Kalte Füsse

Immer aber wenn das Flugzeug nördlich der walisischen Küste langsam zu sinken beginnt, bevor es Anflug auf Dublin nimmt, beuge ich mich vor und sehe aus dem Fenster. Ob es mir wohl diesmal gelingt, das kleine irische Dorf in dem ich lebe auszumachen? Den Leuchtturm nämlich, den ich aus dem Schlafzimmerfenster sehe, kann ich immer entdecken und auch die Dorfstraße glaube ich zu sehen, aber dann wenn ich den Kirchturm suche und nach dem Schieferdach meines Hause schaue, verliere ich erst das Dorf und dann auch den Leuchtturm aus den Augen und bald sinkt das Flugzeug tiefer und tiefer und schon rollt es auf der Landebahn und kommt zum Halten. In Dublin ist der Himmel hellblau und weich und mir ist, ich könnte fast schon den Frühling riechen, dabei sagt das Kalenderblatt doch laut und unüberhörbar: Winter. Aber auf den Straßen tragen die Leute Sonnenbrillen, Kinder jagen Sonnenstrahlen und ich zähle bestimmt fünf Männer mit Eis in der Hand. Die Studenten halten ihre Gesichter in die Sonne. Das würde ich auch gern, aber der Tag, mag er auch noch so himmelblau sein, zieht an mir und lässt mich nicht wieder los und ich sehe erst wieder aus dem Fenster, sitze ich im Zug nach Haus. Niemand außer mir steigt an der dem Dorf am nächsten gelegenen Bahnstation aus und vor dem Bahnhof wartet ans Auto gelehnt der Tierarzt. Groß und schmal und mit verschränkten Armen, neigt der Tierarzt den Kopf zu Seite und nickt mir zu: „Du bist zurück.“
Schon fahren wir am Meer entlang. Die dunklen Felsen zu unserer Linken, schroff und mattschwarz führen geradewegs hinunter zum Meer. „Hältst Du kurz an?“, frage ich den Tierarzt und der Tierarzt nickt wieder und parkt den alten Volvo am Straßenrand. „Komm“ sage ich und ziehe mir im Laufen die Stiefel aus und die Socken gleich mit dazu. Fast bis an Knie kremple ich mir die Hosen herauf. Nass klebt der Sand an meinen Füßen und der Tierarzt zögert für einen Moment. „Ernsthaft?“, fragt er und ich nicke ihm zu, bis er sich auch Schuhe und Strümpfe von den Füßen streift und dann ziehe ich den Tierarzt mit mir ans Wasser. Schwarz und dunkel ist die See, tief und kalt schlägt sie uns um die Knöchel, ein wenig taumeln wir, denn das Meer gibt nicht nach. Das kalte Wasser macht uns atemlos. So eisig ist das Wasser, dass es uns scharf in die Knöchel schneidet, beißend und unnachgiebig und ich bin sicher, dass uns sofort Eiskristalle an den Fußsohlen wachsen, durchsichtig und eisig klar.Der Tierarzt neben mir schnappt nach Luft. „Du bist verrückt“, sagt er leise, aber ich schüttle den Kopf und ziehe den Tierarzt näher zu mir. Nein, sage ich nur und halte die Hand des Tierarztes fester.
Ich will mich erinnern, an das eisige Wasser und deine Hand, in vielen Jahren vielleicht von einem anderen Ufer, will ich diesen Abend aus einer Rocktasche ziehen und noch einmal neben dir stehen, in den Wellen, mit Wind im Haar und deiner Hand in meiner. Wir, ausgerechnet wir die verlorenen Kinder stehen hier mit dem Kopf in den Wolken und den Füßen in der schäumenden See.

Klar ist die Nacht und fast wolkenlos, mild dazu als sei es April. Wir zählen die Sterne und erst als der Tierarzt ernstlich beginnt mit den Zähnen zu klappern, rennen wir los, vergessen fast Schuhe und Socken und mit sandigen Füßen sind wir zehn Minuten später daheim Die Katze sieht uns verwundert an, wie wir atemlos und mit roten Füßen, Sand in der Diele verteilen. Der Tierarzt sucht nach den dicksten Socken und ich fülle die Wärmeflasche auf. Bald schon sieht man vom Tierarzt nur noch eine rote Nasenspitze unter dem wollenen Plaid. Ich richte eine schnelle Suppe und während ich noch die Teller wärme, beginnt der Tierarzt erst leise, denn den Tierarzt hört man fast nie, zu kichern, bald aber schon lacht er und schüttelt sich, krümmt sich und lacht und lacht ein Lachen, dass unter den Rippen sitzt und ihn nicht aufhören lässt ,sogar die Katze nun endgültig verstört, springt von seinen Füßen. Noch später, nach Suppe und Butterbrot, als der Tierarzt in der Badewanne liegt, lacht er und lacht, lacht wild und wunderbar. Später noch, mitten in der Nacht wache ich auf und der Tierarzt schläft mit kalten Füßen aber einem Lächeln auf den Lippen weiter. Ich trinke ein Glas kaltes Wasser in der Küche, noch immer aber liegt Salz auf meinen Lippen und ganz bestimmt glitzern Eiskristalle auf meinen Füßen und als ich zurück ins Bett gehe, sehe ich noch einmal herüber zur leise, rauschenden See und dem blinkenden Leuchtturm, nah und doch so fern, weit draußen, inmitten der wilden Wogen.

9 Gedanken zu “Kalte Füsse

  1. Da kommen bei mir so schöne Erinnerungen, das hab ich schon als Kind gerne gemacht. Wo Wasser ist müssen wenigstens die Hände nass werden oder doch die Füße rein. Eigentlich machen es ja alle Kinder so und ich meistens auch ( innerlich bin ich erst 12 😉 ).

  2. Danke für die kalten Füße und das warme Herz und die Erinnerungen an einen anderen Strand in der Bretagne, in einer anderen Zeit.

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