Fieberhaft

In der Nacht aber geträumt ein Gnom oder Troll säße auf meinem Brustkorb und hämmerte mit einem silbernen Löffel, Tonleitern an meinen Rippen entlang. Schmerzhaft ist das nicht, nur sehr eintönig eben und als ich mich zwinge die Augen zu öffnen, um den Gnom um einen Taktwechsel zu bitten, starrt mich die Katze missmutig an. Ohne Silberlöffel, aber mit ihrem Schwanz pocht sie ungestört weiter. „Katze“, sage ich der Tierarzt schläft heute Nacht nicht hier.“ Empört miaut die Katze und verdächtigt mich bestimmt, ich hätte den Tierarzt im Schrank versteckt. Dem ist nicht so und da die Katze auf meine Gesellschaft keinen gesonderten Wert legt, schleicht sie schließlich die Treppe herunter und rollt sich auf dem Sessel zusammen. Ihr Schwanz bewegt sich keinen Millimeter mehr.

Irgendwann schlafe ich wieder ein. Am Morgen plötzlich hohes Fieber. Aber ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, sondern muss mich wie immer beeilen. Im Zug heftiger Schüttelfrost, der mir kalt in den Nacken atmet. Man lässt sich nicht gehen, sagt meine Großmutter von Fern und ich wickle mich dichter in den blau-grauen Schal. In Dublin, nasser und feucht-kalter Wind, einen Moment lang sehe ich mich schon ausgleiten, aber dann stolpere ich doch nur und gehe etwas langsamer weiter. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken mich unter meinem Schreibtisch zusammenzurollen. Meine Großmutter spitzt spöttisch die Lippen und ich atme langsam gegen den Schwindel an.

Im Seminar trinkt ein Student mit schlürfenden und schmatzenden Lippenbewegungen, Milch aus einem Zweiliterkarton. Seinen Kopf lehnt er weit zurück in den Nacken und setzt den Milchkarton nicht ein einziges Mal ab ab. Ich sehe unter den Tisch, ob sich dort nicht irgendwo eine Milchpfütze bildet, aber ich täusche mich und endlich setzt der Student den Karton wohlig schmatzend ab. Mit beiden Händen wischt er sich den Milchbart ab und kramt nach seinen Unterlagen. Die anderen Studenten schlürfen aus Kaffeebechern oder Wasserflaschen, in denen Schrumpfköpfen gleich welke Zitronen- und Gurkenscheiben schwimmen. Contenance flüstert mir meine Großmutter zu und ich atme tief durch bevor wir endlich beginnen.

In der Mittagspause mit B. verabredet. Nudelsuppe, sagt er und ich nicke. Doch als die dampfenden Suppenschüsseln vor uns auf dem Tisch stehen, wird mir schlecht. Ich winke ab und schiebe die Schüssel so weit weg von mir wie es nur geht. Zum Glück hat der B. Hunger für Zwei und löffelt meine Suppe ebenfalls aus. Am liebsten legte ich den Kopf auf die Arme, aber der B. erzählt mir von seiner komplizierten Scheidung und wer will ihm da aufmunterndes Nicken versagen? Von hinten flüstert mir meine Großmutter ins Ohr: „Sitz bloß gerade Kind.“ Ich drücke den Rücken durch.

Auf dem Rückweg zur Universität sehe ich den Mann wieder, der seit zwei Jahren regelmäßig auf der Straße steht, auf einer Israel-Fahne herumtrampelt und auf Rücken und Bauch zwei Plakate umgehängt hat, die Juden als Kinderschlächter und Weltherrscher in groben Posen zeigt und dazu krakeelt der Mann wie von Sinnen vor allem von der Weltbedrohung Zions und dem mörderischen Juden an sich. Unermüdlich in sich endlos wiederholenden Schleifen, so als sei in seinem Magen ein Lautsprecher installiert, der unermüdlich von vorn zu quäken beginnt. Rau und heiser ist die Stimme des Mannes und mit einem unangenehmen krächzenden Bellen trägt er nimmermüde seine Schimpftiraden vor. Als ich den Mann zum ersten Mal bemerkte, rief ich die Polizei herbei. Die Polizisten bemerkten kühl, dass der irische Staat die Meinungsfreiheit seiner Bürger schütze. Heute aber hat der Mann sich ein neues Plakat vor den Bauch geschnallt. Es zeigt das Mädchen Anne Frank, lächelnd und heiter in die Kamera sehend und unter dem lachenden Mädchengesicht verdammt der Mann heiser krächzend den neuen amerikanischen Präsidenten. Trump ist nackt bis auf eine Israelfahne und Steve Bannon hält eine Stürmer-artige Postille in der Hand und tanzt lachend auf einem Hakenkreuz. Der Mann kräht, dass der „Muslimban“ eine jüdische Verschwörung sei und immer wieder zeigt er auf das lachende Mädchen Anne Frank. Weißglühend tobt die Wut in meinem Magen aber schon steht meine Großmutter hinter mir, legt mir den Arm auf den Rücken und zieht mich weg.

Am Nachmittag sitze ich in Mantel und Schal gehüllt und versuche gegen das Rauschen in meinen Ohren, dem Vortragenden zuzuhören. Es gelingt so mittel und dies ist keineswegs die Schuld des Vortragenden. Urplötzlich aber steckt mir ein Lachen in der Kehle. Kein freudiges, aufmunterndes oder herzhaftes Lachen, sondern ein Biest von Gelächter, das mir in die Rippen sticht, mir mit den Fingern das Zwerchfell zusammendrückt und sogar bis an meine ewig kitzeligen Fußsohlen herunterreicht. Schließlich verschwinde ich ins Bad und werde von einem grässlichen Gelächter geschüttelt, ein Lachen das mit Steinen um sich wirft, diabolisch und schmerzhaft. Ein Lachen, das mich frierend und kalt und noch schwindeliger als ohnehin schon zurücklässt. Für einen Moment lang lehne ich die Stirn an die kühle Fensterscheibe. Kind, sagt meine Großmutter und schüttelt den Kopf: „Steh bloß wieder auf, hörst Du?“
Dann zurück zu Vortrag und den Wattebergen in meinem Kopf.

Am Abend dann endlich zu Haus. Mit Mühe, Jacke und Stiefel ausgezogen, nur um rückwärts auf das alte, grüne Sofa zu fallen. Auf dem Plattenspieler Schuberts Erste Symphonie, die genau so scheppert und die Wirklichkeit ins Merkwürdige verzerrt, wie dieser Tag auch mich seltsam lozierend zwischen Traum und Wirklichkeit schwanken lässt. Dann wird alles schwarz. Später aber glaube ich, dass meine Großmutter neben mir auf dem Sofa sitzt und einen kühlen Waschlappen auf meine Stirn legt. Aber als ich endlich die Augen öffne, ist ihr Gesicht schon verschwunden. Statt ihrer legt der Tierarzt seine Hand auf meine Stirn. „Danke, Tierarzt“ will ich sagen, aber schon zieht die Dunkelheit mich zu sich zurück. „Du hast Fieber, höre ich ihn sagen, aber vielleicht hat der Tierarzt auch etwas ganz anderes gesagt. Dann wird alles endlich still.

18 Gedanken zu “Fieberhaft

  1. Krank soll man nicht zur Arbeit gehen. (Ich sollte auf mich selbst hören und das auch nicht mehr tun. Unsereiner ist nicht besser als die hustende Kassiererin, von der Sie kürzlich erzählten.)

    • Genau. Eine vorauseilende Weltverschwörung der sich selbst kasteienden Pflicherfüllung ist das. Ich höre auch nicht auf meine guten Vorsätze und vernünftige Räte. Es wird noch ein böses Ende mit uns nehmen. Nur die Katze macht es richtig: möglichst viel schlafen. Gute Besserung!

      • Nein, ein gutes Ende wird es nicht nehmen mit uns und wer weiß sollten eines Tages die Katzen mit Krone und Zepter regieren, sie werden uns herhalten als Beispiele warum es mit uns nicht mehr ging und unser Ende so unausweichlich war, wie das der unsterblichen Saurier.

        Danke für die guten Wünsche. Ich kann Sie gut brauchen.

    • Sie haben natürlich Recht. Leider gibt es immer ein aber und hier ist es ein extrem eng getakteter Semesterplan in dem Krankheit einfach nicht vor kommt. Trotzdem haben Sie Recht.

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