Drei Jahre, danach.

An der Tür gibst du mir die Wohnungsschlüssel. Ich nicke und Du sagst nichts. „Ich melde mich“ sage ich und stehe noch einen Moment vor dem Haus. Kalt ist es, ein feuchter Nebel legt sich über alles und verschluckt bald schon dich. Ich drehe den Schlüssel in meinen Händen und gehe hinauf. Die ganze Wohnung ist schon leer. Nur dieses eine Zimmer ist noch immer verschlossen, noch immer da. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Drei Jahre hat er bei mir im Schlüsselkorb gewartet, hat gewartet auf diesen Tag. Auf den Tag an den du mich anrufen würdest und sagtest: „Kannst du kommen“ und schon vor drei Jahren wusste ich, von wo auch immer, ich würde kommen.

Der Tag an dem du mir den Schlüssel gabst, war ein heißer, stickiger Junitag. Wir, die mit dir auf dem Friedhof standen, schwitzten in schwarzen Kleidern und Anzügen. Der Pfarrer fragte mit balsamierter Stimme: Wie beerdigt man ein Kind?“ Dann folgten lauter banale Sätze, die nichts mit deinem Kind und nicht mit dir und nichts mit uns allen zu tun hatten, die so obszön und falsch waren, wie die brennende Sonne, die uns alle schwindelig machte. Vielleicht war dieser bodenlose Schwindel das einzig angemessene Gefühl. Damals in den dunklen Wochen, die kamen, gabst du mir den Schlüssel zu seinem Zimmer. Ich verstand und ich sagte: ich werde kommen. Du gingst, fort aus Berlin, und natürlich ging alles unter. Deine Frau ging, dein Beruf ging und wir ich weiß nicht, ob wir dich hätten enger bei uns halten sollen, aber da warst du schon fort und immer wieder hörte ich von Dir aus Canada oder Neuseeland und irgendwann erzählte mir F., dass du wieder als Arzt arbeiten würdest. Ich wartete und du riefst an. Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und als ich die Tür öffne fliegt ein Krähenschwarm nach oben. Ich sage den Namen deines Kindes, das doch nicht denken soll, es würde nicht gefragt. Ich muss üben bis mir sein Namen wieder von den Lippen kommt und ich stehe im Türrahmen und sage: „Mäuschen, erinnerst du dich noch an mich, ich bin es Read On, die für dich das Faultiergesicht machte, diese schreckliche Grimasse über die du dich kringeln konntest vor lachen. Ich glaube du erinnerst dich. Ein halber Sonnenstrahl im Fenster. Mäuschen, sage ich, komm wir machen das zusammen und dann stehe ich im Zimmer. Drei Jahre. Auf dem Schrank sitzt das Äffchen, das schenkten F. und ich dir zur Geburt und es guckt so drollig ganz genau wie du. Die nächsten Stunden packe ich Kinderkleider ein, staple Bilderbücher in Kartons, sortiere Spielzeug in Kisten und erzähle mit dir Mäuschen, denn nichts ist unangenehmer als wenn jemand ungefragt in den eigenen Dingen wühlt. Ich erzähle dir von deinem Vater mit dem ich damals dein Zimmer strich und der die weltbeste Bolognese kochte. Ich erzähle dir alles was ich weiß von ihm und das ist weniger geworden in den letzten Jahren, aber niemand Mäuschen hat ein Recht so viel zu wissen, wie nur du. Unten auf der Straße kommt die Müllabfuhr und ich baue dein Bett auseinander. Du hast nicht gern in ihm geschlafen und das kann ich gut verstehen, denn als ich so klein war, wie damals du, schlief ich am liebsten neben meiner Großmutter und niemals habe ich besser geschlafen als neben ihr. Du warst ein weise Kind und schliefst wie alle Kinder es tun am liebsten und besten neben deinen Eltern ein. Ich nehme das Äffchen vom Schrank und es baumelt mit den Beinen. „Mäuschen“ sage ich und denke an dich, denke nur an dich, das ist der Schrank schon ein Berg voller Leisten. Denke an die quälenden Nächte im Krankenhaus und dein kleines Gesicht, so verloren und so unendlich mutig. Immer verlangtest du nach dem Faultiergesicht. Für niemanden, habe ich es seitdem gemacht und die Nichtenkinder gaben irgendwann auf. Das war mein Gesicht für dich und im leeren Zimmer mache ich es wieder für dich und für dich allein. Du lachst. Ich wusste es. Bilder, dein Lieblingsbuch, ein paar Sachen und Lieblingsstücke, kommen in einen extra Karton. Eines Tages, Mäuschen, es ist nur ein Frage der Zeit, kommt er zurück zu deinem Vater und deiner Mutter. Sie werden mich schelten, dass ich genau das Falsche behielt. Wie immer Mäuschen bin ich auf deine Nachsicht mit mir angewiesen. Irgendwo im Haus spielt jemand für Elise. Ich singe es also mit für dich. Damals Mäuschen, als da so viel Schmerzen waren in dir und wir so hilflos vor dir standen, da sangen wir alle wechselnd Nacht für Nacht. Wir singen anders heute und Mäuschen, wir singen lauter heute, damit du uns auch hören kannst. Dann kommen die schweren Jungs, die Karton um Karton verladen und in ein Kinderheim fahren. Du warst ein so großzügiges Kind und niemals habe ich dich sagen hören: „Meins“.

Die Kartons sind verladen und ich unterschreibe einen Zettel, den ich nicht wirklich sehe und dann ist der Raum leer, bis auf das Äffchen und Dich und dich und immer so weiter.Eine Taube gurrt auf der Fensterbank und ich denke an dich und denke und denke. Danke Mäuschen, sage ich dir noch einmal ins Ohr. Den Schlüssel lasse ich in der Kinderzimmertür und die Tür bleibt offen. Erst unten bei den Mülltonnen, weine ich und denke, damals in dieser klebrigen Hitze, dass ich hätte nach vor gehen müssen und dem schauderlichen Pfarrer hätte zur Seite drängen sollen, denn niemand kann ein Kind begraben, niemand kann Dich Mäuschen beerdigen, niemand kann über die Leere hinwegkommen, die ist seit dir und niemand hätte das über dich, dich lachendes, gurrendes, singendes Kind je sagen dürfen. Erwachsene glaube ich versagen immer an den wirklich entscheidenden Stellen, aber Mäuschen wir sind voller Sehnsucht nach Dir und später sitzen dein Vater und deine Freunde zusammen, deine Mutter ruft an und alle, Mäuschen, wir alle sitzen und lachen und weinen und irgendwo sitzt du, in der Mitte immer da, wo man am besten sieht, am sichersten schläft, alles hört und umgeben ist, von immer warmen Händen, unsere Hände, Mäuschen suchen nach dir und werden dich finden.

19 Gedanken zu “Drei Jahre, danach.

  1. Was für ein trauriger, wunderbarer Text von Ihnen. Ich musste sehr weinen um meine Kinder.
    Ich danke Ihnen, Fräulein Read On.

  2. Bestimmt wusste und weiß Mäuschens Papa, dass der Schlüssel bei Ihnen gut aufgehoben sein würde und Sie mit liebevollem Respekt die richtigen Erinnerungsstücke einpacken werden.
    Aber ach, auch mir kamen die Tränen beim Lesen, weil Sie einen so schönen Text daraus machten; und um die Familie, die ich doch gar nicht kenne, aber eine Kerze wird heute für sie leuchten.

    • Immer mehr Licht und ich finde das wunderbar, dass Sie eine Kerze anmachen für das so leuchtende Kind, das ich kennen durfte und ich hoffe, dass der Schlüssel bei mir richtig war. Danke.

  3. Ach, Fräulein Read On, Sie malen mit Ihren Worten immer so wunderbare Geschichten, die ins Herz gehen. Ich kann nichts so Kluges oder Schönes dazu kommentieren, dass es angemessen wäre. Dann lese ich noch einmal, lächle oder nicke, schlucke oder wische ein Tränchen weg. Und manchmal kommen Ihre Bilder oder ein Satz oder eine Geschichte noch Tage oder Wochen später zurück in meine Erinnerung und berühren mich noch einmal. Danke dafür!

    • Ich bin bekanntlich sehr schwatzhaft, ob meine Worte etwas bewegen. Ich weiß nicht, ob Worte dies wirklich tun, aber ich freue mich, dass Sie hier vorbeisehen mögen.

  4. „What could be worse than watching my son die? What could be worse were the things that good people were telling me to make me feel better, but made me feel worse. And what could be even worse than that? That what they were saying were exactly the things that I had been saying to people for twenty years in my role as a Rabbi: Responding to other people’s pain by trying to make it better.“
    Harold S. Kushner, When Bad Things Happen to Good People

  5. boah tut der Text weh. Für diese Worte und irgendwo sitzt du, in der Mitte immer da, wo man am besten sieht, am sichersten schläft, alles hört und umgeben ist, von immer warmen Händen, liebe ich Sie und verneige mich vor Ihnen. Danke.

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