitzt auf der Fensterbank mit wippenden Beinen, siehst mich Wasser trinken aus dem Hahn, immer ein wenig zu gierig, eine alte Gewohnheit aus einem anderen Land, da versiegte der Hahn auch schon früh am Morgen und ich habe das nie vergessen können. Ob aus der Wasserflasche, der Karaffe oder dem Hahn am Morgen, das erste Glas Wasser muss ich herunterstürzen, der ewige Durst jener Jahre lebt immer noch in mir, lebt vielleicht genau zwischen den Rippen, auf denen deine Hand noch immer liegt. Eine Spur des verschütteten Wassers bleibt auf den Fliesen zurück. Ausziehen, den Morgenmantel an den Haken. Kommode auf. Kommode zu. Alles unter deinen Augen, die Kiefernzweige können an mir nichts mehr Finden. „Störe ich dich?“ fragst du. „Ansichtssache“, sage ich und wieder lachst du und wieder wandern deine Hände von meinem Schlüsselbein zu meinen Rippen. „Ich weiß“ nicht sage ich, ob du dich an mir festhalten kannst. Du nickst und dein warmer Atem legt sich zu meinen kalten Rippen. Dann Strümpfe und Kleid, um endlich die Haare zu entwirren, du wärmst dir das Wasser für die Rasur, wickelst dich in meinen Morgenmantel, gähnst und lachst schon wieder:  „Deine Rippen, sagst Du sind selbst in diesen Mantel eingegraben.“ „Mag sein sage ich“, lege die Uhr um, denn die Uhr tickt, vielleicht auch zwischen meinen Rippen. Ich nicke der alten Freundin Wildtaube zu, die geruhsam Körner pickt, setze Wasser auf, hole die Zeitung herein, als der Wasserkessel gerade pfeift. Drei Löffel Kaffeepulver in die eine Kanne, zwei Löffel Tee aus der silbernen Dose in die alte Kanne, Müsli in die Schalen, die Zeitung aufgeschlagen, Apfel und Banane in die Tasche geworfen, die Schuhe geputzt, zwei Seiten Zeitung, Kaffee und Tee aufgiessen, den letzten Granatapfel aufschneiden, du pfeifst aus dem Bad, ich trage dir eine Tasse hinüber, aber schnell nur im Vorüberlaufen eben, deine Hände sind beschäftigt, meine Rippen atmen auf. Schlüssel und Telefon, dann schlägt es Sechs Uhr. Die Nachrichtensprecherin verliest, dass der Journalist Deniz Yücel in Untersuchungshaft genommen wurde. In der Türkei fürchtet man sich vor Worten wie vor einem fliegenden Stein, sage ich dir und lege mir die Nachricht zwischen die Rippen, man vergisst so schnell. Du lehnst in der Tür und ich laufe los. Sieben Minuten nach Sechs, sagt die Uhr.

Reisen in die deutsche Provinz-Bauhaus in Dessau.

fullsizerender-18

Sonnenseite

Vor vielen Jahren aber als ich zum ersten Mal im Dessau im Bauhaus war, da ging ich enttäuscht von dannen: dieser karge Block dort also mit Direktorenzimmer und einer Ausstellung zu Industriedesign machte mich gähnen und nur weil es meine Großmutter war, murrte ich nicht, sondern starrte durch die Fensterfront und hörte abwesend zu wie sie von den damals noch unrestaurierten Meisterhäusern wie von einem gebrochenen Herzen sprach.
Ich glaubte damals meine Großmutter würde sich irren. Das Bauhaus war doch in Tel Aviv, war die Wohnung von Y. gleißend, hell und weiß, mit einem Balkon und schreienden Katzen im Hinterhof. Wie viele Shabbat-Wochenenden habe ich dort verbracht, auf dem Sofa durch das die Sonne langsam wanderte, bewegungslos fast, immer nur hin und wieder die Platte auf dem Plattenspieler umdrehend. Jacqueline du Pré spielte Brahms. Y. erzählte mir Geschichten aus einer fernen, lang untergegangen Welt und mein Kopf lag auf ihrem Schoss. Im Hof spielten Kinder, in der Küche nebenan sang eine Frau, Wäsche wurde hastig abgenommen vor dem Entzünden der Kerzen, wir aßen Wassermelonen und Feta-Käse mit getrockneten Tomaten. Warm waren die Nächte und ich schlief auf dem Sofa, an der Wand ein Bild von Paul Klee und in der Küche ein Druck von Lyonel Feininger. Bevor der Shabbat begann aber holte der D. die schöne Frau Sheinkin mit dem Motorrad ab, und die ganze Nachbarschaft sah zu wie sie mit weiten, fliegenden Röcken die Treppen herunterlief und dem D. in die Arme fiel. Hinter den Fenstern kicherten die Frauen hämisch und die Männer sahen neidisch auf das Motorrad und schon waren die beiden verschwunden. Die schöne Frau Sheinkin aber, die man öfter im Treppenhaus traf, hatte etwas Irritierendes an sich. Trug sie einen karierten Rock, so konnte man sicher sein, dass ihre Bluse gestreift war und trug sie Hosen, so doch niemals passende Socken und auch heute im Zug nach dem Tierarzt, mir gegenüber der Tierarzt in rahmengenähten Schuhen und die liebe C. im blauen Kleid muss ich an die schöne Frau Sheinkin denken mit ihren klimpernden Armreifen und den schnellen Schritten im Treppenhaus, das war das Bauhaus, ein bisschen verwohnt, warm dabei, Kräutergärten auf den Balkonen, Bücher zum Mitnehmen im Treppenhaus und Geheimnissen, großen und kleinen in den Wohnungen, und immer die Sehnsucht nach den fernen Ländern, die lag auch zwischen der Y. und mir.
Später erst, fand ich zurück zum Bauhaus fern von Tel Aviv und schon hält der Zug in Dessau und wir wenden uns linkerhand vom Bahnhof dem Bauhaus zu, schon lösen wir Karten und gehen die lange Straße hinunter die heute wieder nach Walter Gropius heißt. Zu unserer Rechten, Wohnungsbau der 30er Jahre. Die letzten Häuser, die einmal Junckers für seine Mitarbeiter baute, stehen leer und sind so stumm wie die Straße selbst.

img_1354

Im Dreieck über dem Fenster der „Fliegende Mensch“, das Junckers Symbol 1924 von Peter Drömmer entworfen.

Schon aber nähern wir uns der halbhohen, weißen Mauer, welche die Meisterhäuser umrahmt und heute gibt es sie wieder, die einmal von Mies von der Rohe erdachte Trinkhalle ( 1970 abgerissen ). Mies im Herzen wohl immer Rehinländer geblieben, glaubte an der damals wohl staubigen Straße ließe sich gut Limonade verkaufen.

img_1358

Trinkhalle nach Mies van der Rohe

Und dann steht man schon unmittelbar vor den Häusern, die eine andere deutsche Geschichte erzählen. Diese Häuser eben die vom Beginn der Moderne künden und die nicht so sehr funktional wie human vom Wohnen erzählen. Aber es wäre nicht deutsche Geschichte, läge nicht auch zwischen diesen Häusern ein Fleck von großer Dunkelheit. Das Direktorenhaus, das Haus von Walter Gropius also nämlich ist eine Replik, ein Hohlkörper, denn das Original wurde vom Druck einer Mine zerstört, genau wie das Haus von Laszlo Moholy-Nagy. Die Ruine des einstigen Gropiusbaus erwarb ein Ehepaar 1954, doch verbot ihnen die DDR das Gebäude wieder aufzubauen. Stattdessen ging alles seinen sozialistischen Gang. Ein DDR geprüftes Eigenheim entstand über dem Weinkeller von Walter Gropius. In den anderen Häusern wohnten noch bis weit nach 1990 Mieter, die ob nun mit gutem Gewissen oder auch nicht, das Haus in Grund und Boden wohnten, er einistige Kern ließ sich nur mehr erahnen.

Im Haus aber von Lyonel Feininger, dem einzigen der Bauhausdirektoren, die nicht 2.000 Reichsmark Miete an die Stadt zahlen mussten, weil er Walter Gropius beruhigen konnte und die Stadtväter bei ihm Kunst aussuchten, praktizierte bis in die 1960er Jahre ein Arzt und dann wurde das Haus Poliklinik. Die DDR brauchte keine Meister, sondern Werktätige und die sollten bloß nicht auf Ideen kommen, schon gar nicht auf Ideen, die wenn auch nur noch im Entfernten nach New York und freier Welt rochen. Wir aber beginnen mit dem Haus in dem Paul Klee und Wassily Kandinsky wohnten. Eine Künstler WG der anderen Art und oh so schön. Hier ist sie wieder die Sonne aus Tel Aviv, nur anders eben in Form einer goldenen Wand. Hellrosa Wände und ein Raum einmal ganz in schwarz, nur noch als Fotografie, aber was für wilde Jahre und die schöne Frau Sheinkin hätte es geliebt. Wassily Kandinsky brachte barocke Bauernschränke mit aus Murnau hier ins nüchterne Mitteldeutschland. Ich habe es Wassily Kandinsky nie vergeben, dass er Gabriele Münter so hängen ließ, aber man verliebt sich sofort in die Wohnung, in die Treppenläufe und die schönen schweren Klinken. In das Atelier mit seinen Fenstern, in das Blau und Rot und in das Schlafzimmer, das nicht groß aber auch nicht klein, sondern genauso geschnitten ist, dass nur die Liebe durch das Schlüsselloch passt, aber nicht die Alpträume und erst recht nicht die kalte Angst. Der Balkon schient geradewegs ins Freie zu führen, ein Schritt und schon ist man hinaus in die Welt getreten. Was so ein Haus alles kann. Ein Haus für Träumer mit ernsten Absichten, eins nach dem anderen, einst gebaut für das andere Deutschland. 1932 Kandinsky war schon in Düsseldorf und seine Frau Nina im Sanatorium, kamen die Nazis und verwüsteten die Wohnung, zertraten die Bilder, zerschlugen die Möbel und so kommen in Deutschland die Alpträume immer durch die Haustür hinein, nie durch das Schlüsselloch.

img_1431

Treppenhaus

Der Tierarzt fragt indes die Frau an der Kasse, ob Lyonel Feininger wohl eine Katze besessen habe oder Walter Gropius morgens mit dem Hund über den Hof gegangen sei? Die Dame weiß nichts über die Hausiere der Bauhausbewohner. „Zwei Söhne hat Feininger gehabt und Oskar Schlemmer kam mit drei Kindern.“ Irritiert fragt mich der Tierarzt ob in Deutschland Kinder auch als Haustiere gälten. Ich verneine dies und der Tierarzt schaut beruhigter umher. Wir stehen vor Fenstern und Treppenaufgängen, Lichtschaltern und Terrassentüren, die Februarsonne schließlich kommt doch und taucht alles in goldenes Licht. Die Sonne wirft Kiefernschatten an die Häuserwände und ich stehe noch einmal oben im Zimmer von Paul Klee. Unten im Haus höre ich den Tierarzt und die liebe C. miteinander lachen. Für einen Moment halte ich das Gesicht in die Sonne und schließe die Augen. Mag sein es läuft eine Katze über den Hof und fährt dort drüben nicht ein Motorrad um die Ecke. Für einen Moment bin ich ganz sicher, die Frau dort unten im Garten wo einmal Nina Kandinsky Rosen pflanzte, dort steht die schöne Frau Sheinkin, mit Ringelstrümpfen zum gepunkteten Kleid. „Kommst Du?“, fragt der Tierarzt gegen den Türrahmen gelehnt. Ich nicke und laufe endlich die Treppe hinunter und wir gehen langsam am Haus von Oskar Schlemmer und El Muche vorbei, zurück zum als Kubus restaurierten Haus Walter Gropius und sehen noch einmal zurück auf die sonnenbeschienen Häuser des anderen Deutschlands, das einmal hier in Dessau liebte und lebte und träumte und uns, wenn auch mit gebrochenem Herzen mitzieht zu seinen Splittern und einer Wand aus Gold.

Sie ahnen schon, ich lege Ihnen einen Besuch der Desaster Meisterhäuser sehr ans Herz. Alles was es zu wissen und zu bedenken gilt, findet sich hier.

Atemzug

Nach der Nachtschicht gleich zum Flughafen. Die Idee sich noch für zwei Stunden aufs Sofa zu legen, ist schon lange verschwunden in der Nacht, hat sich aufgelöst und kommt nicht mehr zurück. Dafür steht der Tierarzt am Flughafen, ein stiller Schatten, ich sehe mich im Autofenster und sehe lieber nicht hin. Also Nachtdienst abstreifen, Taschen ins Auto und Taschen aus dem Auto heraus und den klapprigen, alten Volvo ins Parkhaus bringen. In den Glasscheiben des Flughafens spiegeln wir uns, der stille und verschwindend, dünne Mann und ich. Der Schatten im Spiegel verzieht spöttisch die Lippen: „du hast mir gerade noch gefehlt.“ Im Flugzeug kann ich nicht schlafen, zu nah sind die Bilder der Nacht und ich sehe in ein Buch hinein. Jede Seite ein Stück weiter weg von der Nacht? Kann man denn wirklich Seiten zwischen sich legen? Über Amsterdam färbt sich der Himmel lila. Der Tierarzt schüttelt denn Kopf als die Stewardess ihm ein Stück Kuchen offerieren will. Der Mann der am Gang sitzt, sieht den Tierarzt kopschüttelnd an. „Sie sind ja ein richtiger Hungerhaken“, bemerkt er und mustert den Tierarzt von oben bis unten. Seine Frau schreit vom anderen Gangplatz herüber: „Wegen Ihnen ist schlechtes Wetter, Sie haben nicht aufgegessen.“ Der Tierarzt sieht irritiert zu mir herüber. „Lassen Sie das doch „sage ich zu dem Mann und der Mann blafft: Sie haben wohl keinen Humor, was?“ Der Tierarzt fragt: „Finden die mich dick?“ Ich schüttle den Kopf. Man kann die Welt auch nicht im Flugzeug von sich fernhalten. Erst Frankfurt. Dann Berlin.

In der S-Bahn gibt Berlin alles. Flaschensammler streiten sich um zwei Sternburg Bierflaschen, die durch die S-Bahn rollen, ein Mann in Badeschlappen und Fellweste,aber ohne Hose schreit „Jesus liebt dich“, eine Gruppe betrunkener Australier schreit auch, aber mit Jesus haben sie es nicht so. Ein Straßenfegerverkäufer kommt mit seinem Hund. Ich krame nach Münzen und der Tierarzt will, dass ich dem Mann sage, dass sein Hund die Krätze hat. Ihr Hund hat die Krätze sage ich. Der Mann funkelt mich böse an. Dann entlädt sich ein Fluch von Schimpfwörtern über mir. Der Mann glaubt ich wolle seinen Hund entführen. Dann zieht er den Hund fort von mir. „Dit is Berlin“, sagt der der Tierarzt beeindruckt. Neben „Gesundheit“ ist dies des Tierarzts liebster deutscher Satz. Dann kommt eine Kindergartengruppe in die S-Bahn. Die Kindergärtnerinnen zählen durch. „Das ist jetzt Preußen in der DDR-Version“ sage ich zum Tierarzt, denn die Kindergärtnerinnen bellen „Zweierreihen“ und haben so schon den Kindergarten „Roter Stern“ auf die Zukunft einegschworen. Aber zacki-zacki Marcel ruft die Kindergärtnerin, Marcel aber inspiziert den Fußboden und die Kindergärtnerin schreit: „Pfui“ und „Schluss jetzt“. In der Berliner S-Bahn kann man so Deutsch lernen, dass man sich nach spätestens einer Woche als Offiziersanwärter melden kann. Dann am Grunewald vorbei und schon steigen wir aus, leiser Landregen.

Meine Augen tränen vor Müdigkeit. Zuhause angekommen, deckt der Tierarzt mich zu und setzt sich auf die Bettkante und legt mir die Hand auf die Stirn. Ich bin doch nicht mehr acht Jahre alt sage ich, aber der Tierarzt will davon nichts hören. „Mach die Augen zu sagt der Tierarzt“ und schon verschwimmt die Welt. Ich träume von einem Ozeandampfer, auf dem ich auf einem schlingernden Klavier Chopinwalzer spiele, denn nur die Musik so sagt mir der Kapitän hielte das Schiff über Wasser. Ich halte den Atem an und wache hustend auf. Einatmen. Ausatmen.Weiteratmen.
Inzwischen ist die Sonne über die Hausdächer gestiegen und sitzt mit baumelnden Beinen auf der Regenrinne. Unten im Garten sitzt der Tierarzt auf dem Gartenstuhl, die Füße verschränkt und die Augen geschlossen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, kahl ist der Garten noch immer, aber für einen Moment ist der Tierarzt kein Schatten, sondern einzig und allein goldenes, glänzendes, warmes Licht.

Frische Brise

Der Tierarzt steht am Fenster und nickt. „Ein frischer Wind“ sagt er und dreht sich zu mir um. Vor dem Fenster fliegen derweil die Mülltonnen der Nachbarn aus dem Unterland über die Straße, die Möwen rudern verzweifelt im Wind und das eiserne Gartentor schwingt quietschend auf und zu. „Du meinst den Sturm, Tierarzt? sage ich und zeige auf die so eben vorbefliegenden Plastikflaschen. Aber der Tierarzt schüttelt nur den Kopf. „Von Sturm kann doch keine Rede sein.“ Er müsse es doch wissen, schließlich sei er in einer wahren und wirklichen Sturmnacht geboren wurden. Da knickten die Bäume um wie Streichhölzer, da wurde es tiefe, finstere Nacht und der Dorftierarzt, der ihn auf die Welt brachte, hätte nicht mehr unterscheiden können, ob er seine Lunge ausprobierte, so heulte, so fauchte, so zischte, so knallte der Wind in jener Nacht. Kälber seien in dieser Nacht über die Häuser geflogen und Schafe erst in Schottland wieder an Land gegangen und so fährt der Tierarzt fort, könne nicht die Rede davon sein, dass er das Licht der Welt erblickt habe, sondern er sei ein wahrlich Sturmgeborener und deswegen könne er mir versichern, dass dieses Lüftchen dort draußen, wirklich und wahrhaftig nicht als Sturm gelten könnte. Ich sehe den Tierarzt zweifelnd an, denn draußen vor dem Fenster rollen zwei weitere Mülltonnen geradewegs auf das Gartentor zu. Der Tierarzt aber hat sich schon abgewandt und wägt ab, welche Hemden er mit nach Berlin nehmen will. Der Tierarzt lebt nämlich in der Annahme in Berlin seien die Männer erstaunlich gut angezogen, trügen maßgeschneiderte Hemden und rahmengenähte Schuhe und lachten schon am Flughafen mit ausgestreckten Fingern über einen Tierarzt vom Lande, mag er auch ein Kind des Sturmes sein. Meinen Ausführungen, dass in Berlin, Männer mit Jogginghose in die Oper gehen, wollte er keinen Glauben schenken. Die Frau im Radio indes kündigt meterhohe Wellen und Sturmböen des Sturmtiefs Doris an. „Papperlapp“ sagt der Tierarzt und wägt ab, ob ein Wollpullover mit oder ohne Zopfmuster in sein luggage holdall wandern soll. „Doris“ schnaubt er niemals hieße ein richtiger Sturm Doris, seinerzeit hätte der Sturm nicht wie eine Gouvernante geheißen, sondern mindestens Draco, der Zerstörer oder so ähnlich. Auf der Straße neigt sich ein Baum zur Seite und kippt längsüber auf die Schafsweide. Der Tierarzt sucht den Schuhspanner. Ich gehe nach oben, denn ich sehe vor meinem inneren Auge schon das Dach davonfliegen. Lieber verschließe ich die Fenster mit den Haken, denn der Tierarzt kann sein luggage holdall wieder auspacken, drückt der Wind uns die Scheiben ein. Das Meer schäumt und bricht sich in dunklen, unheilvollen Wellen am Strand, dort wo sonst die sieben Boote des Dorfes liegen, ist nur eine schwarze Wand aus Wasser zu sehen während die Mole gänzlich verschwunden ist. Auf dem Bett liegt ein weiterer Kleiderberg. „Ich wusste gar nicht, dass Du auch in Berlin einziehst“, sage ich zum Tierarzt, der nach einer violetten Krawatte sucht.“ „Ich will mich vor der lieben C. eben nicht blamieren, murmelt der Tierarzt und ich schüttle den Kopf: Tierarzt sage ich, die C. hat dich kniehoch im Mist stehend mit deinem vielfach geflickten Wetterfleck gesehen. Der Tierarzt winkt ab. Er habe, fährt er aus, die Vogue für Men besehen, dort seien nicht nur ausnehmend viele sehr gut angezogene Männer zu sehen gewesen, sondern diese lebten allesamt in Berlin oder gedächten in Kürze nach Berlin zu ziehen. Noch bevor ich den Tierarzt angemessen darüber ins Bild setzen kann, dass des Berliner Mannes liebstes Accessoire nicht ein leichter Mantel von Chanel ist, sondern das Wegbier, kracht es laut und vernehmlich vom Kirchhof gegenüber. Der Schuppen in dem der Priester, Gartengeräte verwahrt ist, vom Wind gegen die Steinmauer gedrückt worden und liegt als Holzhaufen des Elends stumm im Kirchgarten. Der Tierarzt aber runzelt nur unwillig mit der Stirn und wendet sich wieder dem luggage holdall zu. Dann klingelt das Telefon. „Für dich Tierarzt“ rufe ich und der Tierarzt nimmt wohl oder übel den Hörer in die Hand. Zwei Minuten später steigt der Tierarzt in die Gummistiefel und nimmt den Wetterfleck aus Loden vom Haken. Es gibt ein Problem mit den Schafen sagt er und als er die Tür nach draußen öffnet, drückt der Wind sie von außen zu und es braucht unsere vereinten Kräfte, bis der Tierarzt das Haus verlassen kann. „Fahr vorsichtig“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt winkt ab. Eine steife Brise nichts weiter sagt er und wird vom Wind prompt in Richtung Auto gepustet. Schlingernd fährt er vom Hof. Gegen acht fällt der Strom aus. Gegen zehn kommt der Tierarzt zurück. Aus den Gummistiefeln läuft Wasser, der Wetterfleck hat einen neuen Riss und der Tierarzt sieht zerzaust aus, allerdings nicht wie in einer Fotostrecke, sondern wie Robinson Crusoe nach sieben Tagen und acht Nächten auf dem Floß im schäumenden Meer. Der Tierarzt klappert mit den Zähnen. Ich reiche Wärmflasche und warme Socken ( selbstgestrickt und garantiert nicht en vogue an.) Der Tierarzt schlürft heißen Tee und erschrickt mich mit seinen kalten Händen, der wind zischt durch die Fenster und pfeift unter den Dielen. „Auf jeden Fall die schwarzen Hosen von Comme des Garcons“ sagt der Tierarzt nach der zweiten Tasse und muss sich wiederholen, denn der Wind brüllt draußen vor dem Fenster. „Also wirklich sagt der Tierarzt“, bevor er sich wieder dem luggage holdall und den schwierigen Kleiderfragen der Berliner Reise zuwendet, wenigstens im Radio hätten sie den Sturm doch ankündigen können. Ich nicke und schiebe ganz beiläufig einen Band von Doris Lessing in Richtung Reisetasche: „ A Ripple from the Storm.“ Dann steige ich auf den Dachboden, noch einmal nachzusehen, ob das Dach wohl hält.

Read On.

Woanders ist es auch schön.

Bekanntlich war ich berüchtigte Katastrophenschülerin und Lehrer warfen mir von jeher nur diesen speziellen Blick zu, den sie im Lehrerseminar ausführlich trainieren und der sagt: „Niemals wird dich auch nur jemand zum Blumen gießen beschäftigen Du Taugenichts, Du.“ Ich kenne diesen wirklich Blick sehr gut. Der Biologieunterricht indes, den über Jahre eine ältliche Matrone gab ausgezehrt von langen Jahren hinter dem Katheder, und dem ausgestopften Wiesel hinter ihr, zeigte in endloser Abfolge Dias von Insekten auf einem schnarrenden Apparat, der oft heißlief und die Dias anschmorte. Dann musste der Physiklehrer kommen und helfen. Der Physiklehrer nannte den Dia- Apparat ’sein schönes Mädchen‘ und die Biologie-Lehrerin errötete. Wir schüttelten uns und niemand von uns wagte zu auch auch nur davon zu träumen, dass in einem anderen Land und in einer anderen Schule eine Lehrerin wie Frau Croco, die Würmer  zu den Schülern bringt und das ist schon sehr, sehr gut und unvergesslich und lernen können auch noch Katastrophenschülerinnen wie ich etwas. (Ich bin mir sicher Frau Crocos Postfach im Lehrerzimmer ist voller Liebesbriefe.)

Berlin hat viele Seiten und leider auch einen Möbelstrich  Oy vey.

Als nunmehr allerletzter Mensch der Welt habe auch ich Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ gelesen. In die Magengrube fährt einem dieses Buch, denn es ist unversöhnlich und nur sehr wenigen Menschen gelingt wohl der Blick des Chirurgen auf seine Eltern. Hier gibt es eine mich sehr nachdenklich gestimmt habende Rezension  und auch das schon ältere Interview mit Eribon ist schon sehr lesenswert, denn es zeigt, dass auch Eribon im Grunde nicht weiß, warum seine Mutter Front National wählt und es ist sicher an der Zeit die liebgewordenen Gewissheiten der französischen Linken, dass es so schlimm schon nicht kommen werde, mit der Realität abzugleichen.

Henrietta Street ist eine Straße in Dublin, die direkt ins 18. Jahrhundert führt, selten legt sich die Geschichte so wie dort wie ein Mantel um die Schultern und wie diese Vergangenheit aussah und warum es Erinnerungsorte braucht, will dieses Museum zeigen.

img_3663-1

Henrietta Street, Dublin

Dieses Gedicht wieder und wieder und noch einmal gelesen.

„Wirklich“ sagt Schwesterchen zu mir am Telefon. Du kannst nicht immer nur völlig erratische Musikstücke empfehlen. Niemand will ständig Rachmaninoff hören.“Ach so, sage ich“ und sage es schnippisch und mit hochgezogener Augenbraue, die Schwesterchen leider nicht sehen kann. Schwesterchen ist ungerührt. Erinnerst Du dich noch wie Du damals dem B. der übrigens wirklich in dich verliebt war, Schumann ans Herz gelegt hast? „Habe ich nicht, sage ich, „sondern ich habe dem B. damals eine Debussy Bearbeitung von Debussy ans Herz gelegt. „Und sagt Schwesterchen, hat er dich noch einmal angerufen?“ Ich schüttle den Kopf. „Siehst Du“ triumphiert Schwesterchen und lacht. Dann pfeift sie doch tatsächlich dieses Lied. „Ich dich auch, Schwesterchen, ich dich auch“, sage ich und lege auf.

Ein Spalt im Universum

Manchmal verschiebt sich das Universum um einige Zentimeter und wer in den Spalt gerät, der sich dann auftut, der nehme sich besser in Acht. Mit dem Universum selbst sollte man es sich besser nicht verscherzen. Die Ursachen für ein missgestimmtes Universum kenne auch ich nicht. Mag sein, dass die Sterne sich beschimpfen, den Mond ein böser Husten plagt oder vielleicht G*tt selbst feststellt, dass die letzte Kopfschmerztablette von 2014 ist, aber das Universum ist uns keine Rechenschaft schuldig und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beissen bis das Universum sich wieder beruhigt.

Schon als ich in aller Frühe im Taxi zum Flughafen fuhr, schwante mir nichts Gutes. Nicht nur, dass das Taxi stank als sei es eigentlich ein Testlabor für die Konsistenz blauen Rauchs, nein der Taxifahrer selbst, der bellend hustete und in einem langen Monolog wirre Thesen über das Wesen des Rechtssatates aufstellte, dabei die Zähne bleckend als sei er eine Hyäne auf Urlaub, ließ mich weiteres Unbill erwarten. Natürlich stritt ich heftig mit dem Taxifahrer, der erregt aufs Lenkrad hieb über meinen Unwillen zu akzeptieren, dass die Todesstrafe doch die Lösung nahezu aller Probleme wäre. Dann machte ich das Fenster auf, um dem Qualm loszuwerden und mir war, als funkelte der Mond hämischer als sonst, aber ich mag mich irren, war ich doch abgelenkt von der Tirade des Taxifahrers. Auch auf dem Flughafen angekommen, wollte es nicht besser werden. Fliegt man sonst mit einem der ersten Flüge, ist es still und sehr freundlich, alle Welt gähnt, und überhaupt ist man nachsichtig und freundlich mit den eigenen Unzulänglichkeiten und denen der anderen alle Gürtel, Flaschen und Geräte preußisch-zackig in die grauen Wannen zu kippen. Gestern aber war alles anders. Kaum reihte ich mich in die Schlange ein brüllte und schrie ein Mann am Schalter auf die Schalterdame ein. Frechheit, Frechheit also und Unverschämtheit und Beschwerde bei allen Chefs aller Flughäfen, beim Regierenden persönlich ( er kenne den gut ), und ja wenn es sein müsse ginge er bis in die aller-allerhöchste Instanz ( wäre das G*tt und wie gut kann man diesen kennen? ), die Schalterdame sah den Mann müde an, wiederholte die 8kg-nicht 25kg für Handgepäckregelung und als das alles nichts nützte gegen den Beschwerdefluss und den Mann, der mit rotem Gesicht drohte und brüllte, blies sie rosa Blasen mit ihrem Kaugummi und dann kam der Mann vom Sicherheitsdienst und bald schon hörte man den Mann nur noch von Weitem schreien: Frechheit.

Im Flugzeug aber hat das Universum noch immer kein Nachsehen. Kaum sitze ich also und ziehe ein Buch aus der Tasche, nähert sich ein Mann. Ende dreißig mag er sein, einen Rucksack oder eine Tasche hat er nicht, dafür aber mehrere ALDI Plastiktüten, die er vor die Brust gedrückt hält und auf den Mittelsitz wirft. „Er sitze hier“, lässt er mich wissen und ich nicke. „Warum auch nicht, sage ich.“ Aber der Mann hat keinen Sinn für Späße, sondern verfrachtet einige der Tüten in die Anlagefächer, zwei Tüten aber behält er bei sich und als ich aufsehen, fällt mir auf, dass der Mann nur einen Schuh anhat. Nun bin ich so hemmungslos altmodisch, dass es mir der Trend zum Ein-Schuh natürlich entginge, aber verwundert bin ich doch, schließlich ist es noch immer erst Februar.“ Ihnen fehlt ein Schuh“, sage ich also zu dem Mann, der gerade sehr vertieft in einer der Tüten wühlt. „Auf meine Frage antwortet er zunächst nicht. Er sei Schriftsteller sage er und hält mir eine laminierte Broschüre hin: „Mein Kampf mit dem Andromedanebel“ oder so ähnlich lautet der Titel. 9 Euro das Stück, aber er würde sie mir auch für sieben Euro verkaufen. Ich lehne bedauernd ab und zeige auf mein Buch. Der Mann sieht mich verständnislos an, ungefähr so als hätte ich einen Zettel mit Lottogewinn zerrissen. „Ihr Schuh“ versuche ich es noch einmal, um es dann für die nächsten eineinhalb Stunden zu bedauern. „Mein Schuh“ echot der Mann. „Mir fehlt ja ein Schuh.“ Der Mann zieht daraufhin alle Tüten aus dem Gepäckablagefach nach unten und durchwühlt sie auf das Grundsätzlichste. Neben einer Tüte voller Müll ( alte Kabel, Bonbonpapier und verschiedene Kleidungsstücke ) sind alle anderen Beutel bis zum Rand mit Broschüren über Ufo-Invasionen und andere außerirdische Erscheinungsformen angefüllt. Ich wiederum krieche ganz Schatzsucherin auf dem Boden herum, um den zweiten Schuh etwa in einer der Vorderreihen zu lokalisieren. Als ich wieder auftauche ist mein Platz unter Broschüren und Müll begraben. Der Mann schwitzt inzwischen stark und wühlt weiter verzweifelt in den Tüten. „Hören Sie sage ich“, haben sie ihre Schuhe bei der Sicherheitskontrolle noch angehabt? Der Mann weiß es nicht. Er ruft seine Mutter an. Inzwischen drängen immer mehr Menschen in das Flugzeug und die Tüten belegen inzwischen zwei Sitzreihen. Die Mutter bläkt durch das Telefon: Ramon-Jürgen ick hab hier selbst ne Krise. Über den Verbleib der Schuhe weiß sie nichts beizutragen: Wie oft hab ick dir schon jesacht, du musst dich endlich selber kümmern?“ Der Mann springt auf und tippt wahllos Passagieren auf die Schulter: „Haben sie meinen Schuh gesehen?“ Ich werfe die Broschüren zurück in die Tüten. Die Stewardess schreit durch das Telefon: „Hat jemand einen weißen Turnschuhe in Größe 48 gesehen?“ Niemand hat einen Turnschuh gesehen und auch ein Anruf der Stewardess bei der Sicherheitskontrolle führt zu keinem Ergebnis. Der Schuh ist und bleibt verschwunden. Schließlich kehrt der Mann zurück und beginnt erneut in den Tüten zu graben. Ich sitze auf ungefähr zehn Zentimetern Sitzfläche der Rest ist bedeckt von den Habseligkeiten des Mannes neben mir. Der wiederum beginnt nun zu weinen ob des verlorenen Schuhs. Ich suche hektisch nach Taschentüchern und finde natürlich nur Kopfschmerztabletten ( abgelaufen natürlich seit 2014, da sage noch einer G*tt habe keinen Humor.) Der Mann schluchzt und ich finde endlich die Taschentücher. „Finden sie den Schuh“ flehe ich die Stewardess an.“ Die Stwardess sieht verstört auf den Mann und die Broschüren hinab. „Andromeda-Nebel“ sage ich, 9 Euro, die Stewardess verspricht ihr Bestes zu tun. Der Mann inzwischen etwas beruhigter, rennt wieder durch das Flugzeug und befragt jeden nach dem Verbleib seines Schuhs. Ich hingegen durchwühle noch einmal das Gepäckfach, und zieh die verbliebene Plastiktüte hervor. Darin mehr Müll, als ich einen weiteren Stapel Broschüren hervorziehe, macht das Flugzeug einen Satz und ich stoße mir das Knie an der Sitzlehne und etwa dreißig Sekunden später, bevor ich noch angemessen fluchen kann, trifft mich ein weißer Turnschuh am Kopf.
Der Mann strahlt. Ich nicht.
Bevor wir dann aber das Flugzeug verlassen, flüstert er mir verschwörerisch zu, dass er eigentlich einen kleinen Kühlschrank habe mitnehmen wollen, aber er habe keine passende Tüte gefunden. Ich danke dem Universum, dass es mir die Stirn nicht mit einem Kühlschrank zerschmettert hat.
Der Tag aber der sich in Dublin anschließt verläuft so gewöhnlich, so unspektakulär, so normal, so ganz und gar in den vorgegebenen Bahnen, selbst der ewig verspätete Zug ist pünktlich, dass ich annehme die Sterne haben sich vertragen, der Mond einen klaren Schnaps getrunken und nicht zuletzt G*tt selbst endlich die Notfallapotheke erreicht und das Universum verläuft in den ruhigen, immer gleichen Bahnen, die sich um uns nicht bekümmern und gänzlich unberührt sind von unseren Wegen.

Sonntag

Am Morgen, endlich wird es früher hell im Garten, Zweige verschnitten. Allem Sonntag zum Trotz. Erst die Apfel- und Quittenbäume, schließlich die Kirsche und all die anderen Obstbäume. Eine reichlich wacklige Angelegenheit auf der alten Holzleiter mehr schwankend als stehend. Die Krähen hocken gespannt auf der Kastanie. Ich bin mir sicher, sie haben längst Wetten abgeschlossen, ob ich wohl in den Ästen der Kirsche hängenbleibe oder den Apfelbaum herunterrausche. Ra-Ra-Ra schreien sie kreischend und trotz ihres schwarzen Gefieders und den eleganten Flügeln, klopften sie sich lauthals lachend auf die Schenkel, über so jemanden wie mich. Für heute aber noch einmal Glück gehabt, die alte Leiter hält durch.

Hinüber zu den Rosen, die wild, ach allzu wild über Zaun und Gartentor ranken, ungestört und unbeeindruckt, all meinen Versuchen zum Trotz ihrer Herr zu werden. Trotz Handschuhen schneide ich mir die Hände blutig an den langen und spitzen Dornen. Lang ist die Rosenhecke und selbst die Krähen in der Kastanie beginnen sich zu langweilen und fliegen eine um die andere davon. Schließlich habe ich mich bis zum Gartentor vorgeschnitten, klipp-klapp macht die Schere und die Ranken winden sich tückisch um meine Füße. „Mag sein zischen die Rosen, dass du Geduld du mit deiner Schere, aber wir waren schon immer hier, wir werden bleiben, und eines Tages vielleicht nicht heute aber einmal doch, bringen wir dich zu Fall“ Wahrscheinlich haben sie Recht. Für den Moment aber liegen die Rosenranken vor mir auf dem Weg und die rote Nachbarskatze sitzt auf dem Pfeiler und gähnt. Ein Nach-der-Jagd Gähnen ist das, ein Gähnen das sagt: man kann zufrieden sein und ich gähne gleich mit, denn es mag nicht mehr früh sein, aber lang war der Morgen mit der Schere, den Bäumen und den Rosenzweigen.

Gerade als ich mit dem Rechen die Zweige zusammenharke, steht ein Mann vor dem Gartentor. Ein Anzug aus heller Wolle, über einem alten Regenmantel, etwas zu derbe Schuhe aber um ein feiner Herr genannt zu werden. „Hier sagt er“ und zeigt auf die Rosen über dem Torbogen, hier habe ich vor vielen, vielen Jahren einmal ein Mädchen geküsst. Die Rosenzweige auf dem Boden seufzen theatralisch, die Katze auf dem Pfeiler stellt die Ohren auf, ich nicke, aber der Mann fährt sich über die Wange. „Es ist nicht gut gegangen“ sagt er und schüttelt den Kopf. Der Name des Mädchen, das heute wohl eine alte Frau sein muss, sagt mir nichts. „Nein sage ich, ich bin keiner Nachbarin Tochter“ und der Mann bückt sich schließlich und hebt eine Rosenranke auf, lange dreht der den Rosenzweig in den Händen, „ihre Augen sagt er waren anders als alle anderen Augen.“ Noch einmal nickt er mir zu, dann dreht er sich um und schon ist verschwunden. Selbst als ich ein paar Schritte den Gartenweg hinunterlaufe, um ihm hinterher zu sehen, kann ich ihn nirgendwo entdecken. Verraten sich Gespenster an ihren Schuhen?

Kalt ist mir plötzlich, trotz der fahlen Wintersonne, die in der Erle hängt und schon ein bisschen Frühling spielt. Ich versperre das Gartentor und trinke heißen Tee. Bücherstapel vom Tisch in den Rucksack, denn morgen früh geht es zurück. Ein Telefonat mit Schwesterchen, ein kleiner Narzissenstrauß auf dem Tisch, für F.’s Mutter am Telefon ein Geburtstagslied singen. Ich wünsche mir nur, dass hier doch heiratet, sagt sie mir. Ich lache und sage nicht: „Ja, ich auch.“ „Der Bäcker sagt sie unverdrossen, macht auch sehr feine Hochzeitstorten.“ Ich singe noch einmal für sie und spreche mit dem ehemaligen geschätzten Gefährten. „Nein, sage ich, nichts Neues, nur zerschnittene Hände, Wintersonne und die dürren Rosenzweige auf dem Boden.“

Müde bin ich und doch habe ich den Nachbarn Krapfen versprochen, also doch wieder aufstehen und weiter und weiter. Schließlich ein Krapfenberg auf dem Tisch, endlich auch er bei den Nachbarn.

Krapfen für die Nachbarn. #bake #krapfen #berliner #sonntagssüß #süßesachen #sonntag #yummy #kosher #kosherkitchen #pareve

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Lange in der Badewanne gelegen, immer noch müder und immer nur müde, mit halbgeschlossenen Augen aus dem Fenster in die Baumwipfel sehen. Leiser Landregen. Schon lange sitzt die Katze nicht mehr auf dem Pfeiler.