Seitenscheitel

Am Freitag Morgen sitzt F. der freundliche Gefährte früherer Tage mit grimmiger Miene am Frühstückstisch und besieht sich im Teelöffel. Alles in Ordnung F.? frage ich also über den Rand der Zeitung hinweg, denn der ehemalige, geschätzte Gefährte hieße nicht so, läge mir sein Wohlergehen  nicht am Herzen. Der F. rauft sich die Haare. Der F. nämlich hat anders als ich nicht Haar wie ein Shetlandpony, das störrisch fällt wie es will, sondern einen Lockenkopf, der jeden Satyr vor Neid erblassen ließe. Gestern aber fuhr sich F. missmutig durch sein prächtiges Haar und befand, dass diese Locken zu unernst, ja unseriös wirkten und keinesfalls dazu geeignet seien, bei anderen Chefärzten, dem Verwaltungsdirektor, oder gar einem geschniegelten Vertreter der Ärztekammer einen festen, ernsthaften und seriösen Standpunkt zu vertreten. Ich falte die Zeitung zusammen und sehe dem F. beim Haare raufen zu. Ach, F. denke ich, Du, der du für die Kinder im Krankenhaus einen Luftballon hinter dem Ohr hervorzauberst und mit den Reinigungsfrauen schäkerst bis sie erröten wie die jungen Mädchen, du der du mit den alten Patientinnen, auf die Toilette gehst, weil die Schwester doch auch nach dem dritten Klingeln nicht kommt und dabei so hartnäckig mit ihnen flirtest, dass sie dir sagen: „Aber nicht gucken, junger Mann!“, du wirst doch niemals ein grauer Anzugträger werden mit glattem Haar und glitschigem Charakter. Weißt du nicht mehr, wie du nach einer diesen Höllenschichten, nach Hause kamst, um mich für eine Patientin, die das Krankenhaus nie wieder verlassen würde, einen Kuchen backen ließest? Du, der du den weinenden Schwesternschülerinnen erst Kakao und dann Nachhilfe im Kathederziehen oder Zugang legen gibst, glaubst es komme auf die Haarlänge an? Aber wohlweislich, nicke ich Dir nur zu, seufze mit dir und laufe los, denn der Tag wartet auch nicht auf mich. Spät am Abend, liegt ein Zettel auf dem Tisch: Friseurtermin, 17 Uhr, aber 17 Uhr ist lange schon vorbei, du im Krankenhaus und ich mit anderen Dingen befasst. Am Samstag Morgen schläfst du noch. Ich fahre auf den Markt und ratsche mit Herrn Yilmaz, kaufe Käse, Brot und einen Topf mit Traubenzillas. Dann treffe ich die B. auf ein Stück Torte und als ich zurück nach Hause komme, sitzt du am Schreibtisch. Von hinten siehst du aus wie ein frischgeschorenes Lamm. Sehr seriös sage ich, jeder Verwaltungsdirektor wird vor dir auf die Knie sinken und keine einzige Stelle einsparen. Der F. aber ächzt. Wo einmal wilde Locken waren, ist jetzt ein strammer Seitenscheitel. Der F. sieht mich unglücklich an. Vor ihm auf dem Schreibtisch steht das aufgeklappte Notebook. Der F. googelt Hitlerbilder. F. sage ich nun doch verwundert:“Warum googlest ausgerechnet du Hitlerbilder?“ Der F. ist starr vor stummen Entsetzen. Er deutet auf den Seitenscheitel und dann auf ein Hitlerbild. „Siehst du es nicht?“, fragt er mich mit vor Empörung bebender Stimme. „Was?“ frage ich und verräume den Käse in den Eisschrank und das Brot in den Kasten. Der F. befühlt den Scheitel und sieht erneut auf die zahlreichen Hitlerbilder. „Der Scheitel“ wispert er schockstarr, „ist doch exakt der gleiche“ und deutet mit zitternder Hand auf das Notebook bevor er sich den Kopf befühlt. Ich stelle die Traubenzillas auf die Fensterbank und der F. erhebt sich taumelnd und wankt ins Bad. Der Badezimmerspiegel zeigt ein Schaflamm mit hoher Stirn. Der F. aber nun geschlagen von höheren Mächten sinkt auf den Badewannenrand und flüstert: „Ich sehe aus wie Adolf Hitler.“ Ich versuche mehr zu hüsteln als zu kichern und erinnere das traurige Schaflamm auf dem Wannenrand an die Uhrzeit. Der F. taumelt zu Tasche und Kittel und verflucht sein Spiegelbild. „Eindeutig Hitler“ murmelt er, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Aber sorgen sie sich nicht, so sie sich heute auf einer Aufnahmestation einer großen Berliner Klinik befinden sollten. Der nun streng gescheitelte und kurzgeschorene daher gehende F. hat keine bösen Absichten und fasst er sich hinters Ohr zieht er keine bösen Pamphlete dahinter hervor sondern nur einen Luftballon, ob sie nun, acht, achtundzwanzig oder achtundachtzig Jahre alt sind oder gar als Verwaltungsdirektor befinden viereinhalb Minuten pro Patient seien doch ausreichend genug.

24 Gedanken zu “Seitenscheitel

    • So sehen sie aus: Traubenzillas

      Ich fürchte mein schlechtes Deutsch ist schuld, diese Blumen nannte mein Großmutter Traubenzillas, aber bestimmt schreibt Frau Arboretum sie richtig und Herr oder Frau Elbnah weiß ihren richtigen Namen…

      • Vielen Dank! Ich schätze Privatbezeichnungen sehr – werde Traubenhyazinthen nicht mehr anders nennen.
        In Gefangenschaft kenne ich sie gar nicht, sondern als einen der ersten bunten Tupfer auf der Frühlingswiese nach Winterling und Krokus.

    • Traubenhyazinthen- ich kannte den Namen gar nicht, sondern nur den Großmutternamen für diese mir sehr lieben Blumen. Nach Hyazinthen riechen sie bei mir nicht- sollten sie das?

    • Meine Großmutter nannte sie so und es waren immer die ersten Januarblumen, die sie kaufte und ich behalte das bei. Aber ich glaube Sie schreiben Sie richtig und ich ganz falsch…..Ich mag die Blumen unheimlich gern.

      • Da fehlte zwischen dem „Und“ und dem Namen der Blumen ein „natürlich“ – natürlich, weil den Namen sonst keiner zu kennen scheint, aber wir beide. Ich glaube, den kann man schreiben, wie man will, ich habe mir diese Schreibweise auch nur von den anderen Scillas hergeleitet, als ich mich seinerzeit bei den Blümenknipsern zu Wort meldete. Meine schlesische Großmutter nannte und meine Mutter nennt diese Blumen auch nie anders als Traubenzilla. Sie hatten sie immer im Garten.

        Was ich noch zu F.s verunstalteten Locken anmerken möchte: Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, wie meine Mutter zu sagen pflegt.

      • Ach, der arme F.

        Das ist hübsch mit dem Namen und uns beiden! Scilla sieht aber schöner aus. Bei mir im Garten habe ich selten Glück mit den Traubensciallas, ich weiß auch nicht Recht warum.

    • Ich glaube seine Locken lasse sich nicht lange einhegen- wie so oft glaube ich,ist es nicht einfach eine Rolle auszufüllen, wenn man ganz anders aussieht als alle anderen.

      • Es wirkt aber auch seltsam, wenn er nun plötzlich allerlei Äußerlichkeiten an sich ändert, nur weil er die neue Position inne hat – das könnte ihm auch als Unsicherheit ausgelegt werden. Ich finde, die weißen Hemden sind Zugeständnis genug, die Locken können bleiben, weil genialer Arzt. Zumal er sich damit sicherlich wohler fühlt als mit diesem Seitenscheitel, und dann ist auch die Ausstrahlung besser.

      • Ich finde das auch alles, aber F. kämpft einen langen Kampf gegen innere Dämonen und ein Anders-Sein, das er als fehlerhaft auslegt. Es ist sehr schwer und noch immer ist das erste Semester nicht vorbei, in dem ihm der Professor erklärte, so einer wie er, würde niemals auch nur den Krankenhausflur schrubben. Manches hört nie auf weh zu tun und dann müssen die Haare dran glauben.

      • Vielleicht würde es befreiend wirken, wenn der F. von heute mal das Erstsemester F. von damals einen Brief an diesen miesen Professor schreiben ließe (er braucht ihn ja nicht abzuschicken).

    • Wunderbar! Wollen wir froh sein, dass der F. nur auf dem Krankenhausflur segelt und der mag sich hoffentlich als weniger gefährlich erweisen als der Styx mit seinen Tiefen.

  1. Kurz vorm Kicherkollpas fällt mir nur der immer doofe Spruch ein „wächst wieder“ – zuletzt dem Sohn gesagt, als er seine ellbogenlange Löwenmähne in einen Stufenschnitt verhunzt sah – beim Brille aufsetzen vorm Friseurspiegel… aber, tuts wirklich. Er kann ja ein Beanie aufsetzen, der arme F. grins Frau evaimgarten…

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