Gelber Sand

img_1012Nach fünf Jahren ein Wiedersehen. Da stehst du also, ganz in grau. Graue Flanellhose, eine dicke, graue wattierte Jacke, ein grauer Schal fest um dich gewickelt und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob Du es bist. Denn wer im Krieg auseinandergeht- im Süd-Sudan- der achtet auf vieles, aber nicht auf gebundene Schnürsenkel oder abgestimmte Farbverläufe. Langsam gehst du die Straße hinunter, auf mich zu, zwar nicht in grau, aber in rot blau gestreift, an der Straßenecke steht und wartet. Blaue Stiefel, ein blau-rot- gestreiftes Kleid, ein dicker blauer Mantel, blau-rot kariert. Deine Email las sich als seien wir Schulfreunde: Liebe Read On, ich bin auf drei Tage geschäftlich in Berlin, vielleicht reicht die Zeit für ein Essen? Ich antworte wie eine Schulfreundin: Lieber Freund, bei mir ginge eigentlich nur der 12. Januar ab 19 Uhr? Aber lass uns doch telefonieren. Du antwortest nicht wie ein alter Schulfreund. Du schreibst einfach Ja. Ich schreibe dir die Adresse des Restaurants und dann sehe ich dir zu wie du die Straße hinunterläufst. Im Zeitungskiosk liegt der Lettre International. Warum der Süd-Sudan das übelste Land der Welt ist, verspricht ein Autor zu erklären. Ich drehe mich weg und dann stehst du vor mir. Tief in den Taschen sind deine Hände vergraben. Ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, um dich zweimal rechts und zweimal links zu küssen. Ich muss die Augen schließen, denn auf einmal riecht die Straße nicht mehr nach Berlin im Januar, sondern nach gelbem Sand und verbrannten Gummireifen. „Es ist hier drüben, sage ich“ und du nickst. Das Restaurant ist fast leer. Nur ein russisches Pärchen sitzt am Tisch gegenüber. Er trägt ein enges und glänzendes Hemd und telefoniert. Seine schöne Freundin, die eine Pelzmütze auf dem Kopf trägt, obwohl es recht warm ist und Gianni noch Kerzen bringt, zieht sich die Lippen nach. Wir trinken Eiswasser mit Zitronenscheiben und Gianni bringt Rosamarinbrot  und erzählt von seinem Ärger mit Anna, der Köchin und dem Bandscheibenvorfall seiner Mutter. Du sitzt schweigend dabei und fährst mit der Hand über die rot-weiß karierte Tischdecke. Dann muss Gianni, Prosecco für das russische Paar öffnen und du erzählst mir von deiner Geschäftsreise. Ich nicke, und kann mir dich nicht als Handelsreisenden vorstellen. Du ziehst dein Ipad aus der Tasche und zeigst mir Frau und Kind. Ich nicke und bewundere Frau und Kind. Hübsch und ach und zauberhaft und ach und wunderbar und ach und freut mich sehr. Du wiederholst dich: „Alles ganz normal“, sagst du und Bild um Bild voller Normalität zieht an mir vorbei. Ich sehe gelben Sand und die Zeltstadt, dich zwischen zertretenen Plastikflaschen und Müll, die endlose Schlange aus Menschen, die immer länger wurde und über allem der sich vorwärtsschiebene Geruch des Krieges, der näher und näher rückte, auf Toyota Trucks mit den Kindergesichtern, die Maschinengewehre in den Händen hielten und überall und immer wieder die brennenden Reifen. „Ganz normal, alles ganz normal“ sagst du und nickst bekräftigend. Ich nicke mit und sehe weiter auf die Bilder, die Frau und Kind und dich Ski fahrend, badend, grillend, Haus bauend und lachend zeigen. Wunderbar, sehr schön, wirklich ganz herzig, höre ich mich sagen. Das Pärchen vom Nebentisch isst Muscheln und die Muschelbrühe macht mich schwindelig. Gianni bringt Feldsalat mit Calamretti für dich, mit Leber für mich. „Das ist sehr gut“, sagst du und Gianni strahlt. „Alles ganz frisch“ sagt er und schimpft über Anna, die den Schwertfisch verdorben habe. Ich sehe auf deinen fehlenden Daumen, denn der blieb zurück, blieb mit so vielen anderen Dingen im übelsten Land der Welt würde der Autor sagen und sagt es vielleicht nur, weil er den gelben Sand zwischen den Zähnen nicht ertrug. Alles frisch also heute Abend und alles normal. Zögernd siehst du mich über das Wasserglas an. Ich sehe weg. Da fällt doch gelber Sand aus deinen Haaren. Auf der Straße, die jetzt gegen halb zehn dunkel ist, fällt geduldig der Regen. Unter den Bögen der U-Bahn, die hier oberirdisch verläuft, am Straßenrand stehen die Prostituierten. Eine Frau, enge Glitzerjeans und eine bonbonfarbe Bomberjacke zu blondierten Haaren macht einen Kussmund, nicht nur für die Autos, die anhalten sollen, sondern für ihr Telefon, hier unter der Laterne, prüft sie ihre Lippen, variiert den Blick und dann erst drückt sie den Auslöser. Vielleicht behält sie das Bild für sich, vielleicht gibt es einen Mann in Bukarest oder einen kleinen Sohn in Warschau: „Mama liebt dich.“ Dann schiebt sie ihr Telefon in die Hosentasche und dreht sich zurück zur Straße. Alles ganz normal.

Wir wissen nichts über die Geschichten der Anderen und die Geschichten der Anderen, die mit der eigenen im gelben Sand vergraben liegen, sind gut verborgen. Du fährst dir durch das Haar und ich sehe auf die Uhr.“ Morgen ist ein langer Tag“, sage ich und du nickst. Ich bezahle und küsse erst Gianni, dann Anna und schließlich noch einmal dich. Da sind wir schon vor der Tür. Das russische Pärchen hat gerade Kaffee bestellt: „Dreh dich nicht um“, sagst du, „das war dein letzter Satz.“ Dann streichst du mir mit dem was von deinem Daumen noch übrig ist, über die Wange und ich sehe dir einen Moment zu lang in die Augen. „Dreh dich nicht um“, sagst du noch einmal und ich halte deinen Daumen an meine Wange gedrückt. Dann kommt dein Taxi. „Auf bald einmal wieder“ sagen wir, als seien wir Schulfreunde. Die Frau unter der Laterne mit ihrer glitzernden Bonbonjacke, beugt sich zu einem Autofenster hinunter, ich dreh mich nicht um. Zurück im Wald, niemand ist mehr auf der Straße, fällt, ich bin mir ganz sicher, gelber Sand aus meinen Stiefeln.

7 Gedanken zu “Gelber Sand

    • Ich glaube CIA Agenten sitzen im Hilton Hotel und spielen Candy Crush. Ich drehe mich immer um. Vielleicht ist das der Grund warum CIA Agenten und ich uns so selten treffen?

  1. Ich fragte mich auch beim Lesen – ähnlich wie Herr Guiness – wo Sie überall schon gewesen und wo nicht nicht gewesen sind.
    Vermutlich fiel der gelbe Sand aus den Stiefeln, weil Sie es vermieden haben, sich umzudrehen.
    Ihre Schreibe berührt mich immer wieder zutiefst…..

    • Ich wundere mich oft auch und noch öfter frage ich mich, ob ich von all den Orten eigentlich schon zurückgekehrt bin und leider habe ich es nie geschafft mich nicht umzudrehen. Vielen Dank. Das Kompliment ist zu groß für einen so kleinen Menschen wie mich.

  2. Jetzt habe ich wieder einen Ohrwurm von Alain Souchons „C’est déjà ca“. Es hat sich seit den 90gern nichts zum Positiven verändert..
    PS: Ihre wunderbare Schreibe hat mich mein posting schon 2mal überarbeiten lassen. Stilbildend!

    • Dieses Lied hat sich sofort zwischen meine Rippen verkrochen. Was so ein Lied mit einem machen kann. Danke. Mein Deutsch ist nicht gut, ich bin immer nur ein schlechtes Vorbild gewesen! Verrieten Sie wo man Sie lesen könnte?

      • Gar nicht, Frl. Readon! Vor lauter schöne und kluge Blogs lesen habe ich nicht das Bedürfnis, der Welt ein weiteres, belangloses und wahrscheinlich bald verwaistes Blog zuzumuten. Ich beschränke mich auf hie und da einen Kommentar abzugeben wenn es mal wieder besonders berührend war.
        M.

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